Fohlengeflüster (7):Glühende Glückseligkeit

Für den Klimawandel mickrige sechs Grad auf dem Thermometer, die sich auch noch anfühlen wie vier. Novemberabende können ungemütlich sein, besonders wenn der Gegner so ungemütlich ist wie Carl Zeiss Jena. Wenn der Glühwein es schon nicht schafft zu erwärmen, dann bleibt eben alles an der Mannschaft auf dem Platz hängen. Doch die tat sich diesmal schwer.

Verdutzt betrachte ich zuhause ein weiteres Mal meine rechte Hand. Sie glüht noch immer wie eine rote Laterne und die Handfläche fühlt sich an, als wolle sie in der Mitte auseinander reißen. Aber ich sehe es optimistisch: Würde meine Hand nicht so schmerzen, hätte ich auch keinen Grund gehabt mich zu freuen. Klingt komisch, ist aber so. Später mehr dazu.

Montagabende im November können durchaus kalt sein, so dass das Verständnis für die wohlwollende Existenz einer Winterpause von Woche zu Woche, in der wir uns Weihnachten nähern, größer wird. Der geneigte Fußball-Fan muss in den Wintermonaten so einiges durchmachen. Denn Fußballfans sind in gewisser Weise auch eitel. Niemand zeigt sich in der Kurve gerne in Daunenjacke. Die sind außerdem äußerst trikot-unfreundlich. Schon einmal probiert ein XXL-Jersey über eine dicke Jacke zu bekommen, ohne dem Michelin-Männchen ernsthafte Konkurrenz zu machen?

Auch der DFB wird sich ausnahmsweise einmal etwas dabei gedacht haben, als er die Zeit von Weihnachten bis Ende Januar zur fußballfreien Zone erklärt hat. Eigentlich wollte er lästigen, wettbewerbsverzerrenden Spielabsagen vorbeugen, aber im Zeitalter der Rasenheizung wird mithilfe der Winterpause eher die Zahl der Erfrierungstoten gering gehalten. Wer jüngst die Abschaffung der Winterpause gefordert hat, ist entweder verrückt, hat einen Logenplatz oder beides. Aber sind wir mal ehrlich: Im Zuge des Klimawandels ist der Januar sowieso in den März gerückt, während der Sommer seinen Platz mit dem April getauscht hat. Also sparen wir uns das Philosophieren einfach.

Obwohl: Die Entscheidung der DFL, die Partie Gladbach gegen Jena auf einen Montagabend zu legen, kann eigentlich nur philosophische Beweggründe gehabt haben. Der erfolgsverwöhnte Borussenfan wird vielleicht behaupten, dass die Chancen auf ein zuschauerfreundliches Torfestival ganz gut stehen und dass das DSF sich darüber freut, aber letztendlich wird die Fußball-Liga den unter der Woche weit gereisten Gladbachern einfach einen zusätzlichen Ruhetag gegönnt haben.

Vor dem Spiel gehen die Meinungen weit auseinander: Vom öden 0:0 über den knappen 1:0-Sieg bis hin zum 5:1-Kantersieg sind eigentlich alle Tipps vertreten.
28000 treue Seelen haben den Weg ins Stadion gefunden. Der Minusrekord vom Spiel gegen Augsburg hat zwar weiterhin bestand, ist aber nur knapp verfehlt worden. Es wird die Angst vor solch einem Zuschauervakuum gewesen sein, die die Offiziellen der Borussia vor wenigen Wochen veranlasst hat, Protest einzulegen, als nur ein Spiel der Borussia bis Weihnachten von der DFL auf den zuschauerfreundlichen Sonntag gelegt wurde. Zum Vergleich: Selbst gegen die TSG 1899 SAP Dietmar-Hopp Hoffenheim kamen knapp 40000 an solch einem Tag.

Angenommen an einem Sonntag wären gegen Jena 36000 in den Borussia-Park gekommen. Der Verein hätte bei einem durchschnittlichen Kartenpreis von etwa zwanzig Euro 160000 mehr verdient. Das ist in Zeiten „obszöner“ Spielergehälter fast exakt die Summe, die John Terry in fünf Tagen verdient – eine ganze Menge also. Aber auch hier gilt: „Grau is alle Theorie, entscheidend is auf’m Platz.“

Denselbigen betreten die 22 Spieler um 20:14 Uhr, zur besten Prime Time sozusagen. Die Geräuschkulisse im halb vollen Borussia-Park (Kölner Fans werden ihn in ihrer derzeitigen Gefühlslage eher als halb leer bezeichnen) erinnert an ein frisch tapeziertes Wohnzimmer ohne Möbel, in dem die fleißigen Heimwerker nach getaner Arbeit mit einer Flasche Bier anstoßen: Es hallt aus allen Ecken, aber die Stimmung ist ziemlich gut.

Aus „ziemlich gut“ wird nach nur zehn Minuten „äußerst gut“, als Oliver Neuville mit seinem sechsten Saisontor die Borussia wieder an die Tabellenspitze schießt. Marin hatte den Ball gefühlvoll in den Strafrau gelupft, Neuville ihn, den Ball, technisch hochwertig angenommen und ebenso hochwertig per Volley im Tor versenkt. Die Vertreter der Zittersieg-Fraktion sehen sich zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Scheideweg und der ein oder andere schließt sich der Kantersieg-Partei an. Auch ich kann mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen, wie der Vorletzte aus Jena uns hier ernsthaft in Bedrängnis bringen soll.

Aber alle Optimisten müssen wenig später erkennen, dass sie sich etwas zu früh mit einem sicheren Dreier angefreundet hatten. Carl Zeiss stürmt mit alten Bekannten – dem Ex-Hannoveraner Simak und dem Deutschland-Schreck Torghelle – und hat innerhalb weniger Minuten mehr Torschüsse, als für die gesamte Spielzeit eingeplant waren. Nach einer guten halben Stunde ist es eben jener Ungar, der 2004 die deutsche Nationalmannschaft im Alleingang besiegt hat, der eine Flanke von links mit seiner Halbglatze ins Tor befördert. So richtig will man es gar nicht glauben, aber im Prinzip hatte es sich sogar abgezeichnet.
Ein abgeblockter Schuss von Rösler und ein tolles Solo des 18-jährigen Marin sind noch am sehenswertesten aus Borussen-Sicht.

Doch erfolgsverwöhnte Fans können verzeihen und erfolgsverwöhnte Fans wissen, dass der VfL bis zu diesem Spiel neun seiner zehn Heimtore „auf die Nordkurve“ erzielt hat.
Jena nährt die Hoffnungen, weil es anfängt zu mauern, anstatt munter weiter zu spielen. Die Borussia kommt besser aus der Pause, findet jedoch kein bewährtes Mittel gegen den Jenaer Beton. Und so sind ein paar merkwürdige Freistoßentscheidungen noch Szenen, die die 28000 am meisten in Wallung bringen.
Die mitgereisten Anhänger von Carl Zeiss Jena dagegen tun zwischenzeitlich alles, um das Bild der ostdeutschen Fußballfans aus den letzten Wochen zu bestätigen. Zahlreiche abgeschossene Knallkörper verbreiten Silvesterstimmung und ein riesiges bengalisches Feuer weckt die Freude auf Sankt Martin. Andererseits frage ich mich aber auch, wie diese Bekloppten das ganze Arsenal ins Stadion bekommen haben. Wenn die Ordner bei den Gästen jeden so schlampig kontrollieren wie mich, überrascht das aber auch nicht mehr allzu sehr.

Apropos glühende Feuerwerkskörper: Anstatt eines Bieres gönne ich mir gleich zwei Glühweine, um das Innere und die Hände zu wärmen, da die Borussia auf dem Platz nicht viel zur Erwärmung beiträgt. Allein Neuville reißt alle von den Sitzen, sogar die Leute auf den Stehplätzen, als er eine glasklare Torchance über das Gehäuse setzt.

Innerlich mache ich mich schon auf ein Unentschieden gefasst und überlege mir, was ich davon zu halten habe, als in der Nordkurve endlich ein natürliches Feuerwerk entfacht wird: Marcel Ndjeng, Vorlagenkönig der Zweiten Liga, bringt von rechts einen Freistoß gewohnt scharf in den Strafraum, Rösler segelt in der Mitte vorbei, aber am langen Pfosten steht Neuville frei wie Frank Mill und bringt den Ball einmal mehr sehenswert im Tor unter.
Das Stadion bebt vor Freude, alle hüpfen durcheinander und im Trubel tauscht man ungewollt den Platz mit dem Nachbarn, weil Freude eben ihren Platz braucht. Der unbekannte Mann vor mir bringt seine Freude zum Ausdruck, indem er jeden in 1,50 m Reichweite weit ausholend abklatscht. Als ich an der Reihe bin, wird meine trotz Glühweinkonsums tiefgefrorene Handfläche fast in der Mitte durchgerissen und fängt sofort an zu glühen wie der Geißbock, der in eine Lichterkette beißt.
Aber im Freudenrausch kennt man erst Recht keine Schmerzen und so erhält Olli auch von mir seine verdienten stehenden Ovationen, als er kurz darauf ausgewechselt wird.

Am Ende sind sich alle einig: Solche Siege sind mindestens genauso wichtig wie ein Derbysieg gegen Köln. Denn am Ende einer Saison machen genau sie den Unterschied. Auf dem Papier sind es zwar nur drei Punkte. Aber im Kopf und im Herzen bringt dieser Sieg gefühlte sieben Zähler auf das Gladbacher Punktekonto.
Nicht gut bis schlecht spielen und trotzdem gewinnen – das kennt man doch eigentlich von einer anderen Mannschaft. Die wird auf diese Weise meistens Meister. Kann ja nur ein gutes Omen sein…

07. November 2007 von Jannik Sorgatz
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