Die Liga der Anderen (XV): Glauben, beten, hoffen

Die Sportteile der Zeitung kriegen derzeit kaum noch Berichte über andere Sportarten als Fußball unter. Und selbst da kommt das Geschehen auf dem Rasen ziemlich kurz. Es regieren die Trainer. Oder besser: Die Nicht-mehr-Trainer. Und seit Donnerstag: Die Nicht-mehr-aber-jetzt-schon-wieder-Trainer. Lisa hat sich dem Treiben auf Schalke mal gewidmet. Auch sie versteht die Welt nicht mehr.

Von Lisa (Schalke)

Chaostage in Gelsenkirchen: DFB-Pokalfinale, Champions-League-Viertelfinale, Abstiegskampf, Fanaufstand, Trainerentlassung, Prämien-Unregelmäßigkeiten mit juristischem Nachspiel, Trainerverpflichtung. Und vor allem: Schuldzuweisungen left, front and centre.

Bei all diesen Ereignissen noch den Über- und Durchblick zu behalten, ist für Außenstehende kaum noch möglich. Aber irgendwie kann man sich als Fan dem Eindruck nicht verwehren, dass man von allen Seiten verarscht wird.

Die Schuld liegt irgendwie überall

„Einige Spieler sind eben zum Mannschaftsrat und zum Kapitän gekommen, um Probleme zu schildern, über die wir mit dem Trainer sprechen mussten. Wir konnten jedoch nicht alles ausräumen“, sagt Manuel Neuer. Ich sage: Wer als Spieler auf Schalke mehrere Millionen im Jahr verdient, hat sich dem Trainer und vor allem dem sportlichen Erfolg des Vereins unterzuordnen. Dass es nicht ganz einfach ist, mit Magath zu arbeiten, kann ich mir zwar vorstellen, aber die Spieler sollten sich daran erinnern, dass sie Bundesliga-Profis und keine Broadway-Diven sind.

“Wir haben eine Revision gemacht und festgestellt, dass die Dinge nicht so waren, wie man sie vorfinden müsste”, sagt Clemens Tönnies. Ich sage: Finanziell sind die Dinge auf Schalke seit Jahrzehnten nicht so, wie man sie vorfinden müsste. Nur jetzt ist Tönnies beleidigt, weil er in die neuesten Mauscheleien nicht eingeweiht war.

Felix Magath sagt dieser Tage gar nichts (noch nicht einmal auf Facebook), lässt nur über seinen Anwalt seinen Anspruch auf die zwölf Millionen Euro Abfindung verkünden. Ich sage: Ein wenig mehr Kompromissbereitschaft, Verständnis gegenüber den Fans und ein kollegialeres Verhalten gegenüber Vorständen, Mitarbeitern, Spielern wäre schön gewesen. Ich sage aber auch: Was Magath mit sich bringt, das weiß man vorher. Und das will man auch.

Bringt man das Ganze einmal auf den Punkt, wundert man sich eher, dass dieses Dreieck zwischen Chefetage (machtgierig, ohne sportlichen Sachverstand, menschlich fragwürdig), Magath (machtgierig, mit sportlichem Sachverstand, menschlich fragwürdig) und Mannschaft (geldgierig, sportlich zum Teil fragwürdig, menschlich zum Teil fragwürdig) nicht schon viel früher auseinandergebrochen ist.

Rangnick? Wolfsburg? Einen Moment mal!

Jetzt hat Schalke 04 sich also zum zwölften Mal in den letzten neun Jahren von einem Trainer getrennt. Und irgendwie hatte ich angenommen, dass sich daraus auch ein Problem bei der Suche nach einem neuen ergeben würde. Denn der Teil der Übungsleiter auf dem Markt, der sportlich für den S04 Sinn machen würde, war schon mindestens einmal da. Und wurde dementsprechend auch schon mindestens einmal von Tönnies und Co. gefeuert. Wer also tut sich so etwas nochmal an, fragte ich mich.

Die Antwort heißt Ralf Rangnick. Genau, das ist der Trainer, der 2005 schon einmal nach Meinungsverschiedenheiten mit der Führungsetage gehen musste und das ist auch der Trainer, der vor zweieinhalb Monaten in Hoffenheim die Brocken hinwarf – aufgrund von internen Unstimmigkeiten. Wie immer diese Verpflichtung sportlich auch zu bewerten ist, muss man sich doch fragen, warum Rangnick sich ausgerechnet diesen Job wieder antut. Ich befürchte nur, dass hier wieder viel zu viel von dem Geld geflossen ist, was Schalke nicht hat.

Genauso allerdings wundere ich mich, warum sich der VfL Wolfsburg Magath wieder antut. Da hat doch gerade erst Pierre Littbarski öffentlich Magaths Trainingsweise von vor zwei Jahren für die aktuell so schlechte Situation der Wölfe verantwortlich gemacht. Die Spieler seien dank Magath psychisch und physisch kaputt, hieß es. Vielleicht glaubt man in der VW-Stadt ja, dass es dann jetzt auch nichts mehr macht, sich “Quälix” noch einmal ins Haus zu holen.

Für Schalke ist diese Personalie eigentlich nur aus zwei Gründen interessant. Erstens: Schalke spielt in drei Wochen gegen den VfL und wird sich dann etwas einfallen lassen müssen, um seinem früheren Trainer irgendetwas Überraschendes entgegenzusetzen. Und: Laut Medienberichten führten Wolfsburg und Magath bereits Dienstagabend die ersten Gespräche, also noch bevor der Trainer auf Schalke gekündigte wurde / kündigte. Vielleicht lässt sich da ja ein Strick draus drehen, der die Abfindungszahlung verhindert.

Ratlos vor den Scherben eines Vereins

So oder so. Als Fan steht man in diesen Tagen irgendwie ratlos vor den Scherben seines Vereins. Wie es weitergehen soll, das weiß man nicht genau. Auf wen man sauer sein soll, das weiß man nicht genau. Wem man was glauben soll, das weiß man nicht genau.

Ich weiß nur, dass ich da sein werde, zum letzten Spiel von Schalke in dieser Saison, am 21. Mai im Berliner Olympiastadion. Ob ich das Ende einer bitteren oder einer erfolgreichen Spielzeit sehen werde, das weiß ich nicht genau. Aber ich glaube, bete, hoffe. Weil das alles ist, was mir bleibt.

18. März 2011 von Lisa
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