Deutschland – Australien: Opa erzählt von früher

Einen solchen Satz hatte ich noch nie von ihm gehört. Und er neigte dabei nicht wie sonst so häufig zum Zynismus, als wir am Dienstagnachmittag telefonierten. „Ich bin schon ganz aufgeregt“, sagte Opa. So durfte ich mir zumindest vor dem Spiel am Abend sicher sein, dass die Länderspielkarte das richtige Geschenk zum 80. Geburtstag war.

Mit Schirmmütze im Borussia-Park.

Die Geschichte von seinem bis dahin letzten Stadionbesuch ist eine der meisterzählten in der Familie. 30. Juni 1974, Weltmeisterschaft, 2. Finalrunde, Gruppe B, Deutschland gegen Schweden, Rheinstadion Düsseldorf. Die Eintrittskarten hat mir meine Mutter mitsamt ihrer von Hand ausgefüllten Spielersteckbriefe mittlerweile vermacht, zusammen mit all den Zeitungsausschnitten und der Mitschrift des Radio-Kommentars vom WM-Endspiel, alles abgeheftet in einer Mappe voller bunten Blumen, wie eine 70er-Jahre-Tapete. 20 DM hat eine Karte damals gekostet, Hauptribüne Unterrang, das Vierer-Ticket für die Bahn gab’s für 3 DM.

Es schüttete damals aus Eimern, so viel ist überliefert, eine Light-Version der Wasserschlacht von Frankfurt wenige Tage später. „Wir saßen knapp hinter der Regengrenze“, erinnert sich Opa auf dem Weg zum Borussia-Park, „alle vor uns wurden pitschnass.“ Nur der DDR war es zu verdanken, dass er und meine Mutter überhaupt die deutsche Nationalmannschaft spielen sahen. Sparwasser, Hamburger Volksparkstadion – ein echter Glücksbringer.

Fast 37 Jahre sind seitdem vergangen. Fast 37 Jahre lang hat Opa kein Fußballstadion betreten. Was soll ich groß mutmaßen, wie gewaltig der Unterschied zwischen 1974 und 2011 sein muss? Ich habe nur Letzteres erlebt. Opa ist der Zeitzeuge.

Khedira, der Guttenberg

Fest steht: Das Verkehrsaufkommen wird damals geringer gewesen sein, obwohl mehr Zuschauer kamen. Gut eine Stunde brauchen wir von der Haustür bis zum Parkplatz, für 13 Kilometer. In der Hinsicht bin ich der Zeitzeuge, der unruhig auf dem Autositz hin und her rutscht. Opa sitzt gelassen auf dem Beifahrersitz und inspiziert die Verkehrsführung.

Pünktlich zum Einlauf der Mannschaften sitzen wir auf dem Platz, Osttribüne, meinen Opa hat es gebraucht, damit ich das Stadion einmal aus dieser Perspektive sehe. So sehen also Menschen aus, die 65 Euro bezahlen, um eine B-Version der deutschen Nationalmannschaft zu sehen. Nur Schweinsteiger, Müller und Podolski sind übrig vom Kasachstan-Spiel in Kaiserslautern. Mesut Özil hatte am Vormittag auf der Tribüne beim U17-Länderspiel in Düsseldorf gesessen. Sami Khedira saß daneben, schreibt der Videotext, und hat offensichtlich einen von Özils guttenberg’esk gegelten Freunden mit dem Madrid-Buddy verwechselt.

Auf dem Platz in Mönchengladbach stehen 22 Spieler, von denen nur Australiens Keeper Mark Schwarzer geboren war, als Overath, Bonhof, Grabowski und Uli Hoeneß zum 4:2 gegen Schweden trafen. Mario Götzes Eltern werden noch so jung gewesen sein, dass an Kinder nicht ansatzweise zu denken war.

Weihnachtliche Verhältnisse

Opa, Schirmmütze auf dem Kopf, macht einen zufriedenen Eindruck, findet die Gangart der Australier aber etwas zu hart, da müsste der Schiedsrichter mal etwas durchgreifen. Nach 26 Minuten sieht er sein erstes Tor seit fast 37 Jahren. Auf Uli Hoeneß folgt Mario Gómez. Ich sehe Opa vermutlich das erste Mal außerhalb seiner eigenen vier Wände klatschen. Und das, obwohl niemand ein Weihnachtsgedicht aufgesagt oder Blockflöte gespielt hat.

Und, Opa, wie gefällt‘s dir? „Es ist ja toll, wie nah man dran ist“, sagt er. „Das sind mal ganz andere Perspektiven als im Fernsehen. Man kann hinschauen, wo man will.“ Der Sitz? „Bequem.“ Die Akustik? „Sehr gut.“ Ein Alt? „Nein, danke.“ Letzteres verwundert mich dann doch.

Wie aus einem gelungenen Fußball-Abend ein missratener wird, ist schnell erzählt. Australien trifft aus heiterem Himmel zum 1:1. Australien bekommt aus heiterem Himmel einen Elfmeter und geht in Führung. In der Folge rennt die deutsche Mannschaft zwar bemüht, aber wenig effektiv an. Das Publikum reißt sich zusammen. Man hat das Gefühl, der Anteil der Leidgeprüften im Borussia-Park ist zu hoch, um die 30 000 großartig aus der Ruhe zu bringen. Trotz des Rückstandes sind Jogis Jungs ohnehin in einer komfortablen Position: Es ist weitaus einfacher, sich gegen eine Niederlage zu stemmen als gegen einen Sieg.

Verarscht vom DFB

30 000 Zuschauer sind ein ziemlich mauer Besuch. Man muss keine aufwendigen Analysen in Auftrag geben, um herauszufinden, dass es an den Preisen liegt. Ein Blick auf die Tribünen genügt. Hinter den Toren, Tickets im 20er-Bereich: So gut wie ausverkauft. Die Geraden, 65 Euro für Vollzahler: Voll ist anders. Wer Mesut Özil dann noch an einem Dienstagvormittag mit Sonnenbrille im VIP-Zelt eines kleinen Düsseldorfers Stadion sitzen sieht, fühlt sich verarscht. Düsseldorf oder Madrid – Hauptsache, nicht Nationalmannschaft? Ich bin kein Freund davon, fürs Eintrittsgeld auch ein gutes Spiel zu erwarten. Doch im Kino sind die Schauspieler, die auf dem Plakat stehen, auf jeden Fall dabei. Wie gut der Film ist, ist dann eine andere Sache. Der DFB läuft Gefahr, sich mit diesen freundschaftlichen Traininsspielen lächerlich zu machen.

Alles andere als lächerlich: Miroslav Klose kommt für Mario Gómez und wird empfangen, wie der Papst auf dem Weltjugendtag. Was beide gemeinsam haben? Man versteht sie kaum, wenn sie etwas sagen. Klose kann obendrein ziemlich gut Fußball spielen. Anders als Kollege Gómez bewegt er sich dabei sogar und sieht nicht aus wie eine Junge, der gegen seinen Willen zum Flötenkurs angemeldet wurde. So ist Klose in der Schlussphase ein rarer Lichtblick. Bei einem Konter ist er erst zu schnell, dann zu langsam und setzt den Ball knapp mit dem Außenrist am Tor vorbei. Eine starke Einzelaktion in der letzten Minute wird im Strafraum mit einem Foul gestoppt. Die gelbe Karte für die vermeintliche Schwalbe ist ein Witz. Aber irgendetwas muss an einem ansonsten tristen Fußball-Abend ja auch zum Lachen sein.

„Da geb‘ ich aber einen schlechten Einstand heute“, sagt Opa, ohne sich verkneifen zu können, dass wir es dagegen ja gewohnt seien, im Borussia-Park zu verlieren. Das Traurige: Er hat natürlich Recht. Wobei ich mich maßlos ärgere, als das Spiel vorbei und verloren ist. Ich hasse Verlieren, jawoll. Und ich bin entsetzt, dass die deutsche Nationalmannschaft Freundschaftsspiele gegen Australien oder Norwegen verliert, ohne einen sonderlich verärgerten Eindruck zu machen. Der Abpfiff ist noch nicht ganz verhallt, da wummert schon Musik aus den Lautsprecherboxen. Das Pfeifkonzert, das eigentlich gemäßigt ausfällt, wird zensiert. Selbst meine Länderspiel-Bilanz ist beschissen: Drei Siege, drei Unentschieden, zwei Niederlage, zwölf Punkte aus acht Spielen. Man glaubt es kaum – meine Gladbach-Bilanz ist besser.

Selbst eine verkorkste Rückreise kann Opa nach verkorksten Hinreise und einem verkorksten Spiel nicht aus der Ruhe bringen. Zehn Minuten lang stehe ich mit dem Fuß auf der Kupplung und warte, dass ich aus der Parklücke fahren kann. Zehn Minuten lang stehe ich, nachdem ich den Motor wieder ausgestellt habe. Dann geht es querfeldein über den Parkplatz, fast die Wanne an einem Bordstein aufgerissen und irgendwie entgegen jeglicher Verkehrsführung auf die Autobahn. Nach Mitternacht lasse ich Opa vor seiner Haustür raus. Welch eine Serie, die da zu Ende gegangen ist: 37 Jahre ohne Niederlage.

30. März 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler | Schlagwörter: , , , , | 8 Kommentare

Kommentare (8)

  1. Eine fußballverrückte Familie, wie schön ;)

  2. Toll!
    Und wie ist das erst schön, wenn Opa mit Enkel aufn Platz gehen kann :-) Wünsche Euch, daß ihr noch viele Spiele miteinander sehen könnt.

    PS: Wie war Dein Gefühl? Warn das Ur-Borussia-Dauerkarteninhaber oder auch wie bei uns total gemischtes Publikum? Die Preise schreckten viele bei uns auch ab

  3. Schön, sowas ähnliches hab’ ich zuletzt auch mal erlebt. War letzten Samstag mit meinem Opa bei Dynamo (Dresden) im Stadion. Früher zu DDR-Zeiten war er Dauerkartenbesitzer im alten Harbig-Stadion, seitdem war es erst sein zweiter Besuch. Dritte Reihe, fast direkt am Spielfeld. Großartig.

    Ob sich der DFB mit der Preispolitik einen Gefallen tut, ist fraglich. Ich habe grundsätzlich nix dagegen, wenn Spiele gegen Australien oder Schweden dazu genutzt werden, andere Spieler zu testen. Dann sollte man das aber auch vorher mit dem Bundestrainer besprechen und für diese Partien dann ein deutlich geringers Preisniveau ansetzen.

    Meine Länderspielbilanz: 1-0-0, 4:0 Tore… und Pfeifkonzert gegen Gomez ;-)

  4. @Max: Mein Opa war in den 50ern nd 60ern desöfteren bei Fortuna Düsseldorf. Hab’ auch gestern erst erfahren, dass meine Oma sogar mitgegangen ist.

    Was die Testspiele angeht, sehe ich es wie du. Schürrle, Götze und Co. profitieren sicherlich von diesen Extra-Einsätzen, die sie sonst nicht bekommen würden. Aber man fühlt sich – wie gesagt – eben verarscht, wenn man in all seiner Naivität zumindest ansatzweise mit dem Top-Aufgebot rechnet.

    @Betzebub:
    War ganz interessant: Hinter uns saßen eindeutig Dortmund-Fans, die nach dem 1:2 am meisten geflucht haben. Dazu generell viele Kennzeichen aus dem Westen: KLE, DU, D, K, MH. Die angestammten Gladbacher schienen tatsächlich etwas geduldiger zu sein. Wie viele es waren, kann ich aber nicht sagen. Wenn meine Theorie stimmt, dass Fans von abstiegsbedrohten Vereinen weniger anspruchsvoll sind, dann müssen es also tatsächlich Nicht-Lauterer gewesen sein, die vergangenen Samstag so euren Ruf versaut haben.

  5. Deine Länderspielbilanz nimmt sich gegen meine Bilanz im Borussia Park doch ganz gut aus – den letzten Sieg in diesem Stadion sah ich am 9.4.2010 und nachdem ich in dieser Saison noch Niederlagen beim KEV am Wochenende und beim KFC vor einiger Zeit gesehen habe, glaube ich langsam auf mir lastet ein Fluch. Vor mir saßen übrigens K… Fans – die haben immer irgendwas mit Lukas gerufen :-) -
    Die Preise waren übrigens echt ein Witz – ich hab mich dann mal für die 20er Version entschieden…

  6. Sehr schöner Text. Wünsche mir gerade, ich wäre früher mal mit meinem Opa zu seiner Braunschweiger Eintracht gegangen.

    Meine Länderspielbilanz ist kurz, aber positiv: 1-0-0, bei 4:2 Toren (dank Lehmanns Spickzettel).

  7. Danke!

    Viertelfinale gegen Argentinien? Danach wäre ich nie mehr ins Stadion gegangen, man soll doch aufhören, wenn’s am schönsten ist.;)

  8. War seitdem tatsächlich nur selten im Stadion. Aber nur weil meine Bremer ihre Heimspiele aus mir unerklärlichen Gründen nicht in Berlin austragen wollen. ;)

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