Deutschland – Italien: Rossi macht den Grosso

Die Nationalmannschaft wächst, aber noch nicht über sich hinaus. Das 1:1 gegen Italien war aus Sicht der Gäste am Ende verdient – gerade weil Deutschland es häufig zu gemächlich angehen ließ. Wenn die WM Lena Meyer-Landrut war, glich das Geschehen in Dortmund somit eher Katja Ebstein.

Es wurde Licht in Dortmund - zum zweiten Mal innerhalb einer Woche.

Wieder Dortmund, wieder Flutlicht, wieder das Spiel der Woche. Die Stadt kommt gar nicht mehr raus aus den Höhepunkten. Als ich vor dem Hauptbahnhof stehe, sehe ich, dass man den großen Würfel an den Treppen zur Einkaufsstraße umgemodelt hat. Das mit dem Fußballmuseum wird konkreter, der DFB hat offiziell das “Projekt 2014″ ausgerufen.

Eine Stunde später stehe ich schon wieder im Biergarten des Strobel‘s im Schatten des Westfalenstadions. Die Schalker sind diesmal Italiener, aber die Farben sind gleich geblieben. In der U-Bahn hatte mir ein deutsch-italienisches Pärchen gegenüber gesessen. Sie hatte hämisch bemerkt, dass wir ja nur zwei Sterne auf dem Trikot hätten. Klar, Bern 1954, Rom 1990. Dann zupfte ich das Trikot zurecht, enthüllte den dritten und sie erinnerte sich relativ schnell wieder an 1974. Trotzdem, sie hätten mehr. Dass die Squadra Azzurra ja zwei ihrer Titel gefühlt vor Christi Geburt geholt und zwei andere ziemlich ergurkt hat, diskutiere ich nicht mit ihr aus.

Wie sehr sich die Fronten seit dem Derby-Freitag verschoben haben, wird deutlich, als Manuel Neuer zum Warmmachen einläuft. Zuerst ist es fast schon ehrfürchtiger Applaus, dann kommen Pfiffe, die meisten aus der grün-weiß-roten Ecke, die angesichts ihrer Größe an diesem Abend eher einem Hufeisen ähnelt. Das Selbstvertrauen dieser Landsleute ist unerschütterlich. Wie eine teure, aber hässliche Vase, die beim Fallen nicht zu Bruch geht, sondern selbst tiefe Risse im Fliesenboden hinterlässt.

Erinnerungen an 2006

Der tiefste Riss hört seit dem 4. Juli 2006 auf den Namen Fabio Grosso. In Hälfte eins muss ich permanent auf diesen Fleck schauen, von dem er damals geschlenzt hat, ins Tor, ins Herz, bei wenigen Gegentoren in der Fußballgeschichte war so viel Pathos tatsächlich gerechtfertigt. Mehr als neun von zehn Menschen, die an jenem Abend den Fernseher eingeschaltet hatten, schauten ZDF. Mehr als neun von zehn Menschen saßen spät am Abend nicht mehr vorm Fernseher, sie kauerten.

Wir sind diesmal zu Zwölft im Stadion, sechsmal weiblich, sechsmal männlich. Unglaublich, wie erhellend es sein kann, neben Menschen zu sitzen, die erst einmal in ihrem Leben ein großes Fußballspiel im Stadion gesehen haben. Italien tauscht bei der Platzwahl die Seiten, die Südtribüne pfeift. Unverständnis bei Sitznachbarin Regine, die mit ihrem Einwurf, dass doch eh jeder eine Hälfte auf beide Seiten spielen müsse, so viel Recht hat, wie man nur haben kann. Der routinierte Stadionbesucher will die Angriffe der eigenen Mannschaft in den zweiten 45 Minuten aber auf sich zulaufen lassen. Es gibt ihm das Gefühl, ein wenig die Macht über das Geschehen zu haben.

Dann ruft der Stadionsprecher den “Klassiker” aus. Hä? Ein Klassiker? Ja, ein Klassiker. Jahrhundertspiel, WM-Finale 1982, Altobelli und natürlich Grosso, Tränen. Wie weit soll ich ausholen? “Schnellinger! Ausgerechnet Schnellinger!” Regine war einmal mit ihrem Vater auf dem Bökelberg, “so mit 13, 14, 15, gegen Rostock”. Sie weiß nicht mehr, wie es ausgegangen ist, wie das Wetter war. Es muss im Herbst 2003 gewesen sein. An das Abstiegsendspiel in der Saison 2002/2003 – 32. Spieltag, 3:0, strahlender Sonnenschein – hätte sie sich erinnern können. Also muss es das 1:1 im letzten Bökelberg-Jahr gewesen sein, 1. November 2003, beim Datum musste ich zum ersten Mal nachschauen.

Miro Klose: nur noch neun

Es läuft ordentlich in der Anfangsphase, auch der Ball. Deutschland auf holprigem Rasen sieht ansehnlicher aus als Gladbach auf dem Centre Court in Wimbledon. Eins, zwei, drei, vier, elf Pässe in Folge, Italien leidet hinten schnell an spanischer Grippe. Philipp Lahm macht viel Dampf, Mesut Özil lichtgestaltet hinter den Spitzen, Thomas Müller könnte dafür verantwortlich sein, wenn der Rasen noch mehr leidet. In der 16. Minute ist es Özil, der Müller mit der Hacke bedient, in der Mitte macht Klose den nächsten Schritt – noch neun Tore bis zum großen Gerd. Kurz darauf macht der Teilzeitstürmer beinahe die 60 voll. Alles ist gut.

Doch dann lässt die deutsche Mannschaft langsam nach, wirkt fast etwas zu geduldig. Nach gut einer halben Stunde muss Manuel Neuer erstmals eingreifen. In Zeiten, in denen jede Aktion des 24-Jährigen hochgejubelt wird wie ein startender Heißluftballon, ist man ja selbst vom einfachen Wegfausten eines 08/15-Schusses angetan.

Wenige Minuten vor der Pause ist der Schiedsrichter aus den Niederlanden nicht nur geografisch näher bei Deutschland. Mertesacker rennt ungewohnt ungestüm Cassano um. Kein Pfiff, kein Elfmeter. Aus 120 Metern Entfernung wäre ein vermeintlich schlaueres Urteil jedoch unklug.

Schweinsteiger ohne Torgefahr

Enttäuscht bin ich in gerade in Hälfte zwei vom sonst so grandiosen Bastian Schweinsteiger. Viele Ballkontakte, die meisten horizontal, selten vertikal, ein Ballverteiler aus dem Lehrbuch. Doch seitdem der 26-Jährige seine Position auf der Sechs gefunden hat, ist dem einstigen Flügelspieler mit ständigem Drang zum gegnerischen Kasten die große Torgefahr abhanden gekommen. Noch vor zwei Jahren hätte Schweinsteiger gegen kontrollierte und tiefstehende Italiener mindestens fünfmal aufs Tor geschossen.

Neben mir ist Regine weiter nicht unbegeistert von einem mittelmäßigen Spiel. Ihr einziges Dilemma: Sie kennt zwar die meisten auf dem Platz, erkennt sie aber aus der Entfernung nicht. Miro Klose könnte ohne Rückennummer und mit Sombrero spielen, den Laufstil gibt‘s nur einmal. Genauso wie dieses Wieselhafte an Philipp Lahm, das Virtuose an Mesut Özil.

Nur bei einem würde es wahrscheinlich selbst mir ohne Rückennummer und Sombrero schwerfallen, ihn im Schlaf zu erkennen. Hinten Links darf Dennis Aogo durchspielen. Der Hamburger scheint sich zum Trochowski der Viererkette zu mausern – dabei, auf dem Platz, aber niemand weiß, warum genau. Das Dilemma in der Außenverteidigung bleibt. Es gibt nur ein’ Philipp Lahm – einen zu wenig. Dortmunds Marcel Schmelzer, The Next Big Kandidat für hinten Links läuft sich eine halbe Stunde lang warm, kommt aber nicht ins Spiel.

Rossi macht den Ausgleich

Dafür dürfen mit Götze, Hummels und Großkreutz drei aus dem BVB-Quintett nach der Pause ran. Götze spielt unauffällig, Großkreutz hat mit einem sehenswerten Schuss, unbekümmert wie der junge Bastian Schweinsteiger, eine der besten Gelegenheiten in Hälfte zwei. Kevin Großkreutz – der Mike Werner meiner Generation.

Der Traum vom ersten Sieg gegen Italien seit 1995 ist da jedoch längst geplatzt. Ein leichtfertiger Ballverlust in der eigenen Hälfte, schon tauchte Rossi frei vor Neuer auf, der sich erst im zweiten Versuch geschlagen geben musste. Giuseppe Rossi, nicht verwandt mit Namensvetter Paolo, Torschütze im WM-Finale 1982.

Das Fazit nach einem 1:1 gegen Italiener, die mal spielten wie Waliser, dann wieder wie Italiener, fällt so aus: Die deutsche Nationalmannschaft lässt erkennen, dass hinter den historischen Leistungen bei der WM in Südafrika ein System steckt, das weiter wächst und das ein verdammt erfolgreiches zu werden droht (aus Sicht der Spanier, Niederländer und Engländer dieser Welt). Aber noch wächst es und noch fehlen mindestens fünf Prozent, um der Konkurrenz ein, zwei Prozent voraus zu sein.

10. Februar 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Ich lese ehrlich gesagt nicht jeden Deiner Texte mit 16 Absätzen, aber wenn ich´s tue, bleibt meist nichts als ehrliche Bewunderung über diese Sprachviruosität und -kreativität. Und vielleicht ein kleines bisschen Neid ;)

  2. Das Kompliment nehm’ ich sehr gerne an.:) Auch wenn es natürlich ein Skandal ist, dass du sonst nicht alles liest.;)

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