Die Liga der Anderen (XIII): Derbyzeit

Der Familienvater mit dem schönen Eigenheim in Nähe der U-Bahn-Haltestelle hat das BVB-Emblem zwar schon vor einiger Zeit auf seinen Hausgiebel malen lassen. Nichtdestotrotz steht fest: Dortmund rastet derzeit aus vor lauter vormeisterlicher Euphorie. Da kommt das Derby gegen Schalke (mit halb so vielen Punkten auf dem Konto) scheinbar zum richtigen Zeitpunkt.

In der aktuellen Ausgabe der “Liga der Anderen” geben sich die Derby-Damen die Ehre – mit einer leichten und einer schwierigen Aufgabe. Über den Lieblingsspieler im eigenen Verein schreiben, das kann ja jeder. Also hieß es für Lisa und Sarah obendrein: Hand aufs Herz – welchen Spieler des großen Rivalen würdet ihr denn gerne in eurer Mannschaft sehen? Lisas Wahl fiel auf Mario Götze. Kein Wunder: älter, reifer, erfahrener und erfolgreicher als Julian Draxler – und das auch noch mit Fachabitur. Raúl Schulabschluss dürfte Sarah wurscht gewesen sein. Sie respektiert den Spanier einfach so. Denn wer will einer Legende schon ans Denkmal pinkeln?

Lisas Vorzeige-Knappe

Wenn ein Paar ein Kind erwartet, ist ein besonders heikles Thema die Wahl des Namens für das Neugeborene. Ich bin weder ein Paar, noch erwarte ich ein Kind- aber mit der Namenswahl habe auch ich im Moment Probleme.

Denn ich habe ein Ritual: Ich habe stets ein Trikot eines aktuellen Schalkespielers im Schrank. Verlässt dieser Spieler den Verein, ist es Zeit für ein neues. So hängen in meiner persönlichen Hall of Fame bis jetzt Leibchen mit den Namen Böhme, Lincoln und Rafinha. Letzterer ist bekanntlich bereits seit dem Sommer nicht mehr auf Schalke. Ein neues Trikot hab’ ich schon – einen neuen Namen noch nicht.

Der Einzige, der sich die Nennung auf meinem Trikot im Moment verdient hätte, weil er der Einzige ist, der aus der großen, mittlerweile schon fast anonymen Masse des Schalker Kaders heraussticht, ist zweifellos – Manuel Neuer.
Der Nationaltorwart hat einfach etwas, das allen anderen Königsblauen abgeht: Konstanz. Na gut, auch Lukas Schmitz spielt diese Saison sehr konstant – aber so konstant schlecht, dass ich ihm manchmal gerne zum Mond schießen würde. Neuer hingegen ist immer der Beste, wenn S04 auf dem Platz steht.

Unglaubliche Reflexe, gute Spielübersicht, seine Abschläge und -würfe sind eine Waffe – so hat er uns schon einige Punkte der wenigen gerettet, die wir diese Saison überhaupt geholt haben. Ich erinnere nur an das Spiel gegen den FC Bayern, als er Müller, Gomez und Co. mit seinen Paraden zur Verzweiflung trieb und dann auch noch mit einem 80-Meter-Pass die Führung einleitete.

Kein Wunder also, dass unter anderem die Bayern und Manchester United am Schalker Keeper interessiert sind und die Wechselgerüchte um ihn kein Ende nehmen. Aber Neuer ist seit seiner Kindheit Schalker – ein weiterer Punkt, der ihn so sympathisch macht. Und deshalb hoffe ich auch, dass uns unser Manu noch eine Zeit lang erhalten bleibt. Als Konstante im Schalker Spiel, als Kapitän und Führungspersönlichkeit auf dem mühsamen Weg aus der sportlichen Krise. Und vielleicht auch als neuer Name auf meinem Trikot.

Lisas Kann-ich-am-wenigsten-nicht-leiden-Dortmunder

Noch nicht allzu lang her ist die Namenssuche auch bei Mario Götze. Dortmunds neuer Shooting-Star ist erst 18 Jahre alt und bringt für die Borussia das, was Schalke letzte Saison mit Matip, Moritz und Schmitz hatte: Ein bisschen jugendliche Leichtigkeit, gepaart mit viel Spielfreude und Selbstvertrauen.

Alle drei Aspekte sind den königsblauen Jungstars diese Saison komplett abhanden gekommen. Anders als Götze, der spielt, wie das, was er wohl ist – eines der größten Talente im deutschen Fußball. Ein Offensiv-Allrounder mit vier Toren, sieben Assists und einer Durchschnittsnote von 2,75 würde dem Schalker Spiel sicher sehr gut tun. Auch Götzes erfrischende Art ohne irgendwelche Starallüren oder überirdische Gehaltsvorstellungen, sondern einfach nur mit viel Spaß am Fußballspielen, vermisse ich bei den meisten Knappen. Mal ganz abgesehen vom Erfolg. Schalke hat zwar mit Julian Draxler den nächsten vielversprechenden Minderjährigen im Kader, so weit wie Götze ist der aber leider noch lange nicht.

Der Sportplatz von Eintracht Hombruch, dem Verein, bei dem Götze spielte, bevor er zum BVB ging, ist übrigens gar nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Ich denke, ich gehe demnächst mal vorbei und mache ein bisschen Werbung für S04. Sicher ist sicher.

Lisas Tipp

Es ist Derbyzeit. Blickt man auf die letzten Partien, ist klar, dass meine Königsblauen die Außenseiterrolle haben. Allerdings haben die Schalker im Angesicht eines starken Gegners schon so oft überrascht. Ich hoffe und glaube zumindest, dass wir uns dieses Mal nicht einfach so in unser Schicksal ergeben wie im Hinspiel – und bin mir sicher, dass es ein Ergebnis irgendwo zwischen 7:0 und 0:7 geben wird. Mehr traue ich mich nicht zu sagen.

Sarahs Vorzeige-Borusse

Keiner spielt so schön wie Nuri Sahin: Dortmund-Fans wissen das schon länger, jetzt hat es sich rumgesprochen. Kein Wunder, in seinem sechsten Profijahr spielt der 22-Jährige seine mit Abstand beste Saison, ist immer im Fokus. Ob als genialer Passgeber oder eiskalter Standardschütze – Sahin ist für Dortmund unersetzlich. Das dürfte inzwischen wirklich jeder mitbekommen haben.

“Ich habe den Anspruch, bester Sechser der Liga zu werden”, kündigte er vor der Saison an. Und wer hätte das gedacht – er hatte Recht. Damals belächelt, wird Sahin jetzt gefeiert. Nicht nur beim Kicker steht er mit einer Durchschnittsnote von 2,43 ganz oben. Auch seine Kollegen halten ihn für die Nummer eins. 286 Bundesligaprofis wählten den Türken im Januar zum Spieler der Hinrunde. Zu Recht!

Er lenkt das Spiel, treibt an und das nie auf Reserve. Sahin gibt alles, 90 Minuten Vollgas, fordert immer den Ball. Das zeigt auch die Statistik: 1720 Ballkontakte in der Hinrunde. Ligabestwert. Auch der Zug zum Tor ist immer da: 71 Flanken, so viele wie niemand sonst, hat er vors Tor gebracht. 42,3 Prozent davon sind angekommen (immerhin Platz drei in der Liga). Die glänzende Quote von fünf Toren und elf Assists in 27 Pflichtspielen runden das Bild ab.

Man könnte glatt ins Schwärmen verfallen. Ihm einen Schrein bauen oder sowas in der Art. Ach nee, Quatsch! In Dortmund ist ja die Mannschaft der Star. Das haben wir von Jürgen Klopp gelernt. Trotzdem, eins ist sicher: Nuri Sahin gilt längst nicht mehr bloß als Talent, sondern als Führungsspieler, der nicht mehr aus Dortmund wegzudenken ist.

Sarahs Kann-ich-am-wenigsten-nicht-leiden-Schalker

Nein, es sind nicht Karimi (32) und nicht Charisteas (30), um die man Schalke momentan beneidet. Da bin ich ausnahmsweise mit der Anhängerschaft aus Herne-West d’accord. Aber: Auch bei den Schalker Senioren findet, man glaubt es kaum, selbst ein schwarz-gelbes Huhn mal ein Schalker Korn.

Raúl – zwar auch ein alter Sack, aber ein guter. Er hat Klasse, ist immer für einen genialen Moment zu haben und damit einsame Attraktion auf Schalke. An einem guten Tag nimmt er den gegnerischen Strafraum auseinander und lässt schon mal zwei, drei Leute stehen. Dann sind die Herren in Blau stets hocherfreut. An einem schlechten guckt der Felix eher böse.

Aber manchmal blitzt die Legende vergangener Tage eben doch kurz auf und Raúl tut das, was ein guter Stürmer eben tut: Klasse Tore schießen. Konstante Leistung bringt er mit Kickernoten zwischen 1,0 und 5,0 zwar nicht gerade. Das kann man aber momentan von keinem Schalker so richtig behaupten.

Wenn der Spanier allerdings zuschlägt, dann richtig: Man denke nur an seine Dreierpacks gegen Bremen und Köln. Ja, mit 10 Treffern hat er sogar ein Tor mehr auf dem Konto als Dortmunds Welttorjäger Lucas Barrios. Gut, der hat auch einmal weniger gespielt. Aber lassen wir das mal so stehen.

Seine Stürmerqualitäten dürften jedoch nicht der einzige Grund sein, weswegen selbst eingeschworene Borussen Fans ihn, sagen wir mal, respektieren. Vielmehr könnte es daran liegen, dass er, abgesehen vom Trikot, nicht gerade viel mit Schalke zu tun hat. Ich meine, er wohnt in Düsseldorf! Er ist kein Neuer, Asamoah oder Bordon. Er ist der, der in 16 Saisons 326 Tore für Real Madrid schoss, sechsmal Spanischer Meister, dreimal Champions-League-Sieger und zweimal Weltpokalsieger wurde, wie meine Kollegin Lisa einst weise schrieb. Nicht mehr und nicht weniger. Insgesamt kann man ihm also den blauen Dress verzeihen.

Sarahs Tipp

Jetzt aber genug der Lobhudelei. Trotz Raúl wird Schalke in Dortmund leer ausgehen. Ich hab ein gutes Gefühl und tippe auf ein 3:1 für den BVB. Auch wenn zwei Derbysiege in einer Saison fast schon unverschämt wären.

04. Februar 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Na da habt ihr euch ja die Richtigen rausgesucht, Neuer und Götze überragend;)
    Glücklicher Punktgewinn für Schalke, ohne Neuer wär es ne Katastrophe geworden.

  2. Also ich würd sagen, der Punkt geht an Lisa: Ein gefühltes 7:0 minus dein 0:7. Und zack – ein dämliches 0:0 kommt raus. Du bist ein Fuchs :-D

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