Die Liga der Anderen (XVI): Schizophren

In der “Liga der Anderen” kommen Fans diverser Profiklubs zu Wort, die über ihr aktuelles Seelenleben erzählen. Grenzen sind ihnen dabei keine gesetzt. Heute meldet sich Dennis zu Wort, der in diesen Wochen mehr denn je an Schizophrenie leidet. Denn er drückt sowohl dem FC St. Pauli als Werder Bremen die Daumen – Samstag treffen beide aufeinander.

Von Dennis (St. Pauli/Bremen)

Das Abstiegsgespenst geistert durch Hamburg – nicht schön, aber leider auch keine Seltenheit. Nach einem Jahr in der Bundesliga droht dem FC St. Pauli äußerst akut der prompte Rückmarsch in Liga zwei. Zudem sind die Schlagzeilen um den Club stark negativ geprägt. Angefangen vom Wettskandal über den vermaledeiten Becherwurf bis hin zum Abschied des Trainers Holger S.

Am Wochenende tritt die Mannschaft am – zum Glück gut besuchten – Millerntor ausgerechnet gegen Werder Bremen an, das für die St. Paulianer in nächster Zeit – neben Kaiserslautern – das Zünglein an der Waage sein könnte.

Denn Bremen spielt sowohl gegen Wolfsburg als auch noch gegen K’lautern. Zudem tritt Wolfsburg auch noch gegen K’lautern an – sowie K’lautern gegen St. Pauli. Ein wahrer Kreis des Abstiegsdunstes. Da realistisch gesehen für Pauli weder gegen Bayern noch gegen Mainz viel zu holen ist, müssen mindestens vier Punkte gegen Bremen und K’lautern her, um zumindest den Relegationsplatz zu erklimmen. Ein winziger Funke Hoffnung besteht.

Derzeit nicht erstligatauglich

Die sieben Niederlagen in Folge vor dem Wolfsburg-Spiel waren bitter und zum Teil äußerst unnötig. Natürlich lag es nicht nur an der stark ausgedünnten Abwehr Gegen Bremen fehlen beispielsweise drei Viertel der Stammverteidigung – Oczipka mit Knöchelbruch, Rothenbach hat’s an der Patellasehne und Zambrano einen Sehnenanriss. Doch wenn selbst Stürmer in der Abwehr aushelfen müssen, kann man nicht viel defensive Stimmigkeit und Routine erwarten. Ein unkreatives Mittelfeld sowie ein Tor ungefährlicher Sturm (zweitschlechteste Offensive) runden die Frage nach der derzeitigen Erstligatauglichkeit ab.

Dennoch möchte ich an dieser Stelle Hoffnung schöpfen. Gegen Wolfsburg präsentierte sich die Mannschaft enorm engagiert und kämpferisch, manche Pässe kamen sogar an. Mit diesem Engagement könnte der Relegationsplatz drin sein – gern errungen unter dem Kommando von Paulis Lichtblick, Charles Takyi. Doch auch gegen Wolfsburg zeigten die Hamburger letztlich, was sie über die Saison verteilt ihre prekäre Situation gebracht hat: eine ärgerliche Schlussviertelstunde. In zehn Spielen kassierte St. Pauli in den letzten fünfzehn Minuten noch ein Tor, was ihnen letztlich 14 Punkte kostete – in sechs Fällen war es das entscheidende Tor zur Niederlage.

Kein Bremer

Nun also gegen Bremen. Das Hinspiel verlief alles andere als brillant. “Hugo Almeida schlägt vier Mal zu” feierten sich die Zeitungen nach der 0:3-Klatsche im Weserstadion, bei der Almeida Rot sah, dreimal traf und das letzte Mal für Bremen auflief. Damals stand ich im Pauli-Dress – mit einem Wintermantel und Mütze vermummt – inmitten der Bremer Ostkurve, um mir das Spiel meiner beider Lieblingsmannschaften zu geben. Bereits nach 23 Sekunden demaskierte ich mich selbst, als ich ob des Almeidischen Tores gefrustet meinen Kopf nach hinten warf, um einem glatzköpfigen Ultra unabsichtlich eine Kopfnuss zu verpassen. Meine Nase blieb glücklicherweise zwar heil, dennoch belustigte meine Anwesenheit besonders bei den weiteren Treffern das Publikum. Ich spüre noch heute die unzähligen “Mitleidsbekundungen” auf meinem Rücken und nett gemeinten Sprüche in meine Richtung. Nein, ich hüpfte nicht. An diesem Tag war ich alles andere als ein Werder-Fan. Danke, Bremen.

Am kommenden Wochenende noch weitaus weniger. Ein Blick auf die vergangenen Bremen-Spiele gewährt allerdings Grund zur Hoffnung: vier 1:1-Unentschieden aus den vergangenen fünf Spielen. Mit einem Punkt gegen Bremen und drei gegen K’lautern wäre ich zufrieden – sofern Wolfsburg sowohl gegen Bremen als auch gegen K’lautern verliert. Diese Sympathie-Sprunghaftigkeit zum Ende einer Saison ist immer wieder erstaunlich. Heute feiern, nächste Woche hassen.

Und, wer weiß, vielleicht ist gegen Mainz doch ein Punktgewinn drin. Bis dahin sollte auch ein neuer Trainer für die kommende Saison gefunden worden sein. Fürths Mike Büskens ist ja schon mal raus – er hat seinen Vertrag in Fürth verlängert.

22. April 2011 von Dennis
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , | Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*