Inter Mailand – Schalke 04: Geflasht

Hat man so etwas schon einmal gesehen? Man hat viel gesehen. Womöglich auch schon etwas, das einem 5:2 von Schalke 04 bei Inter Mailand ähnelt. Fest steht nur: Man könnte mehr davon vertragen.

Fußball-Fans reagieren seit geraumer Zeit wie strenggläubige Katholiken auf den Ostergottesdienst im Fernsehen, wenn irgendwo ein Spiel vom FC Barcelona oder von Real Madrid im Free-TV übertragen wird. Alle schalten ein. Messi, Iniesta und Xavi oder auch Özil, Ronaldo und Casillas spielen. Das muss doch gut sein – ein Fußball-Dogma.

Europacup-Spiele mit italienischer Beteiligung wecken dagegen wenig Vorfreude. Erst Recht, wenn Bayern München und Inter Mailand sich vor wenigen Wochen zwei Duelle geliefert haben, die dann aus fußballerischer Sicht doch eher ein Segen waren. “Urbi et orbi” – so etwas Mitreißendes, jenseits aller Regeln des gepflegten Catenaccio, kann es nicht mehrfach innerhalb so kurzer Zeit geben.

Stankovic aus 51 Metern – nicht von dieser (YouTube-)Welt

Entsprechend gedämpft war die Vorfreude bei mir am Dienstagabend. Zumal nicht nur Inter Mailand, sondern obendrein der FC Schalke 04 involviert sein sollte – Ostergottesdienst nicht nur ohne Papst, sondern auch ohne Ostern. Zum Glück lege ich beim Fußballgucken immer so viel Disziplin an den Tag, dennoch pünktlich zum Anpfiff vor dem Fernseher zu sitzen. Denn wann kommt es schon vor, dass ein Torwart den Ball in der 27. Sekunde vorbildlich aus der Gefahrenzone an die Mittellinie köpft (ja, köpft) und ein Gegenspieler ihn von dort, aus 51 Metern, volley ins Tor schießt, ohne dass er den Rasen berührt? Mir ist nicht einmal ein YouTube-Video von den Kapverdischen Inseln bekannt, das so etwas zeigt. Ich hätte mich geärgert. (Huge hat Recht: Es genügt, bei Stankovic selbst mit dem Suchen zu beginnen. Das ist wirklich mal verrückt.)

Heutzutage ist man ja nicht mehr mitgerissen von mitreißenden Ereignissen, man ist “geflasht”, wie von einem Kamerablitz, der vor den Augen in dunkelster Dunkelheit losgeht. Diese Situation – Dunkelheit, Augen, Kamerablitz – umschreibt wohl ganz gut, wie sehr mich dieses Spiel in Mailand geflasht hat. Es mag auch daran gelegen haben, dass ich das Spiel neben einem Schalke-Fan auf einer Couch in einem kleinen WG-Zimmer gucken musste. Dort fühlt man sich bei einem 5:2 der Königsblauen in San Siro zwangsläufig wie ein Schalke-Mitglied, wenn die Couch bei jedem Tor um 360 Grad gedreht wird.

Nach Edus zweitem Treffer, dem letzten der Partie, kam die Frage auf, wie man diese Schalker Mannschaft nun taufen könne. “Eurofighter passt ja nicht wirklich. Die kämpfen ja nicht.” Die Wahl fiel auf “Eurosöldner”, was mich den Schalkern in der Champions League noch mehr die Daumen drücken lässt, nur um in einigen Jahren eine DVD mit dem Titel “Die Eurosöldner” erwerben zu können.

Apropos Edu. Was ist das für eine Welt? 2004 kegelt der angeblich einzige Brasilianer, der nicht Fußball spielen kann, seinen Verein, den VfL Bochum, mit einem Luftloch der übelsten Sorte aus dem Uefa-Cup, um sich irgendwann zum Stürmer umschulen zu lassen und für Schalke 04 im Viertelfinale der Champions League 2011 zwei Tore bei Inter Mailand zu schießen.

Raucher-Ikone Thurn und Taxis

Am Ende sangen die Schalker Fans “Inter, Inter, zweeeeiiite Liiiga” und gewannen damit auch den Kreativpreis des Abends. Sieger in der Kategorie “Dem Zuschauer aus der Seele sprechen”: Fritz von Thurn und Taxis. Es ist einem oft ein Rätsel, was in dessen Kopf vorgehen muss. Dienstagabend dürfte der Sky-Kommentator jedoch vielen aus der Seele gesprochen haben, auch den Nikotin-Abtrünnigen: “Jetzt brauch’ ich erstmal ein Zigarettchen.” Inter Mailand 2, Schalke 04 5 – ein Spiel, um mit dem Rauchen anzufangen.

06. April 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Auswärtiges Amt | Schlagwörter: , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Kleiner Hinweis: Man muss bei Youtube nicht auf die Kapverdischen Inseln zu gehen, um ein ähnliches Tor zu finden. Man kann sogar gleich bei Stankovic bleiben: http://youtu.be/fiHzfjdqwnM
    Schon verrückt.

  2. In der Tat verrückt. Das nenn’ ich mal Kommentatoren-Power. Danke dafür! Dass der Ball einmal auftippt, sei Stankovic verziehen.

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