Mitgliederversammlung: “Isch freue misch”

Der nun wirklich letzte Akt dieser Saison – Jahreshauptversammlung im Borussia-Park. 5.200 Mitglieder bedeuteten einen neuen Vereinsrekord. Nur 335 von ihnen haben für die Initiative gestimmt und damit selbst die vernichtendsten Wahlprognosen noch unterboten. Doch eine fieberhaft erwartete Veranstaltung hatte am Ende allenfalls erhöhte Temperatur – und stand immer noch im Zeichen einer Rettung und ihres Urhebers.

Ein Sonntag Ende Mai – und Mönchengladbach wählt einen neuen Bundestag. Den Anschein hat es zumindest, während der Bus an den Plakaten der Mitgliederoffensive 2007/2011 vorbeifährt. Sogar Pur-Frontmann Hartmut Engler hat sich der Bewegung angeschlossen, die sich zur Initiative Borussia verhält wie eine Maurerkelle zu einer Abrissbirne. Etwas kräftig ist der Abenteuerländer geworden, wirkt gedrungen. Ach nee – es ist in Wirklichkeit Thomas Kastenmaier, der Partei ergreift. Hinter ihm grinst Bachirou Salou in die Kamera, der Mo Idrissou der 90er-Jahre. Oder tue ich einem der beiden damit Unrecht? Ich weiß es nicht.

Vor den Eingangstoren der Südkurve hat sich keine Schlange gebildet, sondern eine Hydra, dieses mehrköpfige Ungetüm aus der griechischen Mythologie. Von allen Seiten kommen die Menschen, stehen aber gesittet an – Bundestag statt Bundesliga eben. Es ist längst zwölf Uhr, als noch immer mehr als 500 Menschen vor dem Stadion stehen. Die Reihen bleiben konstant. Was vorne reingelassen wird, stellt sich hinten scheinbar wieder an.

Mitgliederversammlungen sind in ganz gewöhnlichen Jahren – also definitiv nicht in diesem – stets eine seltsame Mixtur aus Karnevalssitzungen, Sit-ins an der Dorftheke und Tagungen des Europaparlaments. Frohsinn und Wahnsinn gehen Hand und in Hand. So richtig passt die Initiative um Stefan Effenberg und seine Mit- beziehungsweise Vorstreiter gar nicht hier hin. 5.200 Mitglieder sind gekommen, um ihnen das deutlich mitzuteilen. Manch einer hat die Kutte heute zumindest gegen ein adrettes Polohemd getauscht, die grüne Stimmkarte gegen die Pöbelarien.

JHV = Heimat

Als der Beginn der Veranstaltung sich endlich anbahnt, erscheint eine Person aus dem Spielertunnel, die die ganze Kurve vor Freude mit den Knien wippen lässt – so wie Eltern früher ihre Kinder gefeiert haben, wenn die in der Mini Playback Show als Madonna oder Michael Jackson aus der Zauberkugel kamen. Es ist Lucien Favre, der King of Abstiegskampf, extra aus der Schweiz eingeflogen als ruhender Pol inmitten lauter testosterongeschwängerter Gestalten.

Seine Rede ist abgelesen, aber das frühe Aufstehen und die Anreise aus Dortmund haben sich allein schon gelohnt, um zu hören, wie er das Wort “‘Orror” sagt. Das Publikum liegt dem Trainer zu Füßen, obwohl es auf den Rängen weit über ihm thront. Vermutlich hätte Favre das beste Kuchenrezept seiner Großmutter vorlesen können. Trotzdem wäre der Schweizer mit Standing Ovations bedacht worden. Danach setzt er sich hin und hält fast ausnahmslos den Mund, macht sich aber fleißig Notizen. Als er nach dem Ziel für kommende Saison gefragt wird, sagt er, dafür sei es noch zu früh. Blöde Frage, kluge Antwort.

Mitgliederversammlungen von Borussia Mönchengladbach sind für den Niederrheiner auch ein großes Stück Heimat. Was ist es schön, wenn “isch” und “ich” in jedem Wort konsequent vertauscht werden. Isch bin derweil aufgrund der eindeutigen Stimmungslage optimistich, dass die Initiative stimmentechnich ziemlisch chancenlos sein wird.

Sorry, Max

Max Eberl dürfte sich mit seinem sportlichen Bericht wohl endgültig rehabilitiert haben. Unterm Strich hat er allen Kritikern – so auch mir, ich ziehe entschuldigend den Hut – damit bewiesen, dass es korrekt war, seine Aussage von der JVH 2009 nicht allzu wörtlich zu nehmen. “Auch mein Kopf hängt daran”, hatte der Sportdirektor damals über die Personalie Michael Frontzeck gesagt. Nachdem Eberl in Favre endlich einen Trainer gefunden hatte, der mit seinen Wintereinkäufen etwas anfangen und die Undiszipliniertheiten in den Griff bekommen konnte, lief es ja nachweislich rund. Gerade noch rechtzeitig.

Die Frage, die mich nach der Rettung am meisten umtreibt: Waren diese grausamen ersten 22 Spieltage also wirklich nur das Resultat einer naiven Einkaufspolitik in der Defensive, einer amtlichen Verletzungsmisere und eines Trainers, der nicht in der Lage war, aus den Spielern, die ihm noch zur Verfügung standen, deren Normalform herauskitzeln? Selbst unter Favre ließ die Bilanz nach sieben Punkten aus seinen ersten sechs Spielen noch zu wünschen übrig. Erst dann kam diese sagenhafte Serie mit im Schnitt mehr als zwei Zählern pro Partie – eine Punktlandung par excellence.

Als die Mitglieder Rolf Königs in der offiziellen Aussprache mit Fragen bombardieren, hat es den Anschein, als habe jemand die DVD von 2009 eingelegt. Der einzige Unterschied: Der Präsident ist jetzt nicht mehr der Buhmann, der “seit fünf Jahren” mehr verspricht, als er hält – es sind mittlerweile sieben Jahre. Vielleicht hat er diesmal endlich verstanden, dass kein Mensch mehr Lobeshymnen auf den Borussia-Park hören will. Und weil Königs damit nicht mehr viel zu erzählen hat, wird er sich bis zum Ende seiner Amtszeit hoffentlich weiter gepflegt in der Öffentlichkeit zurückhalten. So wie er es zuletzt durchaus praktiziert hat.

Gefühlt schlechter als die FDP

Ein paar der Wortmeldungen sind wie gewohnt Realsatire. Ein Kollege aus der Eifel preist Peter Neururer, ruft die Europa League als Ziel aus und wie so viele seiner Vorredner setzt er besonders auf den DFB-Pokal – “ran an die Fleischtöpfe”. Ein Schwabe hakt bei den Finanzen nach. Irgendwo muss doch ein Fehler sein. Mit den meisten Beifall gibt es für die Forderung nach mehr Mülleimern am Borussia-Park. Die wichtigste Frage aber stellt ein entrüsteter Rentner: “Warum wird die Borussia so oft von den Schiedsrichtern benachteiligt?” Es kann nur an der geringen Mülleimer-Dichte auf dem Stadiongelände liegen.

Kurz darauf ist der fieberhaft erwartete Höhepunkt des Tages am Ende nicht mehr als leicht erhöhte Temperatur. Die Ansprache von Friedhelm Plogmann, einem der Frontmänner der Initiative, gleicht der unermüdlich spielenden Kapelle auf der sinkenden Titanic. Punkten können die Möchtegern-Revoluzzer nur noch, als sie ihren Antrag auf geheime Abstimmung zurückziehen. So bleibt ihnen nicht einmal das Bild erspart, als der Versammlungsleiter um die Ja-Stimmen für den Antrag der Initiative bittet. 335 Hände gehen in diesem Moment hoch, 4.434 bleiben unten – macht rund sieben Prozent Zustimmung. Was für die FDP derzeit bei jeder Wahl ein Gewinn wäre, ist für die Opposition um Effenberg, Köppel und Co. in etwa so, als hätte die Borussia die Saison mit 20 Punkten und 52:94 Toren beendet. Doch während die Mannschaft eine Rückrunde hatte, um das sensationell schlechte Ergebnis der Hinrunde zu korrigieren, bleibt der Initiative nur der Abgang. Die Versammlung singt standesgemäß: “Ihr könnt nach Hause fahr’n!”

Anschließend werden zwei der drei Anträge angenommen, die die Mitgliederoffensive eingereicht hat. Mit jeder Abstimmung steigt das Tempo, sinkt das Interesse. Ein Fanvertreter darf nun Mitglied des Ehrenrates sein, Vereinsanteile können nur mit Zwei-Drittel-Mehrheit auf der Mitgliederversammlung veräußert werden und aus den Präsidiumswahlen müssen sich die Fans weiterhin raushalten. Im Vergleich zu einem Relegationsspiel ist das Geschehen danach noch so spannend wie ein Freundschaftsspiel bei einem Bezirksligisten.

“Bis bald!”

Ohnehin steht der letzte Teil der Veranstaltung im Zeichen eines viel aufmerksamer beobachteten Abgangs. Um 17:57 Uhr tritt Lucien Favre ans Pult. “Isch muus um sächsuhr ein Daxi nämen”, liebkost der Schweizer fast schon demütig ins Mikrofon. Er will nach Hause in die Schweiz. Chantal wartet. Dann verabschiedet er sich in die Sommerpause: “Isch freue misch, bis bald!”

Unter dem tosenden Applaus der verbliebenen Mitglieder schüttelt er jedem auf der Bühne die Hand, sogar den Notaren. Applaus, Applaus, Applaus. Er zieht auf dem Rasen von dannen, zieht joggend sein Sakko an. Immer noch Applaus, Applaus, Applaus. Favre überwindet lässig das Absperrgitter. Noch einmal dreht er sich um, winkt gerührt in Richtung Südkurve. Dann verschwindet er im Spielertunnel. Dieses Jahr glich so oft einem Anfang vom Ende. Und irgendwie fühlt sich dieser letzte Moment der Saison völlig anders an – als sei er nur das Ende eines Anfangs.

29. Mai 2011 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , | 9 Kommentare

Kommentare (9)

  1. Ein gelungener Saisonausklang – Danke, Jannik, wiederum. ‘Errlisch, deinö Schildeerung von Luciens Aksent! Ich liebe es, ihn sprechen zu hören. Ich glaube, der Satz “…und dann sind wir tot!” wird zu einem Klassiker werden. Es verbietet sich für mich, mich auf die neue Saison zu freuen, denn wenn ich das getan habe bisher, dann endete es mit einem Abstieg oder dem Fast-Abstieg (wie diese Saison). Also sagen wir mal, ich blicke der neuen Saison mit Spannung entgegen. Also nochmals besten Dank für die Begleitung durch die Saison 2010/11 deinerseits, auf die neue Saison mit deinen Blogs DARF ich mich freuen :o) !! Ich will mit dir hoffen, dass dieser letzte Moment der Saison wirklich das Ende eines Anfangs sein wird. Zumindest war es das Ende der Initiative – die haben sogar schon ihre Seite aus dem Netz genommen, gestern Abend schon.

    Und ich suche immer noch dieses tolle Bild aus dem Kicker, was du auf deinen USB-Stick geladen hast…

    Schöne Sommerpause und bis dann. Fohlenfreundin

  2. gutes Ergebnis – guter Bericht! schöne Sommerpause !

  3. Vielen Dank für diesen und die anderen tollen Berichte von unserer Borussia – so jetzt Fußball mal ein paar Wochen etwas nach hinten schieben und endlich entspannen.
    Mir persönlich hat übrigens noch der junge Mann gefallen, den die Ordner nie in den Block lassen :-)

    Schöne Sommerpause

  4. So lasse ich mir die Zusammenfassung der JHV gefallen.
    Ich bin froh, dass ich diese Seite entdeckt habe, denn immer wieder entdecke ich Gedanken, die ich auch hatte, hier niedergeschrieben.
    Vielen Dank für die vergangene Saison, ich freu mich auf die neue.
    Und diese Aksent – Erlisch!

  5. Ein aussergewöhnlich schöner JHV-Bericht, genau das Gegenstück zu dieser aussergewöhnlich greulichen Saison (abgesehen davon, dass beide gelungen enden).

    Zum Akzent: Lucien redet so wie wir Grossherzogtümler Deutsch schreiben: mit!

    Zur Rehabilitation vum Max: Sorry, nein, die ist nicht gelungen. Er muss erst noch nachweisen, dass er einen Kader direkt sinnvoll zusammenstellen kann, nicht naiv und ohne teuer nachzubessern. Und warum er, anstatt eines Fussballpädagogen, zuerst einen Schweiger eingestellt hatte, ist mir immer noch nicht klar.

    Zu Königs: ja, schweigen soll er in Zukunft.

    Zu Jannik: weiter so. Danke

  6. Jannik,
    die Aufstockung des Präsidiums mit unserem Hans müßte Deiner Website doch mindestens eine eigene Microsite wert sein, oder!?

    Denn mach hin! ;)

    Gruß aus MD

  7. Ich muss leider eingestehen, dass ich momentan so gut wie keine freie Minute finde und zu dem Thema deshalb leider passen muss. Zum Teil liegt das jedoch auch an Plänen, die etwas mit dieser Seite zu tun haben. Ich bleibe jetzt mal so kryptisch. Einfach am Ball bleiben, bald gibt’s eine Überraschung und Entschädigung für die lange Ruhephase hier.;)

  8. Ich freue mich auf die Überraschung. Ohne einen Funken Ahnung zu haben, was damit gemeint sein könnte.

  9. …ich bin auch gespannt. Und gucke fast jeden Tag hier rein. Aber noch ruht still der See. Weiter im Stress, Jannik? Hoffe, du hast dann bald wieder etwas mehr Zeit. Bin schon jetzt gespannt auf die neuen Beiträge von dir zur nächsten Saison. Schon ein Motto gefunden? Vom Grundsatz her müsste es irgendwie lauten “The only way is up” oder so.. Viele Grüße Fohlenfreundin

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