Gladbach – Köln: Keine Pferde, keine Apotheke

Da ist Gladbach nach zwei bitteren 0:1-Pleiten in Folge so gut wie am Ende – und nutzt im Derby gegen den 1. FC Köln die allerletzte letzte Chance. Der Lohn: Eine neue letzte Chance gegen Mainz am Freitag. So aussichtsreich wie jetzt war die Tabellensituation letztmals nach dem 15. Spieltag. Die Hoffnung ist so plötzlich wiedergekommen, dass ich versuche, mit ungewöhnlichen Mitteln nachzuhelfen. Eiswürfel in Rautenform spielen dabei eine tragende Rolle. Man kann es kaum in Worte fassen, was am Sonntag im Borussia-Park passiert ist. Gefunden habe ich in der Euphorie, die einfach nicht dem Realitätssinn weichen will, dennoch mal wieder zu viele.

Acht Uhr am Sonntagmorgen halte ich für eine wenig humane Zeit. Insbesondere wenn der Wecker nur vier Stunden, nachdem er gestellt wurde, schon wieder klingelt. Doch das Derby ruft, und weil derbymäßig in Dortmund gar nichts mehr ruft in dieser Saison, bedeutet das: Raus aus der Stadt, ab an den Niederrhein.

Etwas einsam und verloren stehe ich also um kurz nach Neun mit einem Kaffee und einem Frühstück von McDonald’s auf dem Bahnsteig. Ein IC fährt ein. Drei, vier, fünf Gestalten torkeln aus dem Zug, die so aussehen, als wenn sie ein Bett weder gesehen noch gesucht hätten. Die schwarz-gelbe Kleidung erstickt lange Raterunden im Keim, wo sie wohl in den Zug gestiegen sein mögen. Ich nehme einen großen Schluck Kaffee und bin plötzlich dankbar dafür, nach einer kurzen Nacht bei strahlendem Sonnenschein bereits am Bahnhof zu stehen – es könnte schlimmer sein.

Kurz nach dem Aufstehen hat mich nach langer Zeit der Abstinenz mal wieder der Aberglaube gepackt. Beim Blick ins Gefrierfach war mir am Abend zuvor mein Geburtstaggeschenk aus dem vergangenen Jahr aufgefallen: Eine Eiswürfelform, die zwölf gefrorene Rauten herstellt. Seit dem Freitag vor dem Pokalspiel in Aue sind die Eiswürfel nicht angerührt worden. Nicht ganz so lange steckt die Borussia im Abstiegsschlamassel – das genügte, um das Hirn schnell vom Thema Eiswürfen zum Thema Abstiegskampf kommen zu lassen.

In vertrauter Rauten-Runde

Es liegt auf der Hand: Elf Spieler, die mitunter auftreten wie gefrorenes Wasser, nicht eiskalt vor dem Tor, sondern erstarrt vor Angst und Ehrfurcht. Dazu Fans, die sich kaum noch regen können vor lauter Frustration und all den anderen Gefühlen, die der Abstiegskampf so weckt. Während ich mit 37 Minuten Verspätung in den Zug steige, tauen zwölf Eiswürfel auf meiner Fensterbank auf. Noch ahne ich da nicht, was ich mir mit dem Irrsinn für die kommenden Wochen eingebrockt habe.

Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass die Endphase der Saison eingeläutet ist. Bestimmte kann man sogar essen. Denn mit dem Ende der Bundesligasaison nimmt traditionell die Grillsaison Fahrt auf. Nach drei Stunden Zugfahrt für läppische 100 Kilometer sitze ich um Zwölf mit rund zehn Freunden am Tisch – auf dass Bauchfleisch und Nackensteaks dem Frühstück Gesellschaft leisten mögen.

Mein Umzug nach Dortmund hat mich mit Fans von etwa acht verschiedenen Fußballvereinen zusammengeführt. Ihnen habe ich es zu verdanken, dass seit November eine verdammte rote Laterne im Regal ein eher trauriges Dasein fristet. Da kann es bei aller Liebe nach all den Monaten der Sticheleien und Häme ziemlich wohltuend sein, gemeinsam mit gleichgesinnten Rautenträgern in Erinnerungen an eine Auswärtsfahrt nach Offenbach zu schwelgen, alle Gladbacher Tormelodien der vergangenen 15 Jahre durchzugehen und dabei im Hintergrund 30 Minuten Fangesang vom Bökelberg auf CD laufen zu lassen.

Dante, Dezibel-König

Die Sonne knallt vom Himmel, was angesichts einer interessanten Statistik aus dem FohlenEcho das nächste gute Omen ist. Anlässlich des 100. Bundesligaspiels im Borussia-Park (Zweite Liga und DFB-Pokal sind ja anscheinend Schall und Rauch, wenn es um ein Jubiläum geht) sind die lautesten Tore im Stadion seit Beginn der Messungen aufgelistet.

Dantes erlösendes Kopfballtor gegen Dortmund 2009 führt die Liste mit 99,8 Dezibel an, knapp vor Karim Matmours 1:0 gegen Bremen im August 2008. Was die ersten sechs Werte verbindet: Sie stammen allesamt von Toren, die bei Sonnenschein erzielt wurden. Der nicht in mir steckende Wissenschaftler fragt sich deshalb: Schießt die Borussia bei Sonne mehr Tore? Scheint häufiger die Sonne, als sie es nicht tut? Ist der Mensch bei Sonne schneller in Ekstase? Hält Regen die Klangwellen zurück? Und warum haben wir das Bedürfnis, die Lautstärke des Torjubels zu messen?

Wie auch immer, der Tag kann sich absolut sehen lassen, als wir um 14 Uhr am Borussia-Park aus dem Bus steigen. Dass tatsächlich das Derby ansteht, hat man bis dahin bestenfalls in der Zeitung gelesen, es aber nirgendwo bemerkt. Dann geht der erste Böller los, ein zweiter folgt. Vor dem Urinier-Wald, der mittlerweile zum Borussia-Park gehört wie Maskottchen Jünter und die Tormusik von Scooter, warten wir auf zwei Kollegen, die noch, nun ja, pinkeln müssen.

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Plötzlich steigt grüner Qualm vom Boden auf. Irgendein Vollidiot hat eine Rauchbombe gezündet. Das ist in etwa wie Feuerwerk im Wohnzimmer: Ohnehin bescheuert, aber noch mehr im eigenen. Kurz zuvor war noch ein Wagen vom Ordnungsamt vorbeigefahren. Als der wieder zurückkommt von seiner kleinen Runde, hat sich der Hobby-Pyrotechniker aus dem Staub gemacht. Mit dabei: Seine Freundin – “Schatz, pack’ was zum Abbrennen ein, wir machen einen Sonntagsausflug.” Solche Leute sind es, die jegliche Diskussion um die Legalisierung von Pyrotechnik überflüssig machen.

Wir ziehen weiter, sind auf dem Grünstreifen vor der Nordkurve, der Vorfall ist schon wieder vergessen, als ich bemerke, wie sich von allen Seiten langsam, aber mit eindeutiger Sicherheit ein paar Bundespolizisten nähern. “Es wurde beobachtet, wie aus ihrer Gruppe pyrotechnisches Material gezündet wurde”, sagt einer von ihnen. Zweimal Passiv in einem Satz – handfest ist anders. Trotzdem sammelt er unsere Personalausweise ein, geht ein wenig zur Seite, um zu telefonieren. Selbst Unschuld kann sich unangenehn anfühlen. Der Mann vom Ordnungsamt wird es wohl gewesen sein, der aus seinem VW-Bus, lässig den Arm aus dem Fenster haltend, nicht richtig hingesehen hat.

Einer der Polizei-Kollegen belehrt uns, dass es nun klüger sei, jegliche Pyrotechnik sofort herauszugeben, bevor wir kontrolliert würden. Seine Hände bleiben leer – so bestimmt, wie er spricht, scheint ihn das überraschen. Nach und nach werden wir abgetastet, so sorgfältig, dass sie mich sogar vergessen. Konsequenz im Vorgehen gegen Pyrotechnik ist schön und gut, konsequente Konsequenz wäre noch schöner. Die Situation ist schon absurd: Da steigt man nichtsahnend aus dem Bus und steht fünf Minuten später in einem Kessel aus Bundespolizisten, von denen einer schier endlos am Handy hängt und Fragen klärt, die man ihm einfach beantworten kann.

Neue Rettungstheorien im Minutentakt

Man hat sie ja schon gehört, die Geschichten von Leuten, die irgendwo daneben standen, nichts gemacht haben wollen und kurz darauf Post im Briefkasten haben. Man weiß nie, was davon stimmt. Bis Sonntag habe ich immer daran geglaubt, dass vieles erfunden sein muss, dass die Wahrheit wie gewohnt ein dehnbarer Begriff ist. Als der Polizist uns unsere Ausweise wieder in die Hand drückt, ist mein Glaube an die Justiz zumindest immer noch intakt. Wie schnell das gehen kann – jemand sieht Dinge, die nicht passiert sind, jemand schaut nicht richtig hin – kann ich mir nun zumindest vorstellen.

Die Aktion hat es jedenfalls geschafft, dass die gewohnte innere Unruhe das sonnige Gemüt verdrängt. Ich schaue auf den Platz und sehe Bailly wieder fausten. Wieder bin ich der Ball und wieder ist das nächste, was ich sehe, das Tornetz. Nach dem Bayern-Spiel habe ich mich gefragt, was man mit dieser Saison noch anfangen soll. Nach der Entlassung von Michael Frontzeck hatte ich mich geweigert, die Dinge allzu pessimistisch zu sehen, solange der Borussia nur ein Sieg fehlt, um den Anschluss an die anderen Teams wieder herzustellen. Jetzt ist es Sonntag, Derbyzeit, der 29. Spieltag und Gladbach hat zum wiederholten Male die allerletzte Chance.

Durch meinen Kopf rattert alle paar Minuten eine neue Rettungstheorie. Es fühlt sich an wie ein ICE, der durch den Bahnhof rast, während man am Gleis steht. Für echte Derbygefühle ist kaum Zeit. Die Jungs von Lucien Favre könnten an der Seite von “Barfuß Jerusalem” ins Stadion einlaufen, ich wäre nicht mehr oder minder aufgeregt. Da passt es natürlich bestens, sich obendrein noch über circa 15 Bengalos aufzuregen, die die Kölner in ihrem Block zünden. Eine Seite über Fußball-Derbys erfreut sich an der “schönen südländischen Atmosphäre” und hat wohl etwas zu viel griechische Livestreams geguckt.

Ein Tag in Wellen

Schon vor der “Elf vom Niederrhein” war über die Stadionlautsprecher mit größerer Vehemenz als sonst das Zünden von Pyrotechnik untersagt worden. Es half gar nichts. Man muss fast vermuten, dass es Gegenteil bewirkte. Schiffe zünden Leuchtraketen, um in Not schnell gefunden zu werden, anscheinend ist es im Stadion nicht anders. Denn wer eine halbe Minute lang mit einem Bengalo in der Hand regelrecht “Hier bin ich!” schreit, dem kann nicht viel am Stadionbesuch liegen.

Vorfreude, Zugodyssee – Grillgenuss, ein Hauch von Polizeigewahrsam – Gänsehaut im Stadion, Inferno im Kölner Block: Das Spiel hat noch nicht begonnen und schon verläuft der Tag äußerst wellenförmig. Das nächste Hoch lässt lange auf sich warten. Gladbach hat Ballbesitz in Barcelona-Sphären, Köln begnügt sich damit, seinen Teil dazu beizutragen. Jeder Rückpass auf Marc-André ter Stegen, den Debütanten im Tor, gleicht einer Charity-Aktion. Der “Super-Bubi” und “Mini-Kahn” (ob der “süßen” Ausdrucksweise könnte man einen viel höheren Frauenanteil in Sportredaktionen des Boulevards vermuten) hat leider so viel Kraft im Fuß, dass seine Pässe regelmäßig zu lang für einen trägen Mike Hanke sind.

Die meisten Aktionen der Anfangsphase fallen in die Kategorie “Annäherung”. Am 29. Spieltag, mit fünf Punkten Rückstand auf Platz 16, in der ersten halben Stunde des rheinischen Derbys sieht man anscheinend nur schwarz-weiß. Mit dieser Sehschwäche im Hinterkopf macht alles einen ziemlich lethargischen und uninspirierten Eindruck. Doch zum Glück folgt auf die Diagnose schnell die Heilung.

Ein Spiel wie eine Fünf-Minuten-Terrine

In der 29. Minute bricht ein Eckball den Bann. Mike Hanke verlängert mit dem Kopf so gewollt auf den langen Pfosten, wie man nur kann. Juan Arango steht da, wo man einen Arango gar nicht vermutet. Somit wäre auch geklärt, warum der Venezolaner seinen Torjägerinstinkt so wohldosiert einsetzt. Der Effzeh ist völlig unvorbereitet und muss zusehen, wie Arango sicher zum 1:0 einschießt – Dantes 99,8 Dezibel von damals könnten in diesem Moment ernsthafte Konkurrenz bekommen haben.

Fünf Minuten später spielt Stranzl steil auf Hanke, was auf den ersten Blick so aussichtsreich erscheint wie das Unterfangen, einen Braunbären zur Brieftaube umzuschulen. Hanke hat auch keine Lust auf Flugstunden, leitet den Ball lieber gedankenschnell an Marco Reus weiter, der antritt wie damals gegen Mainz, gegen Hamburg, gegen Mainz, gegen Dortmund. “Wie immer”, möchte man über den zweitbesten Torschützen der Borussia-Park-Geschichte beinahe sagen. Reus vollendet zum 2:0 – ein Tor für die Fanseele und alle Fußball-Ökonomen dieser Welt.

Wieder nur fünf Zeigerumdrehungen danach lässt wieder Hanke einen langen Pass von Dante wunderbar abtropfen (der Name “Hanke” ist übrigens kein Platzhalter für irgendwelche fiktiven Spieler, es stimmt tatsächlich). Aus 18 Metern sieht Reus partout keine Möglichkeit, den Ball spießig ins Tor zu schieben. Also lässt er ihn noch einmal aufsetzen, um mal eben auf traumhafte Weise das 3:0 zu erzielen. 29., 34., 39. Minute – ein Spiel wie eine Fünf-Minute-Terrine, mit Nudeln aus Gold.

Erinnerungen an Bochum 2009

Die Gemütslage in der Pause ist amüsant und traurig zugleich. 46 000 Borussen im Stadion geht das Herz auf, Reus’ zweiter Treffer erhält sogar Szenenapplaus, als er noch einmal auf den Videoleinwänden gezeigt wird. Wann hat es das einmal gegeben? Gleichzeitig sind reitende Pharmazeuten auf dem Vormarsch: In jedem zweiten Satz schwingt der Hinweis mit, äußerst vertraut zu sein mit Pferden, die vor Apotheken kotzen.

Tatsächlich muss jemand in der Pause an das 3:3 in Bochum aus dem Jahr 2009 erinnert haben. Nur so ist es zu erklären, dass die Borussia in den ersten fünf Minuten ohne Grund in Bedrängnis gerät. Die FC-Spieler wollen sich dem Schicksal zwar offensichtlich nicht ergeben. Doch die Vermutung ist wenig gewagt, dass sie das vorher auch nicht wollten. Novakovic, Mohamad und Podolski halten sich gar nicht erst an die Fünf-Minuten-Regel und zwingen ter Stegen zu seinen ersten beiden Bundesliga-Paraden. Schon da steht fest: Der Junge darf wieder kommen.

In der 50. Minute ist die Schonfrist dann abgelaufen. In der Mikrowelle klingelt’s, Sekunden später auch im Gladbacher Tor. Podolski und Peszko spielen sich per Doppelpass zur Grundlinie durch. Vor dem Kasten von ter Stegen kreuzen Novakovic und Chihi die Laufwege, was Daems und Dante kapitulieren lässt wie bei einer Besteigung des Empire State Buildings im Handstand. Und schon steht der Borussia-Park gefühlt in Bochum. Aus den besten Voraussetzungen für einen Kantersieg ist plötzlich eine Zitterpartie geworden. Neutrale Beobachter werden lachen über so viel Ängstlichkeit auf den Rängen. Aber man möge es Menschen nachsehen, die so einiges gesehen haben in dieser Saison. Ein Tor zum 1:3 nennt man hier nicht umsonst Anschluss-Anschlusstreffer.

“Ein schöner Tag!”

Neu im Programm ist jedoch, was sich Kölns Verteidiger Eichner eine Viertelstunde danach leistet. Offensichtlich will er gerade damit beginnen, alle ehemaligen Tormelodien der Borussia nachzutanzen. Das heißt unter anderem: “Die Hände zum Himmel!” Schiedsrichter Weiner zögert nicht und zeigt auf den Punkt. Anschließend verlädt Filip Daems Keeper Rensing so eiskalt, dass ich mir sicher bin, zu Hause noch mindestens einen gefrorenen Rauten-Eiswürfel vorzufinden. Passend dazu die Diebels-Hymne aus den 90ern: “Ein schöner Tag! Die Welt steht still, ein schöner Tag!”

Zwei Minuten vergehen, bis aus der Zitterpartie, die vorher ein Kantersieg in spe war, letztendlich ein Rekordergebnis wird. Havard Nordtveit setzt sich so blendend durch, dass eine amerikanische Elite-Uni darüber nachdenken sollte, zu seinen Ehren ein “r” in ihrem Namen zu streichen. Kölns Mohamad geht brav zur Seite – was ansonsten in Spielberichten stets eine bildliche Übertreibung ist, diesmal aber voll zutrifft. ‘Wenn ich schon mal so weit bin’, denkt sich Nordtveit, ‘mach’ ich ihn doch gleich rein.’ Das 5:1 ist Gladbachs höchster Sieg im Borussia-Park.

In der “Elf vom Niederrhein” stecken mindestens zwei unwahre Textstellen: Erstens fährt “Samstagmiddach” niemand mehr “zum Bökelberg”. Zweitens “schwappt La Ola” so gut wie nie “durch das Rund”. Die Euphorie ob des höchsten Heimsieges seit 1997 ist in der Schlussphase so groß, dass zumindest Letzteres hinhaut. La Ola im Borussia-Park – dass ich das noch erleben darf. In jenem Minuten möchten man es fast für möglich halten, dass der Bökelberg wieder aufgebaut wird.

Ter Stegen darf wieder kommen

Die letzten Minuten werden zum Schaulaufen, das Mo Idrissou beinahe mit dem 6:1 krönt. Doch der Kameruner überbietet seines Fehlversuch aus Kaiserslautern noch einmal und trifft aus zwei Metern das leere Tor nicht. Dennoch werden sich kaum günstigere Gelegenheiten bieten, das Nicht-Tor des Lebens zu schießen.

Man hat das Gefühl, dass nach dem Schlusspfiff niemand weiß, wie groß dieser Tag zu feiern ist. Vor drei Wochen war Gladbach tot, Menschen kauerten mit Tränen in den Augen auf der Tribüne. Jetzt ist die allerletzte letzte Chance genutzt, und nun? Es folgte eine neue letzte Chance. Drei Siege aus fünf Spielen klingen humaner als vier aus sechs, zwei aus vier würde schon machbar klingen wie ein grüner Ministerpräsident – unglaublich, aber wahr.

Welche Rolle Marc-André ter Stegen bei dem Unterfangen spielen wird, in den letzten fünf Spielen noch das Wort “Wunder” zu steigern, weiß niemand. “Wunderer”. Fest steht: Wenn er nach dem Derby seine Karriere beendete, würde er mit einer Quote von drei Punkten pro Spiel und durchschnittlich 5:1 Toren in die Geschichte eingehen. Obendrein wäre er der erste Spieler, der jeden seiner Einsätze mit einer Humba feiern durfte. Er hat es im Grunde verdammt leicht: Beinahe missglückte Tanzeinlagen gegen gegnerische Stürmer werden großzügig verziehen, jeder Abschlag in des Gegners Hälfte mit Applaus bedacht. Gladbach ist da, wo abgefangene Ecken zur Legendenbildung genügen, so gebeutelt ist man von der Vergangenheit. Mach’ et, Jung!

Absurder Abstiegskampf

Fest steht nun, dass die Borussia die Derbysaison mit 9:1 Toren beendet hat. Im Rückspiel war es nicht einmal nötig, den Platz zu fluten. Der VfL ist offensichtlich ein Allwetter-Klub. Bei aller Schadenfreude, die man zwangsläufig empfindet, wird das Verhältnis zum 1. FC Köln schon am kommenden Samstag auf absurde Art und Weise strapaziert werden. Der Effzeh empfängt den VfB Stuttgart. Wer den Schwaben da mit voller Überzeugung die Daumen drücken will, muss schon unter argen Realitätsverlust leiden.

Die Tabellen zeigte die Abstände auf die Plätze 15 bis 17 an, seit Lucien Favre als Trainer im Amt ist. Nach dem 22. Spieltag wurde Michael Frontzeck entlassen.

Die Tabelle zeigt die Abstände auf die Plätze 15 bis 17 an, seit Lucien Favre als Trainer im Amt ist. Nach dem 22. Spieltag wurde Michael Frontzeck entlassen.

Um ein Haar wären die Stuttgarter sogar das “Team to watch” auf Platz 16 geworden. Die Rückfahrt im Regionalexpress von Mönchengladbach nach Dortmund verkommt nämlich zum weitaus größeren Nervenspiel als das Derby zuvor. Erst führt St. Pauli in Leverkusen, womit der Gladbacher Dreier so wertvoll gewese wäre wie ein 200-Meter-Lauf von Usain Bolt, bei dem er nach 100 Metern einfach umdreht.

“1:1!”, schallt es kurz darauf von irgendwo her. Ein paar Minuten später: “2:1 für Leverkusen!” Geballte Fäuste, geballte Freude. Aus einem Ghettoblaster ertönen nacheinander “You’ll never walk alone” und “Die Seele brennt”. Gladbach hatte sich in einer Saison, in der man je einmal 6:3, 4:0 und 5:1 gewinnt, aber auch 0:4 und 0:7 verliert, selten so lieb wie in diesem Moment.

Zu Hause erst erinnere ich mich an die Eiswürfel auf der Fensterbank, die längst geschmolzen sind. Fast schon beschämt von der Bekloppheit des eigenen Aberglaubens checke ich den Wasserstand – alles in Ordnung. Was man nicht alles tut, um dem Vorwurf zu entgehen, nicht alles versucht zu haben. Aber ich habe schon für grüne Ampeln gebetet und mir absichtlich Senf aufs Trikot geschmiert. Da wird es vertretbar sein, den Wasserstand einer Eiswürfelform mit einer Pipette bis zum 14. Mai konstant zu halten.

17:16 Tore in der Rückrunde

Den ganzen Montag muss ich mit solch einem zufriedenen Lächeln durch die Gegend laufen, dass gleich zwei Leute feststellen, ich sähe “irgendwie glücklich aus”. Am Abend führt mich mein Weg nach Bochum ins alte Ruhrstadion. Der VfL empfängt Hertha BSC Berlin zum Topspiel der Zweiten Liga. Noch vergangene Woche hatte ich resignierend verkündet, ich wolle “mich schonmal dran gewöhnen”. Nach dem 5:1 gegen Köln lautet das Motto: Mögliche Relegationsgegner scouten.

Die Gastgeber verlieren 0:2 in einem Spiel, das kein Team der Bundesliga mit dem Gedanken spielen lässt, vor lauter Angst erst gar nicht gegen Bochum in der möglichen Relegation anzutreten. “Da haben wir mal gesehen, was uns in der ersten Liga erwartet”, sagt nach dem Abpfiff eine Frau hinter mir in der Kurve. Ich will mich schon um drehen und fragen, was genau sie meint.

Mit natürlich nicht geringer Wahrscheinlichkeit folgen auf die Glückswoche, die zumindest bis Freitagabend anhält, acht neue Tage der Trauer. Fest steht: Gladbach kann es wieder schaffen, bedankt sich artig beim 1. FC Köln und denkt demütig zurück an das 0:1 gegen Lautern, als zum ersten Mal alles vorbei war. Trotz zuvor drei sieglosen Spielen in Folge ist der Trend nun plötzlich wieder Gladbachs Freund. 17:16 Tore in zwölf Rückrundenspielen waren im Dezember kaum vorstellbar.

Solange die Borussia die richtige Menge an Wollen und Können aufbringt, ist wieder alles drin. Zuletzt betrug der Abstand zum Relegationsplatz Anfang Dezember lediglich zwei Punkte. Monatelang konnte man nun sagen, der VfL sei – nun ja – monatelang keinen Schritt vorangekommen. Und jetzt hat er es auf einmal geschafft, die Tabellenuhr auf den 15. Spieltag zurückzudrehen. Das Problem: Es bleiben nur noch fünf Anläufe, um die Uhr auf den Stand des 8. Spieltages zurückzudrehen. Damals stand die Borussia letztmals überm Strich.

11. April 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 11 Kommentare

Kommentare (11)

  1. Und der Jubel nach dem Collauti-Tor gegen Schalke war nicht vorne mit dabei? Da schepperten doch sogar die TV-Mikrofone.

    Und ich kann mich an ein, zwei weitere Laolas im Borussia Park erinnern.
    Ich drück dir die Daumen, dass der “Stadionverbotler immer bei uns”-Banner des Block 1900 nicht auch bald dir gilt.
    Wobei du dann mehr Zeit hättest, dich um den Wasserstand zu kümmern ;)

  2. Geil, welch irre Vergleiche der gemeine Fußballfan in seinem Aberglauben zieht, aber selbst dieses toll herausgespielte 5-0 wird nicht reichen. Ich bin mal wieder der Spielverderber…ich weiß.
    Den Reuss würd ich gerne in unseren Farben sehen, das ist ein richtig guter.

    Wobei ich nichts dagegen hätte, wenn ihr an Golfsburg vorbeizieht :-)
    Die Hoffnunf stirbt zuletzt. Gruß aus Lautern

  3. Ein epischer Bericht – vielen Dank (wie eigentlich immer) dafür! Diese Saison ist wahrlich ein Wechselbad der Gefühle – und dies ist noch viel zu harmlos ausgedrückt. Borussia läßt uns leiden wie noch nie! Aber die Hoffnung ist immer noch da und irrational und bedingungslos wie man ist, glaubt/hofft man darauf, daß jetzt endlich die allerallerallerletzte Chance ergriffen wird und erstmals in dieser Saison zwei Siege am Stück gefeiert werden könnten. Erst dann würde ich auch nicht nur resthoffen, sondern wieder an den Platz 16 glauben!

  4. …meine Zuversicht kam am Samstagmorgen gegen 9.30 Uhr bei einem Fussballspiel meines Sohnes zurück, als ich doch noch ne Karte für das Mainz Spiel bekommen habe. Von diesem Zeitpunkt an, kam das breite Lächeln zurück – auch als ich im Stau stand und ziemlich genau um 15.28 im Stadion eintrudelte. Witzig, man kam sich auf dem Weg vom Parkplatz zur NK vor, wie bei einem Spiel gegen Ahlen oder so..ausgestorben.! Jetzt keimt die Hoffnung also wieder bis Freitag, ich kann wieder lächeln und merke, dass bei meinen 3 Live Spielen in 2011 gewonnen wurde….. Deine Eiswürfel als Aberglaube können trotzdem nicht schaden…..Gruss aus Mainz

  5. Toller Blog, ich komme ab jetzt oefter

  6. Von wegen Dezibel… ich dachte auch, warum wird das Tor von Colautti nicht mit in den Reigen aufgenommen? Ehrlich, ich war dabei und hatte das Gefühl, der Borussia-Park hebt 5 cm ab! Und ich war am Montag drauf noch heiser von DEM Schrei. Genau wie Herr Cüppers sicher noch heiser war: http://www.youtube.com/watch?v=WECBY394YCs

    Dieser Blog war mal wieder ein Meisterstück, Jannik. Auf deine Sicht auf die Spiele warte ich immer besonders gespannt. Was soll ich sagen… ja, die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich würde zu gern sehen, was Favre in der nächsten Saison in der ERSTEN Liga bewegen könnte. Aber ich befürchte, es wird doch nicht reichen. Aber wenn es anders kommen sollte: Umso besser. Und kümmer dich gut um die Eiswürfel, die aufgetauten!!

  7. Doch doch, der Jubel von Colautti war auf Platz drei oder vier, wenn ich mich richtig erinnere – und die Erstplatzierten haben sich nicht viel genommen. Hab’ Sonntagabend der Gladbacher Pressebateilung geschrieben, ob es zufällig neue Bestwerte gegen Köln gab. Bis jetzt gab’s keine Antwort. Schade, auch wenn die momentan sicher andere Sorgen haben.

    Musste heute zum ersten Mal Wasser nachfüllen, eine Raute saß schon auf dem Trockenen. Mal sehen, wer am Freitag keinen ganz so guten Tag erwischt.

    Wie immer auch vielen Dank für Eure Kommentare! Zum Glück sind’s ja schon wieder nur noch zwei Tage bis zum nächsten Spiel.

  8. Statistik im Borussiapark zählt nur in der ersten Liga, oder wie muss ich den Satz verstehen?

    “Wie immer”, möchte man über den zweitbesten Torschützen der Borussia-Park-Geschichte beinahe sagen.”

  9. So stand es zumindest im FohlenEcho. Gehe mal davon aus, Rob Friend müsste ja noch ein paar mehr erzielt haben. Aber in Gladbach ignoriert man die Zweite Liga anscheinend konsequent.

  10. “Natürlich” ignoriert man in MG die 2. Liga konsequent. Wenn nicht jetzt, wann dann? Das ist vielleicht Vogel-Strauß-Politik?! Oder wie kleine Kinder. Ich halte mir die Augen zu, dann seh ich den andern nicht und er mich auch nicht. Öhm, wer war denn der erstbeste? Olli Neuville? Ich fürchte mich, sollte morgen die Ernüchterung kommen… Das Hochgefühl nach dem Sieg über Kölle war so schön.

  11. Eigentlich traurig das so eine Mannschaft wie MG ständig in die 2 Liga geht. Der Verein gehört in die 1 Liga.

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