Mission 40/21: Jecker Befreiungsschlag

Gladbach setzt das verzweifelt erwartete Zeichen mit einem 3:2 gegen Hannover und lässt wieder Hoffnung im Tabellenkeller aufkeimen. Was Marko Marin mit Alberto Tomba verbindet, warum die Kathedrale des Aberglaubens stabiler dasteht als je zuvor und Logan Bailly (noch) kein Uwe ist.

Ein Jahr ist bekanntlich so voll gepackt mit Festen, Feiertagen und sonstigen Abzweigungen vom Alltag, dass man manchmal nicht weiß, wo einem der Kopf steht. Man schleppt sich von Weihnachten über Silvester bis Karneval, um irgendwie bis Ostern zu kommen, und reißt ein Kalenderblatt nach dem anderen ab, als sei es dreilagiges Klopapier.

„Tanz in den Mai“, Christi Himmelfahrt, Fronleichnam – freie Tage, schönes Wetter, alles wunderbar. Irgendwann hat der Mensch dann auch noch Geburtstag, begeht die Gedenkfeiertage im Oktober und November, bastelt Laternen zu St. Martin und stellt am 6. Dezember seine Stiefel, Sneaker, Adiletten vor die Tür. Und schon geht alles wieder von vorne los.

Den Fußball juckt es in der Regel nicht allzu sehr, ob nun Tannen mit brennenden Kerzen oder Birken mit buntem Krepppapier die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er steckt voll und ganz in seinem Trott, feiert Anfang August die neue Saison, schickt die alte Ende Mai in den Urlaub und rückt nur davon ab, wenn die Jahreszahl durch zwei teilbar ist. Mit Weihnachten hat er gemeinhin ausschließlich in seinem Mutterland etwas am Hut. Ansonsten haben sich die Feste nach ihm zu richten. Fällt der eigene Geburtstag auf einen Samstag, stellt sich demnach nicht die Frage, wie sich neben den Geburtstagsfeierlichkeiten noch ein Stadionbesuch einrichten lässt, sondern wie zum Teufel man die Sahnetorte durch die Abtastkontrolle bekommt, ohne dass die Marzipanglasur Risse davonträgt.

Nun hatte ich am Wochenende leider nicht Geburtstag. Dafür kam die Zeit von Donnerstag bis Dienstag aber in etwa dem gleich, was mir vorschwebt, wenn Leute behaupten, Weihnachten und Ostern würden auf einen Tag fallen: Karneval. Wortwörtlich übersetzt „Fleisch, lebe wohl!“ und beim Stadionbesuch am Nelkensamstag in der Regel mit der Nebenbedeutung „her mit den drei Punkten!“ behaftet. Nach einer guten halben Stunde sah es im Borussia-Park jedoch noch nicht unbedingt danach aus, dass die bislang genau ein Spiel andauernde Heimsiegesserie am Karnevalssamstag ausgebaut werden würde (am 24. Februar 2001 hatte es eine 6:1-Demontage für Alemannia Aachen gegeben, by the way).

Dabei hatte ich – wie so oft – nichts dem Zufall überlassen und gleich mehrere erfolgsversprechende Grundsteine gelegt, so dass die Kathedrale des Aberglaubens auf einem unerschütterlichen Fundament stand. Das Ritual, stets Eingang Nummer drei oder vier zu benutzen, hatte nach fünf sieglosen Heimspielen in Folge ausgedient. Dafür ging es zum zweiten Mal in dieser Saison und zum fünften Mal überhaupt seit der Eröffnung des Borussia-Parks mit dem Auto ins Stadion (zuvor 4:2 gegen Augsburg, 2:0 gegen Aue, 4:2 gegen Valencia und 1:0 gegen Karlsruhe). Eine Petition für freies Parken auf Lebenszeit ist in Arbeit. Zu guter Letzt hatte ich diesmal in der Nacht vor dem Spiel auf das 1:1-bringende Trikot verzichtet. Dass es – mal wieder – funktioniert hat, mag manch einer Glück nennen – je nach Konfession vielleicht sogar Hartnäckigkeit.

Hinzu kam ein kleines Jubiläum: Mein 50. Heimspiel in Folge, also ein weiterer Grund zum Anstoßen. Marin und Matmour setzten gleich einmal ein Zeichen und fingen auf Pfiff des Schiedsrichter an damit.

Nach den besagten gut dreißig Minuten vor Geisterkulisse im Borussia-Park bin ich also bereits ein wenig desillusioniert in meinem Sitz zusammengesackt. Das Spiel plätschert vollkommen unkarnevalistisch vor sich hin. Hans Meyer hat bereits einmal gewechselt, oder vielmehr wechseln müssen. Christian Dorda ist von Jiri Stajner mehrfach schwindelig gespielt worden wie ein Bonbon in der Kamellekanone. Sein Vorgesetzter tut das einzig Richtige und erlöst ihn nach 24 Minuten. Obwohl es vom „kicker“ die Note 6 gibt, keineswegs eine Schande für Dorda, sondern wohl eher ein Erlebnis der Kategorie „extrem lehrreich“ – solange er sich bei der nächsten Gelegenheit geschickter anstellt. Erste Schlüsselszene.

Die Borussia hat sich bislang weitestgehend von Robert Enkes Tor ferngehalten, als Alexander Baumjohann etwas unmotiviert 30 Meter vor dem Tor die Strecke des Veilchendienstagszuges abschreitet. Die Aufforderung „schieß doch“ kommt so uninspiriert von den Rängen, dass es sich nicht einmal lohnt, ein Ausruhezeichen dahinter zu setzen. Doch der Bayer in spe fasst sich einmal mehr ein Doppelherz und sorgt für einen Paukenschlag, der die gut 36.000 im Nu von Toten- in Tulpensonntagsstimmung versetzt. Der Ball dreht sich höchstens zweimal um die eigene Achse, bevor er unhaltbar im Winkel einschlägt – ein Strich wie aus dem Lehrbuch. Und weil sich Weitschusstore Baumjohanns kurz vor der Halbzeit mittlerweile häufen, auch diesmal für alle gelangweilten Mathe-Grundkursler die Funktion seines Tores: f(x)=0,091x. Weil’s so schön war, ausnahmsweise keine Hausaufgaben. Zweite Schlüsselszene.

Drei Tore hat Alexander Baumjohann damit in dieser Saison erzielt – allesamt auf die Südkurve, allesamt Marke „Tor des Monats“. Es hat ganz den Anschein, dass der 22-jährige, den der Stadionsprecher beim Freundschaftsspiel in Schiefbahn letzten Mai noch mit unnachahmlicher Penetranz „Baumjosef“ nannte, sich seinen Once-in-a-lifetime-Vertrag beim FC Bayern nachträglich verdient. Nicht nur seine Tore sorgen für Furore. Mittlerweile nimmt er sichtlich das Heft in die Hand und schwingt sich zum absoluten Führungsspieler in der Offensive auf. Eine Qualität, mit der Marko Marin – bei aller Lobhudelei an anderer Stelle – bislang noch nicht aufgetrumpft hat. Das Alter taugt im Vergleich zu Baumjohann diesmal eben nicht als Ausrede.

Dennoch ist es eben jener Marko Marin, der sich nicht lange bitten lässt und nur sieben Minuten nach dem Führungstreffer nachlegt. Wie Alberto Tomba im Slalom-Dschungel windet er sich durch die 96-Abwehr und vollendet mit einem Schlenzer, der so trocken-kunstvoll ist wie ein Picasso-Gemälde in Mauretanien. Egal ob er in der Zweiten oder der Ersten Bundesliga, im DFB-Pokal, in der U21 oder in der A-Nationalmannschaft trifft – jedes seiner zehn Tore, die ich aus dem Stehgreif zusammenbekomme, war sehenswert. Die Tatsache, dass ich überhaupt zehn zusammenbekomme, dürfte diese These zu Genüge untermauern. Dritte Schlüsselszene – und der erste Nicht-Baumjohann-Treffer auf die Südkurve in dieser Saison.

Bei aller Unberechenbarkeit in der Defensive sollte die Borussia meines Erachtens sowieso mehr Wert legen auf das Hauptsache-vorne-einen-mehr-schießen-als-hinten-reinkriegen-Prinzip. Mit sechs Gegentoren in vier Rückrundenspielen – das Hannover-Spiel schon eingeschlossen – sieht der Schnitt inzwischen zwar etwas besser aus. Dennoch zeigt vor allem die Anfälligkeit bei Standards, dass ein halbwegs kapitaler Bock immer drin ist – Logan Bailly hin oder her.

Die vierte Schlüsselszene, Pintos Anschlusstreffer zum 1:2, holt Gladbachs Teufelskerl im Tor zudem wieder auf den Boden des Menschlichen zurück und versinnbildlicht das ständige In-der-Luft-Liegen eines folgenschweren Fehlers. Den Schuss mit der bumerangförmigen Flugbahn wollte der Belgier scheinbar in Uwe-hat’s-geseh’n-Manier vorbeigucken – mit 23 Jahren wohl ein zu gewagtes Unternehmen. Doch hinter dieser Feststellung soll in keinster Weise ein Vorwurf stecken. Lieber 745 vereitelte Chancen in Bremen und eine zu wenig gegen Hannover, als 744 gegen Werder und dafür eine mehr gegen „die Roten“. Für derartige Kompromisse wäre unsere Lage nämlich weiterhin viel zu prekär. Außerdem war es erst Marko Marins Nachlässigkeit im Zweikampf gegen Pinto, die diesen fulminanten Schuss an den Innenpfosten ermöglichte.

Die nächste Schlüsselszene (Nummer fünf – für alle, die nicht mitzählen) liefert jedoch nicht sofort Klarheit, ob sie nun den Schlüssel zum Erfolg darstellen oder das Tor zum Niedergang öffnen wird. Nach 71 Minuten ist Marko Marins Arbeitstag beendet. Es kommt Oliver Neuville – 16 Jahre älter und zum zweiten Mal in Folge unter gellenden Pfiffen im Borussia-Park eingewechselt. Doch niemand hat seine Hände wegen einer grünen 27 auf der Anzeigetafel des vierten Mannes zwischen die Finger gelegt, sondern ausschließlich aufgrund einer roten 11. Ich kann bekanntlich nicht pfeifen. Und wenn, dann hätte ich es nicht getan, weil ich der Meinung gewesen wäre, Marin hätte um alles in der Welt durchspielen müssen, sondern weil ich langsam nicht mehr durchblicke, mit welcher Berechtigung Karim Matmour schon acht Saisonspiele über die volle Distanz und vierzehn über mindestens 75 Minuten absolviert hat. Einem Tor steht kein einziger Assist gegenüber. Auch enorme Laufbereitschaft und Defensivarbeit können bei einem etatmäßigen Außenstürmer nicht über diese Bilanz hinwegtrösten.

An der sechsten Schlüsselszene tragen jedoch weder das Drinbleiben Matmours, noch die Hereinnahme Neuvilles und die Auswechslung Marins eine Schuld. Es ist Michael Bradley, in Bremen noch Heilsbringer mit der Brust, der nach einer Ecke von Bruggink nicht nah genug bei Schulz ist und den damit die Hauptschuld am Ausgleich der Hannoveraner trägt. Im vierten Rückrundenspiel setzt es den vierten Treffer nach einer Standardsituation. Doch ausgerechnet Schlüsselszene sechs hält gleichzeitig so etwas wie den Schlüssel zum Erfolg bereit.

Denn nach dem 2:2 steht die Borussia vor einer richtungsweisenden Schlussphase, einer wahren Hopp-oder-Top-Situation. Entweder sie bäumt sich auf und holt sich die drei Punkte, die ihr nach einer ordentlichen Leistung zustehen, oder sie gibt zwei bzw. gar drei Zähler aus der Hand, deren Verlust die Fohlenelf in eine Lage mit Tendenz zur Aussichtslosigkeit versetzen würde.

Gladbach, allen voran Oliver Neuville, entscheidet sich für „Tor 1“ und setzt damit ein Zeichen, wie es im Abstiegskampf bitter vonnöten gewesen ist: Nach einem Abpraller von Friend und einer Kerze von Fahrenhorst wuchtet Neuville den Ball mit aller Kraft und Macht ins Tor. 36.000 jubeln für 63.000. Der Sieg ist perfekt und wird in den verbleibenden sieben Minuten kaum noch in Frage gestellt. Schlüsselszene Nummer sieben ist es, die aus zuvor acht Partien ohne Sieg eine Serie von drei Spielen ohne Niederlage werden lässt – zum ersten Mal in dieser Saison. Ein lang ersehnter Befreiungsschlag mitten hinein ins jecke Treiben, der die Borussia wieder atmen lässt. Die Talsohle der schwarzen November-, Dezember- und Januarwochen scheint erst einmal durchschritten. Im Februar ist die Borussia noch unbesiegt.

Aus durchschnittlich drei Punkten Abstand zu den Plätzen 15, 16 und 17 sind innerhalb eines Wochenendes zwei geworden. Mit einer beherzten Leistung, einer guten Chancenauswertung und etwas Trotz hat die Borussia ihr Leid sozusagen um ein Drittel verringert. Dennoch zeigt der Trend, dass die Vermutung, 30 Punkte könnten zum Klassenerhalt reichen, sich langsam aber sicher als Trugschluss erweist. Nach der Hinrunde hatte der Fünfzehnte Kurs genommen auf 26 Punkte. Von Spieltag zu Spieltag hat sich die Kurve seitdem nach oben gearbeitet. Die aktuellen Hochrechnungen für den ersten Nichtabstiegsplatz stehen bei 30,8 Punkten nach 34 Spieltagen, was aufgerundet 31 macht.

Dafür müsste die Elf vom Niederrhein 15 Punkte aus den verbleibenden 13 Spielen holen – und dazu wäre nicht einmal der Schnitt vonnöten, den sie in den ersten vier Partien nach der Winterpause vorgelegt hat. Die Hoffnung keimt am Horizont.

25. Februar 2009 von Jannik Sorgatz
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