Gladbach – Hoffenheim: Lust auf Leben

Gladbach ist wieder gerettet, der Abstieg in Wolfsburg letzte Woche ist wieder passé. So schnell geht das. Nur irgendwann sollte sich der VfL mal zwei Wochenenden in Folge retten. In Bremen wäre die Gelegenheit dazu. Bis dahin kann man sich mit ungewohnter Gelassenheit zurücklehnen (die Fans, nicht die Mannschaft) und den ersten Sieg gegen Hoffenheim feiern – immerhin gibt es die bereits seit 111 Jahren.

Der Karneval kann für Gladbach-Fans eine sehr schizophrene Angelegenheit sein. Am Donnerstag, Altweiber, war ich in einer Kölner Kneipe, ein Clown. An fünf Tagen im Jahr halte ich Karnevalslieder tatsächlich für eine Erfindung, die die Menschheit ähnlich vorangebracht hat wie die des Rades oder der Glühbirne. Einmal im Jahr bin ich dann im Stadion des 1. FC Köln, wo die jecke Folklore nur schwer zu ertragen ist. Wäre ich FC-Fan, würde ich sie womöglich lieben. An Weiberfastnacht auf jeden Fall, da ist es einfach nur schön. Gerade in Köln, wo die Wendlerisierung vor der Musik an den tollen Tagen, anders als auf dem niederrheinischen Dorf, halbwegs Halt gemacht hat.

Nun kann der DJ sich noch so sehr gegen „Sie liebt den DJ“, „Das rote Pferd“ und Mickie Krause wehren, gleich mehrmals an solch einem Karnevalstag wird er es sich mit mir verscherzen. „Mer stonn ze dir, FC Kölle“ singen dann X minus eins Kneipengäste. Einer steht mit verschränkten Armen inmitten der grölenden, geistig den Schal hochhaltenden Menge, und macht ein Gesicht wie ein Kind, das an der Supermarktkasse schon wieder kein Überraschungs-Ei bekommen hat. Das Kind bin ich.

Bökelberg-Atmosphäre

Der Samstag im Borussia-Park beginnt ähnlich trist, wie eine graue Maus, nicht wie ein Clown. Die Sonne quält sich nur ab und an durch die Wolkendecke. Im Stadion sind so viele Menschen wie zu Bökelberg-Zeiten. Das Problem: Das alte Stadion steht nicht mehr, dafür hat die Borussia ein neues, für das sie sich derzeit jedoch in einigen Bereichen die Instandhaltungskosten sparen kann. Etwas mehr als 35 000 Zuschauer werden es am Ende sein. Ich weiß nicht einmal, ob unten an den Eingängen gezählt wird, wie viele Karten in die Schlitze gesteckt wurden, oder ob verkaufte Dauer- und Tageskarten einfach addiert werden. Dann dürften es im Stadion noch weniger Borussen gewesen sein. Hoffenheimer waren nicht genügend da, um erwähnt zu werden.

Vor dem Spiel unternimmt Stadionsprecher Knippertz den alljährlichen gequälten Versuch, die Stimmung aus den Kneipen vom Freitagabend am Samstagnachmittag auf die Ränge zu retten. Der Prinz ist da mit seiner Prinzessin. Ob er froh sei, wenn die Session vorbei ist, will Knippertz wissen. Na klar, sagt der Prinz, die ganzen Besoffenen kotzen mich an, diese verdammte Strumpfhose, die blöden Lieder. Natürlich sagt er es nicht, er denkt es mit Sicherheit nicht einmal. Aber ein aufrichtiges Statement wäre das mal. So freut sich der Prinz, die übrigen Tage bis Aschermittwoch knallhart durchzuziehen. Immerhin hat er mit seiner Prinzessin ein Lied aufgenommen, das es aber nicht offiziell zu kaufen, sondern nur gegen eine kleine Spende auf CD gibt. Warum, lässt die anschließende Darbietung einigermaßen erahnen.

Vor dem Spiel spart man sich diesmal sogar „Et Trömmelche“. Von wegen „Kölle steigt ab, steigt ab“. Sehr aufrichtig, sehr respektvoll ist das von einem Verein, der vier Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz hat und nur noch 35 000 Zuschauer ins Stadion bekommt. Beim Halbzeitspiel – wenn vier Kandidaten versuchen, von den Strafraumecken Bälle in den Mittelkreis zu befördern – wird einer gefragt, ob er am Abend denn noch Karneval feiern werde. „Um Himmels Willen“, lautet seine Antwort voller Entsetzen, als sei er gefragt worden, was er vom Kauf einer seltenen Briefmarke für 10 000 Euro halte.

Favre, wahrhaftig ein Wunsch-Trainer

So trist ist es lange Zeit an diesem Nachmittag im Borussia-Park: Die Leute wollen nicht einmal mehr Karneval feiern und die rote Laterne mit Bier in rauen Mengen runterspülen. Der Kandidat heißt übigens Levels. Sein Großvater und der des Gladbacher Verteidigers seien Cousins gewesen, „verwandt über zwei, drei, tausend Ecken“, sagt der Levels, der nicht Tobias heißt. Tobias hat derweil auf der Bank Platz nehmen müssen. Und damit ist zwar noch nicht geklärt, ob Favre ein Wunschtrainer ist – ein Wunsch-Trainer ist er aber auf jeden Fall. Für Levels ist Tony Jantschke in die Startelf gerückt. Es wird, es wird.

Hälfte eins war unterm Strich ein eher müder Kick zwischen einer halbwegs wachen Mannschaft (Gladbach) und einer im Wachkoma (Hoffenheim). Die erste Chance für die halbwegs Wachen hat Juan Arango gehabt: Gute Annahme, gutes Auge, knapp am Tor vorbei. Fast das gleiche trifft auf einen Schuss von Marco Reus zu. Hoffenheims Keeper Starke hält.

Für die andere Hälfte des Gladbacher Chancen-Quartetts ist Igor de Camargo verantwortlich gewesen. Nach einem schnell ausgeführten Freistoß kam er völlig frei vor Starke zum Hinterkopfball. Doch der scheiterte ebenso kläglich wie der Versuch, noch freier vor Starke den Ball mit der linken Innenseite ins Tor zu schieben, anstatt ihn einfach ins Netz zu zementieren.

Glück für Hoffenheim, erstmal keins für Gladbach

Wir notieren also die zwölfte erste Halbzeit ohne Gegentor, überhaupt gab es da erst 20, gut halb so viele wie im zweiten Durchgang. Die gute Vorarbeit der ersten 45 Minuten ist also nicht mehr als genau das: eine Basis, auf der man aufbauen muss. Damit zählt es definitiv zu den positiven Sprachbildern, dass die Borussia, heute im 4-3-3 unterwegs, nach der Pause mächtig Zement anrührt – und die ersten Steine aufeinander setzt.

Nach einem Querpass von Reus steht de Camargo mal wieder völlig blank. Der Chancennudist scheitert im ersten Versuch erneut an Starke, bringt im zweiten dann doch den Ball im Tor unter. Die Hälfte des Stadions springt auf – das sind nicht viele, aber immerhin jeder Zweite. Dabei hat der Linienrichter fahnentechnisch längst ein klares Statement abgegeben: Abseits. Ich bin in dieser Hinsicht ja ein derartiger Berufspessimist, dass ich selbst dann zur Seitenlinie schaue, wenn ein Spieler aus der eigenen Hälfte losstürmt, nachdem ein Einwurf vom Gegner kam.

In der 56. Minute hat Hoffenheim Glück, die Borussia aber nicht so richtig Pech. Starke wird seinem Namen zum ersten Mal nicht gerecht, lässt einen Freistoß von Reus fallen. Beim Versuch, die Lage zu entschärfen, trifft Compper seinen Torwart am Rücken – der Ball trudelt seelenruhig am Pfosten vorbei wie ein Formel-1-Wagen, der nach einem Motorschaden in die Auslaufzone rollt.

De Camargos Plan B

Fest steht zu diesem Zeitpunkt, so rein vom Gefühl her: Die Borussia will nicht nur, sie wird auch. Das Stadion spürt es und zum ersten Mal seit langer Zeit entfachen wenige Leute viel Stimmung. Hoffenheim spielt weiter wie ein Dorfverein aus der Kreisliga A, der sich mit dem Bus verfahren hat und nicht weiß, wo er gelandet ist. Das nutzt Gladbach in der 65. Minute. Reus spielt einen guten Pass, der doch nicht gut genug ist, um auf direktem Wege zum 1:0 zu führen. Also entscheidet sich Adressat de Camargo für einen ausgeklügelten Plan B. Anstatt den herauseilenden Starke zu umkurven, bremst der Belgier mit brasilianischen Wurzeln ab. Starke honoriert das, indem er de Camargo freundschaftlich an der Schulter festhält. Der fällt und es steht 0,5:0 für Gladbach – Schiri Meyer pfeift Elfmeter.

Daems hat die Gelegenheit zum Aufrunden. Sechs Elfmeter hat er im Borussendress bis dahin verwandelt, keinen vergeben. Und einer wie Daems, der aussieht, als würde er sich nicht verrückt machen lassen, der wird sich doch wohl nicht verrückt machen lassen. Auf einem Elfmeterpunkt liegen in diesem Moment zwei Punkte. Auch wenn bei einem Fehlschuss genug Zeit und Muße bleiben würden, um das Spiel dennoch zu gewinnen. Daems läuft an, Starke ist dran, der Pfosten auch, aber zum Glück das Tornetz genauso.

Nur fünf weitere Minuten vergehen bis zur Entscheidung. Ein Spiel so sorglos wie eine Büttenrede. Juan Arango, der Bauchredner ohne Puppe, tritt einen Eckball von links. De Camargo kann nach drei erfolglosen Versuchen diesmal gar nicht anders, als sein siebtes Saisontor zu erzielen. Ein Kopfball ins Glück. Wir sind wieder wer. Ein bisschen wenigstens.

So wie die verbleibenden 20 Minuten könnte von nun an jedes Spiel bis zum Saisonende verlaufen. Ich würde mich freuen, mein Kardiologe nicht, denn der hätte nichts zu tun. Damit ginge es ihm in etwa wie Logan Bailly, der auch sein zweites Heimspiel unter Lucien Favre übersteht, ohne einen einzigen Ball gehalten zu haben. Einmal wird es gefährlich, aber Ryan Babel zieht seinen Schuss knapp über das Tor. Bailly freut sich, wenigstens den Abstoß ausführen zu dürfen.

Nach 2:2, 2:3 und 2:4 endlich einmal 2:0

Der schönste Angriff des Tages wird jedoch nicht mit einem Tor belohnt. Ein Pass landet auf Rechts bei Reus, der den Ball einmal auftippen lässt und ihn aus der Luft nach innen flankt. De Camargo tut es ihm gleich, flankt mit dem Kopf aufs Tor. Doch Starke wird seinem Namen noch einmal mehr als gerecht und belohnt die gelungene Pointe in der Bütt nicht mit einer Rakete. In acht Pflichtspielen hat die Borussia bis dahin nicht einmal gegen Hoffenheim gewonnen, obwohl sie schon dreimal mit zwei Toren und fünfmal mit mindestens einem geführt hat. Diesmal kann sie sich nur selbst schlagen.

Dann ist das Spiel aus, schon wieder werden gelbe Bälle ins Publikum geschossen, bleibt nur zu hoffen, dass der Hauptsponsor noch mit der Produktion nachkommt. Et Trömmelche jeht doch, Kölle steigt doch ab. Plötzlich herrscht gediegene Karnevalsstimmung. 35 000 haben eine innere Narrenkappe auf, so gut tut dieser Sieg, nachdem das Ende am vergangenen Freitag schon wieder besiegelt schien. So kann es jedoch weitergehen bis zum Saisonende: Abwechselnd in der einen Woche absteigen und sich in der folgenden wieder retten.

Lucien Favre hört die Sache mit den zwei Gesichtern offenbar nicht gerne. Ihm kann es auch ziemlich egal sein, dass die Mannschaft zu allem in der Lage ist, solange er oft genug den Dr. Jekyll aus ihr rausholt und den Mr. Hyde austreibt. 6:3 in Leverkusen, 0:7 in Stuttgart – alles geht beim VfL. Wer diese Saison nicht verfolgt hat, könnte meinen: Lass’ den mal erzählen, so ein Schwachsinn. Es wäre weiterhin ein gefühlter DFB-Pokalsieg, wenn Leute ähnlich denken würden, die nach der Saison die Tabelle vom 22. mit der vom 34. Spieltag vergleichen.

Wende à la de Camargo und Lehmann

Seit dem tiefsten Tiefpunkt, dem Stuttgart-Spiel, ging es einen Schritt (sprich, einen Punkt) zurück, dann drei vor, wieder einen zurück und nun wieder zwei vor. Die Tendenz ist klar zu erkennen. Gladbach hat in jedem Spiel der Rückrunde ein Tor erzielt, im Schnitt nur in etwa halb so viele wie in der Hinrunde kassiert. Vielleicht wird man in ein paar Wochen sagen können, dass Igor de Camargo und St. Paulis Matthias Lehmann gemeinsam das Wunder in die Wege geleitet haben. Es würde sich der Beklopptheit dieser Spielzeit gnadenlos fügen.

Schalke und Hoffenheim waren jedoch, so ehrlich muss man sein, zwei Gegner, die so lustlos auftraten, wie zwei Mannschaften, die weder den Tabellenletzten noch sich selbst ernst nehmen. Die Borussia hat das genutzt – weil ihr gar nichts anderes übrig blieb. Drei der kommenden vier Gegner sind direkte Konkurrenten gegen den Abstieg. In Wolfsburg wurden die Jungs von Lucien Favre regelrecht überrannt, hätten am Ende mit 17 Minuten Fußball dennoch beinahe gepunktet. Überhaupt nur die Hälfte aller 22 Punkte hat Gladbach gegen Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte geholt. Vor dem Fohlengott sind alle gleich. In den verbleibenden neun Spielen muss man die Quote aus der bisherigen Rückrunde einfach halten. Dann könnte es die erhoffte Punktlandung werden, wenigstens in die Relegation. Und warum soll man nicht wenigstens dran glauben, solange man noch am Leben ist?

06. März 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Super Beitrag, Dankeschön! :)

  2. Ich fühle mich vom ersten Abschnitt sehr angesprochen. Auch wenn hier sogar der Schlachtruf der gleiche ist.

    Alaaf!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*