Gladbach – Bochum: Das Glück ersungen

35. Spieltag: Geht nicht, gibt’s nicht. Als wäre das Spektakel Relegation nicht nervenaufreibend genug, hat sich die Borussia die aufreibendste Art ausgesucht, den ersten Schritt Richtung Rettung zu machen. Igor de Camargo trifft nach 92 Minuten und 14 Sekunden – womöglich das späteste Last-Minute-Tor der Vereinsgeschichte. Fest steht schon jetzt: Die Relegation gefährdet ihre Gesundheit!

Vom Gesangsverbot im Bus geht es am Samstagabend in Hamburg schnell aufs Sofa. In der “Sportschau” hat gerade die Konferenz der drei entscheidenden Abstiegsspiele begonnen. Die ARD gibt sich redlich Mühe, die Dramaturgie irgendwie wiederherzustellen. Doch der Versuch scheitert, weil es nun einmal nicht möglich ist, drei Tore gleichzeitig fallen zu lassen, und die Spannung zu steigern, indem man den Menschen im einen Stadion erst später davon erzählt als denen im anderen. Life is Life! Live is live! Aber die “Sportschau” ist nicht “Mitten im Leben”.

Sonntagmittag nimmt die Relegation langsam Züge an. Oder besser: Wir nehmen die Relegation am Sonntagmittag im Zug langsam an. Bochums Sieg gegen Duisburg nimmt schnell Konturen an. Greuther Fürth fürthet sich gegen Düsseldorf zu einem 1:1 und macht mit dem vierten Platz den größten Erfolg der eigenen Zweitligageschichte klar. Schon während die Zweitligaspiele laufen, umtreibt Nils und mich zwischen Rotenburg und Minden vorerst nur eine Frage: Wie zum Teufel kommen wir an Karten fürs Rückspiel in der Fremde?

Erst drücken wir Fürth die Daumen – in der Hoffnung, die Fast-Nürnberger mögen mangels Platz im eigenen Ex-Playmobilstadion ins Stadion der echten Nürnberger umziehen. Das ergäbe richtig viel Platz. Mitte der ersten Halbzeit kommt auf Nachfrage die Richtigstellung aus der Heimat: Fürth wird definitiv nicht umziehen. Damit ist Bochum der neue Favorit, wobei die Optionen sich ohnehin in Grenzen halten. Fest steht jedoch, dass 80 Kilometer Anreise angenehmer sind als 480. Man will den Urlaub schließlich fürs Feiern und nicht fürs Fahren nehmen.

“Die Unnichtwiederaufsteigbaren”

Die Nacht war um fünf Uhr auf dem Hamburger Fischmarkt zu Ende, als der Tag für viele Menschen schon wieder begann. Im Hafen wummerten die ersten Maschinen, im Radio lief der Siegertitel des Eurovision Song Contests. Relegation: Twelve points! Restalkohol wird schuld daran sein, dass wir auf der Heimreise gar keine Gedanken daran verschwenden, unter Umständen überhaupt keine Karten fürs Spiel in Bochum zu bekommen.

Doch die “Unabsteigbaren”, die 11 Freunde in die “Unnichtwiederaufsteigbaren” umgetauft hat, haben sich etwas Perfides einfallen lassen, um ihr Stadion an der Castroper Straße möglichtst blau-weiß zu halten. Jeder Zuschauer des Spiels gegen den MSV Duisburg konnte sich unmittelbar nach Abpfiff eine Karte für die Relegation sichern. 20 000 sind auf diese Weise bereits am Sonntagabend weg. Dann sind Dauerkarteninhaber, Vereins- und Fanclubmitglieder aus Bochum an der Reihe. Kurz liebaügeln wir damit, uns “VfL-Bochum-Fanclub – ach nee, doch nicht” zu nennen.

Montagnachmittag hält schließlich die nächste Etappe einer Kartensuch-Odyssee parat, die in ihren Aufs und Abs auf verblüffende Weise der gesamten Saison ähnelt. “Mit den wenigen Tickets, die wir bekommen haben, wollen wir zumindest alle diejenigen versorgen, die uns immer unterstützt haben”, sprach Geschäftsführer Stephan Schippers und setzte es in die Tat um. Bochum-Karten: Nur für Inhaber von Auswärtsdauerkarten und Fanclub-Mitglieder. Mir ist nach Heulen zumute, fast tue ich es, dann schweige ich den Frust nach einem kurzen Wutausbruch in mich hinein. Es ist eine kurze Erinnerung an das Gefühl nach dem 0:1 im Mainz. Gleichzeitig wälze ich mich innerlich an der Supermarkt-Kasse auf dem Boden. An der Kasse zieht Deniz Aytekin genüsslich eine Süßigkeit nach der anderen über den Scanner und gibt nichts ab.

Operation am offenen Herzen

Doch dann bringt der Dienstagabend den Sieg gegen Dortmund, im übertragenen Sinne. Nils hat zwei Karten an der Angel – 50 Euro das Stück plus einen Kasten Bier für die barmherzige Samariterin. Und so kommt es: Nils trainiert eine Handball-Mannschaft, einer seiner Spieler hat eine Schwester, die arbeitet bei Borussia und hat zwei Karten bekommen, kann – oder will, was weiß ich – am Mittwoch, den 25. Mai, aber nicht nach Bochum fahren.

Der Mittwoch verläuft nur insofern siegreich, als der Traum von den Auswärtskarten weiter lebt, aber noch immer nicht wahr geworden ist. Donnerstag, wenige Stunden vor Spielbeginn, endlich der Vollzug: Nils hat die Karten abgeholt. Kurz überlegen wir, was Schließfächer bei der Bank kosten. Aber mitten in unsere Euphorie, den Klassen-, ach nein, den Kartenerhalt gesichert zu haben, platzt das Hinspiel in der Relegation. Warum kann es nicht 180 entscheidende Minuten an einem neutralen Ort geben? In Dortmund beispielsweise. Dort liegt sowieso kein Rasen mehr nach der Meisterfeier, das würde optisch und klischeemäßig passen – Relegation kommt von Schmerzen. Stattdessen ist es, als würde der Arzt sagen: Entschuldigen Sie, wir unterbrechen die Operation am offenen Herzen für fünf Tage und bringen sie dann zu Ende – ich habe noch eine wichtige Klausurtagung in einem slowakischen Bordell im Kalender stehen.

Selbst als das Skalpell kurz vor dem Anpfiff angesetzt wird, weiß ich noch immer nicht, wie das eigentlich läuft – Relegation, der Publikumsjoker des Fußballs. Die Banden sind einheitlich, die DFL spielt ihre Einlaufhymne, Kinder schleppen eine mittelkreisgroße Plane vom Feld, wobei selbst der Lauf dorthin durchchoreographiert ist. Es liegt ein Hauch von Champions-League-Endspiel in der Luft. Die Fans vom FC Barcelona und Manchester United werden es gelassener sehen. Für eine ganze Generation ist es am 28. Mai in Wembley mindestens das dritte Finale in der Königsklasse. 54 000 Zuschauer im Borussia-Park schnuppern dagegen zum ersten Mal die Luft der Relegation, die es gar nicht geben kann, weil sie doch ein Vakuum zwischen den Ligen ist.

NRW-Meister Gladbach

Aber Erstickungssymptome sind nicht festzustellen. Stattdessen setzt das Stadion mathematische Gesetze außer Kraft. Lautstärke ist plötzlich nicht mehr logarithmisch, sondern linear. Rein akustisch eröffnet das ganz neue Möglichkeiten – der Borussia-Park feiert die Dezibel-Revolution mit dem lautesten “Mönchengladbach olé” aller Zeiten (zumindest vorerst). Die Bochumer preisen stattdessen in jedem zweiten ihrer Lieder an, wie “tief im Westen” ihre Stadt doch liegt. Was hätte Grönemeyer gedichtet, wenn er ein Gladbacher wäre? “Am tiefsten im Westen”?

Das Geschehen auf dem Rasen kann mit dem auf den Rängen locker mithalten. Man merkt: Es ist das Topspiel der Anderthalbten Bundesliga. NRW-Meister Gladbach – mit 16 Punkten aus acht Spielen gegen Dortmund, Leverkusen, Köln und Schalke – empfängt den Sieger der Landesstaffel B, den VfL Bochum. Bereits nach 40 Sekunden köpft Juan Arango knapp über die Latte. Wäre der Kopf des Venezolaners sein linker Fuß, läge die Borussia bereits in Führung.

Apropos Latte: Auf der Gegenseite trifft Bochums Yahia nach einer Ecke sowohl Filip Daems als auch das Aluminium, belgische Maßarbeit auf der Linie. Eine halbe Stunde lang kapieren es beide Mannschaften nicht, dass heute gar kein Fußball von ihnen erwartet wird. Vielleicht laufen beide auch nur entschlossen an, weil sie befürchten, dass jeden Moment der 1. FC Nürnberg mit einem Helikopter im Mittelkreis landet. Denn die Franken haben alle vier Spiele seit Wiedereinführung der Relegation nicht nur bestritten, sondern gewonnen.

Probleme mit der Europacup-Arithmetik

Bei Gladbach legen Reus, Dante und Idrissou in Sachen Torchancen Wert auf die Quantität. Bei Bochum fehlt Marcel Maltritz in der 23. Minute vielleicht ein wenig Qualität, um die qualitativ hochwertigste Chance der ersten Halbzeit zu nutzen. Plötzlich taucht der Innenverteidiger nach einem Konter frei vor Marc-André ter Stegen auf, dessen eigene Qualität am Ende siegt. Kein Torhüter hat in der Bundesliga-Saison prozentual mehr Bälle gehalten. Ter Stegens einziges Manko: Er durfte nur sechs Spiele ran. Trotzdem ist er jetzt schon – frei nach Marcel Reif – der älteste 19-Jährige aller Zeiten.

An der nächsten Chance ist wieder Dante beteiligt, der bei einer der zahlreichen Ecken völlig frei steht. Die zentral vermarktete Relegation hat übrigens auch ihre schönen Seiten: Kein Eckball, keine Restspielzeit, keine Verwarnung und keine Verletzungsunterbrechung wird von irgendeinem Sponsor präsentiert. Die Schlussphase der ersten Halbzeit wird präsentiert von Borussia Mönchengladbach. Hanke gelingt es beinahe, sein 1:0 aus dem Freiburg-Spiel zu kopieren. Extra hatte er vorher auf dem Amt den Personalausweis seiner Mutter gefälscht, um dafür zu sorgen, dass sie auch diesmal wieder Geburtstag hat. Aber Bochums Keeper Luthe – der Name riecht schon nach dem grauen PVC-Boden eines Einwohnermeldeamtes – wehrt den Flachschuss gerade so ab.

Es geht zum neunten Mal in Folge mit einem Zu-Null in die Pause. Gerade im gefühlt ersten Europapokal-Spiel meines Lebens ist das besonders wohltuend. Als Kind dachte ich nämlich immer, Auswärtstore zählten wirklich doppelt. Deshalb kam mir die 2:4-Niederlage in der 2. Runde des Uefa-Cups 1996/97 gegen den AS Monaco auch besonders vernichtend vor.

Idrissou und der Colautti-Effekt

Von einem 2:8 sind beide Mannschaften im Borussia-Park jedoch weit entfernt. Allmählich freunden sie sich Anfang der zweiten Halbzeit mit dem torlosen Remis an. Gladbach spielt wie der 16. der Bundesliga. Bochum tritt wie der Dritte der Zweiten Liga auf, also der 21. der Bundesliga. Von einem Klassenunterschied ist nichts zu sehen, nur leichte Vorteile auf Seiten der Borussia. Nach außen beginne ich langsam damit, mir ein 0:0 schönzureden. Schließlich würde im Rückspiel jeder Sieg und jedes Unentschieden bis auf ein 0:0 genügen. Innerlich ziehen Bilder eines Elfmeterschießens im Bochumer Stadion vorbei.

In der 66. Minute kommt Igor de Camargo für Mo Idrissou ins Spiel, der leider allzu oft ins Kahê’sche Schema gefallen war, als ihm der Ball weiter wegsprang als andere schießen können. Pure Verausgabung nach gut einer Stunde spricht wenigstens dafür, dass er, nun ja, sich völlig verausgabt hat. Das ist ehrenwert. Vielleicht kann er sich seine weiten Wege fürs Sportabzeichnen anrechnen lassen. Aber bei aller Kritik an seinen fußballerischen Qualitäten, ist da immer noch die Dankbarkeit für ein lebenswichtiges Siegtor gegen Borussia Dortmund. Damit profitiert Idrissou vom Colautti-Effekt: Ein Treffer genügt, um auf ewig im Gedächtnis zu bleiben.

Unter der Woche – mitten im Auswärtskarten-Inferno – kamen in einer seltenen stillen Stunde die symptomatischen Was-wäre-gewesen-wenn-Gedanken. Bitter: Ein später Ausgleich beim 1:2 in Wolfsburg hätte genügt für Platz 15. Wohltuend: Hätte Dortmund wiederum am Ostersamstag noch ausgeglichen, wäre selbst der Relegationsplatz weg gewesen. Macht unterm Strich: Dankbarkeit.

Luthe-Stadt Bochum

Auch das Publikum bewegt sich stimmungstechnisch wieder einmal in Wellen fort. Nervöse Stille und euphorische Anfeuerung wechseln sich mehrfach ab. In den letzten 20 Minuten hat man das Gefühl, als gäbe es eine stille Vereinbarung zwischen den knapp 50 000 Borussen im Stadion: Alles klar, wir haben viel Scheiße erlebt in dieser Saison, aber auch unvergessliche Glanzstunden wie ein 6:3 in Leverkusen, ein 4:0 und 5:1 gegen Köln sowie ein 1:0 gegen Meister Dortmund – wir reißen uns jetzt bis zum Ende zusammen und ersingen das Tor.

Erst scheitert Hanke nach einer Traumflanke von Arango an der Höhe des Tores, dann findet er in Torwart Luthe seinen Meister. In der Schlussphase der Schlussphase trifft Dante nach einer Ecke wieder nicht ins Tor. Kurz darauf entscheidet sich de Camargo für die schwierigste aller Möglichkeiten, aber seinen Lupfer kann Arango beinahe volley verwerten – Luthe hält. Dann flankt der eingewechselte Matmour von der rechten Seite. Hanke köpft so gut, dass man jedes vermeintlich nicht so gute Spiel aus dem Gedächtnis löschen will – aber Bochums Keeper hält erneut. Martin Luther hatte seine 95 Thesen, Andreas Luthe ist der Mann der 95 Paraden.

Auch der Gegner fragt sich anscheinend, was ein 0:0 bedeuten mag. Was ist das Doppelte von nichts? Immerhin hat der VfL Bochum seit 1997 zweimal im Europacup gespielt und müsste doch wissen, was als Wunschergebnis durchgeht. Ich bin dagegen völlig aufgeschmissen. Ich weiß, dass es beim Wintercup in Düsseldorf vier Teilnehmer, zwei Halbfinals und ein Endspiel gibt – und am Ende gewinnt immer Borussia. Aber Europacup? Nie gehört, nie gefühlt.

Ein vegetarisches Resultat?

Dann wird die Nachspielzeit wird angezeigt. Es gibt zwei Minuten oben drauf nach einer Hälfte, in der ter Stegen kurz behandelt wurde, beide Mannschaften dreimal gewechselt haben, Bochumer Spieler ihren Schuh auf hatten und zusätzlich diverse Nahtoderfahrungen durchmachten. Nach 91 Minuten bekommt der Ruhrpott-VfL noch einen Freistoß. Längst sind die Köpfe beim Rückspiel. Ein 0:0 – das wäre nicht Fisch, nicht Fleisch, aber auch nicht völlig vegetarisch. Bochums Joker Chong Tese hat per Kopf die vermeintlich letzte Chance des Spiels.

Doch ter Stegen wittert spät am Abend noch einige Sekunden Morgenluft und bringt den Ball schnell wieder ins Spiel. Aber Arango weiß offenbar nicht, was er um die Uhrzeit damit anfangen soll. Wie eine Wurstverkäuferin, die 18 Minuten vor Ladenschluss schon die Schinkenwurst weggepackt hat, stolziert er unentschlossen mit dem Ball durchs Mittelfeld – allenfalls entschlossen, nichts mehr mit ihm anzufangen. Knapp 50 000 Kehlen können sich im Nachhinein dafür rühmen, den Venezolaner zu einem langen Ball geschrien zu haben. Das Ding segelt in Bochums Hälfte und landet von einem Gegner noch einmal im Aus.

1:51 Minuten ist das Spiel da über die Zeit. Schiedsrichter Günter Perl schaut auf die Uhr. Zwei Minuten hatte der Vierte Offizielle ja signalisiert. In DFB-Regel 7 steht: “Diese Anzeige ist keine exakte Angabe der nachzuspielenden Zeit. Der Schiedsrichter kann die Nachspielzeit bei Bedarf verlängern, nicht aber kürzen.”

“Wo bin ich? Und wenn ja, wie lang ist noch zu spielen?”

‘Also’, wird sich Perl in etwa gedacht haben, ‘kompensiere ich doch einfach das elendige Rumliegen der Bochumer Spieler, die vielen Auswechslungen, die wahrhaftigen Verletzungspausen, indem ich Nordtveit noch diesen einen Einwurf ausführen lasse.’ Als der Ball die Hände des Norwegers verlässt, ist die Nachspielzeit seit fünf Sekunden abgelaufen.

Bochums Dabrowski ist es, der die Hereingabe geschickt verlängert. De Camargo wuchtiger Kopfball wird von Luthe entschärft, der scheinbar die 96. These an Gladbachs Kabinentür schlägt: Mich überwindet ihr heute nicht! Doch Arango kratzt den Ball von der Grundlinie. Sein Schuss amputiert beinahe Hankes Bein. Von einem Gegner kommt der Ball wieder zu de Camargo. Jedes Wort, das beschreibt, was nun passiert, wird dem Gefühl, das es auslöst, nicht annähernd gerecht. Man stelle sich vor, Roberto Colauttis Tor gegen Schalke und Oliver Neuvilles Tor bei der WM 2006 gegen Polen fielen in dieselbe Sekunde, womit jeder Zuschauer auf einen Schlag 100 000 Euro gewänne. Ja, wäre das passiert, hätte es sich wohl so angefühlt. Aber auf irgendeine Weise ist es ja passiert: Colautti plus Neuville ergibt de Camargo – zwei Abstauber ergeben einen unfassbaren Abstauber mit der Hacke.

Meistens waren es lediglich Metaphern, wenn ich geschrieben habe, nach einem Tor seien Fans in fremden Blöcken wieder aufgetaucht, weil die Ekstase sie dermaßen durchgewirbelt hat. Diesmal entspricht es voll und ganz der Wahrheit: Mein linker Nachbar ist auf einmal mein rechter. Wo bin ich? Und wenn ja, wie lang ist noch zu spielen? Gar nicht mehr – mit dem 1:0 hat der Schiedsrichter abgepfiffen. Es muss das späteste Last-Minute-Tor aller Zeiten gewesen sein.

Mehr Nervenkitzel als erwartet

Während der Borussia-Park kurz renoviert wird, echauffieren sich die Bochumer, allen voran Trainer Friedhelm Funkel, beim Schiedsrichter über die Nachspielzeit. “Die Zeit war abgelaufen”, sagt Funkel, hat völlig Recht, liegt mit seinem Anliegen aber trotzdem falsch. Wenn der Schiedsrichter Lust hat, kann er die angezeigte Zeit verdoppeln, quadrieren, ein Sudoku-Rätsel lösen und genau die Zahl nachspielen lassen, die im mittleren Kasten des linken oberen Blockes steht. Es kommt nur darauf an, welche Rechenregel er schneller parat hat. Im Grunde hat Perl sogar gar nichts getan, weil er lediglich einen Einwurf, der vor Ablauf der Nachspielzeit herausgeholt wurde, noch ausführen ließ. Ein Spiel dauert bekanntlich 92 Minuten und 14 Sekunden.

Am 19. Mai um etwa 22:21 Uhr hat der Borussia-Park sein bis dato wichtigstes Tor erlebt – und weiß merkwürdigerweise noch gar nicht, wie wichtig es genau sein wird. Mir persönlich fehlt wirklich jegliche Erfahrung, um einen 1:0-Heimsieg im relegierenden Europapokal richtig einordnen zu können. Ich kenne nur die Fakten: Bochum muss mindestens zwei Tore erzielen, schießt Gladbach eins, müssen es sogar drei sein, und eine 0:1-Niederlage reicht für die Verlängerung, jede andere mit einem Tor Unterschied für die Rettung. Somit war de Camargos Last-Nanosecond-Treffer eine echte Klassenerhaltungs-Maßnahme. Und das Stadion hat sich dieses Glück ersungen.

Zwischen dem Spiel in Hamburg und Donnerstag war ich zeitweise so optimistisch, dass ich befürchtete, die Relegation könnte eine wenig aufregende, fast schon langweilige Angelegenheit werden. Hallo, Boden der Tatsachen! Danke, Bochum, für 90 Minuten, die gezeigt haben, dass der Sinn und die Gerechtigkeit der Relegation nebensächlich sind – der Nervenkitzel ist unbezahlbar. Dabei hätte ich es mir doch denken können, dass diese Saison nicht mit einem 2:0 und einem 3:1 ausklingen würde. Von daher mache ich mich jetzt schon auf alles gefasst – einschließlich Elfmeterschießen. Denn Wunder in Arbeit sind verdammt viel Arbeit.

20. Mai 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , | 23 Kommentare

Kommentare (23)

  1. Hahaha, wunderschöner Artikel!!! Wie soll ich die Sommerpause nur ohne Deine Berichte überleben?

    Tja, was soll ich sagen: gestern stand Nick Hornby (naja, zumindest seine Bücher) im regal, welches sich wiederum im selben Zimmer wie ich befand. Und Gladbach spielt komplett in weiß!!!

    Dann noch 2 Berichtigungen:

    Gladbach verliert nach der Kinder-Europapokal-Arithmetik 2-8 zu Hause gegen Monaco. Oder hattest Du den verdoppelten 1-0 Auswärtssieg in Monaco mit eingerechnet?

    Tickets für das Spiel in Bochum gingen “nur” an die Allesfahrer und Fanclubs. Reine Mitgliedschaft im FPMG genügte nicht. Ich kann die Regelung durchaus nachvollziehen, auch wenn ich dadurch mit meinen Mitgliedschaften bei Borussia und beim FPMG (jeweils im 20. Jahr) dieses Mal hinten heruntergefallen bin. Allen kann man es eh nie Recht machen. :)

    Schwarz-grün-weiß aus Magdeburg!
    Never surrender!!!

  2. Jetzt könnte ich sagen: Natürlich habe ich das 0:1 mitgerechnet. So war es aber nicht, deshalb danke für die Verbesserung, auch was die Kartenverteilung angeht. Da war ich nachts um Zwei nicht mehr ganz wach.;)

  3. Jannik, die Aufmerksamkeitsdefizite zu so später Stunde seien Dir verziehen. Dein Text war ja qualitativ hochwertig wie immer! :)

    Tataaaaa, habe soeben mein Ticket für Bochum bekommen. Danke an Verein und FPMG, die den Ebay-Leuten das Handwerk legen und die Karten an die echten Fans weiterleiten!!!

    PS: Woher kommt eigentlich das Avatar bei mir? Das hat nichts mit mir zu tun! :) Hat sich ein weiterer Martin mit eben jenem Avatar “registriert”?

  4. Wunderbar, kann ja auch nicht sein, dass alle Bochumer plötzlich an einem Mittwochabend arbeiten müssen und sich die Taschen voll machen.

    Denke das mit dem Avatar liegt an deiner E-Mail-Adresse, unter der sich anscheinend jemand registiert hat.

  5. Hallo Jannik,

    schöner Bericht, aber irgendwie habe ich mich an einen “Bild” Artikel erinnert gefühlt. Eine sprechende Überschrift auf die im Text dann kein wirklicher Bezug erfolgt ;-)

    War nur Spaß! Ich fand aber wirklich, das “wir” Fans gestern das Spiel unserer Mannschaft endlich mal befeuert haben, nachdem sie nach der Pause irgendwie nicht richtig in Tritt gekommen sind. Als die Stimmung auf den Rängen eigentlich kaum mehr nach Entscheidungspiel Teil.1 klang, startete wie aus dem Nichts ein endlos waberndes “Möchengladbach – olé”. Ich hatte erst da wieder den Eindruck die Mannschaft merkt, das die Kurve zwar vor Ihnen aber gefühlt hinter ihnen steht.

    Seltsam auch die Akustik im Park. Die Kurve stimmt ein zärtlich gemeintes “Ruhpottkanacken” an, und die Freunde des gepflegten Sitzens auf der West stehen dazu auf. Ich vermute mal da kursierte gerade ein anderes Lied ;-)

    Ansonsten – neidische Grüße an Dich auf grund des Kartenglücks.

    Stefan

  6. So, dann jetzt mit korrekter E-Mailadresse. :) Dann kannst Du dich gern melden, wenn Du mal an der Elbe bist.

    Die Karten sind übrigens nicht von Bochumer sondern von Gladbacher Raffzähnen. So traurig es ist. Aber wie gesagt: Verein und FP tun alles, um solche Dinge zu unterbinden. Habe da in der Vergangenheit schon geholfen und weiß es daher definitiv aus eigener Erfahrung. Und wie man sieht: Gutes kommt irgendwann zu einem selbst zurück.

    Gibt es schon eine Kleiderordnung für die Gladbach-Fans in Bochum? “Alle in Weiß nach Bochum” oder so ähnlich?

    Ich selbst trage übrigens seit dem Freiburg-Sieg (aus Aberglauben) jeden Tag irgendein Gladbach-Trikot. Letzten Sonntag sogar während meiner Tätigkeit als Ordner beim 1.FC Magdeburg und übermorgen auch bei der U23 des FCM. :)

    Viva VfL!!!

  7. ach du Hilfe…….wassn Abend………also ich kann mich an Spiele im Europapokal erinnern, live im Stadion ( z.B gegen Feyernod Rotterdam in Düsseldorf )……..aber ma ganz ohne Quatsch….solch eine Stimmung, wie gestern Abend…..da muss ich schon ewig in meinem Oberstübchen kramen….und mir fällt adhoc nichts besseres ein….einfach nur genial………hoffentlich reichts…ein toller Bericht, der die letzten Berichte locker toppte !

  8. Ich (wir) waren im Stadion, der Support war grandios, fand ich – das Spiel war die reinste Nervenprobe, all der Stress entlud sich dann im abschließenden Torjubel. Wahnsinn, einfach nur Wahnsinn. Die Heimfahrt war dann doch recht beflügelt. Dein Text, Jannick, wie immer einfach nur gut. Hatte mich schon drauf gefreut. Im Grunde hätte ich natürlich lieber drauf verzichtet, aber dann will ich deine Beiträge wie immer als Bonus, jetzt Extrabonus, sehen. Danke für deine tolle Betrachtung der Saison. Hoffen wir mal, dass nun am kommenden Mittwoch alles gut geht….

  9. Schreib das jetzt mal hier rein: ich brauch noch ne Karte für Mittwoch, Jannik hat alles versucht, aber mehr als eine war nicht drin.
    Und die verrückte Mutter will doch beim wichtigsten Spiel der Saison auch dabei sein!

  10. Hallo Jannik,
    Vorzügliche Beschreibung des Relegations-Wahnsinns.
    Typisch Borussia. Man serviert uns Fans nach dieser Saison nicht einfach nur ein Herzschlag-Finale. Nein. Es musste ein Herzinfarkt-Finale werden. Und das war nur der erste Akt. Jetzt machen wir es wie NordtFIGHT: regenerieren, viel schlafen und noch mehr essen.
    Und dann “Voll Drauf” !
    Freue mich auf deine (hoffentlich!)erstklassigen Texte in der nächsten Saison…

  11. Welcher Support soll denn gestern grandios gewesen sein? Im Fernsehen hat man Borussia so gut wie nie gehört. Traurig war das.

  12. Die Mikros sind scheisse… die wollen den Kommentator rüberbringen im TV und nicht die Stimmung.
    Wer nicht da war kann es definitiv nicht aus dem TV erahnen!
    Habs mir vorhin auf Sky nochmal angeschaut, da war echt kaum Stimmung zu hören…

  13. Daran allein kann es nicht gelegen haben.
    Die Bochumer hat man sehr wohl gehört und auch gesehen.

  14. Wenn man nicht im Stadion war, kann man das gar nicht beurteilen.
    Das muss man erlebt haben und es war Gänsehaut pur!

  15. Es war vorm Fernsehgerät in der Tat so, daß man in der ersten Hälfte der 2.HZ nur die Bochummer gehört hat. Da habe ich auch gestaunt.

    Aber ich kriege das selbst mit ner Stereo-Magnetbandkassette und nem Gerät mit Balance-Knöpfchen hin, daß man nur 1 Kanal hört. ;)

    Habe vor 1 Stunde Dieter Kürten auf ‘ner Mediziner-Veranstaltung hier in MD getroffen. Er war es immer und wird es immer bleiben: Gladbach-Fan! Ist jetzt nach Berlin weitergefahren, um (als gebürtiger Duisburger) dem MSV im DFB-Pokal-Endspiel die Daumen zu drücken.

    Schwarzgrünweiß aus Magdeburg,
    Martin

  16. Danke für all eure Kommentare! Bin gerade erst aus zweitätiger Internetlosigkeit zurückgekommen. Mittwoch wird es dann tatsächlich das letzte Kapitel der Saison – immer das steht schonmal fest.

    Ich glaube beim Thema Stimmung geht es auch gar nicht so sehr um das Gesamtbild über 93 Minuten. Es war schon sehr speziell, weil die nervliche Anspannung auch am Publikum nicht vorbeigeht. Fingernägel kauend klatscht und singt es sich nicht so leicht. Wie geschrieben, war es sehr wellenartig am Donnerstag. Aber die Hochphasen waren echte Hochphasen.

    @;-):
    Auch wenn es ein Scherz war, muss ich drauf bestehen, dass die Überschrift im Text vorkommt – “…wir reißen uns jetzt bis zum Ende zusammen und ersingen das Tor.” ;)

    Christian Wulff hat gestern in der ARD auch von seinen “Sympathien für den VfL Osnabrück und Borussia Mönchengladbach” gesprochen. Und so Abende wie am Donnerstag sorgen hoffentlich dafür, dass die Borussia auch in 30 Jahren noch unter den 50-jährigen Fans so gut vertreten ist.

  17. Als staatlich geprüfter Klugscheißer muss ich aber schon einwenden, dass der Schiri die Nachspielzeit nicht logarithmieren, denn das wäre 0.69…

  18. Ganz ehrlich: Ich hab’ damals dreimal über den Satz gelesen und mir immer gedacht, dass irgendetwas falsch sein muss. Dementsprechend vielen Dank fürs völlig angebrachte Klugscheißen.;)

  19. @ Diderot

    und wie hast du das genau berechnet? Ich habe jetzt mal den Logarithmus zur Basis 2 verwendet, da wir ja von 2 Mannschaften ausgehen.

    Der log2(2,23) (also in Minuten) ist 1.1570437101456
    der log2(134) (also in Sekunden) ist 7.0660891904578

    Das würde auch ganz gut passen, den das eine tor ist meiner meinung nach auch etwas mehr Wert, als 1.
    Und es war das 7. Tor von Camargo.

  20. Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!!!

    Woooooooo bleibt der Abschlußbericht???

    Wir haben die Haare gesehen, wir haben die Haare gesehen,
    wir haben, wir haben,
    wir haben die Haare gesehen …

  21. Genau so ein JAAAAAAAAAAAAAAA hat gestern meine gesamte Nachbarschaft (vermutlich) zusammenzucken lassen. Wie man innerhalb von 90 Minuten um 10 Jahre altern kann, das wurde mir gestern klar (ab der 88. ging der Puls ganz ganz langsam etwas runter…). Ich freue mich auf deinen “letzten Bericht” dieser turbulenten Saison. Aber sehe ich richtig, deine Schreibkunst wird jetzt auch anderswo gebraucht???? Kann nur gut sein!!!!!!! Danke dir schon jetzt für diese wie immer tolle Saisonbegleitung mit vielen, vielen Höhepunkten (und auch Tiefpunkten). Dein Blog ist immer noch der Beste von allen. Bitte bleib uns erhalten! Schwarz-weiß-grüne und glückliche Grüße!

  22. @Martin: Er wird in diesem Moment begonnen. Ich weiß aber selbst nicht, was mich erwartet.;)

    @Fohlenfreundin: Korrekt. Deshalb bin ich auch noch nicht zum Schreiben gekommen, weil ich arbeiten war. Aber jetzt geht’s los.;)

  23. Bin gerade beim Googeln auf diese Page gestoßen. Echt lesenswert, dieser Bericht! Beste Grüße, und bitte so weiter machen!

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