Die Liga der Anderen (XIV): Braucht Bayer Ballack?

In der “Liga der Anderen” kommen jede Woche Fans diverser Profiklubs zu Wort, die über ihr aktuelles Seelenleben erzählen. Grenzen sind ihnen dabei keine gesetzt. Kerstins Leverkusener spielen unterm Strich zwar meist überzeugend, jedoch keineswegs so furios wie in vergangenen Jahren. Der Meisterschaftszug ist auf den ersten Blick abgefahren, im Pokal ist Bayer raus – allein die Europa League machte den Fans der Heynckes-Elf Hoffnung. Das 4:0 im ukrainischen Kühlschrank war überzeugend. Und Ballack? Den, meint Kerstin, würde man derzeit allenfalls in der Werbung vermissen.

Von Kerstin (Leverkusen)

Ich will im Internet noch einmal schnell die Highlights des frostigen Kicks in der Ukraine anschauen. Der erste Leverkusener, der mich dort anguckt, ist allerdings weder Doppeltorschütze Sidney Sam, noch der kurzärmlige Manuel Friedrich. Nein, Michael Ballack erscheint auf dem Bildschirm. Aber er war doch gar nicht dabei in der Ukraine, oder? Nach seinen bisher, freundlich gesagt, eher unauffälligen Auftritten in der Bundesliga könnte wohl niemand ausschließen, dass der Mann mit der 13 nicht vielleicht doch im Mittelfeld mitgetrabt ist, oder zumindest mit Heizschuh, Wolldecke und Mütze neben Jupp Heynckes saß.

Aber bevor ich den Gedanken des Gespenstes überstrapaziere, mache ich es kurz: Ballack war nicht mit in Charkow. Er erscheint lediglich als Werbegesicht von Loreal Men Expert auf meinem Bildschirm. Mit einem schiefen Lächeln, glänzenden schwarzen Haaren und einem Pullover über der Schulter wirbt der 34-Jährige für Deos, Haarspray und leider auch für maskuline Make-Up-Produkte. Das kann man unpassend für einen Fußballspieler finden. Aber als solchen erkennt man ihn ja beileibe nicht auf den ersten Blick.

Renato Augusto blüht auf, Vidal erst Recht

Als das Werbebanner mitsamt des Schönlings dann verschwindet und das Video startet, drängen sich andere dunkelhaarige Leverkusener in den Vordergrund. Renato Augusto zaubert, als befände er sich nicht im Kühlschrank der Europa League, sondern an der heimischen Copacabana. Seit er immer wieder als Zehn hinter der alleinigen Spitze Derdiyok oder Kießling auflaufen darf, blüht er auf. Da scheinen ihm dann auch minus 20 Grad und eine kratzende lange Unterhose egal zu sein. Arturo Vidal ebenfalls lobend zu erwähnen, ist ja mittlerweile Routine. Der Chilene führt die interne Torschützen-Liste an und regiert ganz ohne böse Fouls und fast ganz ohne schauspielerische Einlagen im defensiven Mittelfeld.

Das 4:0 war also insbesondere dank der Herren Augusto und Vidal ein souverän herausgespielter Sieg. Aber irgendwie hatte ich es auch nicht anders erwartet. Mit der Partie in Charkow ist das Team jetzt in allen Spielen dieser Europa-League-Saison ungeschlagen. Die Leistungen auf dem Platz bringen zwar die Spieler. Aber vor allem ist es auch Jupp Heynckes, der das rot-schwarze Schiff momentan sehr gut auf Kurs hält.

Diesem Trainer kann man einfach nur vertrauen. Wenn er seelenruhig in den Pressekonferenzen vor den Spielen sitzt, strahlt er Zuversicht aus, egal wie der Gegner auch heißen mag. Mit seinem Lieblingskleidungsstück, dem Holzfällerhemd in den kräftigen Rottönen, erinnert er an den lieben Onkel, der auch immer weiß, welchen Baum er schlagen muss, um das beste Kaminholz zu haben. Warum sollte ich dann bezweifeln, dass der Hemdträger nicht ebenso sicher weiß, welche Spieler er aufzustellen hat, um die beste Elf zu haben? Zudem geben ihm die jüngsten Erfolge Recht. Ohne Vorwarnung zieht er Gonzalo Castro ins Mittelfeld. Der einstige Abwehrstratege avanciert daraufhin regelrecht zum Knipser.

Auch wenn’s keiner glaubt: “Möglich ist noch so einiges”

Es könnte also alles so schön sein. In der Europa League stürmt man ins Achtelfinale und hat trotz des starken Gegners in der nächsten Runde, dem Sieger aus der Begegnung Neapel gegen Villareal, berechtigte Hoffnungen, am Ende der Saison den Pokal in den Händen zu halten. Die Spieler sind zufrieden. Es wird rotiert, aber keiner murrt. Der einzige Störenfried streitet jetzt mit Diego in Wolfsburg um Elfmeter. In der Liga können die Mannen um Rolfes zudem den Bayern Paroli bieten. Gomez, Robben und van Gaal kratzen zwar am zweiten Platz. Aber noch konnten die Leverkusener immer die passende Antwort geben. Es gibt nur eine Kleinigkeit, die stört: der Blick nach oben. Verbissen zähle ich den Abstand zwischen dem ersten und dem zweiten Platz. Zehn Punkte und zwölf verbleibende Spiele. Möglich ist noch so einiges.

Meine Freunde, in deren Badewannen schwarz-gelbe Quietscheentchen treiben, nehmen mich nicht ernst und ich kann ihnen das auch nicht verübeln. Klar ist es albern, auf diese unwahrscheinliche Möglichkeit zu pochen. Aber man will die Rolle als erster Verfolger ja irgendwie ausfüllen.

Und wenn Vizekusen dann Ende der Saison standesgemäß (doch nur) den zweiten Platz feiert, bin ich glücklich. Dann ist es mir auch vollkommen egal, welche Rolle Michael Ballack inne hat. Ob er die Fäden vor der Abwehr zieht, gequält lächelnd auf der Bank sitzt, oder lediglich für eine neue Anti-Falten-Creme lässig in die Kamera zwinkert.

18. Februar 2011 von Kerstin
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