Aus der Tiefe des Baumes

Saison 2011/2012: Prolog

Es war schon schwierig, das Wunder Klassenerhalt zu erklären. Doch wie soll man jemandem glaubhaft weismachen, dass Borussia Mönchengladbach anscheinend nur noch in Wundern arbeitet? Ok, man könnte einfach erzählen, was seit August 2011 passiert ist. An diesem Dienstag geht es los, ab Mittwoch folgen alle zwei Tage weitere fünf Teile. Bis zum Start der Rückrunde heißt es also: Noch sechsmal lesen.

“Dann walte mal deines Amtes.” Mein Großvater sagt diesen Satz schon seit Jahren, wenn ich am 23. Dezember in sein Wohnzimmer komme. Diesmal aber, 2011, sollte mehr dahinter stecken als eine alljährliche Handlung unterm oder besser gesagt am Weihnachtsbaum.

Früher hätte mein Großvater niemanden außer einen Diplom-Forstwirt mit Magister in Tannenkunde mit dem Schmücken des Weihnachtsbaumes beauftragt. Es war meistens ohnehin ein relativ emotionsloser Akt, die grüne Kugel mit der Borussenraute entsprechend der Hinrundenplatzierung aufzuhängen. Aber immerhin: Ich hatte die Ehre, auch ohne entsprechende Qualifikationen. Fast immer war die Kugel in den unteren Regionen zu finden, mal auf Kinderaugenhöhe, mal sah sie nur der Hund meines Onkels, einmal legten wir sie auf den Boden. Lediglich im Jahr 2007 durfte die Kugel weit oben Platz nehmen – am Zweitligabaum.

Wie einst Real Madrid
Den Tiefpunkt im seelischen und räumlichen Sinne brachte aber Weihnachten 2010. Die Borussia hatte nur so viele Punkte geholt, wie seit der Jahrtausendwende Jahre vergangen waren. Platz 18, sechs Pleiten in Folge vor dem Fest – na dann, Frohe Weihnachten! Der Galgenhumor beförderte die Gladbachkugel in den Keller. Dort hing sie ab dem 23. Dezember an der Decke, an einem alten Kabel befestigt. Im Nebenraum sorgte die gluckernde Gasheizung für Geräusche wie im Vorhof zur Hölle. Immerhin: Oben genossen die vier Fußballverrückten in der Familie einen Abend ohne einen einzigen Gedanken an Fußball.

Ein Jahr danach kräuselt sich bei dieser Geschichte meine Stirn wie sonst nur bei Erzählungen von 7:1-Siegen gegen Inter Mailand und 5:1-Erfolgen über Real Madrid. Was ist passiert? Ich hatte nach dem Wunder im Mai doch lediglich nach 34 sorglosen Spieltagen gelechzt. Ich wollte mir keine Sorgen um den Klassenerhalt machen, diese verdammte Marke von 40 Punkten knacken, beim optimalsten aller optimalen Verläufe von der Einstelligkeit der Bundesliga-Tabelle träumen. Und jetzt? Jetzt steht die Borussia nach der Hinrunde auf Platz vier, hat 33 Punkte in 17 Spielen geholt und darf im Pokal-Viertelfinale bereits Berliner Luft schnuppern. Die Gladbach-Kugel hing 2011 am obersten Kranz, gleich unter der Spitze des Weihnachtsbaumes.

In aller Munde
2012 ist nun da und ich sitze im Zug Richtung Saarbrücken, mein Zuhause für zwölf Monate, für die ganze Saison. Wir sind weit hinter Köln, das hat seit Monaten auch Seltenheitswert. Gerade lief “Die Seele brennt” auf meinen Kopfhörern, das Lied der Hinrunde. “Wenn dich einer fragt, woher du kommst, dann sag’: Borussia!” Es ist Jahre her, dass so viele Menschen aus und vor allem zu Borussia kamen wie in den vergangenen Wochen. Mittlerweile ist “Die Seele brennt” so etwas wie das “You’ll never walk alone” des Niederrheins.

Als vor dem Relegationshinspiel gegen Bochum noch Zeit zu überbrücken war, lief das Lied im Borussia-Park – Gänsehaut, gelinde gesagt. Sechs Tage später sangen es zigtausend Borussen in Bochum. Sogar “Nie mehr Zweite Liga” musste sich hinten anstellen – feuchte Augen. Und jetzt? Jetzt schreiben wir den 2. Januar und Gladbach benötigt nur noch sieben Zähler, um erneut “Nie mehr Zweite Liga” anstimmen zu dürfen. Die brennende Frage der vergangenen 15 Jahre hat sich nicht verändert, nur ihr Sinn hat sich vollkommen umgekehrt: VfL, was ist nur aus dir geworden?

Neben mir liegt der Kicker, der derzeit, wie in der Winterpause üblich, seine “Rangliste des deutschen Fußballs” erstellt. Bislang habe ich die Prozedur auf ähnliche Weise verfolgt wie Europacupspiele: interessiert, aber distanziert. Und jetzt? Jetzt ist Filip Daems der zweitbeste Linksverteidiger der Liga, Tony Jantschke hat es ins “Blickfeld” geschafft.

Akzente setzen
Noch überragender: Drei der besten acht offensiven Mittelfeldspieler tragen das Trikot mit der Raute. Patrick Herrmann ist auf Platz acht, Juan Arango verpasst knapp die “Internationale Klasse”. Und Marco Reus wird das Prädikat “Weltklasse” vorenthalten, weil er es in 30 Minuten Nationalmannschaft nicht geschafft habe, “Akzente zu setzen”. Es ist gerade so zu verkraften. Genauso wie die Tatsache, dass Marc-André ter Stegen nur der viertbeste Torwart der Liga sein soll.

Vorhin beim Packen stand meine Mutter neben mir und beäugte meinen Reisekoffer, der seine besten Tagen längst hinter sich hat.

“Wenn du dir mal einen neuen zulegen solltest, dann aber einen größeren, oder?”

“Wofür? Solange der Reißverschluss hält, ist der doch in Ordnung.”

“Und wenn du mal länger verreisen willst?”

“Wohin denn?”

Und dann kam einer dieser Einfälle, wie ich ihn seit Wochen öfters habe.

“Ach ja.” Und ich begann, zu singen und in die Hände zu klatschen. “Vielleicht nach Teneriffa – eine Woche Sandstrand!”

Es war schon schwierig, einem Außenstehenden zu erläutern, wie die Rettung im Mai gelang. Nun ist es eine fast noch schwierigere Aufgabe, zu rekapitulieren, warum Lieder vom Sandstrand und schellenden Telefonen in Kopenhagen keineswegs mehr von Größenwahn zeugen. Also will ich ganz vorne beginnen – im August, in Schweden, in einem Pub.

10. Januar 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , | 9 Kommentare

Kommentare (9)

  1. Kann mir so richtig vorstellen wie ihr in diesem Jahr die “Borussenkugel” in einer feierlichen Zeremonie knapp unter der Spitze eures Weihanchtsbaums plaziert habt. Ich meine mich auch erinnern zu können am 23. aus eurer Richtung “die Elf vom Niederhein” statt Weihnachtslieder gehört zu haben.
    Was den neuen Koffer anbetrifft, so solltest du dir doch mal einen neuen kaufen. Viellicht einfach nur um den Impuls für die erste Europreise der Gladbacher in der kommenden Saison zu geben. Wenn ich mich recht erinnere, wolltest du mit Sabine zum ersten Auswärtsspiel der Gladbacher reisen, wenn sie denn europäisch spielen. Egal wo!? Und was wäre da besser als ein stabiler verlässlicher Koffer der die Strapazen einer Reise – auch nach Lettland oder Moldavien – unter Umständen auch auf einem Eselkarren aushält? ;-)

  2. Hi Jannik,
    als ob Du nie weg warst! Danke!!!

    Gruß aus MD,
    Martin

  3. Trotz Pause, wie immer top! Endlich wieder regelmäßig “Entscheidend is aufm Platz” lesen! Hurra. Wo auch immer der Weg der einzig wahren Borussia hinführt, wir sind ja doch immer wieder da. Ich erwarte jedenfalls gespannt deine weiteren Veröffentlichungen. Dann könnte es doch einen 2. Teil von “So weit die Raute trägt” geben ;o)

    Ich freue mich jedenfalls!
    Viele Grüße von der Fohlenfreundin

  4. PS Falls ihr es noch nicht kennt, schaut mal bei YouTube vorbei, “Borussia Mönchengladbach – Jahresrückblick 2011″ von “Cutting John”. Toll gemacht… Schon klar, dass auch viele Reus-Szenen dabei sind – aber auch das ganze Mannschaftsspiel wird natürlich gezeigt. Es sind schon Gänsehautmomente dabei!

    Viel Freude beim Gucken.
    Fohlenfreundin

  5. Hi Jannik,

    ein frohes neues Jahr und schön das Dein Blog wieder da ist.

    Lieben Gruß

    Herbert

  6. Hallo lieber Jannik,

    ich verschenkte DAS BUCH im letzten halben Jahr mehrfach zu einem Geburtstag ……. immer das Gleiche. Irgendeiner las im laufe des Abends ein Kapitel vor. Immer ein tolles emotionales Erlebnis!

    Auf der Fahrt nach Berlin (2:1) musste U. (43 Jahre) weil sie als Einzige von 14 TeilnehmerInnen noch Schalke-Fan war, “zur Strafe” aus dem Buch “Soweit die Raute trägt” vorlesen. Nachdem sie die Textstelle zum 1:1 in Bochum mit Tränen in den Augen vorgelesen hatte, sagte sie,”Ich glaube ich komme in die Wechseljahre…….. ich wechsel von Schalke zur Borussia!”…………

    Vielen Dank für “DAS BUCH”

    Lieben Gruß

    Theo

  7. Hallo! Toller Artikel. Bei mir war es ähnlich. Bin auch schon etwas älter.
    Ich habe seit einigen Jahren allerdings immer die Gladbach Weihnachtsglocke ziemlich oben aufgehangen. Selbst mein Sohn hängt schon die Borussen
    Weihnachtsglocken relativ oben auf. Am jüngsten Weihnachtsfest auch
    sicherlich etwas näher an die Spitze. In guten und in bösen Tagen. Macht weiter so!
    Stellt Euch vor, man hätte Kinder die Knödel aufhängen würden, das wäre eine Schande. :-)
    Auf ein Gutes Neues 2012

  8. Ganz großer Blog, Danke!

  9. @Ulrich: Jawoll, egal wohin.:)

    @all: Danke, dass auch ihr wieder da seid!

    @Theo: Wow, ich glaub’ das ist bisher das beste Kompliment, das es gab:)

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