Deutschland – Kasachstan: Pfeifen im Walde

Nach der ersten Hälfte wollte ich das Publikum in Kaiserslautern durchweg loben: zahlreich erschienen und dann nicht nur schweigend hingesetzt, sondern auch noch mitgegangen. Doch kaum war die Erkenntnis da, kam eine viel frischere. Es ist mittlerweile mühselig, die Resonanz der DFB-Fans an regionalen Gesichtspunkten festzumachen. Das Ich-hab-bezahlt-und-will-was-sehen-Publikum sitzt überall.

Nun war die Unzufriedenheit der Leute auf dem Betzenberg in Ansätzen durchaus nachzuvollziehen. Die deutsche Nationalmannschaft schob sich in der zweiten Hälfte über weite Strecken den Ball zu wie der FC Bayern. Mit dem Unterschied, dass der sich immerhin rühmen darf, an Hannover 96 und nicht an Kasachstan verzweifelt zu sein. Da darf man seinem Unmut gerne freien Lauf lassen.

Merkwürdig wird es dann jedoch, wenn deutlich wird, dass die Spielweise dem Publikum egal ist und nur das Ergebnis zählt. Wenn die Event-Geilen nach dem 4:0 durch Miroslav Klose von den Sitzen springen wie Jubelperser, die ein Nickerchen gehalten haben. Heißt unterm Strich: Fünf Eigentore der Kasachen würden reichen, um alle hochzufrieden nach Hause zu schicken. Fußball vom anderen Stern mit dem Resultat 2:0 wäre dagegen eine bittere Angelegenheit.

Vom Klassenerhalt auf die große Bühne

Ich bin in dieser Hinsicht womöglich befangen, weil ich es nach Wochen des Existenzkampfes meiner Mannschaft in der Liga als sehr wohltuend empfinde, mich an einem Samstagabend einfach zurücklehnen zu können, weil es tatsächlich nur um Spaß und drei Punkte geht – am meisten jedoch immer noch um drei Punkte. So gut kann den Leuten aus der Pfalz das 1:0 in Gladbach doch gar nicht getan haben, dass man sie mit Recht als „verwöhnt“ bezeichnen könnte. Nichts anderes als denselben Existenzkampf wie am Niederrhein hat man doch zuletzt auch am Betzenberg erlebt. Ich bin mittlerweile schlichtweg überfordert mit der Frage, was die Menschen denn erwarten.

Auch wenn es tatsächlich nicht 90 mitreißende Minuten waren, muss sich jedes Fernsehteam aus dem Ausland gewundert haben, was da in der zweiten Hälfte akustisch vor sich ging. Bekanntlich ist die Zuschauerstruktur bei Länderspielen eine ganz andere: Es kommen viele Leute, die den Vereinsfußball in jeweiligen Stadion ansonsten meiden, weil ihnen 25 Euro für einen Sitzplatz zu teuer sind („den Driss muss ich mir doch nicht antun!“). Ist die Nationalmannschaft zu Gast, bezahlen sie mehr Geld, vergessen dann jedoch, dass Özil, Klose und Schweinsteiger ein anderes Kaliber sind als Levels, Amedick und Boll.

Ich weiß auch, dass man viel Geld hinblättern muss, um die deutsche Nationalmannschaft zu sehen. Ich weiß, dass die Preise mitunter nicht familienfreundlich sind. Was viele anscheinend immer noch nicht begriffen haben: Ein mitreißendes Spiel mit Weltklasse-Fußball ist nicht inbegriffen. Ich warte noch immer auf den Tag, an dem die Leute im Kino anfangen zu pfeifen, wenn die Sequenz von der 46. bis zur 68. Spielminute nicht ganz ihren Erwartungen entspricht.

27. März 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler | Schlagwörter: , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Recht hast Du !!!

    Ebenfalls unerträglich: Pfiffe bei der Einwechslung eines Deutschen Nationalspielers !!!

    Ätzend !!!

  2. Ich finde es arg befremdlich, dass bei Länderspielen der Fußballsachverstand offensichtlich nicht mit zum Stadionbesuch genommen wird. Dass man tatsächlich erwartet, eine Fußballmannschaft würde einen unterklassigen Gegner nach 3:0-Halbzeitführung weiter mit hohem Aufwand zerspielen wollen, ist ziemlich komisch. Wenn die Bayern zur Pause gegen Paderborn im Pokal zur Halbzeit 3:0 führen (nur mal als fiktives Beispiel) würde kaum jemand für die 2.Hälfte ein Fußballfest erwarten, sondern einen Favoriten, der das locker nach Hause spielt. Genau das hat die Nationalmannschaft auch gemacht und genau deswegen war auch die 2.Hälfte völlig ok. Man darf jetzt schon gespannt sein, was die Zuschauer machen, wenn es morgen gegen Australien in des Hausherren vier Fußballwänden an einigen Stellen klemmen wird..

  3. Nun ja, aber Du musst bemerken, daß der Bundesliga-Zuschauer für gwöhnlich kaum etwas mit dem DFB-Zuschauer zu tun hat. Ich würde den Anteil bei 10 Zuschauern auf 2 zu 8 schätzen.
    Von dem gewöhnlichen Betzenberggängern war ein geringer Anteil vor Ort, weil die Preise für unsere Gegend einfach viel zu hoch sind und zu DFB Spielen am Samstagabend eher Familien anreisen (nicht nur aus der Pfalz!) und so ein ganz anderes Klientel auf den Plätzen sitzt.
    Dann schreibt die Bild-Zeitung morgens, daß sich Neuer während des Spiels ein Tischfußball mitnehmen soll und dort gegen Mertesacker antreten, weil die Kasachen eh nie aufs Tor schiessen.
    Das prägt beim Event-Zuschauer eine Erwartungshaltung die mit einem 3-0 zur Pause auch bedient wird.
    Die Pfiffe gegen einen Spieler in unseren Farben kann ich nicht zuordnen, aber die auf FCK Fans zuzuordnen halte ich für falsch da (s.o) zu wenige vor Ort.
    Aus meinem Sitzplatzblock sagten 2 (!!) daß sie “hoch gehen” wie es bei uns heißt (man geht hier “uff de Betze” und nicht ins Stadion :-))

    Aber was solls, morgen werden wir mal schauen wie es in Gladbach läuft, wobei die australischen Fans meiner Meinung nach die tollsten und feierfreudigsten weit und breit sind.

    Gruß aus Lautern

  4. Für meine Gladbacher Pappenheimer will ich jetzt auch die Hand ins Feuer legen. Ich werd’s mir morgen mal ansehen und -hören.

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