Nürnberg – Gladbach: Alles in Halbfettmargarine

Gladbach lebt – diese Nachricht ist am Samstag aus Nürnberg gekommen, in Form von drei Punkten. Zum Auftakt in eine Rückrunde, die gar nicht lang genug sein kann, ist das erst einmal die Hauptsache. Stark: Mike Hanke, Roman Neustädter und bis auf einen Ausrutscher auch Christofer Heimeroth. Dass dessen Patzer ohne Folgen blieb, war einem weiteren gut aufgelegten Borussen zu verdanken: Schiedsrichter Babak Rafati.

Ja, es ist studentischer Luxus, sich einen Sky-Receiver für seine WG zu leisten. Und es ist äußerst praktisch, in jener WG so etwas wie einen inoffiziellen Zweitwohnsitz zu haben. Ein Dilemma dagegen: Wenn das städtische Kabelnetz mal wieder einen dermaßen großen Vogel hat, wie sonst nur Piraten auf ihren Schultern.

Also gehe ich im Wochenend-Sakko, der Trainingsjacke, am Samstagnachmittag in den Irish Pub meines Vertrauens. Beim Anblick der verwaisten Barhocker fühle ich mich wie ein niederrheinischer Rentner dienstags um kurz nach elf. Am Handy gibt der mütterliche Pressedienst die Aufstellung aus Nürnberg durch. Nicken meinerseits, ein paar mal „okay“, hmm, ja – was? Marx statt Bradley? Würde ich diese elendig hässlichen Gürtel mit durchlaufender LED-Anzeige tragen, könnte jeder die Worte „Bielefeld“ und „alte Seilschaften“ auf der Schnalle lesen. Und direkt danach die Ansage: „Ganz ruhig bleiben!“

Auftakt nach Maß

Für diese ersten Wochen nach der Winterpause habe ich mir fußballerische Nächstenliebe geschworen. Zumindest, was meinen Verein angeht. Nach den frustrierenden letzten Wochen des Jahres 2010 war das ja schon ein Angang. Jetzt hat die Zeit ohne Fußball die Lust ohnehin ins Unermessliche gesteigert. Die Borussia hat zudem eine Vorbereitung so völlig ohne Gegentor bestritten, was Ende vergangenen Jahres nur möglich schien, wenn sie ganz auf Testspiele verzichten sollte. Und auch der traditionsreiche Düsseldorfer Wintercup ist seit seinem Bestehen derart fest in Gladbacher Hand, dass man ihn sicherlich bald in Albert-Brülls-Gedächtnispokal umbenennen wird.

Seit drei Minuten läuft die Konferenz. Meine werten Mitgucker trudeln ein: Dennis, der St. Paulianer und Bremer, Max, der Bochumer, sowie Emmanuel, der Stuttgarter. Da ich, bis ich in die U-Bahn einstieg, noch davon ausging, in nicht-öffentlichen vier Wänden zu schauen, hatte ich die leibhaftige rote Laterne eingetütet und in den Rucksack gepackt. Schließlich ist es das erste realistische von vielen unrealistischen Zielen für die Rückrunde, die Laterne bald loszuwerden.

Das ungute Stück steht gerade erst auf dem wuchtigen Holztisch, als ein „Tor in Nürnberg!“ sämtliche Körperfunktionen aus dem Regelbetrieb reißt. Männer in Weiß bilden einen Haufen, jubeln. Männer in Weiß? Das sind wir! Roman Neustädter hat getroffen. Dezent schiebe ich die rote Laterne ein Stück rüber zum VfB-Fan neben mir. Noch 18 Tore und das Ding wechselt den Besitzer.

Bekloppte Bundesliga

Wie so oft in dieser Saison war es kein langweiliges Tor nach einer Ecke, hochgesprungen, reingenickt und so weiter. Auch kein Distanzschuss aus 25 Metern, der trocken im rechten unteren Eck einschlägt. Stattdessen haben sich Reus und Hanke mit einem geschickten Doppelpass Raum verschafft. Hanke – verblüffend rank und schlank, verblüffend technisch versiert – sah Neustädter am langen Pfosten, der – nie pummelig gewesen – echte Torjägerqualitäten zeigte. Alles richtig gemacht, Michael Frontzeck. Guter Trainer!

Erst sieben Minuten sind gespielt. Wenn die Borussia führt, geht es mir mindestens so schlecht wie bei Rückständen. Noch in derselben Einblendung auf Sky machen sich Reus und Hanke wieder auf in Richtung Tor. Es sieht richtig gut aus, um es mit Michael Frontzeck zu sagen. Mensch, wird sich Hanke denken, so gut habe ich seit Jahren mit niemanden harmoniert, zuletzt mit meiner Freundin bei der WM 2006. Reus läuft rot an vor lauter Verlegenheit, bringt frei im Strafraum nur einen Kullerschuss zustande. Aber nochmal: Es sieht richtig gut aus.

In der Folgezeit frönt Sky mal wieder dem Quotenzwang, hat alle Wolfsburger und Münchener angestiftet, möglichst viele dumme Elfmeter zu verschulden, sie für mehr Dramatik auch noch zu verschießen. Das wollen die Leute sehen. In St. Pauli scheitert sogar Papiss Cissé vom Punkt. Oh du bekloppte Bundesliga. Doch Gladbach hat zum Glück Babak Rafati, den pfeifenden Liebling der auspfeifenden Fankurven. Martin Stranzl, frisch eingekauft von Adidas, wo er zuvor die Qualität von Fußballtrikots testete, wähnt sich so nah an Herzogenaurach noch in seinem alten Job, zieht Nürnbergs Wollscheid zu Boden. Rafati hat nichts gesehen. Hoffentlich. Denn sonst wäre es noch lächerlicher, dass der Club keinen Elfmeter bekommt.

Ich, Hans-Dietrich Genscher

Die Konferenz bei Sky ist wie ein volltrunkener Stadionbesuch: Man glaubt, alles Wichtige live gesehen zu haben, hat aber in Wirklichkeit die Hälfte verpasst. Die Kellnerin bringt ein Streichholz. Ich zünde, nüchtern, die rote Laterne an. Das ist mal eine Location: Ein Pub, in den jeder seine eigene Funzel mitbringen und Feuer machen kann. Stuttgart ist gegen Mainz noch torlos. Mit noch mehr Glück könnte ich das Ding schon am 18. Spieltag loswerden.

83 Minuten sind verdammt lang, erst 38 davon hat die Borussia in Führung liegend hinter sich gebracht. Sollte das wirklich etwas geben mit dem ersten Auswärtssieg ohne meine Anwesenheit seit mehr als zwei Jahren? So muss sich Hans-Dietrich Genscher fühlen, wenn er an die Außenpolitik seiner FDP denkt, so etwas wie die Auswärtsspiele der Politik. Irgendwie muss es doch gut gehen, geht es aber fast nie.

In Hälfte zwei erhöht der mütterliche Pressedienst (MPD) die SMS-Frequenz. Ohne das Wort „Elfmeter“ geht es anscheinend nicht. Dauernd fallen Nürnberger im Gladbacher Strafraum zu Boden, als würde es Bratwürste regnen. „Einen gibt der Rafati noch“, ist sich der MPD sicher und soll letztendlich Recht behalten.

Bis dahin sehe ich: Wolfsburg, Bremen, St. Pauli, Stuttgart, aber kein Nürnberg. Missachtung ist jedoch eine gute Sache. Kein Schrei, kein Tor. Michael Frontzeck hat mittlerweile Bradley für Hanke gebracht, will mit dem Glück auf der Seite das Ding über die Runden bringen. Drei Punkte, das sind immerhin 30 Prozent der gesamten Hinrunden-Ausbeute. Mauert und kontert, ihr Fohlen.

Die rote Laterne bleibt in Borussenhand

Das Gefühl, dass dieser Nachmittag am ersten Weihnachtsfeiertag eine mächtige Portion vom päpstlichen Segen abbekommen hat, überkommt mich selbst als Nicht-Katholik. Einen Steilpass der Nürnberger läuft Heimeroth sicher ab. Ohne Grund gleitet ihm der Ball aus den Händen, der junge Mendler schiebt ein. Doch im selben Moment wird Babak Rafati zum schlechtesten und besten Bundesliga-Schiedsrichter zugleich. Er hat gepfiffen. Foul. Verdammt, werden sich die Clubberer denken. Famos, die Gladbacher.

Wenig später: „Tor in Stuttgart!“ – das Teelicht brennt lichterloh, langsam schiebe ich die Laterne in Richtung meines schwäbischen Sitznachbarn. 1:0 Stuttgart, Harnik hat den Ball irgendwie ins Gästeklo uriniert (Yes, jokes with names!). Ich stelle die Laterne wieder vor mich, streichle sie wie ein Haustier.

In Nürnberg ist die Schlussphase in vollem Gange. Fünf Minuten vor dem Ende bewegt sich Sky tatsächlich nach langer Abstinenz mal wieder ins Frankenland. Der VfL schwimmt zwar gewaltig, doch anders als in der Hinrunde nicht mehr wie Eric „The Eel“ Moussambani, sondern wie Michael Phelps. Dass der längst nicht mehr unschlagbar ist, hat sich zuletzt jedoch auch gezeigt.

Die bislang wichtigste Szene der Saison

Die Borussia nähert sich bereits zielsicher dem Beckenrand, als Babak Rafati den nervigen Bademeister mimt. Levels grätscht etwas riskant im Strafraum, Nürnbergs Eigler springt etwas theatralisch vom Beckenrand. Rafati‘sche Logik: Elfmeter – einer der strittigsten, die der Schiedsrichter an dem Nachmittag hätte geben können.

Zwei Punkte rücken plötzlich in weite Ferne, viel weiter als elf Meter. Warum so spät? Warum erst in der 87. Minute? Dann läuft Pinola an, schießt. Und Deutschlands Pendler können bezeugen, dass sich Investitionen der Bahn doch auszahlen – auch Schranken fallen schnell. Die schnellste Bahnschranke des Landes heißt an diesem Nachmittag Christofer Heimeroth. Zwar hält er die drei Punkte nicht fest, fischt sie mit einer Klasse-Parade aber in Gestalt von Pinolas Elfer von der Torlinie. Stand 18. Spieltag ist es die bislang wichtigste Szene der Saison aus Gladbacher Sicht.

Kurz darauf fällt ein Tor in Wolfsburg, die Wölfe haben ausgeglichen gegen die Bayern. Alles schön und gut, aber wie sieht‘s in Nürnberg aus? „Tor in Bremen“ – wer will das schon sehen? Gebt mir Nürnberg! Im Nu mache ich die vollständige Metamorphose zum Joachim Löw durch. Torsten Frings und seinen Siegtreffer lasse ich links liegen. Die Luft wird knapp im Irish Pub, will mir den Schal etwas lockerer um den Hals binden, habe gar keinen an.

Nicht denken, genießen

Dann erinnere ich mich an meine Flatrate ins deutsche Festnetz. Meine Mutter wird für ein dreiminütiges Radio-Praktikum engagiert. Jeden Einwurf, egal für wen, feiern wir gemeinsam. Jeder Ball, der in den Strafraum geht und ihn auf der richtigen Seite wieder verlässt, bringt den dritten Saisonsieg ein Stück näher. Als die reguläre Spielzeit um ist, hat die Borussia seit 360 Test- und Pflichtspielminuten kein Tor mehr kassiert.

„Aus, aus, aus“, ruft meine Mutter ins Telefon. Gladbach ist wieder wer, zumindest noch nicht tot. Es ist mühselig, nach nur einem Spiel darüber zu mutmaßen, ob die drei Neuzugänge definitiv alle Verstärkungen sein werden, ob Mo Idrissou die Kurve gekriegt hat, ob Mike Hanke weiterhin so verblüffen wird als mitspielender Mittelstürmer mit Vorbereiterqualitäten, ob für Arango, Bobadilla und Co. jetzt wirklich kein Platz mehr ist im Abstiegskampf. Das wird sich zeigen in den nächsten Wochen. Unterm Strich bleibt einfach festzuhalten: Ja, die Borussia hat sich neu aufgestellt. Und es gab natürlich kein besseres Zeichen, als einfach mal drei Punkte zum Auftakt zu holen.

17. Januar 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , | 8 Kommentare

Kommentare (8)

  1. Klasse!!!
    Schön, daß Deine Artikel wieder zurück sind.

    Schwarzgrünweiß aus Magdeburg,
    Martin

  2. Super erfrischend dein Artikel. Weiter so !

  3. mit recht kann ich sagen das deine artikel so genial sind wie die 360minuten ohne gegentor. sensationell und einzigartig. hoffen wir das es so bleibt. mach weiter, immer weiter und hör nicht mehr auf. :D

  4. …ich warte auch immer sehnlichst auf deinen Blickwinkel der Dinge. Das Highlight diesmal: Rafati mimt den nervigen Bademeister und Eigler springt theatralisch vom Beckenrand. Bitte weiter so, genau, find ich auch!!!

  5. Leck mich, ist das geil geschrieben!
    Herrlich dieses Spiel aus der Sicht eines so wortgewandten Gladbach-Fans aus dieser Perspektive zu erleben! Will mehr davon!

    Gruß, Michi

  6. Danke für eure teils ja geradezu überschwänglichen Kommentare:) Freut mich, euch so eine Freude bereiten zu können. Und mehr davon gibt’s natürlich, noch 16 Mal diese Saison.

  7. Das mit der roten Laterne lassen wir mal schön sein, ne?! ;)
    Wie gesagt, am Samstag gewinnt Stuttgart vermutlich 6:7 und dann war’s das mit dem Abstiegskampf!
    Geiler Bericht!
    Gruß

  8. Chemia sprawdzian gimnazjum

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