Gladbach – Leverkusen: Spiel mit Grenzen

Das 1:3 zu Hause gegen Leverkusen hat die Borussia zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Von dem war nach dem Sieg in Nürnberg gewiss niemand abgehoben. Umso schlimmer: Denn obwohl der Start nicht hoffnungslos war, ist der Abstand auch Platz 16 um einen Punkt gewachsen. Die Anderen marschieren und Gladbach ächzt hinterher.

Der Sonntag nach dem Sieg in Nürnberg, ich sitze im Zug nach Köln. Nächster Halt: Leverkusen-Mitte. Kurz vor dem Bahnhof überquert der Regionalexpress die Dhünn, den kleinen Fluss, der Ende August letzten Jahres vor lauter Regen fast über die Ufer ging. Eine Metapher für die Freude über diesen unfassbaren Auswärtssieg. Am Ende des Weges zeichnet sich die BayArena ab. Was war das für ein Tag, damals im August.

Mit der Zeit waren die guten Erinnerungen an das 6:3 in Leverkusen etwas zurückgewichen. Wie bei einem gereiften Mittdreißiger, der sich plötzlich für seine Jugendsünden schämt, mit denen er noch bis zum Ende des Studiums geprahlt hat. Irgendwann wird auch er merken, wie schön es damals doch war. In der Phase, so kurz vor dem 60. Geburtstag, dürfte ich im Bezug auf die Borussia angelangt sein. Der vernichtende Auswärtssieg, in doppelter Hinsicht, ist wieder in aller Munde und in aller Köpfe. In einer Saison mit drei Ligaerfolgen aus den ersten 18 Spielen darf einem der höchste noch so ertraglose Sieg niemals peinlich sein. Das wäre fatal.

Schnee von gestern

Eine Woche nach der Dhünn-Überquerung ist, man höre und staune, wieder Sonntag. Der Niederrhein zeigt sich von seiner unschönsten, aber bekanntesten Seite. Es nieselt ununterbrochen. Am Ende der weiten Felder kann man kaum die Autos auf den Landstraßen fahren sehen. Vor dem Borussia-Park wird deutlich, was Rudi Assauer einst meinte, als er hochphilosophisch sagte: „Wenn der Schnee schmilzt, sieht man, wo die Kacke liegt.“ Bis zum Rückrundenstart hat es niemand geschafft, den Müll vom Hamburg-Spiel vor der Winterpause zu entfernen. Schnee von gestern, im wahrsten Sinne.

Vielleicht will der Verein auch signalisieren, dass man so banale Dinge wie Aufräumen nicht vom Abstiegskampf ablenken sollen. Beim Warmmachen vor dem Spiel zunächst Irritation: Nicht nur Tobias Levels fehlt, Magen-Darm, auch Babak Rafati steht diesmal nicht in der Startelf. Dafür ist Dante zurück und hat im Laufe seiner Verletzungspause mächtig zugelegt – zum Glück nur auf dem Kopf. Ansonsten bleibt alles beim Alten, wobei das Alte mit drei Neuzugängen in der Anfangsformation ziemlich jugendlich daherkommt.

In den ersten 20 Minuten passt sich das Spiel der mauen Kulisse an. 36669 Zuschauer haben sich ins Stadion verirrt, was man in dieser Situation wörtlicher denn je nehmen muss. Etwas zusammengerückt und die Partie hätte am Bökelberg stattfinden können. Aber was hat die Borussia derzeit schon für Argumente?

Dante längst noch nicht der Alte

Zum Glück spielt Bayer zunächst ebenso rat- und hilflos. Gladbach steht hinten drin, wartet auf Dinge, die nicht passieren. Und so ist es bis ersten richtigen Ausrufezeichen lediglich eine Wühlmaus-Einlage im Strafraum, die Mo Idrissou aber nicht nutzen kann. In der 24. Minute läuft der erste gefährlich Angriff der Borussia jedoch auch über den Kameruner. Kurz zuvor hat er mit Marco Reus die Seiten getauscht. Auf Idrissous Flanke wartet auf Links – natürlich Reus. Der schließt zwar sehenswert ab, trifft aber nur die Latte und hebt ein wenig vom Glückskonto ab.

Ganze zehn Minuten später checkt Dante noch die Kontoauszüge, als er – noch nicht wieder voll bei der Sache – über den Ball tritt. Frei vor Heimeroth hat Leverkusens Sam so viel Zeit, dass es ihm selbst zu viel wird. Von hinten kommt Daems und klärt souverän. Doch aufgeschoben ist – drei Euro ins Sprichwort-Schwein – nicht aufgehoben. Kadlec läuft zwei Minuten später zum Freistoß an und offenbart das alte Dilemma, wenn Mauer und Torhüter nicht so recht wissen, ob ein Rechts- oder ein Linksfuß sie erwartet. Linksfuß Kadlec setzt den Freistoß in den Winkel. Mit links.

Klar, wer da unten steht, der trifft die Latte und bekommt mit dem ersten nennenswerten Torschuss des Gegners nicht allzu weit vor der Pause einen eingeschenkt. Wer aber ganz, ganz unten steht, beginnt kurz vor Ablauf der regulären Spielzeit damit, dem Tabellenstand entsprechende Böcke zu fabrizieren.

Castro (1,71 m) mit dem Kopf

Erst werden Nordtveit und Reus von Renato Augusto und Kadlec ausgespielt. Der Ball geht auf die andere Seite, wo Vidal von Idrissou nicht energisch am Flanken gehindert wird. Derweil ist Nordtveit sachte zurück in den Strafraum gejoggt. Als der Ball hineinsegelt, hat der Norweger im Grunde zwei Gegenspieler, um die er sich nicht kümmert. 1,71 Meter, die auf den Namen Gonzalo Castro hören, besiegeln am Ende der Fehlerkette mit dem Kopf die zu hohe Pausenführung der Gäste. Durch Heimeroths Hosenträger, natürlich.

Anstatt vielleicht schon einmal zu Beginn der zweiten Halbzeit ein personelles Zeichen zu setzen, schickt Michael Frontzeck dieselbe Elf wieder auf den Platz. Dieselbe Elf bringt zehn Minuten lang fast nicht zustande, Bayer jedoch auch nicht mehr. Dann erst, in der 54. Minute, ist Mike Hanke bei einem Konter zu sehr Mike Hanke, um Reinartz völlig zu entwischen. Ein Angriff mit Sinnbildcharakter: Leverkusen verliert 25 Meter vor dem Tor des VfL den Ball, Reus haut ihn scheinbar blind nach vorne, da bedient de Camargo seinen Sturmpartner Hanke und dessen Ball wird von Adler pariert. Nett anzuschauen, aber am Ende so variabel wie ein Werkzeugkasten, in dem sich nur Zangen befinden.

Den ersten Wechsel von Frontzeck muss, so traurig das klingt, eine Verletzung erzwingen. De Camargo knickt ohne Einwirkung von Ball, Gegner und den Illuminati um. Auch wenn der Belgier im Angriffsspiel über weite Strecken eher Fremdkörper als Waffe gewesen ist, wiegt so ein Ausfall schwer, wenn die Alternativen Matmour, Herrmann oder niemand heißen.

Zwei Sechser auf den Innenverteidiger – nur noch 1:2

Eigentlich müsste man Michael Ballack in seinem womöglich letzten Spiel gegen die Borussia ja erwähnen, habe derzeit aber andere Sorgen. Was diesen Text schnurstracks zum sorglosesten Moment des ganzen Tages führt. Nach einem an für sich harmlosen Freistoß von Reus ist es das bekannte Spiel: Marx köpft den Ball wieder nach vorne, Neustädter spielt ihn etwas vehementer in die Spitze. Stranzl zeigt wenigstens einmal so etwas wie den Mute der Verzweiflung und zieht einfach ab – ein Anschluss mit dieser Nummer.

25 Minuten bis zum Abpfiff sind in Frontzeck‘schen Breitengraden eine verdammt lange Zeit. Kein frischer Mann deshalb, immerhin hat sich ein Formationswechsel mit dem Anschlusstreffer erst einmal erledigt. Ein paar Minuten lang sieht es tatsächlich so aus, als könnte die Borussia noch etwas mitnehmen. In Zeiten von Ebbe im eigenen Stadion ist „mitnehmen“ ja ein passender Ausdruck.

In der 73. Minute kommt der Genickbruch mal wieder standesgemäß. Als Zuschauer im Borussia-Park sieht man diese Saison mehr Bilder als jeder Louvre-Besucher. Meist sind es Sinnbilder. Und jetzt der Reihe nach gemalt: Freistoß Daems, Kopfball Idrissou, Kopfball Hanke, alles ohne Bodenberührung, dann wird Stranzl geblockt, Nordtveit geblockt, ungeschnitten weiter, Ballack auf Kießling, Kießling auf Vidal, der auf Castro, der völlig fidel das Spiel entscheidet. Das laute Lesen von „Freistoß“ bis „entscheidet“ dauert zehn Sekunden, in Echtzeit waren es exakt 19.

Arango übertrifft sich selbst

Immerhin kommt dann Herrmann, quasi als Erinnerung an den 29. August 2010, als er in Leverkusen zweimal traf. Bradley, damals auch stark und insgesamt in der Hinrunde ja einer der am wenigsten schwachen, kommt fünf Minuten vor dem Ende eher unverhofft zu seinem ersten Rückrundeneinsatz. Arango hatte sich nicht im Stile eines Hurrikans, sondern wie absolute Windstille zur Bank bewegt. Zu viel für Frontzecks Hals, bezeichnend für eine Mannschaft, der in erster Linie der Glaube an sich selbst bleibt. Matmour trifft schließlich per Kopf noch einmal die Latte.

Wenigstens hat sich die Borussia nach dem 1:3 nicht völlig ergeben. Mit sechs Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz, mit gerade einmal noch 36000 Zuschauern im Rücken und 15 Spielen vor der Brust halten sich die Alternativen in Grenzen. Auch nach dem zehnten Heimspiel ohne Sieg brennt kein Baum im Borussia-Park, steckt kein Kopf im Sand.

Die „Frontzeck raus“-Rufe dürften von nun an den Schlussakt jedes verunglückten Heimspiels bilden. Sie sind Teil einer Reise mit Ziel, aber unter Umständen ohne Ankunft. Jedem Beteiligten ist das klar. Es ist der erste Marathon-Lauf eines 110-Jährigen, der zwar einigermaßen klar im Kopf und gesund in den Beinen ist, aber dennoch nicht weiß, ob nach 30 Kilometern nicht doch Schluss sein wird.

24. Januar 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. Die Geschichte mit Babak Rafati musst du mir erzählen. Ich wusste gar nicht, dass der neuerdings aktiv und dann auch noch für Gladbach Fußball spielt. :)

  2. War nach dem Nürnberg-Spiel ein Gerücht, das die Runde machte.;)

  3. wenigstens bei euch ist noch alles beim alten. seit jahrzehnten. wo kämen wir denn da hin, wenn die serie auch gebrochen worden wäre ;) ?

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