Die Liga der Anderen (XVII): “Kein Selbstläufer”

In der “Liga der Anderen” kommen jede Woche Fans diverser Profiklubs zu Wort, die über ihr aktuelles Seelenleben erzählen. Mit BVB-Fan Sarah kam es heute zu einer Premiere: Die “Liga der Anderen” als Chat-Interview. Das Protokoll des Gesprächs, in dem nur Smileys verboten waren, gibt es hier.

Hi Sarah! Ich zitiere dich zum Einstieg mal selbst. Am 12. November hast du gesagt: “Und trotzdem, am Ende wird es für den Titel wohl nicht reichen. So gerne ich es auch glauben würde. Der Weg ist noch lang und mit dem ein oder anderen Stein versehen, über den die Klopp-Elf stolpern wird.” Wann kommen die Steine denn jetzt?

Sarah: Ich hoffe mal, wir haben sie einfach elegant umkurvt. So kurz vor dem Ziel tendiere ich immer mehr dazu, dass ich ein schlechtes Orakel bin. Glücklicherweise.

Drei Spieltage vor dem Ende von “nur” noch fünf Punkten Vorsprung zu sprechen, ist ja auch eher ein Luxusproblem. Wie wird’s aus gegen Nürnberg?

Sarah: Ich hoffe natürlich, dass wir drei Punkte holen, damit dann Ruhe ist. Einen Spieltag wird Dortmund zum gefühlten hundertsten Mal zur Meisterschaft gratuliert. Am nächsten spricht man wieder von einer engen Kiste. Mit einem Sieg wäre glaub’ ich dann auch der allerletzte überzeugt. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass das auch nicht einfach wird. Man spricht immer gerne von einem einfachen Restprogramm, aber Nürnberg will halt noch nach Europa und “muss” in Dortmund gewinnen. Dass das kein Selbstläufer ist, hat man ja letzte Woche gesehen.

Gutes Stichwort. In der Hinsicht sind wir ja Geschwister im Geiste: Eine Woche steigt Gladbach ab, in der anderen rettet sich die Borussia. Der Sieg gegen Dortmund war dann wieder eher die Rettung. Was hat der BVB falsch gemacht beim 0:1?

Sarah: Jetzt mal abgesehen von der Dortmunder Chance nach 20 Sekunden hat die Mannschaft einfach viel zu lange gebraucht, um ins Spiel zu kommen, und die erste Halbzeit verschlafen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie beeindruckt waren und nicht mit so viel Gegenwehr gerechnet haben. Aber genau damit musste man rechnen. Soweit zur ersten Hälfte. In der zweiten find’ ich gar nicht, dass Dortmund so viel falsch gemacht. Die Chancenverwertung ist ja schon die ganze Saison ein Thema. Was allerdings aufgefallen ist, ist, dass Dortmund nervöser gespielt hat als sonst. Viele Fehlpässe, ein paar Schnitzer. Ich meine gelesen zu haben, dass nur 17 Prozent aller Flanken angekommen sind. Das ist halt in so ‘nem Spiel einfach zu wenig, in dem der Gegner um alles in der Welt gewinnen will.

Hat es womöglich eine Rolle gespielt, dass die Meisterschaft die ganze Woche ein Thema war? Dann liegt Leverkusen auch noch eine Viertelstunde lang zurück und am Ende wird das Spiel gegen Gladbach doch ein ganz gewöhnliches. Beginnt der Kopf nicht automatisch zu rattern in dem Moment?

Sarah: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie immun Profis da sind. Aber das könnte schon eine Rolle gespielt haben. Ich hab’s selbst bei mir gemerkt, wie man in so einem Moment anfängt zu träumen, vielleicht sogar etwas größenwahnsinnig wird. Als ich gesehen hab’, dass Leverkusen zurück liegt, war mein erster Gedanke: ‘Verdammt! Ich will, dass die zu Hause Meister werden!’ Ich glaub’ wirklich kalt hat das keinen gelassen.

Jetzt wird es selbst am Samstag womöglich nichts, wenn Leverkusen in Köln gewinnt. Gerne wird ja momentan die Saison 2001/2002 herangezogen, als Leverkusen in den letzten drei Spielen fünf Punkte auf den BVB verspielt hat. Macht dir das eher Angst, oder denkst du dir: ‘Moment, Leverkusen hat es damals doch verbockt, nicht wir’?

Sarah: Das ist natürlich klar, dass alle mit diesem Beispiel ankommen, auch wenn’s kein Dortmunder mehr hören kann. Ich bin da allerdings gelassen, weil die Situation damals ‘ne andere war. Damals war Dortmund als Zweitplatzierter immerhin schon mal sechs Spieltage an der Spitze, Leverkusen in dieser Saison noch keinen einzigen Spieltag. Insofern denke ich mir: Auch wenn im Fußball verrückte Dinge passieren, so was kann und sollte sich keine Mannschaft mehr nehmen lassen.

Welche Rolle spielt das Alter der Mannschaft in dieser Phase? Denken die Jungs tendenziell zu viel nach oder sind sie im Gegenteil befreiter?

Sarah: Ich hab’ ja damals bei meiner Prognose gesagt, dass ich glaube, dass junge Spieler eher Nerven zeigen. Ich glaube hier merkt man, wie wichtig ein Jürgen Klopp ist. Der strahlt so eine Ruhe aus, die in Momenten, in denen es ernst wird, ganz wichtig für die Spieler ist. Ich glaube auch nicht, dass die gespielt ist. Wenn man ihn so bei Pressekonferenzen sieht, wie er 15 Minuten vorher eintrudelt, sich zwei, drei Mettbrötchen reinstopft (manchmal auch noch, wenn die Konferenz schon angefangen hat) und locker mit den Journalisten plaudert, dann kauft man ihm das ab. Und insofern macht er das ganz geschickt, um die Nerven zu schonen. Ich glaub’ ohne so einen Trainer, würde das ganz anders aussehen. Dann wäre das ein echtes Problem.

In Gladbach hat man gemerkt, dass Antonio da Silva Nuri Sahin nicht annähernd ersetzen konnte. Es klaffte meist eine Lücke zwischen Abwehr und Angriff, die Sahin sonst immer genial verknüpft. Wie schwer wiegt der Ausfall in den letzten Spielen?

Sarah: Also ich würde das Ganze nicht überbewerten. Klar, Sahin ist schwer zu ersetzen. Dass gerade da Silvas Fehlpass zum Gegentor geführt hat, ist natürlich auch mehr als unglücklich für ihn gelaufen. Aber ich finde da Silva hat auch schon richtig gute Spiele gemacht und man muss ja auch mal sagen, dass die gesamte Mannschaft letzte Woche einen schlechten Tag erwischt hat. Ihn da so hervorzuheben, wie das die Medien nach dem Spiel gemacht haben, find’ ich nicht ganz fair. Da haben andere schlechter gespielt. Aber was natürlich stimmt, ist dass er eigentlich lieber offensiv spielt und ihm Sahins Position nicht ganz liegt. Ich denke aber, man hat die ganze Saison schon gesehen, dass die Mannschaft Ausfälle (z.B. den von Kagawa) verkraften und trotzdem richtig gute Spiele hinlegen kann, weil die Mannschaft als Ganzes einfach funktioniert. Also ich denke, dass es daran nicht scheitern wird.

Trotzdem ist der Kader ja nicht gerade breit besetzt. Anderseits kann man das auch als große Kontinuität hervorheben. Was muss dennoch zur neuen Saison passieren? Egal ob mit oder ohne Titel.

Sarah: Ich denke, dass der BVB sich auf jeden Fall bemühen sollte, das Mittelfeld beisammen zu halten. Mit Gündogan kommt da ja auch noch was nach, Kagawa kommt zurück. Aber nach Dedes Abgang wird man vor allem noch gute Außenverteidiger suchen müssen. Wenn Schmelzer oder Piszczek ausfallen, hat man ein dickes Problem.

Zum Schluss nochmal zu den ausschließlich schönen Dingen: Welche Erinnerungen hast du eigentlich an die Meisterschaft 2002?

Sarah: Da muss ich mal kurz rechnen – da war ich 12. Ich weiß noch, dass ich gerade auf einem Judowettkampf war, als irgendwer angerannt kam und die frohe Botschaft überbracht hat. Damals habe ich mich noch ziemlich geärgert, dass ich weit weg von Dortmund war und die ganz große Party verpasst hab. Da war aber alles noch viel weiter weg für mich – da habe ich dann nicht so viel von dem Ganzen mitbekommen. Klar, die Jungs waren meine Helden, in der Schule war man auch der King, aber inzwischen hab’ ich Jahre lang eine Dauerkarte und geh’ mit meinem Bruder fast zu jedem Spiel. Das ist ‘ne ganz andere Sache. Sollte denn jetzt wirklich alles glatt gehen, hab’ ich auf jeden Fall einiges feiertechnisch nachzuholen. Und das werd’ ich dann auch machen!

Dann wünsch’ ich dir bei dem Unterfangen viel Glück. Wobei ich zugeben muss, dass ich schon neidisch bin, wenn jemand mit 21 zum zweiten Mal Meister wird. Ich hoffe ja lediglich darauf, dass es bei uns in den nächsten 60 Jahre mal passiert.

Sarah: Jetzt darf ich aber den Smiley auspacken oder?

Ja.

Sarah: :D

Danke.

Sarah: Danke dir.:)

29. April 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: | Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*