Frankfurt – Gladbach: Die In-der-Fremde-Führer

Noch besser als Niederlagen, die man sich nicht erklären kann, sind wohl Siege, die auf den ersten Blick nicht unbedingt Sinn ergeben. Gladbach spielt nur um Nuancen besser als in der Hinrunde, holt jetzt aber die nötigen Punkte – und das auf fremdem Platz. Am Samstag geht’s gegen Stuttgart um die rote Laterne.

Jede Menge Plastik zeugt am Ende davon, wie beschwerlich der Weg gewesen ist. Die eine oder andere Sitzschale hat im Laufe der 90 Minuten das Zeitliche gesegnet. Als irgendwann in der Schlussphase so ein blaues Ding in meinem Augenwinkel vorbeizischte, dürfte unten auf dem Platz gerade wieder etwas ordentlich schief gegangen sein – wie so oft an diesem Abend.

So wie die Borussia in der ersten Halbzeit spielt oder es eben auch nicht tut, hat es den Anschein, als sei in Wirklichkeit gar nichts besser geworden seit der Winterpause. Im Gegenteil. 2006 war ein kriselnder VfL unter Jupp Heynckes zu Gast in Frankfurt und verlor mit 0:1. Die Protagonisten waren damals und heute andere, ihre Spielweise aber austauschbar.

Caio, der gefühlte Sportinvalide

7:1 Torschüsse erscheinen nach rund einer Viertelstunde auf der Anzeigetafel, die wie auf dem Frankfurter Flughafen gestaltet ist. Während die ganzen Speditionsunternehmen und Softdrinkfirmen sonst gerne mal nerven, wäre der Gästeblock diesmal dankbar für jedes Last-Minute-Angebot in den Süden. Ab in die Luft, ab nach oben – für die Borussia liegt das lange in weiter Ferne.

Frankfurts Caio, der so oft durch Laktat- und Gesundheitstests fällt, dass sie ihn bei der Eintracht schon als gefühlten Invaliden handeln, schwingt sich in den ersten 45 Minuten zum besten Mann auf. Christofer Heimeroth – dessen Krankenakte wohl nur aus einer DinA6-Karteikarte besteht – entschärft, was zu entschärfen ist. Einen Flachschuss, einen Freistoß. Einmal kann auch er nur hoffen, stehen, staunen. Tobias Levels merkt zu spät, dass Breakdance-Moves sich nur bedingt für den Abstiegskampf eignen. Da fliegt der Ball schon abgefälscht in Richtung Tor – und trifft den Pfosten.

Vom Gefühl her die meisten Ballkontakte hat Heimeroth, auf jeden Fall ist er am längsten am Ball. 20, 30 Sekunden für einen Abstoß, der dann allzu oft doch nicht da landet, wo er hin sollte. Zumindest hofft man, dass er nicht da hin sollte, wo er landet. Überhaupt geht die Borussia ihr Angriffsspiel an, als wolle man den Platz der Green Bay Packers im Superbowl übernehmen: Hoch und weit nach vorne, auf der Suche nach einem First Down in Form einen Einwurfs, im Grunde aber abhängig von den Fehlern des gegnerischen Quarterbacks.

Schlechte Stimmung im Gästeblock

Nur einmal pennt die Eintracht vor der Pause. Bezeichnend, dass der Ball in dieser Szene von Nordtveit in den Strafraum geworfen wird. Am langen Pfosten steht de Camargo, riskiert Kopf und Kragen, obwohl es genügt hätte, einfach den Fuß zu nehmen. Zur Pause fühlt es sich wirklich an, als sei alles nur noch schlimmer geworden. Trotz Dante, trotz Stranzl.

Die Stimmung im Gästeblock ist dementsprechend schlecht. Vor mir, neben mir, hinter mir – überall Hessen. Borussen sind sie alle. Wenn neben einem aber andauernd jemand in fremden Dialekten flucht, dann braucht das Hirn meist ein paar Synapsenmomente, um zu realisieren, dass sich keine Frankfurt-Fans in den Block verirrt haben, sondern das Verbreitungsgebiet der VfL-Fans eben ungebrochen groß ist.

„Kerle!“ ruft auch zu Beginn der zweiten Halbzeit ein Berufscholeriker. Immer wieder: „Kerle!“ Auf Hessisch klingt es immer wieder „Kelle“. Eishockey? Oder doch „Keller“? Nicht der geschasste VfB-Trainer, sondern der in der Tabelle. Und dann bei jedem noch so fairen Tackling des Gegners: „Drägssägge“. Der Niederrheiner, der es gewohnt ist, dass seine Mitmenschen es mit der englischen Aussprache englischer Wörter nicht so genau nehmen, denkt dabei unentwegt an „Drag“. Und immer wieder ist da dieses Bild von Drag Queen Olivia Jones, in einen riesigen Kartoffelsack gehüllt.

Glück, dass Fenin im Abseits steht

Dabei ist die zweite Hälfte nicht annähernd so anstrengend wie die erste. Michael Frontzeck hat die richtigen Worte in der Halbzeit gefunden. Die Borussia greift plötzlich so munter an, dass man fast davon ausgehen muss, Frontzeck habe vor dem Spiel gar keine Ansprache gehalten.

Wann hat die Borussia auswärts gewonnen? Wenn sie offensiv spielte, wenn sie früh ein Tor erzielte, viel Glück hatte und im besten Fall von allem etwas. Das mit dem frühen Treffer hat sich erledigt, das Glück ist aber schon mal auf ihrer Seite. Stranzl spielt einen fahrlässigen Pass, wie man ihn sich beim Drei gegen Vier im Training selten traut. Der Fuß, den Meier dazwischenspitzelt, schickt Fenin auf die Reise. Er steht jedoch im Abseits, was manch einem Frankfurter auch nach Spielende noch nicht einleuchtet: „Aber der Ball kam doch vom Gegner?“

Von hinten flucht weiterhin der hessische Choleriker. Er flucht nicht nur, er kommentiert auch jede einzelne Aktion mit solch einer Akribie wie sonst nur Manni Breuckmann als FIFA-Kommentator auf der Playstation. Doch der hat seine Phrasen, die immer kommen, nur nicht zum richtigen Zeitpunkt, irgendwann in einem stillen Kämmerchen in ein Mikrofon gesprochen. Der Kollege hinter mir kommentiert live. Ginge es nach ihm, müsste der Ball aus der Innenverteidigung schnurstracks in die Spitze gehen, am besten aber kontrolliert. Und gewechselt haben müsste Frontzeck nach 73 Minuten schon dreimal, vorzugsweise auch siebenmal.

Iron Maik vs. Bügeleisen-Mike

Doch als die Schlussphase anbricht, ist das Wechselkontingent erst zu einem Drittel ausgeschöpft. Mike Hanke ist bereits nach sieben Minuten als Verlierer aus einem Duell mit Namensvetter Franz hervorgegangen. Während „Iron Maik“ so robust spielt wie ein Amboss, hat Hanke mit blutender Nase in der Folge nur noch die Durchschlagskraft eines Bügeleisens – in der Puppenküche, aus Plastik.

Karim Matmour anstelle von Hanke ist nach der Pause erneut nicht die Antwort, die einen Gegner in Angst und Schrecken versetzt. Über weite Strecken hat man diesmal aber das Gefühl, dass der Algerier zumindest so tun will. Unter seinem Trikot vermutet man schnell ein Wrestlingkostüm, das er bei einer drittklassigen Amateur-Veranstaltung in einem dunklen Keller abgesahnt hat.

Zunächst aber gehört die Aufmerksamkeit Igor de Camargo, dem Wundergeheilten, dessen Leistung in diesem Spiel Bände für eine ganze Mannschaft spricht. Vor der Pause hat er den Kopf fast wie ein Strauß in den Sand gesteckt, anstatt einfach den Fuß zu nehmen. Die Bälle springen ihm in Kahê‘scher Bienenstich-Manier weiter weg, als manch ein Hobbyspieler schießen kann. Aber: Er gibt nicht auf. Das ist im dritten Spiel der Rückrunde wohl die beste Nachricht, die für die gesamte Mannschaft gilt.

Gagelmann, der Klassenlehrer

Und so ist es nicht überraschend, dass de Camargo in der 70. Minute dem 1:0 schon wieder am nächsten ist. Levels flankt, am langen Pfosten ist der Kopf für de Camargo diesmal wirklich die beste Option. Doch Nikolov kratzt den Ball mit der Wampe von der Linie – oder von hinter der Linie? Der berühmte volle Umfang wird es nicht gewesen sein. „Torfabrik“ ist einfach zu groß, die Linie zu breit gezogen – irgendeinen Betrug muss man ja wittern. Zumal Peter Gagelmann pfeift. Der geht einem über 90 Minuten so sehr auf den Geist wie der Klassenlehrer auf Klassenfahrt bei einem Halbmarathon durchs Wattenmeer: Trifft in den wichtigen Situationen die richtige Entscheidung, geht einem aber dennoch tierisch auf den Geist.

Dabei ist der Bremer in Wirklichkeit der große Glücksbringer. Im November hat er das Derby in Köln gepfiffen. Und da leuchtet es mir plötzlich ein: Gladbach gewinnt immer, wenn die schlechtesten Schiedsrichter der Liga pfeifen. In der Hinrunde waren das: Stark, Rafati und Gagelmann. Stark in Leverkusen, Rafati in Nürnberg, Gagelmann in Köln. Das Trio funktioniert. Nur zu Hause nicht, wo unter anderem das Spiel gegen Mainz unter freundlicher Aufsicht Rafatis verloren ging.

Irgendjemand hat der Elf vom Niederrhein diesen Zusammenhang gesteckt. Nur so lässt sich Idrissous Pass auf Matmour erklären. Nur so leuchtet einem dessen perfektes Timing ein. Und nur so ist ist es zu fassen, dass de Camargo den Ball genau durch Nikolovs Beine setzt. Drei Leute mit so langen Stelzenbeinen wie eine Topmodel-WG entscheiden das Spiel.

Brennende Hände, zitternde Beine

Leider klingt das nüchterner, als es in den letzten sechs Minuten plus Nachspielzeit ist. Es ist wieder da – dieses Zittern in den Beinen, wenn es um alles geht, wenn man spürt, dass alles ein gutes Ende nehmen könnte, man weiß es nur noch nicht mit Gewissheit. Gekas kommt für Eintracht, das kann nicht gut gehen. Nicht schon wieder. Nicht schon wieder ein 1:0 in der Fremde. Die Hände brennen beim Klatschen vor Kälte.

Tatsächlich platzt in den letzten Minuten beinahe der Traum vom 1:0. Denn Reus und de Camargo müssten längst das zweite Tor gemacht haben. Doch der Youngster – wie der Rest nicht wirklich überzeugend, aber auch nicht schlecht – greift allein vor Nikolov zum Lupfer. Und zum ersten Mal bin ich in Sachen Cholerik ganz klar bei meinem Kollegen zwei Reihen hinter mir, der so tief in die Fluch-Schublade greift, dass der Wortschatz seines Sohnes in sechs Sekunden um circa 24 Prozent anwächst.

Michael Frontzecks Wechselphobie zahlt sich diesmal jedoch voll aus. Zwei Wechsel in der Nachspielzeit – genial. Selbst wenn Gagelmann dafür noch einmal 37 Sekunden draufpackt, werden beide Wechsel mehr als 37 Sekunden in Anspruch genommen haben. Überhaupt lässt sich im Fußball so viel mehr ausrechnen, als es den Anschein hat. Der erhöhte oder überhaupt existente Druck in den zweiten Halbzeit zahlt sich voll aus. Er wird sich über mehrere Spiele gesehen immer auszahlen. Nehmen wir an, drei Spiele enden potentiell unentschieden, wenn keine der beiden Mannschaft etwas wagt: Wer sich der Offensive verschreibt, wird in diesen drei Spielen vermutlich einmal als Sieger, einmal als Verlierer und einmal mit dem einen Punkt nach Hause fahren. Macht vier Zähler statt drei.

So viele Auswärtssiege wie zuletzt 1998

Es ist nicht so recht zu erklären, warum die Borussia jetzt schon genauso viele Siege eingefahren hat wie in der Hinrunde. Sie spielt insgesamt kontrollierter, teilweise zu verhalten. Sie leistet sich weniger Fehler und hat zudem das Glück, dass die restlichen ohne Folgen bleiben – zumindest in Nürnberg und Frankfurt. Ansonsten hat sie die Spielkultur beinahe etwas zurückgefahren. Das Spiel nach vorne ist, frei nach Fettes Brot, weiterhin „durchschaubar wie Plexiglas“.

Aber anders als noch vor Weihnachten darf jeder die Muße haben, all das gelassen zu ignorieren. Die Mannschaft scheint verstanden zu haben, dass am Ende nur die Punkte zählen. In den nächsten Wochen wird es weiter eine On-Off-Beziehung mit der Hoffnung sein. Mit den Niederlagen schwindet sie, die Erfolgserlebnisse lassen sie wieder blühen. Vier Auswärtssiege verzeichnet das Konto jetzt, nach nur 20 Spieltagen. Vor 13 Jahren waren es zuletzt so viele – über die gesamte Saison.

Wenn man bedenkt, wo Gladbach mit der Heimausbeute der letzten Saison stehen könnte – ach, lassen wir das. Kommenden Samstag ist die Mannschaft in der Pflicht, zu zeigen, dass der Schwung eines Auswärtssieges auch mal länger anhält als bis zur Autobahnauffahrt in der Fremde. Die vergangenen Wochen und Monate haben gezeigt, dass ihr das am ehesten mit voller Unterstützung gelingen wird – Fehlpässe, Ballverluste oder Stolpereinlagen hin oder her. Und vielleicht bleiben gegen Stuttgart dann schon keine Sitzschalen mehr auf der Stecke.

31. Januar 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. Wie immer ein richtig guter Artikel..ja, wo würden wir stehen mit einer normalen Heimausbeute :-) Wollte das auch in meinem Artikel erwähnen… :-) Guuut das du nicht weiter geschrieben hast, sonst träumen einige wieder von Europa… Weiter so Jannik

  2. Hallo Jannick, ach, du warst im Stadion? Ich beneide die ja um ihren Videowürfel… Ansonsten, guter Artikel, wie immer. Ich bin einfach froh, dass die 3 Punkte auf unser Konto gingen. Viel mehr bleibt nicht zu sagen. Ach ja, danke für die Erläuterungen um den hessischen Dialekt. Na, mit der Zeit gewöhnt man sich (habe das “Vorrecht”, in FFM wohnen zu dürfen…) – so wars dann für mich sozusagen ein Heimspiel – das macht hoffentlich Mut, dass das nächste Heimspiel in MG endlich gewonnen wird. Also, mach weiter so, ich freue mich immer wieder auf deine Beiträge. Cheers!

  3. …also das mit dem Dialekt ist natürlich so eine Sache….wir Mainzer werden ja auch immer bezichtigt “hessisssch ” zu reden..aufgefallen ist mir die Dialektflut diesmal auch extrem.da war fast alles vertreten.aber genau so muss das sein…im Mainzer Stadion hört man überwiegend den gleichen Dialekt….ergo….mit Borussia erfährt man was von der weiten Welt.in Mainz bleibt man unter sich….wobei mir die Anmerkung erlaubt ist, dass auf dem Weg von der S Bahn zum Stadion Gestalten zu sehen waren, die sonst wohl irgendwo vergraben zu sein scheinen…guter Artikel und das Herz hüpft

  4. Guter Artikel mal wieder – lese ich eh regelmäßig. Nun geht es gegen die, die alles können außer Hochdeutsch und Auswärtssiege. Hoffen wir, daß es bei letzterem (in dieser Saison) auch so bleibt nach unserem Heimspiel!

  5. Die Dialektflut spricht auch definitiv für den Verein und seine Anhänger. Eine Sache hat mich nur geärgert, in Lautern ist mir das auch schon aufgefallen: Viele machten den Eindruck, dass dies das einzige Borussia-Spiel ist, das sie pro Saison besuchen, weil es vor ihrer Haustür liegt. Dementsprechend schockiert schienen sie in der ersten Hälfte über die Spielweise zu sein. Dementsprechend genervt waren sie schon nach wenigen Minuten.

  6. Most best superbowl of all time. So glad packers won.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*