Mission 40/22:
Zwei Gesichter, ein Elfer, keine Punkte

Nach zwei Abwehrfehlern und einer beherzten zweiten Halbzeit unterliegt Gladbach mit 1:2 beim neuen Tabellenführer in Berlin. Warum die heimische Kaffeetafel ihre beschwörende Wirkung verfehlte, Rob Friend bei der Grizzlyjagd versagt hat und der Rasen nicht gemäht wurde.

Es gibt Bundesligastädte, die verleiten in kulinarischer Hinsicht einfach zur Wortspielerei. Dementsprechend kommt es von Zeit zu Zeit vor, dass der Snack am Samstagnachmittag um 15:30 Uhr entweder aus der Stadt des Gegners stammt oder den Namen der dortigen Einwohner trägt. Wenn die Reise also nach Berlin geht, ist die Menüauswahl relativ eindeutig. Was für Hannover – Gegner am letzten Wochenende – nicht unbedingt gilt. Denn Rheinischer Sauerbraten ist erstens nichts für den Samstagnachmittag, zweitens dürfte Pferdefleisch nicht unbedingt jedermanns Sache sein und drittens muss ein galoppierender Hannoveraner eben nicht zwangsläufig aus der Hauptstadt Niedersachsens stammen.

„9 gefüllte Mini-Berliner“ offenbarte also die Gebäckpackung aus dem ortsansässigen Supermarkt. Die Zahl neun ist übrigens keineswegs auf die Tatsache zurückzuführen, dass sich neun Berliner nun einmal optisch ansprechend im Quadrat verpacken lassen, sondern erfüllte rein beschwörende Zwecke. Vielleicht würde Schiri Gagelmann sich ja zu zwei Platzverweisen gegen die Hertha hinreißen lassen und am Ende wären sowohl vor dem Fernseher als auch im Olympiastadion neun Berliner „verputzt“ worden. Na gut, genug der Wortspielerei, aber irgendetwas muss man ja versuchen, wenn ein Auswärtsspiel beim eiskalten Großchancenverwerter aus der Hauptstadt ansteht, wo die Borussia von den vorhergegangenen vier Gastspielen nur einen Zähler mit nach Hause brachte.

Nichts muss, alles kann

Dreizehn Partien vor dem Saisonende, mit der ausbaufähigen Ausbeute von 16 Punkten im Rücken, gilt von nun an in jedem Spiel die Devise: Nicht immer muss es, aber es kann immer. Sprich, es gibt Pflichterfolge gegen direkte Konkurrenten und ansonsten Spiele ohne Ende, in denen jedes Pünktchen ein Bonus wäre. Wobei die Rechnerei bezüglich der benötigten Punktzahl für den Klassenerhalt sich ohnehin erübrigt. Denn was bringt es, dank ausgetüftelter Analysen auf 32 zu holende Zähler zu kommen, diese dann pflichtbewusst einzufahren und am Ende dennoch auf Platz 17 zu landen, weil es die Anderen rein gar nicht interessierte, was die Theorie Anfang März über den designierten Saisonverlauf orakelt hat?

Im Vergleich zum Sieg gegen Hannover gab es zwei Änderungen. Levels ersetzte Dorda diesmal von Beginn an, nachdem er letzte Woche eine gute Figur abgegeben hatte, als er für den damals ziemlich desorientierten Dorda ins Spiel gekommen war. Patrick Paauwe rückte als Galasek-Vertreter in die Startelf und drückte damit trotz seiner 33 Jahre den Altersschnitt im Vergleich zur Vorwoche. Galaseks Ausfall sollte im Nachhinein dennoch einen positiven Nebeneffekt haben: Jeder durfte eindrucksvoll feststellen, wie wichtig der unscheinbare, aber zuverlässige Methusalem vor und gelegentlich auch hinter der Abwehr wirklich ist.

Erinnerungen an Bremen – fünf Minuten lang

Die Hertha nahm gleich das Heft in die Hand und dominierte die ersten Minuten. Bereits nach kurzer Zeit stand das Eckenverhältnis bei 5:0 – Erinnerungen an die Strafraumschlacht von Bremen wurden wach. Vor zwei Wochen hatte sich die Borussendefensive einem wahren Luftangriff Werderaner Eckbälle entgegenstemmen müssen und war dennoch nur einmal gefallen.

Doch anders als damals kehrte schon bald Waffenruhe ein. Heimlich, still und leise wagte sich die Borussia in Richtung Marathontor und demonstrierte damit gleich zu Beginn: Wenn wir hier schon wie so viele zuvor mit einem Tor verlieren sollten, dann auf keinen Fall mit 0:1. Die Hertha antwortete jedoch prompt auf die vagen Gladbacher Angriffsversuche. Raffael tauchte plötzlich frei vor Bailly auf. Der Titan im Fohlen-Tor parierte den Schuss, indem er den Ball geschult zwischen Kinn und Brust einklemmte und ihn mit einem gekonnten Kopfwackler bis an die Mittellinie beförderte.

Die „Alte Dame“ zeigte sich beeindruckt und blieb dem gegnerischen Kasten fürs Erste fern. Ab der zehnten Minute hatte die Borussia das Spiel weitgehend unter Kontrolle. Bradley scheiterte bei der ersten Chance aus spitzem Winkel. Marin und Baumjohann, erstmals in Rückrunde auswärts gemeinsam in der Startelf, wirbelten durch die Berliner Abwehr-Leuchttürme Simunic und Friedrich wie ein Staubsauger um die Beine eines massives Eichentisches. Doch der durchaus ansehnliche und überraschende Aufwand verpuffte – wie so oft – ohne Wirkung. Auf der Gegenseite gab es nach einer knappen halben Stunde die Quittung. Wie so oft.

Im Mittelkreis beobachtete Friend den Berliner Cicero mit soviel Vorsicht und Sicherheitsabstand wie ein unerfahrener Jäger einen 600-Kilo-Grizzly in der kanadischen Prärie. Das Beobachtungsobjekt nutzte die großzügige Handlungsfreiheit zu einem geschickten 40-Meter-Pass, der genau in einem 50 Quadratmeter großen Viereck merkwürdig positionierter Gladbacher aufsetzte und sich von dort seinen Weg zu Andrij Voronin bahnte, der Logan Bailly keine Chance ließ. Gladbachs Viererkette wirkte in dieser Szene einmal mehr so stabil wie eine Autobahnbrücke aus Play-Doh-Knete.

Unterschiede zu 2006/07 nähren die Hoffnung

Wir spannen an dieser Stelle, wie schon so oft in dieser Spielzeit, einen Bogen zur Abstiegssaison vor zwei Jahren, als der VfL Borussia 1900 allzu oft der VfL Borussia 19-0:1 gewesen war. Voronins Führungstreffer hätte damals das Endergebnis bedeutet. Man hätte getrost eine ganze Staffel „Die Wicherts von nebenan“ gucken oder den Rasen mähen können, ohne etwas Nennenswertes zu verpassen. Und wenn ich so an jenes Jahr zurückdenke und die aktuellen Chancen auf den Klassenerhalt irgendwie einordnen will, ist die Tatsache, dass es diesmal in der Regel anders läuft als 2006/2007, häufig mein größter Strohhalm, an den ich mich klammere.

Unter „anders laufen“ habe ich mir jedoch etwas anderes vorgestellt als das 0:2 durch Pal Dardai, der erstmals seit fast genau zwei Jahren ein Bundesligator erzielte. Dass ihm das ausgerechnet gegen die Borussia gelang, wollen wir jetzt mal ganz kulant und äußerst blauäugig dem Zufall zuschieben. Filip Daems stand erneut falsch und kam später zum Ort des Geschehens als alle Intercitys am Bahnhof Zoo zusammen – wenn unser besten Innen-, Links- und Rechtsverteidiger schon patzt, dann kann man eigentlich getrost einpacken.

Es wäre der Borussia also nicht zu verdenken gewesen, wenn sie nach einer desillusionierenden ersten Hälfte den Kopf in den Sand gesteckt hätte. Die Hertha hatte ihre wenigen Torchancen mit einer Eiseskälte verwandelt, wie man sie sonst nur vom Polarkreis kennt – und da ist es, Erderwärmung hin oder her, immer noch verdammt kalt. Man kann sich von Mannschaften, die sowohl technisch als taktisch haushoch überlegen sind, an die Wand spielen lassen und nachher feststellen, dass ein 0:2 oder 0:3 noch immer als „Schadensbegrenzung“ einzustufen ist. Andererseits ist es auch möglich, nach 45 in der Offensive nicht allzu schlechten Minuten dank zweier Böcke schier uneinholbar im Hintertreffen zu liegen. In diesem Fall darf man, wie Hans Meyer es vormachte, ausnahmsweise schon einmal in der Halbzeit drei Minuten lang konsterniert und mit leerem Blick auf der Bank verharren.

Aufgeben keine Option an diesem Nachmittag

Doch als die Elf vom Niederrhein eine Viertelstunde später aufrecht und mit dem Kopf am rechten Fleck auf den Platz zurückkehrte, wurde schon bald klar, dass Aufgeben an diesem Nachmittag keine Option sein sollte – obwohl die Borussia einen Zwei-Tore-Rückstand zur Pause letztmals vor zwölf Jahren egalisiert hat.

Oliver Neuville kam für Karim Matmour. Wenigstens diesen Rat hat Hans Meyer angenommen. Gladbachs Außenstürmer aus Algerien hatte sich in Hälfte eins einmal mehr relativ kopflos durch die Abwehr des Gegners gestochert und dabei in etwa soviel Ertrag eingebracht wie ein Weizenfeld in der Sahara. Folgerichtig blieb er in der Kabine.

In den Folgeminuten tauchte das Marathontor des Olympiastadions nur noch selten am linken Bildrand auf. Fast alles spielte sich in der Hälfte der Hertha ab, die sich von nun an regelrecht dort einkesselte. Die Borussia zeigte sich mehr als gewillt, aus wenig immerhin noch etwas mehr zu machen und zumindest den Anschlusstreffer herbeizuführen. Fast war es so weit, als Neuville völlig frei vor Drobny auftauchte und den Ball am Tor vorbeisetzte. Einen Hauch von Voronins Eiseskälte und es hätte nach 55 Minuten 1:2 gestanden. Doch Neuville ist eben gebürtiger Südländer.

Wie ein Faultier auf der Tanzfläche einer Großraumdisko

In der 69., Lamidi war mittlerweile für Paauwe gekommen und hatte das Verhältnis Offensiv-/Defensivspieler ausgeglichen, wurde Marin nach gutem Zuspiel im Strafraum von Friedrich gefällt. Schiri Gagelmann zeigte auf den Punkt und ließ alle Borussen erst einmal in den Geschichtsbüchern kramen, wann es denn den letzten Bundesligaelfer für und ausnahmsweise nicht gegen die Borussia gegeben hatte. Es war am 12. August 2006, beim ersten Saisonspiel gegen Energie Cottbus. Damals hatte Oliver Neuville verwandelt. Doch gegen die Hertha war es Michael Bradley, der sich den Ball schnappte und sicher in die Mitte des Tores beförderte (sicher, weil Drobny sich Gott sei Dank von dort wegbewegt hatte).

An dieser Stelle einmal eine kleine Lobeshymne auf Gladbachs 21-jährigen Amerikaner: Mit einem Notenschnitt von 4,50 ist er zwar aktuell der zweitschlechteste Spieler der ganzen Bundesliga. Doch während er in der Hinrunde phasenweise so fremd wirkte wie ein Faultier auf der Tanzfläche einer Frankfurter Großraumdisko, ist er nun endlich angekommen, übernimmt Verantwortung und fällt auf. Geht es so weiter, könnte bis zum Saisonende aus der 4,50 noch eine 3,89 werden. Gegen die Hertha hatte Bradley die meisten Ballkontakte aller Gladbacher.

Sein nordamerikanischer Kollege aus dem Land, das es nach US-Ansicht gar nicht gibt (vgl. Bielefeld), ist dagegen weiter denn je entfernt davon, irgendeine positive Kritik zu bekommen. Rob Friend kratzt mit seiner 4,16 inzwischen an der Flop 20 der Bundesliga. Falls sich jemand wundern sollte, warum Ranger Rob seit Beginn der Rückrunde so selten in diesen Texten auftaucht: In der Hinserie gab es wenigstens Anlass, sich über vergebene Torchancen zu ereifern. Doch selbst die sind momentan Mangelware. Gladbachs Kanadier ist ein echter “Friend-Körper” im Angriff und warum er immer noch Spiel für Spiel von Beginn an aufläuft, ist mir ein Rätsel. Doch bevor ich das herausfinden werde, löse ich eher den Rubikwürfel im Handstand.

Torschüsse, Zweikämpfe, Ballbesitz – Borussia überlegen

Als die Hertha neun Minuten nach dem Anschlusstreffer noch immer nicht über fahrlässig vergebene Kontergelegenheiten hinauskam, brachte Meyer mit Colautti nach Friend und Lamidi den dritten Stürmer in die Partie und opferte dafür den in der zweiten Halbzeit blassen Baumjohann. Marin, Colautti und Lamidi brachten die Borussia bis zum Ende zwar noch in puncto Torschussbilanz in Front. Doch während das Schlusslicht in dieser Kategorie mit 18:16 gewann und auch in Sachen Ballbesitz und Zweikämpfe die Nase vorn hatte, blieb es auf der Anzeigetafel beim 1:2.

In der Nachspielzeit war es sogar noch Logan Bailly, der das scheinbar sichere 3:1 durch Domovchiyski titanisch vereitelte. Insgesamt sechsmal musste er im Laufe des Spiels eingreifen – zweimal war er machtlos, zweimal auf dem Posten und zweimal überragend.

„Cleverness schlägt jugendlichen Leichtsinn“, versucht Hans Meyer nach Abpfiff die Gründe für die 14. Saisonniederlage zu umschreiben. Doch sein Urteil ist beileibe etwas zu einseitig. Es ist in Ordnung, den jungen Filigrantechnikern mangelnde Geradlinigkeit zu bescheinigen und mehr “Sachlichkeit” einzufordern. Gleichzeitig hätte er jedoch auch konstatieren müssen, dass beim 0:1 durch Voronin die drei Schlafmützen Friend, Stalteri und Daems im Schnitt 29,7 Jahre alt waren und beim 0:2 der Letztgenannte, 30, erneut nicht auf dem Posten gewesen ist. Gladbachs drei beste Gelegenheiten im zweiten Durchgang vergaben ein 35-jähriger und 26-jähriger. Auf der anderen Seite holte ein Teenager den Elfer raus, den ein 21-jähriger sicher verwandelte. Eben jener Teenager, von Meyer nach dem Spiel einmal mehr explizit kritisiert, war es übrigens auch, der über 90 Minuten zu den Agilsten gehörte und mit einem schlitzohrigen Freistoß in die kurze Ecke beinahe Herthas Keeper Drobny auf dem falschen Fuß erwischte. Sein 22-jähriger Kollege Levels war zudem Bester in der Defensive. Bailly (23) unternahm zwar einen Ausflug ins Kuriositätenkabinett, als er Friend bei einem Abstoß am Hinterkopf traf und der Abpraller in Richtung Tor kullerte. Unterm Strich jedoch hielt er erneut gut und war bei beiden Gegentoren ohne Abwehrmöglichkeit.

Meyer gibt den Missmutigen zur falschen Zeit

Meyers Einzelbewertungen sind eintönig, seine Gesamtanalysen wie Fähnchen im Wind. Im Laufe der Pleitenserie im Herbst ließ er nicht locker, alle noch so unterschwellig positiven Szenen aufzuaddieren und am Ende seiner Mannschaft „x richtig gute Minuten“ zu bescheinigen (x<30). Jetzt lässt die Borussia trotz eines 0:2-Pausenrückstandes beim Tabellenführer, der nun neunmal in Folge zuhause gewonnen hat, nicht locker. Und trotzdem setzt Meyer ein völlig falsches Signal, indem er diesem Auftritt anscheinend rein gar nichts Positives abgewinnen will. Er hätte das Aufbäumen in Hälfte zwei wohlwollend zur Kenntnis nehmen und den Schwung mit ins schwere Heimspiel gegen den HSV nehmen können. Stattdessen gibt er den Missmutigen zum falschen Zeitpunkt.

Trotz Mauertaktik hat die Borussia in drei Auswärtsspielen nach der Rückrunde jetzt fünf Tore kassiert – mit jedem anderen (menschlichen) Torhüter wären in Bremen vermutlich drei hinzu gekommen. Der Sturmlauf in der Hauptstadt brachte am Samstag letzten Endes nur ein Elfmetertor und viele fahrlässig liegen gelassene Konterchancen der Hertha ein. Vielleicht wäre demnächst zur Abwechslung einmal der Mittelweg angebracht. Mit Viererkette, Galasek und Bradley vor der Abwehr, Marin und Baumjohann im offensiven Mittelfeld und dazu mit dem Aufstiegsduo Friend und Neuville im Angriff. Einen Versuch wäre es wert.

Ernährungsumstellung als Punktelieferant

Aufgrund des Dreiers von Bochum gegen Cottbus hat sich das rettende Ufer wieder um einen Punkt entfernt. In dieser Lage kann und muss man fast so weit gehen, gegen Hamburg einen Sieg zu fordern. Der HSV hat bislang nur vier seiner elf Auswärtsspiele gewonnen, ist Achter der Auswärtstabelle und hat am Sonntag gegen Wolfsburg die erste Heimpleite kassiert. Und vielleicht steht nächsten Samstag nach Spielende dann ja ein Besuch im Fast-Food-Restaurant an. Was mit Berlinern nicht funktioniert hat, wird dann hoffentlich mit Hamburger hinhauen.

01. März 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schreibe einen Kommentar

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