Gladbach – Dortmund: Der Goldene Rheydter

Wochenlang galt die Devise: Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. Jetzt hat die eine Borussia die andere geschlagen – was zu erwarten war, jedoch nicht in dieser Konstellation. Gladbach besiegt Dortmund und es ist weniger vorbei denn je. Der Borussia-Park erlebte eine Sternstunde, obwohl er beinahe zum Auswärtsstadion umfunktioniert wurde.

Ich habe eine Meisterschale aus Pappe mit nach Leverkusen genommen, um den Gegner mit dem ungewohnten Anblick zu verunsichern. Ich habe daran geglaubt, dass ein Stück Schokolade aus dem Adventskalender das Ergebnis gegen Hannover vorhersagen kann. Ich habe rautenförmige Eiswürfel nach acht Monaten aus dem Kühlschrank geholt, sie auf der Fensterbank auftauen lassen und meinte, damit den Derbysieg gegen Köln heraufbeschworen zu haben. Und jetzt? Jetzt hat Gladbach gegen Dortmund mal wieder die allerletzte Chance in einer Saison der allerletzten Chancen – und ich stehe auf einer Autobahnbrücke am Niederrhein.

Nein, keine falsche Gedanken. Alles in Ordnung. Wir sind zu Viert, haben keine Steine in der Hand, sondern unsere Köpfe in den Nacken gelegt und schauen in den Himmel. Es ist zwei Uhr nachts. Ohne die nun folgende Erklärung macht die Aktion sicherlich wenig Sinn. Denn: Vom Himmel regnen in der Nacht auf Samstag Sternschnuppen im Minutentakt. Bekanntlich sind Sternschnuppen in den Evangelien des Aberglaubens weitaus etablierter als Adventskalender und Eiswürfel.

Wir, das sind die Gladbach-Fans Nils, Stefan und ich. Namensvetter Yannick ist Dortmund-Fan und hat in den ersten Minuten auf der Brücke um zwei Uhr noch so ein waches Auge, dass er schnell mit 11:5 bei den Sternschnuppen führt. Bekanntlich gehen die Wünsche nur in Erfüllung, wenn man die Sternschnuppe zuerst gesehen hat. Seit Samstagabend 20:21 Uhr ist jedoch gewiss, dass es einiges bringt, sich Dinge besonders stark zu wünschen (wie auch immer man das nun messen mag). Und obendrein ist Yannick in etwa mit so viel Leidenschaft BVB-Anhänger, wie ich den Volleyball-Damen von Rote Raben Vilsbiburg die Daumen drücken.

Doch immerhin hat er seine Borussia aus Dortmund häufiger spielen sehen als ich diesen Volleyball-Klub, den ich bis vor ein paar Minuten noch gar nicht kannte. Auch am Samstag würde er im Borussia-Park sein und trägt entsprechend dick auf. Wir brechen auf, als der Lyriden-Schauer – wenn ich das richtig gelesen habe, ein Mitteklasse-Wagen unter den Meteorströmen – langsam nachlässt und 80 Prozent der Blutmenge unserer Körper sich im hinteren Teil des Kopfes befinden. Die Vereinigung der Sternfreunde sagt übrigens, die Lyriden seien “nicht der Hit”. Ich, jetzt irgendwie auch ein Sternfreund, bin der Meinung, die Perseiden können sich davon eine Scheibe abschneiden.

Captain Jack und Folklore

Nichtsdestotrotz ist entscheidend – man merkt es in diesen Wochen mehr denn je – noch immer auf’m Platz. Das gilt nicht nur für den Platz, den man Rasen nennt, sondern auch für farbige Sitzschalen, Wellenbrecher und Co. Erstens ist es unfassbar beruhigend, die Spiele im Stadion zu sehen (wobei ich auf der anderen Seite nicht weiß, wie es zu Hause noch nervenaufreibender sein sollte). Zweitens habe ich das große Bedürfnis, entweder dabei zu sein, wenn auf die allerletzte Chance irgendwann keine weitere folgen sollte, oder in die Fußstapfen jener Borussen zu treten, die sich 1998 in Wolfsburg weinend in den Armen lagen.

Die Vorbereitungen auf das Spiel gegen Dortmund – den vermeintlichen Meister in spe – begannen bereits eine Woche vorher. Ich war auf einer 90er-Party in der Stadt der nicht ganz so wahren Borussia. Captain Jack hatte gerade erst “Hejo” gerufen. Dann ertönten um drei Uhr in der Nacht plötzlich merkwürdige Klänge. Auf “Hejo” folgte “Heja” und viel zu viele Leute feierten viel zu laut ihren BVB, der mit Sicherheit nicht meiner ist. Da bekommt man mit “I’ve been looking for freedom” schon regelmäßig einen Nummer-eins-Hit von 1989 auf einer 90er-Party angedreht. Und dann spielt der DJ auf einmal schwarz-gelbe Folklore, die nicht einmal aus den 1890ern stammt. Drei Tage später kündigte ich – wenn auch nicht aus diesem Grund – meinen Mietvertrag und erinnerte mich an den Plan, im Verlauf meiner Zeit in Dortmund wenigstens einmal gegen den BVB zu gewinnen.

Es gibt angenehmere Aufgaben, als gegen den eher übermächtigen als zufälligen Tabellenführer das nächste Endspiel zu bestreiten. In der Nacht, nach der Rückkehr von der Autobahnbrücke, hatten wir noch darüber nachgedacht, die einstigen Dortmund-Siegtorschützen Nando Rafael und Kahê zu reaktivieren. Mit einem Bissen Strammer Max im Mund fiel jedoch auch der Name Mo Idrissou. Der würde es schon richten. Die Sternschnuppe unter den Zahlen sollte zudem die 31 sein: Am 31. Spieltag der Saison 97/98 gewann Gladbach in Dortmund und leitete die Wende ein; am 31. Spieltag der Saison 08/09 flutete Roberto Colautti gegen Schalke den Borussia-Park mit Endorphinen.

“Tor in Irgendwo”

Gut zwei Stunden vor dem Anpfiff reibe ich mir kurz die Augen, als ich ins Stadion komme. Der gelbe Blütenstaub, der seit Tagen nicht nur bei Rentnern, Autoliebhabern und Eisdielenbesitzern ein Modethema ist, scheint sich auch im Borussia-Park breit gemacht zu haben. Aber nein, dafür ist der Staub zu grobkörnig. Und in dem Moment, als ich dem Ordner meine Karte zeige, beginnt der Staub auch noch zu raunen. Leverkusen hat den Ausgleich gegen Hoffenheim erzielt und die schwarz-gelbe Freude aus dem Shuttle-Bus erst einmal relativiert. Es riecht um 16:15 Uhr dennoch ganz nach einer Invasion in Mönchengladbach.

Längst hat die Zeit begonnen, in der ein Spieltag für den VfL nicht nur 90 Minuten dauert. Neben mir sitzt meine Mutter mit Knopf im Ohr. Einerseits ist das sinnlos, weil auf den Videoleinwänden die Konferenz läuft. Andererseits gar nicht so verkehrt, weil sie schon fünf Sekunden, bevor sich im Bewegtbild etwas tut, “Tor in Irgendwo” ruft. “Irgendwo” hatte zuvor leider sowohl in Stuttgart als auch in Gelsenkirchen, Hamburg und Frankfurt gelegen. Der VfB, der FCK, St. Pauli und die Eintracht liegen in Führung. Wolfsburg und Köln spielen nicht. Ein Wunder, dass Bremen und St. Pauli nicht beide führen, obwohl sie gegeneinander spielen.

Doch auf den Kiezklub ist wieder einmal Verlass. Ein Eigentor und zwei Tore von Pizarro drehen das Spiel zu Gunsten von Werder. Aufgrund dieser wieder einmal verdaddelten Führung ist man fast geneigt, St. Pauli den Titel “Gladbach der Rückrunde” zu verleihen. Aber Häme ist ein ziemlich dünnes Eis, wenn man nicht vergisst, auf welchem Tabellenplatz die Borussia am Samstagnachmittag (noch) steht. Also: Faust ballen, “Ja!” schreien und wieder den Hausaufgaben widmen.

Gladbach ist nicht Lissabon

Stuttgart ist bald darauf durch, Kaiserslautern lässt auf Schalke nichts mehr anbrennen. Nur in Frankfurt strapaziert die Eintracht ihr Glück etwas zu sehr. Zwei Elfmeter hätten die Bayern bereits bekommen sollen, erzählt der Radio-Reporter. Oben auf den Leinwänden gibt es wenig später den Beweis in Bildern. Was soll es einen trösten, dass sich alle Ungerechtigkeit auf kurz oder lang ausgleicht, wenn die Ungerechtigkeit in einem Jahr so fatale Folgen wie den Abstieg haben kann? Was würde der Borussia die Gewissheit bringen, nächstes Jahr in Paderborn durch einen unberechtigen Elfmeter 2:1 zu gewinnen? In der 89. Minute spielen Schiedsrichter Drees und Mario Gomez gemeinsam “Tabu”. Zu erraten: Konzessionsentscheidung. Drees sagt: “Was wäre das, wenn ich jetzt eine Elfmeter für euch gäbe?” Gomez löst.

Im Borussia-Park sieht es derweil aus, als habe jemand einen gelben Farbeimer im Gästeblock ausgeschüttet. Einen sehr großen Farbeimer. Gelb erleidet jedoch den ersten Rückschlag, weil Leverkusen noch gegen Hoffenheim gewinnt und Dortmund damit definitiv nicht Meister wird an diesem Abend. Wobei es einen mit Sicherheit schwerer treffen kann, als am 31. Spieltag noch nicht den Titel feiern zu dürfen. Somit ist Plan B bereits vor dem Spiel hinfällig, im Falle des Falles das Flutlicht aus- und die Rasensprenger einzuschalten. Und überhaupt: Borussia Mönchengladbach ist ja nicht Benfica Lissabon, das so die Feierlichkeiten des FC Porto buchstäblich ins Wasser fallen ließ.

25 000 Dortmund-Fans sollen den Weg ins Stadion gefunden haben. Ich wäre bereit, mich auf 19 000 zu einigen. Denn dann wäre jeder zweite Zuschauer außerhalb der Nordkurve immer noch Anhänger des BVB. Aber ein Verhältnis von beinahe 2:1? Dann müsste das Gelb schon sehr geblendet haben. Schöne Grüße übrigens an alle Gladbacher Borussen, die ihre Karte verkauft haben. Egal an wen.

Metatarsalia und Phalanges proximales

Als Schiedsrichter Wolfgang Stark das Spiel anpfeift, liegt etwas ganz Großes in der Luft. Ich weiß nicht, warum. Groß ist es, wenn große Dinge passieren, ohne dass man mit ihnen rechnet. Noch größer aber ist es, wenn große Erwartungen auch erfüllt werden. Gar nicht groß dagegen ist Mario Götze, der nach einer halben Minute frei zum Kopfball kommt und die Träume mit etwas mehr Übung wahrscheinlich jäh zerstört hätte.

Gladbach beginnt wie gegen Köln, ist sich aber im Klaren darüber, dass es eher wird wie Weihnachten bei einem alten Ehepaar: Keine Geschenke, aber leise Hoffnung, dass es dennoch etwas geben könnte. Nach zehn Minuten macht Götze beinahe den Knecht Ruprecht. Doch Marc-André ter Stegen, der nächste Woche in Hannover 19 Jahre alt wird, bedankt sich für eine kostenlose Flugstunde.

Mal wieder sieht es nicht aus wie das Spiel des Letzten gegen eine Mannschaft aus völlig anderen Sphären. Gladbach könnte locker Achter sein, der BVB vielleicht Dritter, was angesichts dieser sagenhaften Saison eher suboptimal ist. In der 27. Minute hat der Gefühls-Achte seine erste dicke Möglichkeit. Arango und Reus betonen das “foot” in American Football. Der venezolanische Quarterback schickt den Wide Receiver mit dem Geburtsort Dortmund auf die Reise. Reus macht alles richtig, nimmt den Ball direkt, setzt ihn am herauseilenden Weidenfeller vorbei – leider auch am Tor. Hätte er ihn mit den Metatarsalia und nicht mit den Phalanges proximales getroffen, wäre Gladbach in Führung gegangen. So jedoch lernen wir nur ein paar Knochen im menschlichen Mittelfuß kennen.

Durst nach Toren

Drei Minuten später hat ter Stegen offenbar keine Lust mehr, in der Zeitung nur Lobeshymnen zu lesen. “Mini-Kahn”, “der neue Neuer” – da wird man ja bekloppt. Also jagt der 18-Jährige einem Steilpass der Dortmunder entgegen, der sich kurzfristig entscheidet, doch nicht im Strafraum zu bleiben. Lewandowski überlupft den düpierten Youngster, der sich aber auf einen der älteren Youngster verlassen kann. Tony Jantschke beweist Nerven wie ein Bombenentschärfer. Als er den Heber nach einem Aufsetzer seelenruhig von der Linie kratzt, verzieht der 21-Jährige keine Miene. Die Rettungstat, die so wichtig war wie ein Tor, bringt ihm mindestens einen Hamburger Royal TS von ter Stegen in der kommenden Woche.

Neben mir hat meine Mutter Durst. Was wenig überrascht, wenn man bei 28 Grad obendrein ein Nervenspiel mitmachen muss wie jemand, der zehn Runden lang beim Mensch ärgere dich nicht! vor dem Haus steht und partout keine Eins würfelt. Ich biete mich an, ein Wasser zu holen. Will das Rollenklischee vom hilfsbereiten Sohn nicht enttäuschen. Doch meine Mutter macht sich selbst auf, ist bereits auf den unteren Stufen, als Arango einen langen Pass spielt.

So zumindest erzählt sie es mir später und ich bin heilfroh, nicht selbst gegangen zu sein. In meinem jugendlichen Elan, bloß schnell wieder zurück zu sein, wäre ich womöglich bereits am Getränkestand gewesen. Ich hätte nicht gesehen, dass Mo Idrissou Neven Subotic stehen lässt, wie es früher nur die Linie 071 gewagt hat, wenn ich mal wieder zu spät am Busbahnhof ankam. Ich hätte nicht gesehen, wie Idrissou eiskalt die kurze Ecke nimmt. Ich hätte mit einem Wasser in der Hand draußen gestanden und das 1:0 verpasst. Doch der Deal war ein anderer: Ich durfte mitjubeln und weiter unten fiel meine Mutter wildfremden Menschen in die Arme.

Auf die Pause folgt die Angst

Jedes Tor der Borussia weckt zwei verschiedene Ängste: Dass der Traum entweder bald wieder vorbei ist, oder dass er zweitens, sollte es länger dauern, erst in der letzten Minute platzt. Und wieder ist da dieses Tod-oder-Gladiolen-Gefühl frei nach Louis van Gaal. Die Gewissheit, dass am Ende dieses Spiels nur die größte Freude oder die tiefste Trauer stehen kann.

Kurz vor der Pause macht Robert Lewandowski Anstalten, es eher schmerzlos zu gestalten. Nach einem Götze-Pass von Götze taucht er frei vor ter Stegen auf. Doch der gebürtige Mönchengladbacher schwingt sich, frei nach Joachim Witt, auf zum Goldenen Rheydter. Es ist die Zeit gekommen, in der die Nordkurve Paraden wie Tore feiert.

Die Halbzeitpause bietet die Aussicht auf 15 Minuten Verschnaufen. Gleichzeitig aber verängstigt die Erkenntnis, noch 45 Minuten lang gegen den – wahrscheinlich – kommenden Deutscher Meister bestehen zu müssen, der nur am allerersten Spieltag mehr als ein Tor kassiert hat. Doch was heißt “verängstigen”? Ich freunde mich lediglich mit dem Gedanken an, dass es vermutlich nicht möglich sein wird.

Stranzl und Brouwers überragend

Bevor es weitergeht, präsentieren sich die Gäste jedoch nicht so meisterlich. Löblich ist es, dass zumindest einem Großteil der Fans in den BVB-Foren die zig Bengalos und Rauchbomben peinlich sind. Die Gerüchte, die dort gleichzeitig kursieren, muten dann eher hanebüchen an. Reingeschmuggelte Kölner, die dafür sorgen, dass die Schiedsrichter mit einer Spielunterbrechung drohen? Schlesische Gastarbeiter, die das deutsche Publikum vor der EM in Polen diskreditieren wollen? Fest steht: Keine Anhängerschaft muss Leuten nachweinen, die sich mit Aktionen wie diesen aus niederen Beweggründen selbst aus dem Stadion befördern – egal, wer sie sind und woher sie kamen.

Zu Beginn der zweiten Hälfte schaue ich nur alle drei Minuten auf die Uhr. Angesichts der inneren Unruhe kann man den Rhythmus fast als äußere Gelassenheit interpretieren. Doch der BVB lässt einem auch nicht wirklich Zeit, Sekunden zu zählen. Es ist selten gefährlich, was Dortmund in Richtung Tor von Marc-André ter Stegen befördert. Aber der stete Tropfen hat den VfL-Stein schon oft gehöhlt. Immerhin machen Martin Stranzl und Dante-Ersatz Roel Brouwers, die Stalagmiten in der Innenverteidigung, stets den Eindruck, der Sache gewachsen zu sein.

Für das erste große Oha-, Aha- und Oah-Erlebnis sorgt zudem die Mannschaft von Lucien Favre. Nach einer Ecke von Reus steht Mats Hummels einfach nur da – was dem BVB fast zum Verhängnis wird, weil er den Ball verlängert. Doch der geht knapp am linken Pfosten vorbei. Mehr Glück hat Gladbach drei Minuten darauf, als Götze sich an seinen Chemie-Grundkurs erinnert und noch immer nicht glauben will, dass Aluminium ein Leichtmetall ist. Zweifel sind in der Tat angebracht: Können Dinge, die die Silbe “Leicht” im Namen tragen, so laut und stabil sein?

“Ter Stegen – twelve points!”

In dieser Szene hat meine Mutter Pech, nicht schon wieder Getränke holen zu sein. Ansonsten wäre ihr der dreimale Schlag aufs Bein erspart geblieben, verbunden mit einem an Wunder glaubenden “Wir haben Glück! Wir haben Glück! Wir haben Glück!”. Wer an Sternschnuppen, Eiswürfel und Adventskalender glaubt, kann da nicht ruhig sitzen bleiben. Mittlerweile bin ich im Zwei-Minuten-Rhythmus angekommen – und die Uhr will noch immer nicht schneller laufen.

In der 78. Minute erzielt Marcel Schmelzer beinahe sein erstes Bundesliga-Tor, was gegen Gladbach in etwa 12 Punkte aus Serbien für den bosnischen Sänger beim Eurovision Song Contest geähnelt hätte: schön für ihn, aber wenig überraschend. Doch ter Stegen boykottiert die Veranstaltung ohnehin und hat deshalb noch eine Hand am Flachschuss des Dortmunders. Der Pfosten verkündert: “Ter Stegen – twelve points!”

In den Schlussminuten zeigt der Borussia-Park, was ein Heimspiel ist. Niemand will den Dortmund-Fans absprechen, dass sie mächtig Alarm gemacht haben. Jeder muss aber eingestehen, dass Gladbachs sieben Jahre altes Stadion im 101. Bundesligaspiel eine wahre Sternstunde erlebt. Ich habe Puls 180 und 0 im selben Moment. An Stehen, Klatschen, Singen ist im Grunde gar nicht zu denken. Aber der Körper funktioniert, er funktioniert einfach, getragen von Endorphinen und der Hoffnung, vom schlimmsten aller Schläge ins Gesicht verschont zu bleiben – dem 1:1.

Mit Mann, Maus, Elefanten, Hunden, Katzen und noch mehr Mäusen die Führung verteidigt

Längst bin ich im Ein-Minuten-Rhythmus. Dann zeigt der vierte Offizielle zwei Minuten Nachspielzeit an. Es ist nur eine Uhr mit einem Zeiger, der sich in jeder Sekunde des Lebens gleich schnell bewegt. Jetzt aber ist da die Gewissheit, dass – wenn er zwei Runden geschafft hat – etwas ganz Großes perfekt ist. Das Gehirn misst ohnehin nicht mehr in Zeiteinheiten. Es misst in Befreiungsschlägen. Thorben Marx haut das Ding einmal raus. Längst müsste Schluss sein. Nochmal segelt der Ball nach vorne. Nochmal ist Marx da, dem jeder Befreiungsschlag in diesem Moment so hoch anzurechnen ist wie zehn Saisontore. Dann schießt er sein 21. – und Schiri Stark pfeift ab. 55 Minuten lang hat die Borussia mit Mann, Maus, Elefanten, Hunden, Katzen und noch mehr Mäusen die Führung verteidigt. Es war so nervenaufreibend wie 55 Colautti-Tore gegen Schalke.

Auf meinem Handy warten sieben Glückwunsch-SMS: Dortmunder, Dortmund-Fans, Dortmund-Sympathisanten, Dortmund-Hasser, nur der Bundespräsident fehlt. Ich will gar nicht rechnen, nur genießen in jenen Minuten und den Stunden danach. Keine Macht dem virtuellen Tabellenrechner! Seit 2008 hatte kein Schlusslicht mehr gegen den Tabellenführer der Bundesliga gewonnen. Noch besser: Das Schlusslicht ist kein Schlusslicht mehr. Und plötzlich ist wieder der 20. November 2010, 15:29 Uhr, als Gladbach zuletzt auf Platz 17 stand.

Dieses ständige Abwechseln von Anfang und Ende, diese allerletzte Chance, die die nächste jagt – das hält schon längst kein Mensch mehr aus. Doch darum geht es nicht mehr. Es geht darum, in drei Spielen noch dreimal diese Mischung aus bedingungslosem Kampf und ordentlichem Fußball zu paaren, auf das nötige Glück zu hoffen und dann ein Wunder perfekt zu machen. In die Relegation einzuziehen und dort 180 Minuten Abstiegskampf in Reinform zu erleben. Einmal wird die Borussia sich selbst untreu sein müssen – sie muss auf einen Sieg sofort den nächsten folgen lassen. Sei es kommenden Samstag in Hannover oder an den letzten beiden Spieltagen gegen Freiburg und Hamburg. Aber wer jetzt nicht dran glaubt, der wird schon seit fünf Monaten nicht mehr dran geglaubt haben. Himmel, gib’ uns mehr Sternschnuppen!

24. April 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 11 Kommentare

Kommentare (11)

  1. Chapeau!

    Ich verneige mich vor Dir weil Du es immer wieder schaffst einen packenden Blog mit ganz viel Fan-Gefühlen zu schreiben,gepaart mit Ironie,Witz und Kurzweil!!!

    Manchmal langweilen Blogs,dehnen sich endlos weil der Schreiber meint 3 Absätze füllen zu müssen oder sind belanglose Meinungen in belanglosen Blog-Welten…

    Aber hier weiss ich das mich Deine Gedankengänge,Meinung und Erlebnisse mindestens 5 Minuten vor dem Bildschirm fesseln werden.

    Ich hoffe mal das der Moment in dem Du des Schreibens hier,sei es aus zeitlichen onder anderen Gründen,überdrüssig wirst noch lange auf sich warten lässt!

    Weiter so Jannik!

    Grüsse aus Lügde!

  2. Senf auf die Jacke schmieren, sich über Sternschnuppen freuen… setz ich die Reihe richtig fort, wenn ich sage: “Wir sehen uns dann Samstagmorgen im Dom zum Kerzen anzünden?” ;)

  3. hey jannik!!!!! ich geh am samstag ins stadion in der verbotenen stadt und werde mich in die leverkusen kurve begeben……….werde alles dran setzen dass wir in hannover nur noch unsere hausaufgaben machen müssen!!!!! habe mal ausgerechnet….7 Punkte müssen es schon noch sein aus 3 Spielen…..lg Tobi…………..ps: ab wann biste in saarbrücken???

  4. Also erstmal vom absoluten Pessimisten einen herzlichen Glückwunsch. Wer aufopfernd kämpft und vorne den lieben Gott per Sternschnuppe eins rein machen lässt, der gewinnt eben.

    Im Fußball ist alles möglich…daher gebe ich mal keine Prognose mehr ab nur einen Hinweis: noch nie hat eine Mannschaft mit 10 Punkten nach der Vorrunde einen Abstieg vermeiden können.
    Aber was Sternschnuppen so alles bewirken können!

    Gruß aus Lautern!

  5. hi yannick,

    ich lese erst seit kurzem deine blogs, aber bin begeistert von der art und weise deines schreibens. so etwas bewegt mich und es fesselt einen so, dass man das gefühl hat, jede sek selbst mitzuerleben.
    danke :)

  6. @Markus: Danke! Solche Kommentare zögern den Punkt, an dem ich auf das ganze hier keinen Bock mehr haben sollte, auf jeden Fall immer wieder heraus.;)

    @Kerstin: Selbst wenn Köln auf dem Weg nach Hannover läge, würde ich das nicht machen. Einmal eine Kerze im Dom angezündet, 0:6 in Berlin verloren.

    @tobi: Dann gib’ mal alles! Hätte ich nicht mehr gedacht, dass der FC noch einmal so tief da unten reinrutscht. In Saarbrücken bin ich ab Oktober.

    @Betzebub: Das stimmt nicht ganz. 88/89 hatte Waldhof Mannheim 10 Punkte nach der Hinrunde (nach der Drei-Punkte-Regel) und hielt am Ende die Klasse. Dementsprechend ein Argument mehr, es noch zu packen. Wir bräuchten dann aber wohl eure Hilfe gegen St. Pauli und Wolfsburg. Denkt an die Geschenke aus dieser Saison.;)

    @skylit-drive: Das freut mich, so soll es sein.:)

  7. @jannik:
    Hehe, nach der 2 Punkte Regelung wären wir 96 auch nicht abgestiegen…

    Fakt: mit der 3 Punkte Regelung hats bisher jeden erwischt der mit 10 Punkten aus der Vorrunde kam.

    Aber jede Serie geht mal zu Ende.

    PS: Wir sind heiss auf Pauli und noch heisser auf Golfsburg. Nichts würde uns mehr freuen als dieses Geldkonstrukt in die 2. Liga zu schiessen!!
    Ich drück Euch die Daumen, daß ihr noch in die Relegation kommt!

  8. Das waren wirklich 3 unerwartete Punkte – ob es die Mannschaft nun ENDLICH mal schafft, diese Punkte in Hannover zu vergolden? (Oder man LÄSST sie auch schaffen vergl. Mainz). Hannover sollte auch ganz ganz ganz fest daran denken, wem sie u. a. besonders den Ligaerhalt in der letzten Saison zu verdanken haben. Wolfsburg 2. Liga? Wär mir doch sehr recht…

    Jannik, wie immer, danke für den tollen Beitrag. Wie schrieb ich beim letzten Mal? “Deine Beiträge erhellen den Trübsinn nach solch unnötigen Niederlagen und Tiefschlägen immer wieder – oder machen einen Punktgewinn noch schöner!” – diesmal war die Freude umso größer, da nicht erwartet. Auf gehts in Hannover!!!!

  9. Ja Ja…Fußball-Fans und der Aberglaube! Letzten Samstag habe ich nach über 30-jähriger Versuchsanordnung endlich die Lösung für die Gladbacher Probleme gefunden: BIER !
    Ich trinke vorzugsweise Bitburger(Stubbi)-natürlich aus der Flasche. Gegen den BVB musste eine Änderung her. Ein Bierglas…und das durfte während des gesamten Spiels NIE ganz leer sein…es wurden insgesamt acht Flaschen nach 90 Minuten…und 3 Punkte gegen den BVB !
    Wir packen das !
    Übrigens, meld dich mal wenn du in SB bist und die Borussia Punkte braucht(s.o.)…Gruß aus dem Saarland !

  10. was soll es schlimmeres geben, als live im Stadion oder am TV ??……….ich sags Dir……Live Ticker am PC bei Schwiegermutter….und ständig Ecke für Dortmund……und solche Sachen………furchtbar!!…..Danke für den schönen Bericht.

  11. Ich war am Wochenende in Wiesbaden zu Besuch und konnte das Spiel nicht wie gewohnt daheim auf sky verfolgen..Also auch den PC angekurbelt und den t-online-ticker angeschmissen…

    Dafür habe ich von unseren Gastgebern aber auch gleich vernichtende Blicke bekommen-denn aus “nur mal eben” am PC schauen wurden fast 2 Stunden…Man muss ja nach Spielende auch noch die Tabelle checken usw…

    Die Fernbedienung f.d. Fernseher wurde mir dann aber kurzerhand weggenommen…Dabei wollte ich auch “nur mal eben” im Sat.1-Videotext ab Seite 210 nachlesen…. =)

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