Hamburg – Gladbach: Wunder in der Warteschleife

Ein Spiel dauert 90 Minuten, eine Saison hat 34 Spieltage – elementarste Fußball-Weisheiten widerlegt die Borussia in diesem Jahr. Gegen den VfL Bochum gibt es in der Relegation das 35. und 36. Spiel der Saison. Und wenn es ganz dramatisch wird, könnten sogar 120 Minuten vonnöten sein, um über Abstieg und Klassenerhalt zu entscheiden. Das Spiel in Hamburg jedenfalls war eine merkwürdige Mischung aus Angst und Ekstase.

Am Samstagmorgen um 4:45 Uhr ist die Zahl noch immer zweistellig. Als ich anfing, zu zählen, hatte sie die 100 zwar lange hinter sich gelassen. Aber es waren immer noch zwei Tage bis zum Anpfiff in Hamburg. Jetzt haben die Vögel gerade erst begonnen, zu singen, knapp elf Stunden vor Spielbeginn. Und ich stehe vorm Spiegel, schaue in Augen, von denen ich nur deshalb weiß, dass sie schon geöffnet sind, weil ich sie sehen kann. Kleine Schlitze, die um 17:20 Uhr unter Umständen zu großen, runden Seen werden.

Wer alles haben kann, der will natürlich auch alles bekommen. In der Hinsicht ist es ein regelrechter Luxus, den direkten Klassenerhalt als Ziel auszugeben und anschließend hoffentlich hochzufrieden auf dem Relegationsplatz nach Hause zu fahren. Drei Siege in Folge und 273 Minuten ohne Gegentor haben aus den Rückschlägen der Saison eine alte Holzkiste gemacht, die in der hintersten Ecke des Dachbodens steht. Und Großvater sagt: “Niemals darfst Du die öffnen, niemals!” Aber man tut es trotzdem, in stillen und unbeobachteten Momenten. Man denkt daran, dass es Wunder definitiv in verschiedenen Dosen gibt – kleine Wunder und große Wunder.

Die volle Dröhnung wäre die endgültige Rettung noch am späten Nachmittag in Hamburg. Für den Fall will ich gewappnet sein. Mit ein paar Vernunftsbissen im Mund krame ich einen Gefrierbeutel aus der Schublade. Groß müsste das Stückchen Rasen nicht sein. Auch ein kleines würde sich im Garten meiner Eltern gut neben dem Erinnerungsstück vom Aufstiegsspiel 2001 gegen Chemnitz machen. Man darf ja wohl träumen. Im Radio singen die Indie-Rocker von Madsen derweil ihr bekanntestes Lied: “Du schreibst Geschichte, an jedem Tag”. Heute oder spätestens am 25. Mai – das würde bereits genügen.

Marco Reus alias Woody Woodpecker

Am Duisburger Hauptbahnhof werde ich mich mit Nils treffen. Ein gemeinsames Einstimmen auf die Reise nach Hamburg war ausgefallen, weil mein einziger Kumpel mit übergroßer Raute im Herzen noch einen Rückfall in pseudo-kreative Kindergartentage erlebt hatte. Nach dem Freiburg-Spiel hatte er sich in den Kopf gesetzt, den besten Gladbacher der Saison besonders zu würdigen. Ich habe vorher nie davon gehört, dass Marco Reus von seinen Kollegen angeblich “Woody Woodpecker” genannt wird. Als Nils mir jedoch einen ersten Entwurf für seinen Doppelhalter schickte, waren wir uns schnell einig, dass sie schnell damit beginnen sollten, falls sie es nicht schon längst tun – die roten Haare, der steile Kamm, diese Dynamik, dieser Ideenreichtum.

In Duisburg kreuzen sich die Wege von Nils und mir auf dem Bahnsteig. Er hat es tatsächlich getan: Zwei dünne Rohre aus dem Baumarkt, ein weißes Laken und in dessen Mitte Woody Woodpecker, neben dem der Schriftzug “Mach’ es, Marco” prangt. Ich war nicht dabei, aber ich hätte es gerne gesehen, wie Nils an zwei Abenden in seiner Garage hockte, das Bild per Beamer aufs Laken projiziert wurde und er sorgfältig – wie ein Achtjähriger, der ein Muttertagsgeschenk bastelt – den Cartoon-Specht ausmalte.

Im Intercity ist es das übliche Prozedere am Samstagmorgen auf dem Weg in Hamburg. Die eine Hälfte fährt zum Auswärtsspiel, die andere versucht, mit dem Kegelclub ebenfalls diverse Treffer zu landen. Ich bin noch so gar nicht in Bierlaune, zu groß ist die Anspannung. In Dortmund steigt ein gesprächiger Weizenbiertrinker ein, der im ganzen Wagen vollmundig und vor allem volltrunken verkündet, er werde sich nun aufmachen nach Münster – zur Meisterfeier des BVB. Er selbst sei Bayern-Fan. Spätestens da kann man ihm nur noch abnehmen, dass er so voll ist wie die A40 im Berufsverkehr. Das ist jedoch das einzige, was er nicht einsieht.

Im Grunde egal, wen es anstelle der Borussia trifft

Die Krönung der Kegelclubs steigt in Münster ein und sorgt erst einmal für Radau um kurz vor Acht. Erst ist die Deutsche Bahn die größte Mafia überhaupt, noch vor der Camorra, weil der ebenfalls gebuchte Platz 72 so gar nicht in der Nähe von 102 bis 108 liegt. Dann hat sich tatsächlich jemand erbost, vier leere Bierdosen auf dem Tisch im Abteil stehen zu lassen. Schnell werden die Relikte übermäßigen Alkoholkonsums am Morgen entfernt und die Piccolo-Flaschen hervorgeholt. Je mehr Schnäpschen dazu ihren Weg ins Mageninnere finden, desto gesprächiger wird die Runde. “Mein Schwiegervater ist zehnmaliger Deutscher Meister im Boxen”, erfahren wir von einem Schnäuzerträger, der so erwartungsvoll schaut, als müssten wir uns nun sicherer fühler.

Wer findet einen Ex-Borussia-Kapitän und Nicht-Sportdirektor in spe im Bild?

Kurz vor Hamburg leisten Nils und ich noch gewichtige Aufklärungsarbeit, was unsere Generation von Gladbach-Fans angeht. Ja, versichern wir dem Leidensgenossen vor uns, Real Madrid ist uns ein Begriff – aber nur aus dem kicker-Sonderheft zur Champions League. Nein, das Pokalfinale 1992 haben wir nicht verfolgt – wir bereiteten in unseren Kinderzimmer gerade das Upgrade von Duplo auf Lego vor. Was den Kegelclub jedoch mit so gut wie jedem Menschen verbindet, auf den wir an diesem Tag treffen: Er wünscht uns beim Ausstieg “Viel Glück! Denn den Magath und den Daum braucht ja nun wirklich keiner.” Ja, denke ich mir, die braucht wirklich keiner. Aber anstelle der Borussia könnte mein 25 Jahre altes Holland-Rad absteigen, es wäre nicht minder schön.

Als uns Kollege Rötten in Altona empfängt, kann man die Stunden bis zum Anpfiff bereits an einer Hand abzählen. Unser Schulfreund, der als unkapitalistischster VWL-Student aller Zeiten seit dem Abitur in Hamburg lebt, hat diesmal keine “Brille der Erkenntnis” auf. So nannte er 2009 noch das gläserlose Gestellt auf seiner Nase, das in einer durchzechten Nacht seinen Weg dorthin gefunden hatte. Mittlerweile ist er unter die Vegetarier gegangen, was zu Hause am Niederrhein unter Freunden in jeder Grillrunde ein Thema ist. Vegetarier, unser Rötten, bei man sich früher sicher kein könnte, dass sein Name im Stammbaum vom Erfinder des Nackensteaks auftaucht! Jetzt ist er mal wieder unsere Rettung vor Acht-Bett-Zimmern in einem Hostel auf der Reeperbahn.

Die ersten schlechten Omen

Im Schlemmerparadies eines Einkaufszentrums sorgen wir für den Tag vor. Während Rötten sich im vegetarischen Teil austobt, schaffen Nils und ich mit einem üppigen Geflügel-Rahm-Teller die kulinarische Grundlage für ein 90-minütiges Abstiegsendspiel, das am Ende ja doch nur ein Halbfinale sein könnte. Angst verbraucht mehr Kalorien als eine Tour-de-France-Etappe, so viel ist gewiss.

Zwei Stunden, bevor es endlich losgeht, gibt sich der Himmel redlich Mühe, jegliche Hamburg-Klischees zu bestätigen. Rötten tanzt vor Freude durch den Regenguss, weil es in den vergangenen Wochen so trocken gewesen sei. Wir glauben ihm kein Wort. Obendrein ist der kräftige Schauer im hohen Norden das erste schlechte Omen des Tages: Jeden der vier letzten Siege hat die Borussia bei strahlendem Sonnenschein eingefahren. Dazu kommen die grünen Trikots, in denen die Mannschaft zwar 2009 in der Hansestadt gewann, in der laufenden Saison aber noch nicht einmal erfolgreich war.

Auf dem Fußweg an der Imtech-Arena, ehemals HSH-Nordbank-Arena, davor AOL-Arena, ganz früher Volksparkstadion, sind sich nicht nur die Rautenträger vom Niederrhein einig, wie sie Sache hier ausgehen soll. Selbst die Hamburger Rauten meinen, eine Niederlage verkraften zu können, obwohl zum Saisonende der Absturz in die untere Tabellenhälfte droht. So selbstlos ist die Bundesliga, wenn jeder nur daran denkt, wie wenig er den VfL Wolfsburg vermissen würde. Sogar der Busfahrer der Gastgeber hat uns auf dem Weg zum Stadion angehupt, als wolle er sagen: Macht es, Jungs!

Dortmunds feine englische Art

Um 15:29 Uhr ist es so weit. Die Mannschaften laufen ein und ich realisiere noch nicht annähernd, dass nicht viel, sondern gleich alles auf dem Spiel steht. Die beiden Stöpsel in meinen Ohren helfen dabei, den Herzschlag zu justieren, irgendwo an der Schwelle zum dreistelligen Puls. Die beiden wichtigsten Herzschrittmacher heißen Sabine Töpperwien, die sich aus Dortmund meldet, und Detlev Lindner in Hoffenheim.

Das Produkt der kreativen Phase von Nils – sein Doppelhalter.

Schnell kann jeder erkennen, wie die Lage ist: Kein Stöpsel im Ohr steht für Nachrichten. Bei einem Stöpsel tourt die ARD-Konferenz gerade durch ein Stadion, das für Gladbach an diesem Nachmittag so interessant ist wie die dritte kasachische Liga. Bei zwei Stöpseln sind Dortmund oder Hoffenheim “calling”, wo Frankfurt und Wolfsburg das letzte Wort beim Unterfangen Klassenerhalt habe.

Nach einer Viertelstunde ist die höchste Alarmstufe des Radiokonsums erstmals erreicht: Elfmeter in Dortmund! Weil der foulende Frankfurter behandelt wird, dauert es ewig, bis Lucas Barrios antritt. Die Leute um mich herum schauen schon so skeptisch, als wäre ich in der Oper urplötzlich aufgestanden und hätte Rammsteim intoniert. Dann läuft Barrios an – Schuss, kein Tor, weiter 0:0. Vom Elfmeterpunkt pflegt der Deutsche Meister die feine englische Art.

Brunftschreie im Gästeblock

Die Borussia, ohne Änderungen in der Startelf, erwischt indes eine gute Anfangsphase. Dennoch findet die Mannschaft von Lucien Favre noch nicht die richtige Mischung. Wie soll es auch funktionieren, wenn nicht im eigenen Spiel, sondern in hunderten Kilometern Entfernung darüber entschieden wird, wie groß dieses “alles” ist, um das es angeglich geht? Die wenigen Chancen, die sich beide Teams erspielen, sind kaum der Rede wert.

In der 41. Minute wird Marco Reus vor dem Strafraum gelegt. Neben mir ist es seit drei Minuten ziemlich leer, weil Nils und Rötten unterwegs sind, um die Nervosität mit Bier zu unterdrücken. In mehr als 80 Metern Entfernung legt sich Arango den Ball zurecht. Der Reflex, mit der Hand zur Kamera zu greifen, liegt bei dem Venezolaner nahe. Aber nein, denke ich mir, das wäre absurd. Dutzende Videos von Freistößen, die in Mauern oder Fangnetzen landen, lagern auf meiner Festplatte. Ein Treffer ist darunter: Arangos Freistoß zum zwischenzeitlichen 4:1 in Leverkusen aus dem vergangenen August. Doch das, bin ich mir erstaunlich sicher, wird so nicht noch einmal gelingen.

Rötten und Nils gehen unterdessen schon wieder die Treppen herunter. Beide sehen den ruhenden Ball, sehen Arango. Sie entschließen sich dazu, erst einmal das Bier zur Seite zu stellen und den Freistoß abzuwarten. 29 Meter Torentfernung, die Mauer steht schlechter als der Bayern-Fan aus Münster am Morgen im Intercity. Jeder sieht es, nur nicht HSV-Keeper Frank Rost, der Sekunden später den Ball aus dem Netz holt. Tor! Tor! Tor! Neben mir ist Platz ohne Ende, weit und breit niemand, um diese spezielle Art der Männerfreundschaft auszuleben, die Soziologen nur bei wichtigen Toren beobachten können. Jubelnde Fußball-Fans sind die Nutten der Fankurve, nehmen immer den Nächstbesten. Umarmungen, High Fives, Brunftschreie – der Gästeblock ist um 16:13 Uhr mehr in Wallung als ein Bällebad im Kinderparadies.

Wenn man mehr als alles will

Als die Flut sich zwei Minuten später wieder verzogen hat, kommen Nils und Rötten aus den weiten des Wattenmeeres zurück. In ihren Händen drei Dinge, die in diesem Moment echte Raritäten sind: volle Bierbecher. Doch vom Beruhigungsbier zur Pause bekomme ich nicht einen Schluck runter. Fieberschübe und Angst vor dem Erfrierungstod wechseln sich ab wie Ampelphasen. Und ich fühle mich als Polizist in der Mitte der Kreuzung, der versucht, den Verkehr zu regeln, obwohl gar keine Ampel kaputt ist.

Zur Halbzeit: In Führung, aber trotzdem angespannt.

Die Wetteraussichten für den Abend sind kurz vor Beginn der zweiten Halbzeit bis dato das Dramatischste, was im Radio verkündet wird, 13 Grad und gelegentliche Schauer. Eine Minute vergeht, bis Hoffenheim den Himmel ganz weit aufreißt. “Hoffenheim, Hoffenheim, Hoffenheim!”, schreie ich. Der Typ neben mir hält die Tabelle offenbar für nebensächlich, fragt: “Was denn?” Ich antworte: “Tor für Hoffenheim!” Er will wissen, ob das gut ist. “Ja, verdammt!”, brülle ich ihm entgegen. Zumindest seine Gesichtsmuskeln verstehen, was im Inneren des Kopfes offenbar noch nicht angekommen ist.

Wenige Augenblicke lang müssten zwei Tore fallen, um die Borussia vom rettenden Ufer wieder zurück ins kalte Wasser zu ziehen. Das 1:0 für Hoffenheim ist gerade erst auf der Anzeigetafel vermeldet worden, da muss ich allen – sollte man zumindest meinen – schon wieder die Laune verderben. “Frankfurt, Frankfurt, Frankfurt!”, lautet diesmal der Dreiklang. Mein rechter Stehnachbar feiert ausgelassen, weil im Rückspiegel der VfL Wolfsburg auf der Strecke bleibt. Doch er übersieht die Eintracht, die gleichzeitig im toten Winkel lauert. Und ich mache mich darauf gefasst, am Montag frühzeitig aus Dortmund auszuziehen, falls Meisterpromille des BVB den VfL in Liga zwei befördern.

Minus drei Sekunden abgestiegen

Die Geschehnisse in Hamburg gehen in jenen Minuten völlig an mir vorbei. Den Kampf der Sinnesorgane entscheiden stets die Ohren für sich. Die Augen sehen, dass sie nichts sehen. In der 60. Minute meldet sich Detlev Lindner aus Hoffenheim. Wenn er wüsste, wie elendig lang die Sekunden vom Torschrei bis zur Auflösung sein können, würde er hoffentlich nicht so lange um den heißen Brei herumreden. Und wie das so ist: Heißer Brei ist selten schön. Mandzukic hat für Wolfsburg den Ausgleich erzielt. Schon ist die Vorstufe zum Worst-case-Szenario erreicht. Lucien Favre wird nach dem Spiel sinngemäß von einer “Ein Tor und du bist tot”-Situation sprechen.

Nach 71 Minuten ist das vermeintliche Todestor da. Ben-Hatira erzielt den Ausgleich für den HSV. Ich würde den Treffer gerne rekapitulieren, aber ich kann nicht, weil im selben Moment Sabine Töpperwein eine Drum-Session auf meinem Trommelfell veranstaltet. “Dortmund! Dortmund! Dortmund!”, rufe ich mit viel mehr Ausrufezeichen, als diesem Text gut zu Gesicht ständen. Ein Blick nach hinten links zu dem Mann, der ebenfalls verkabelt ist – als bestünde die Möglichkeit, dass ich mich verhört habe. Sein Schwein-gehabt-Blick genügt als Bestätigung. Drei Sekunden vor dem 1:1 in Hamburg hat Frankfurt ebenfalls den Ausgleich kassiert. Plötzlich steht zwanzig Minuten vor dem Ende der Saison wieder alles auf Null. Gladbach war eine halbe Stunde lang gerettet und minus drei Sekunden abgestiegen.

Was in der Grafik nicht auftaucht: Elf Punkte, die Gladbach unter Lucien Favre auf St. Pauli aufgeholt hat sowie die zwölf auf Frankfurt.

Was in der Grafik nicht auftaucht: Elf Punkte, die Gladbach unter Lucien Favre auf St. Pauli aufgeholt hat sowie die zwölf auf Frankfurt.

Kaum ist der Schweiß nach einer der nervenaufreibendsten Minuten dieser Saison getrocknet, zerschlägt sich die Hoffnung auf das vorgezogene Wunder vollkommen. Wolfsburg hat 20 Minuten zu früh kapiert, dass sich das Wort Abstiegskampf nicht nur von “Kampf” ableitet, sondern auch von “Abstieg”. Ein Doppelschlag entscheidet das Spiel in Hoffenheim, während sich in Hamburg, wenn überhaupt, nur noch der HSV regt. Zwischen den beiden Toren des Meisters von 2009 erhöht der Meister von 2011 den Gladbacher Abstand zu Eintracht Frankfurt wieder auf zwei Tore. Nach dem 2:1 von Barrios muss die Mannschaft von Christoph Daum das Spiel drehen oder aber den Ausgleich erzielen, während Gladbach gleichzeitig noch in Hamburg verliert.

Dedê verschießt sein Abschiedsgeschenk

Der winzige Moment, in dem die Borussia scheinbar abgestiegen war, hat genügt, um Mannschaft und Fans für den Rest der Partie in Schockstarre zu versetzen. In der 80. Minute kapitulieren die Augen wieder vor der Macht der Ohren. Der zweite Elfmeter für Dortmund, Frankfurts Titsch-Rivero sieht Rot wegen einer Notbremse, nicht wegen seines Namens. Zum Abschied darf Dedê schießen. Man möge mich verbessern: Aber ich kann mich an keinen dieser Charity-Elfmeter erinnern, den ein scheinbar hilfsbedürftiger Spieler verwandelt hat. Dedê – der in den vergangenen Wochen wirkte wie der traurigste Brasilianer der Welt, in Wirklichkeit aber der glücklichste war – verschießt den fünften BVB-Elfer der Saison.

Puh.

Der Abpfiff eines in der Schlussphase kaum noch lebendigen Spiels vernichtet für die Borussia aus Mönchengladbach die vorletzte Möglichkeit, doch noch den Relegationsplatz zu verlieren. Dann schalten die Gastgeber in Hamburg die Anzeigetafel an. Ich denke an Schalke, an 2001, ans Parkstadion. Ich überlege, wie mein Leben wohl in den folgenden Wochen verlaufen würde, wenn ich nun hilflos mitansehen müsste, wie Frankfurt in Unterzahl das Spiel dreht. Aber der BVB ist nach dem 0:1 offenbar nüchtern geworden. Barrios entscheidet das Spiel mit dem 3:1. Gladbach zieht in die Relegation ein und ich erkläre mich bereit, meinen Mietvertrag in Dortmund zu erfüllen.

Doch auch als das letzte Spiel des Tages abgepfiffen ist, taumeln alle Gladbacher Borussen durch ein Gefühlsvakuum. Wie feiert man den Einzug in die Relegation? Feiert man überhaupt die Tatsache, dass man dank der Wiedereinführung einer alten Abstiegsregel noch am Leben ist? Ist es nicht fast Pflicht, zu feiern, wenn man mindestens dreimal zuvor schon abgestiegen war? Fest steht: Der direkte Abstieg ist abgewendet. Gladbach hat eine Rückrunde gespielt, die so gut war wie Frankfurts europacupreife Hinrunde, und darf in die Relegation, weil Frankfurts Rückrunde noch schlechter war als Gladbachs Hinrunde. Als Lohn gibt es zwei Spiele, die zumindest mit der Europacup-Arithmetik entschieden werden.

Das erste Häppchen Wunder

Lucien Favre in der Sportschau

Zum Haareraufen: Lucien Favre verlebt keinen entspannten Nachmittag.

Die Mannschaft bedankt sich artig. Marco Reus erblickt kurz seine Doppelhalter-Hommage. Gladbachs Woody Woodpecker ist der zehnten Gelben Karte zum sechsten Mal aus dem Weg gegangen. Wenn er es ein weiteres Mal schafft, steigt automatisch die Wahrscheinlichkeit, dass der 21-Jährige auch in der nächsten Saison Karten für die Borussia sammelt. Der Gegner heißt jetzt Bochum.

Die merkwürdige Stimmung, bis das erste Häppchen Wunder verdaut ist, zeigt sich im Linienbus am besten. Der Hamburger Fahrer hat den Gladbach-Fans ein Singverbot erteilt. Rötten verhandelt mit einer Blondine, ob es legitim ist, wie sie behauptet, “nach zehn Stunden Arbeit auch mal seine Ruhe haben zu wollen”. Rötten umgeht die Antwort elegant mit der Gegenfrage, woher sie denn wisse, wie man sich nach zehn Stunden arbeit fühlt. Unterdessen können sich die Borussen im Bus nicht völlig zurückhalten und pfeifen trotzig ihre Lieder. Es trifft die Stimmung wohl am besten: Das Wunder in der Warteschleife ist vielleicht kein Grund zum Singen – aber zufriedenes Pfeifen trifft den richtigen Ton auf jeden Fall.

16. Mai 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , | 11 Kommentare

Kommentare (11)

  1. Was ein Herzschlagfinale. Den Golfsburgern hätte ich den Abstieg sowas von gegönnt. Und ich kann mitfühlen, wie ihr euch vor und während des Spiels gefühlt habt. Nicht zu beneiden.
    Recht hast Du mit der vermeintlichen Freude auf Rang 16.
    2 Dinge hierzu:
    1. Wir wären vor 5 Jahren froh gewesen, es hätte diese 2 Spiele gegeben…
    2. Vor 67 Wochen wart ihr tot. Toter als ne Kirchenmaus. Platz 16 ist schon ein Riesenerfolg für euch.

    Danke schon mal an dieser Stelle für Deine tollen Berichte dieses Jahr die ich hoffentlich auch nächste Saison lesen darf (auch in der 2. Liga wirst Du schreiben?)

    Gruß aus Lautern in der Hoffnung, daß wir uns nächstes Jahr in der gleichen Liga begegnen.

  2. …Wenn man mehr als alles will… das trifft es wohl unbedingt! Das Hoffen war so groß am Samstag, es DOCH noch auf den 15. Platz zu schaffen. Wider alle Vernunft. Je später der Spieltag, desto größer die Aufregung. Ich konnte leider nicht den Rest der Partien vor dem Videotext verfolgen, bekam dann aber nach Spielschluss – bangend, bibbernd und unter Hochspannung stehend – das finale “Urteil”: Relegation mitgeteilt. Bis die Hochspannung dann wich, dauerte es bestimmt noch 1 Stunde nach dem Spiel. Tja, freuen oder nicht freuen, irgendwie schon, aber ja, total. Andererseits, tja, wenn man mehr als alles will… Jedoch, die Totgesagten und Totgeglaubten leben mindestens noch 2 Spiele länger. Und hoffentlich am Ende doch die Saison auf Platz 16+ überlebt. Auf gehts Jungs, schießt immer ein Tor mehr für uns.

  3. Klasse Artikel!!! Hast Du inzwischen von Playmobil geupdatet oder ist das deprecated?

    Wenn WOB verloren hätte, hätte ich es wohl verschwiegen. Aber da uns ein Sieg eh nichts genützt hätte (außer daß er uns Nerven gespart hätte) kann ich es zugeben: ich habe das Buch von Nick Hornby nicht mit im Stadion gehabt.

    Aber wie wir vorher ja schon feststellten: in grünen Trikots gab es nur den Heimpunkt gegen die Bayern, sonst nur Spesen. Also selbst Schuld. Hätten halt beide Teams in weiß gespielt. ;) Aber gegen Bochum werden wir wohl beide Spiele komplett in weiß spielen. Gutes Omen.

    Auf der Haupttribüne waren viele Gladbacher. Nach unserem 1-0 habe ich den absoluten Urschrei losgelassen und die Hamburger haben geschmunzelt. Am Schlimmsten waren für mich die gefühlten 10 Minuten, in denen wir auf dem 17. Tabellenplatz standen, weil der Doofmunder Ausgleich erst weit nach dem HSV-Ausgleich bekanntgegeben wurde (obwohl beide ca. zeitgleich fielen). Danach wollte ich kein Auf und Ab mehr, keine Chance auf den 15. Platz. Sondern einfach nur noch den 16. Platz und meine Ruhe.

    Die Frage bleibt: freuen oder ärgern? Mit etwas Abstand freue ich mich. Samstag (nachdem man so kurz an der Erlösung geschnuppert hatte), war ich etwas niedergeschlagen. Aber unter dem Strich ist der 16. Platz weit mehr, als man noch vor 3 oder 4 Wochen zu hoffen wagte. Lucien Favre war nach dem Schlußpfiff übrigens stocksauer (wohl wegen der leistung in der 2. HZ).

    Nach dem Spiel haben wir Marcell Jansen in den Katakomben getroffen und er strahlte für sich und seine Familie. Toller, sehr sympathischer Mensch. Ich gäb alles dafür, den wieder zum VfL zu lotsen.

    Viva VfL!!!

    Gruß aus MD.

  4. Bei mir hat sich beim zweiten Barrios Tor doch der riesige Eisklumpen gelöst, der sich angestaut hatte, auch wenn meine Umgebung mich eher erstaunt und verwundert wahrnahm – egal. Das Lesen dieses Blogs ist absolutes Pflichtprogramm und auch diesmal hatte ich wieder die “zweite Gänsehaut”.

    Vielen Dank

    Jameiker

  5. Nachdem ich schon viele Artikel gelesen habe muss ich mal sagen, starke Arbeit, immer wieder Unterhaltsam und lustig zu lesen.

    Das Fotos zur Halbzeit ist aber trotzdem Betrug, das wurde nämlich ganz klar vor dem Anpfiff geschossen ;-)

  6. @Fabian

    Stimmt. Das Riesenbanner “Vollgas” wurde beim Einlaufen entrollt und hing danach nicht mehr wie vorher.

    @Jannik

    Trickst Du uns hier alle aus!? ;)

  7. Oh ja, ihr habt Recht, keine Absicht. Hätte es mir aber denken können, weil ich in der Halbzeit gar nicht in der Lage war, Fotos zu machen.;)

  8. Sag mal, landen meine Kommentare immer im Spam???

  9. Wiedermal ein ganz starker Artikel! Während und nach dem Spiel war ich so angespannt und fertig – ich dachte wir hätten in weiß gespielt? Tja – solche Nebensächlichkeiten vergesse ich irgendwie schnell – oder nehme sie gar nicht war.

    btw – Dein Saisonmotto “es führt ein Weg nach irgendwo” haut ja dermaßen 100% hin! Fast schon zum fürchten, Deine hellseherischen Fähigkeiten;-)

  10. @Betzebub: Ja, leider. Kann sein, dass das Anti-Spam-Plugin der Meinung ist, dass dein Nick irgendwie nicht koscher ist. Weil ich selbst natürlich nicht der Meinung bin, habe ich immer ein Auge auf dem Spam-Ordner und versuche, die Kommentare binnen eines Tages freizuschalten.;)

  11. Super Post! Danke.

    [Spamlink entfernt]

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