Bayern – Gladbach: Aprilschmerz

Auswärtsspiele in München sind in unschöner Regelmäßigkeit ein einseitiges Unterfangen. Diesmal war es zwar knapp, doch das Resultat unterschied sich unwesentlich von den 42 Bayern-Reisen davor – Gladbach stellte sich 77 Minuten ganz ordentlich an. Dann kam ein Fehlpass, dann kam Robben und der Traum vom Überraschungscoup war geplatzt. Alles wie gehabt.

Früher bedeuteten Länderspielpausen zwei Wochen Entspannung. Jetzt fühlt sich der vom Abstiegskampf Gebeutelte auf einmal entfremdet, wenn auf Kasachstan und Australien – zwei weit entfernte, unbekannte Landstriche – die Bayern folgen. Was anfangen mit dieser Saison, die verloren scheint, es aber noch nicht mit letzter Gewissheit ist? Was für Ziele setzen, wenn jede Zielsetzung nach “Platz 17 holen” oder “die 30 Punkte voll machen” klingt?

Jahr für Jahr bekommt die Borussia zu Saisonbeginn eine Liste mit 33 Terminen vorgelegt. Hinter einem weiteren ist – ganz blass, man kann es kaum sehen – ein Sternchen eingetragen, das signalisieren soll: Die Partie gibt es oben drauf, 33 aus 34 plus Superzahl. Denn nur eines seiner 42 Gastspiele beim Rekordmeister in München hat die Borussia gewonnen. Als der FC Bayern noch gar nicht Rekordmeister war, befand sich der VfL auf dem besten Weg, selbst den damals führenden 1. FC Nürnberg abzulösen. Und wann immer heutzutage dieses eine Bonus-Spiel ansteht, wird man schmerzlich an diese Zeit erinnert. Irgendjemand kramt das Bild von den Wimpel tauschenden Netzer und Beckenbauer vom Dachboden. Es ist wieder 1972. Und man denkt sich, ganz Niederrheiner: Bleib’ mich bloß weg damit!

Sommerfußball

Tatsächlich beginnt das Auswärtsspiel in der Allianz-Arena diesmal alles andere als schmerzhaft. Die Bayern-Fans schweigen aus Protest, weil ihnen jemand so etwas wie Dankbarkeit und Demut anscheinend nie gelehrt hat. Uli Hoeneß, der Gutmensch im positiven Sinne, hat den kränkelnden Kollegen von 1860 München unter die Arme gegriffen. Dann – der Münchner hat es im Hinterkopf, der gleich hinter der Stirn beginnt – will dieser Gutmensch Uli auch noch Manuel Neuer verpflichten, den derzeit besten Torhüter der Welt. Da hat man in Gladbach doch tatsächlich Angst vor so etwas Banalem wie dem Abstieg. Bekommt Albträume von Eigentore faustenden Torhütern, während es viel größeres Leid im Fußball-Kosmos gibt.

Die Anfangsphase bestreitet die Borussia getreu dem Motto “Ballbesitz ist das neue Toreschießen” – jede Kombination über drei Stationen ist ein gefühlter Treffer. Nach 20 Minuten steht es nach dieser Rechnung unentschieden, 17:17. Es ist ziemlich öde, was beide Mannschaften da anbieten. Aber es gibt eben Zeiten, da ist “öde” ein Kompliment, zumindest für den Tabellenletzten aus Mönchengladbach. Die Tatsache, dass Kommentator Marcel Reif diesen Fakt 79-mal wiederholt, gleicht somit einem Ritterschlag.

Was gibt es groß zu erzählen von der ersten Halbzeit? Gladbach spielt ordentlich, wie eine Bockwurst, die jemand vorne und hinten in Nutella getaucht hat: zwischen den Enden ganz schmackhaft, vorne und hinten will keiner hinsehen. Die Bayern spielen ihre Rentner-Version vom FC Barcelona, ohne Messi, ohne Tore, ohne Schönheit, ohne Entenfüttern. Nur Dante funkt in den Sommerfußball hinein, als er einen zweiten Ball aufs Spielfeld wirft, um einen Konter der Bayern zu verhindern. Clever, dreist, aber eben auch clever.

Katastrophen-Tourismus

Schon ist Pause. Die Gäste im Public-Viewing-Wohnzimmer schwärmen aus, nachdem sich die Kommentare gehäuft hatten, wie bekloppt es eigentlich sei, bei 25 Grad am 2. April in der Bude zu hocken und Fußball zu gucken. Damit bin ich überfordert und kann nur entgegnen, dass ich an einem Samstag im April womöglich seit 1995 nichts anderes mehr gemacht habe. April – das ist der Monat ohne Länderspiele. Tatsächlich: Nur im allerersten April meines Lebens im Jahr 1990 hat die Bundesliga an einem Samstag pausiert. Bitter oder bemerkenswert? Der Grill, den draußen jemand angeschmissen hat, riecht jedenfalls gut.

Nach der Halbzeit ist es viel leerer im Wohzimmer. Merkwürdig, dass tendenziell die Nicht-Gladbach-Fans den Weg zurück gefunden haben – Katastrophen-Tourismus im Wohnzimmer. Erst weint ein Leverkusen-Fan, weil Bayer noch nicht in Kaiserslautern führt. Dann kommen auch einem Dortmund-Fan die Tränen, als Hannover in Führung geht. Am Ende gewinnen beide dennoch und alle Tränen sind getrocknet. Inmitten des kollektiven Spitzenduo-Freudentaumels könnte ein ebenfalls glückliches Schlusslicht sitzen. Doch dann gehen wieder die Lichter aus.

Vor dem Todesstoß ist Gladbach jedoch minutenlang am Drücker. Roman Neustädter mutiert zum Bundesliga-Spieler, Marco Reus zum DFB-Anwärter und Karim Matmour zum Joker. Die Borussia spielt wie ein Tabellenzwölfter. Das klingt ironiegeschwängert, soll es aber gar nicht sein. Michael Frontzeck hätte sich danach hingestellt und gesagt: Ich habe ein gutes Auswärtsspiel meiner Mannschaft gesehen – aber dann mussten wir der individuellen Klasse des Gegners Tribut zollen.

Kein Aufbäumen nach dem Gegentor

Reus zollt den Tribut in Form eines haarsträubenden Fehlpasses. Robben, Ribéry, Robben, Robben, Ribéry, Robben. So in etwa sieht es aus. Vielleicht noch ein bisschen mehr Robben, ein wenig Ribéry, kein Bailly, schon ist der Ball drin. Nach 77 Minuten ist das Spiel vorbei, womit man endgültig darauf pochen sollte, dass die Borussia am Ende der Saison noch zwei, drei Spielen dranhängen darf, um auch auf 34-mal 90 Minuten zu kommen. Denn von Aufbäumen ist nach dem Gegentor erneut nichts zu sehen.

Objektiv gesehen, ist der große Favre-Effekt bislang ausgeblieben: Zwei Punkte auf den Relegationsplatz aufgeholt, den Abstand auf 15 gehalten, Kontakt zum 17. verloren.

Objektiv gesehen, ist der große Favre-Effekt bislang ausgeblieben: Zwei Punkte auf den Relegationsplatz aufgeholt, den Abstand auf 15 gehalten, Kontakt zum 17. verloren.

Abgestiegener als vorher ist die Borussia nach einer erwartbaren Niederlage in München aber immer noch nicht. Mitnehmen lässt sich lediglich die Erkenntnis, dass die Lage der Borussia in der Tabelle nicht schlimmer geworden ist – bis auf eine Zahl. Die 62 Gegentore wären zu verkraften, sogar die 23 Punkte. Nur die 28 bereitet Probleme, weil es damit nur noch sechs Spiele bis zur 34 sind und der Abstand zu den mehr oder minder rettenden Ufern seit der Winterpause konstant ist. Womöglich wird er es bleiben und alle Borussen stünden vor der Herausforderung, die sechs Punkte zu suchen, die in der Hinrunde zu viel vergeigt worden sind.

Bei aller Tristesse, an der sich weder auf dem Papier noch im Herzen etwas geändert hat, habe ich Montagvormittag Karten fürs Auswärtsspiel in Hannover gekauft. Unter Umständen ist dieses Unterfangen so aussichtslos, als würde ich Tickets für ein Michael-Jackson-Konzert bestellen. Aber die Beweggründe sind eindeutig: Ich will im dritten Versuch endlich live im Stadion absteigen und nicht posthum an einem Sonntag, weil irgendein Konkurrent einen Punkt zu viel holt. Oder kennt jemand Leute, die wegfahren, während ihr Haus in Flammen steht und sie realisieren, dass nichts mehr zu retten ist?

Und sollte es aus einem unerklärlichen Grund anders kommen, sollte Gladbach weder gegen Dortmund noch gegen Hannover, Freiburg oder Hamburg absteigen, dann wäre ich der Letzte, der dagegen protestiert. Ich habe nicht aufgegeben, ich habe nur den Glauben verloren – auch daran, dass die Mannschaft sogar beide Aussagen verneinen würde.

04. April 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. “Gladbach spielt ordentlich, wie eine Bockwurst, die jemand vorne und hinten in Nutella getaucht hat: zwischen den Enden ganz schmackhaft, vorne und hinten will keiner hinsehen”
    sehr lustig Jannik und sehr treffend :D obwohl ich Nutella gerne durch Schoko-Schnaps ersetzen würde, ähnlich süß und zäh und passt ja eindeutig besser zur dritten Halbzeit am Samstagabend.

  2. Momentan gibt es nur noch einen Grund der uns als Gladbacher ein Lächeln ins Gesicht zaubert….

    ..dieser Blog! Einfach der Hammer. Immer weiter so auch in der 2. Liga.

    Und egal ob wir absteigen… Nächstes Wochenende bluten die *ölner.

  3. Eigentlich war es schon bitter – in München war diesesmal mehr drin gewesen. Ich ertappe mich dabei, schizophren zu werden. Einerseits habe ich immer noch eine gewisse Resthoffnung auf den Klassenerhalt (also erstmal Platz 16, is klar), andererseits gucke ich jetzt öfter mal, was sich so in der Zweiten Liga tut und wappne mich innerlich schon für die beschissenen Anstoßzeiten.

    Ich hoffe wirklich inständig, daß das Team wenigstens gegen den Äffzeh den Rücken gerade macht. Und insgesamt, daß es keinen “niederrheinischen” Abstieg gibt, sondern das Team kämpfend absteigt!

  4. @Kerstin: Dritte Halbzeit? Samstagabend?;)

    @Max: Danke, das freut mich! Am Rande: Glückwunsch! Du hast den 1000. Kommentar auf dieser Seite geschrieben.

    @Neuköllnfohle: Diese Situation macht einen auch schizophren. Kein normaler Mensch kann mehr ernsthaft daran glauben, dass noch was geht. Aber kein normaler Mensch kann bei all dem, was möglich ist im Fußball (erst Recht in dieser Saison), schon sechs Spieltage vor dem Ende kapitulieren.
    Mit dem “niederrheinischen Abstieg” meinst du das wehrlose Dahinsiechen zum Ende der Spielzeiten ’99 und ’07? Das würde ich mir auch wünschen – dass es diesmal wenigstens etwas länger dauert, bis es amtlich ist; dass man wenigstens mal bis zum 33. Spieltag zittern kann.

  5. Ist das auch kein gebackenes Jubiläum? Ich bin da etwas misstrauisch :D

  6. Wenn du so willst, vermutlich doch. Spam-Kommentare landen ja immer im Spam-Ordner und werden gelöscht. Man nennt sie auch die “Zweite Liga der Kommentare”.

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