Gladbach – Schalke: Saisoneröffnung

Alles besser? Alles gut? Im Grunde ist es nicht nur deshalb egal, weil man es nach einem Spiel unter Lucien Favre sowieso noch nicht beurteilen kann. Fest steht aber, dass die Borussia Dinge gezeigt, die man lange nicht mehr gesehen hat, und genau die Fehler abstellen konnte, die man in dieser Saison viel zu oft gesehen hat. Wie auch immer: Am Ende fanden 317 Tage ohne Heimsieg ein Ende. Und irgendwie ist es ja doch wie Fahrradfahren – man verlernt es nie. Die Schalker werden es nicht so gelassen sehen nach der dritten Auswärtspleite in Gladbach hintereinander.

Trainerwechsel sind absolut filmreif. Gerade dann, wenn es auf einmal heißt: Zurück in die Zukunft. Logan Bailly und Juan Arango in der Startelf versetzen einen geistig in den Oktober, während der neue Mann an der Seitenlinie doch für den Neuanfang stehen soll. „Konzepttrainer“ klingt zwischen den Buchstaben immer wie eine lieb gemeinte Beleidigung. Dabei steckt in Bezug auf Lucien Favre ganz im Gegenteil viel Respekt hinter dieser Bezeichnung.

Doch wie viel Favre kann nach einer Trainingswoche in der Mannschaft stecken? Nach 80 Sekunden hat es den Anschein, als steckte die Mannschaft noch viel zu sehr in sich selbst, im alten Trott, in den alten Fehlern, den immer gleichen Nachlässigkeiten. Dante bekommt den Ball nicht aus der eigenen Hälfte, Neustädter zeigt sich hartnäckig und gibt dem Brasilianer noch eine Chance. Und so wird das 0:1 durch Peer Kluge zur Gladbacher Co-Produktion. Bitterer kann der Einstand eines neuen Trainers nicht beginnen. Selbst das früheste Gegentor der Bundesliga-Geschichte, ein langer Ball vom Anstoßpunkt über den Torwart hinweg, hätte es nicht viel tragischer machen können.

Im Nachhinein hat manch einer gemunkelt, der Gemeinschafts-Bock von Dante und Neustädter sei die erste sichtbare Amtshandlung des Konzeptrainers gewesen. Hinten liegen, um nicht vorne zu liegen – man könnte Lucien Favre nur gratulieren. Gladbach fühlt sich in der zweiten Minute in den Nacken geschlagen, Schalke am Kehlkopf gezogen. Was die einen motiviert, scheint die anderen zu hemmen.

Denn obwohl wahrscheinlich jeder Nicht-Königsblaue unter den 51 000 Zuschauern beim 0:1 ähnlich empfunden haben wird, herrscht im Anschluss geradezu Aufbruchstimmung. „Jetzt erst Recht!“, wie es die Rheinische Post auf ihre Sonderbeilage druckte. Auch wenn ich bedingt durch mein Praktikum in der Hinsicht befangen bin, hätte es nach diesem Rückschlag kein passenderes Motto geben können.

Sieben Monate im Ausland verbracht und keinen Heimsieg verpasst

Das Miteinander in der Kurve trägt nach all den Jahren mittlerweile fast schon familiäre Züge. Immerhin liegt die Beschreibung sehr nahe. Denn in welcher anderen Lebenslage außerhalb der heimischen vier Wände geht man so sehr durch dick und dünn, steigt zusammen ab, zusammen auf, leidet, zittert, jubelt – das Leben ist eine Nordkurve. In der Reihe vor mir hat einer der Altbekannten die ganze Hinrunde über gefehlt. Markus hat beruflich sieben Monate im Kosovo verbracht, was neun Monate nach seinem letzten Stadionbesuch für Aussagen sorgt, die komisch und tragisch zugleich sind: „Jung, du hast nichts verpasst!“

Für Leute, die eine Viertelstunde zu spät kommen, gilt das jedoch nicht. In der 6. Minute schlägt Arango die erste Ecke in den Strafraum, Idrissou köpft und Manuel Neuer neuert den Ball noch irgendwie an die Latte. Um Weltklasse zu besiegen, braucht es also entweder ähnliche Klasse, oder aber die Weltklasse erbarmt sich und menschelt. Nur zwei Minuten nach Idrissous Aluminiumtreffer hat das Metall endgültig Hochkonjunktur. Nach einer Kombination, die nicht von dieser Tabellenhälfte ist, kommt Reus in der Mitte frei zum Schuss. Wieder an die Latte, wobei Manuel Neuer so viel Diplomatie wie möglich walten und die Torchance einfach dem Schicksal überlässt – das meint es schon wieder gut mit seinen Schalkern.

Diese ersten acht Minuten würden wieder bestens in die alte Schublade mit den immer wieder neuen Tragödien passen. Neues Spiel, neues Unglück. Ein Gegentor aus dem Nichts nach eineinhalb Minuten, zwei Lattentreffer im Anschluss – eine schwarze Katze, die in einer Leiterfabrik an einem Freitag, den 13., im Jahr 2013 Junge wirft, könnte kaum ein schlechteres Omen sein.

Reus so entschlossen wie Computer Watson

Doch hinter jedem Lattentreffer steckt eine Chance, steckt in gelungener Angriff oder zumindest eine sehenswerte Standardsituation. Egal woher diese Haltung nun kommen mag, in der Folge steht eine Mannschaft auf dem Platz, die will und die weiß, wie sie es bekommt. Die Anfangsphase läuft noch immer, als Tobias Levels einen Freistoß lang auf Patrick Herrmann schlägt. Der gewinnt das Kopfballduell gegen Schalkes Schmitz, dahinter fackelt Marco Reus in etwa so lange wie Highspeed-Computer Watson bei “Jeopardy!”. Mit 108 Stundenkilometern kehrt die Hoffnung zurück. Es wird in der Weltgeschichte schon den Tag gegeben haben, an dem Manuel Neuer dennoch die Hände rechtzeitig hochbekommen hat. Aber das interessiert im Borussia-Park in diesem Moment niemanden.

Rechnet man ein Viereck von der Größe einer Studentenwohnung dazu, gehört Lucien Favre zu den besten Leuten auf dem Platz. Jeder Einwurf wird zur Wagner-Oper, so akribisch dirigiert der Schweizer das Geschehen aus seiner Coaching-Zone. Es ist der übliche Effekt nach einem Trainerwechsel, dass man sich auch als Außenstehender ganz sicher ist, alles sei anders, sei besser geworden. Aber selbst wenn man die Eindrücke ein wenig bereinigt und bewusst nörgelt, fällt es einem schwer, das nicht zu glauben.

Gladbach macht nach dem Ausgleich weiter das Spiel. Die Sechser bewegen sich, die Außenbahnen werden beackert, ab und zu nehmen die Innenverteidiger das Tempo raus, spielen lässig hinten rum. Tobias Levels hat unter der Woche nicht umsonst angemerkt, dass es bemerkenswert sei, wer nach der Entlassung von Michael Frontzeck nun alles aus seinem Loch gekrochen komme. Bei aller Kritik, die man an der einstigen Null-Bock-Haltung üben muss, darf man jedoch genauso dankbar dafür sein, dass Arango und Co. es sich wieder anders überlegt haben.

Neue Dimension beim Sponsoring im Stadion

Dann wieder eine Kombination über Reus, wieder Arango, dessen Schuss von Neuer um den Pfosten gelenkt wird. Gladbach spielt wie ein Achtelfinalteilnehmer in der Champions League, der eine mittelmäßige Bundesliga-Saison erwischt hat und dennoch nebenbei im Pokalhalbfinale steht. Schalke tritt auf wie ein Team, dessen einzige Trophäe aktuell eine rote Laterne ist. Verkehrte Welt am Sonntagabend.

Dann spielt Daems einen Steilpass auf Arango, dessen bester Freund auf einmal die Grundlinie ist. Manuel Neuer will die Flanke wie der verunsicherte Torwart eines Tabellenletzten abfangen. Mo Idrissou, der wirkt, als hätte die Borussia ihn zum zweiten Mal verpflichtet, nickt ein. Zum ersten Mal seit 13 Spielen dreht der VfL einen Rückstand. Allzu bemerkenswert ist das nicht, weil die Mannschaft seitdem achtmal in Führung gegangen ist. Zu drehen gibt es da bekanntlich nur etwas, nachdem man den Gegner selbst etwas drehen lässt.

Idrissou und Herrmann können das Nervenspiel bereits vor der Pause entschärfen, scheitern aber an Manuel Neuer und sich selbst. Schalke hat nach einer halben Stunde wechseln müssen. Christoph Metzelder musste verletzt runter. Und zum ersten Mal konnte jeder sehen, in welche Dimension Stadionwerbung noch vorstoßen kann. Gesponserte Eckbälle? Gesponserte Verletzungen! „Die AOK wünscht Christoph Metzelder gute Besserung“, erscheint auf der Anzeigetafel. Da darf man ruhig mutmaßen, ob die LED-Leuchten bei einer Verletzung von Lukas Podolski auch so kulant wären.

Mit dem Halbzeitpfiff reißt es den Borussia-Park von den Sitzen. Oft war das zu beobachten in den ersten elf Heimspielen, gegen Stuttgart aus ähnlich positivem Anlass. Häufig zog es die Zuschauer jedoch nur vehement aufs Klo, um dort wenigstens einen Treffer zu landen.

Schalke selbst von ganz Trivialem überfordert

Im zweiten Durchgang lässt es die Borussia etwas ruhiger angehen, teilweise nimmt das Lauern auf Konter Frontzeck’sche Züge an. Schalke darf in Ruhe kombinieren, wäre mit so wenig Kreativität und Gedankenschnelligkeit aber vermutlich schon von einem Rätsel bei „Kommissar Kugelblitz“ überfordert. Vor dem Spiel hatte der Stadionsprecher verzweifelt einen Colautti-Nachfolger heraufbeschworen. Nach einer Stunde hat es den Anschein, als sei es an diesem Abend gar nicht notwendig, Vereinsgeschichte zu schreiben.

Irgendwann im Laufe der zweiten Halbzeit fängt Logan Bailly eine Flanke absolut sicher ab. Man möge sich erinnern: Vor vier Monaten applaudierte der Borussia bei dieser Gelegenheit hämisch, diesmal steckt dahinter wohl mehr Bewunderung, dass man so lange unbeschäftigt im Tor stehen kann, ohne einzuschlafen. Die zahlreichen Rückpässe von Dante gehen da schon als therapeutische Maßnahmen durch.

Die vorerst beste Chance zum 3:1 hat Marco Reus auf dem Fuß. Wieder geht es über Arango und Idrissou – der eine wieder unter den Fußball-Liebenden, der andere wieder auf der richtigen Position. Mit noch mehr Konsequenz könnte Gladbach längst höher führen. Aber jedes Jammern spielt sich auf unerwartet hohem Niveau ab. Dass Patrick Herrmann in der 78. Minute, kurz vor seiner Auswechslung, eine Bewerbung zum Nicht-Tor des Jahres einreicht, mal wieder nach toller Vorarbeit von Idrissou, kann rückblickend unfassbar gelassen gesehen werden.

Luxusproblem: Bailly kann nur mit guten Abschlägen glänzen

Schalke hat nach Kluges Treffer keinen einzigen Ball auf das Tor von Logan Bailly gedacht. Was für eine verkehrte Welt: Es gab Tage, da verfluchte man den Belgier und konnte ernsthaft behaupten, er hätte keinen einzigen Ball gehalten. Diesmal ist es ein Kompliment, zumindest für seine Vorderleute, die sich bis auf ein paar kleine (Nach-)Lässigkeiten sicher zeigten. An Baillys Adresse kann höchstens das Kompliment gehen, dass seine Befreiungsschläge äußerst umgängliche Zeitgenossen sind.

Dennoch sind die letzten zehn Minuten geballte 600 Sekunden Angst. Angst, die nach dem Spielverlauf einerseits unbegründet ist, andererseits auf die gleiche Weise begründet werden kann. In dieser Saison haben schon zu viele Pferde vor Apotheken gekotzt, um elf Fohlen ganz gelassen vor der Fabrik eines riesigen Pharmakonzerns stehen zu lassen. Es sind nun einmal schwierige Zeiten, in denen hinter jeder Ecke ein Nahtoderlebnis lauern kann.

Der Abpfiff fällt diesmal scheinbar aus. 51 000 minus viele, viele Schalker sehen lediglich einen Schiedsrichter, der beide Arme vor sich ausbreitet – und damit eine 317-tätige Durststrecke beendet. Es haben mittlerweile Kinder das Licht der Welt erblickt, die in der Freude über den Heimsieg gegen Frankfurt am 9. April 2010 erst gezeugt worden sind. Willkommen, Chantal und Kevin! Glückwunsch zum ersten Heimsieg eures Lebens!

Nach dem Abpfiff und nach der ersten Bundesliga-Welle seit Ewigkeiten wird es noch einmal kurios. Borussia Mönchengladbach hat so lange nicht mehr zu Hause gewonnen gehabt, dass eine Neuerung der Spielzeit 2010/2011 erst am 20. Februar 2011 bekannt wird: Der Hauptsponsor lässt künftig nach jedem Heimsieg gelbe Bälle ins Publikum schießen. Wer einen gefangen hat, sollte ihn gut aufbewahren: Diese Dinger sind ein Fall fürs Museum.

21. Februar 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. Hi Jannik,

    ich finde den Ursprungsartikel in dem ich das mit Bäcker gelesen habe auch nicht mehr. Hier aber von
    http://fohlen-hautnah.de/news/logan-bailly-vor-rueckkehr-ins-tor/

    Nach kurzer Ansprache, bei der Favre die Trainingseinheit umschrieb, dem Warmlaufen und Aufwärmprogramm ließ der 53-Jährige zunächst Passspiel in Verbindung mit Über- und Unterzahl trainieren, um im Anschluss die Leibchen zu verteilen. Dabei fand fabian Bäcker keine Berücksichtigung. Der Stürmer, gestern für die U23 Torschütze beim 3:0-Sieg gegen Bochum, absolvierte lediglich eine laufeinheit, und wird wohl gegen die ‘Knappen’ aller Voraussicht nach nicht im Aufgebot stehen.

    Das war natürlich später- ist vielleicht schade- aber vielleicht ist Bäcker doch nicht der gedachte Überflieger!

    Lieben Gruß

    Jameiker

  2. Mir erging es anders: Als ich beruflich im Kosovo war (sechs Monate), wurden die Fohlen noch von Holger Fach trainiert und errungen Sieg um Sieg. Selbst ein Carnell trug sich mit einem Tor Marke Diego in die Scorerliste ein. Als ich dann zurück nach Deutschland kam, war die Herrlichkeit des Siegens leider vorbei.

  3. Ich genieße ihre Arbeit . Dankeschön für die guten Blog posts.

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