Schweben in Schweden

Saison 2011/2012: 1. bis 3. Spieltag, 7. bis 19. August

Vom Abstiegskandidaten zum Tabellenführer in weniger als 100 Tagen – Borussia Mönchengladbach hat es zum Beginn der Saison vorgemacht. Und ich verfolge das ganze in Schweden und selbst zu Hause nur aus der Ferne. Dass es mir nicht einmal Schmerzen bereitet, bereitet mir im Nachhinein durchaus Schmerzen. Denn nach dem 3. Spieltag ist zu befürchten, dass es das mal wieder war mit der Herrlichkeit – und das nur, weil es doch immer so war.

Noch bis zum Mittag des 7. August habe ich geglaubt, ich könnte es tatsächlich schaffen: Saisonauftakt, Auswärtsspiel in München und ich bekomme nur mit, was mir ein chinesischer Ruckelstream mit arabischem Kommentar im schwedischen Feriendomizil verrät.

Urlaubstabubruch
Es nieselt ununterbrochen an jenem Sonntag. Die Provinzstadt Falun ist trotzdem schön. Der Fahrstuhl der Skisprungschanze erinnert zwar an den Anfang eines Actionfilms mit Sylvester Stallone, aber die Aussicht entschädigt für alle Ängste. Als hätten wir geahnt, dass wir nach dem 25. Mai eine lange Pause vom Fußball benötigen würden, hatten meine Eltern, mein Bruder und ich diesen Urlaub trotz eines Blicks in den Rahmenterminkalender der DFL gebucht. Zwei Spieltage in Schweden – das sollte zumutbar sein für die Raute im Herzen, auch wenn Bundesliga und Sommerurlaub zur gleichen Zeit sieben Jahre lang nie ein Thema waren.

Ich bin bereits vorbeigelaufen am Irish Pub in der schmalen Fußgängerzone. Vor dem nächsten Schaufenster halte ich an, drehe mich um und gehe noch einmal zurück. Die Kreide auf der Tafel vor dem Pub ist im Regen ein wenig verlaufen, kündigt aber ohnehin nur die schwedische Liga und ein paar englische Testspiele an, die einen nur interessieren können, wenn die heimische Liga Duelle wie Norrköping gegen Södertälje bereithält.

Einen Versuch ist es dennoch wert. Ob es möglich ist, auf wenigstens einem der zwölf Fernseher um 17:30 Uhr Eurosport 2 einzuschalten, will ich vom Kellner wissen. Jawoll, so sehr hatte es bereits am Morgen gejuckt, dass ich vorab gegoogelt habe, wer in Schweden die Rechte an der Bundesliga hält. Kein Problem, sagt der Kellner. Trotzdem frage ich noch zweimal nach, wie eine Braut, die sicher gehen will, dass der Verlobungsring vor ihrer Nase echt und keine versteckte Kamera in der Nähe ist.

Autogrammstunde mit Filip Daems
Um kurz vor halb sechs trauen wir uns in den Pub. Die schwedischen Bierpreise, der Flachbildfernseher in einer Höhe, die der Nackenmuskulatur alles abverlangt, der Ton, der nicht da ist – alles nebensächlich. Wir erwarten nichts. Bloß keine Klatsche. Es vielleicht lange spannend machen, weil die Bayern unter Jupp Heynckes das erste Saisonspiel noch als Abschluss der Vorbereitung begreifen. So ein Punkt – das wär’s.

Man kann im Vorhinein ja noch so sehr tönen, wie entspannend ein jedes Spiel ist, in dem es nicht ums blanke Überleben in der Bundesliga, sondern um drei Punkte geht. Nicht mehr. Aber dann hat Marc-André ter Stegen seine Hände und seine Beine einfach überall. Arjen Robben wähnt sich auf seiner rechten Außenbahn in einer Autogrammstunde. Dabei sind es Filip Daems und immer mindestens ein Unterstützer, die eindrucksvoll ihre Visitenkarte in der Allianz-Arena hinterlassen.

Kurz vor der Pause mischt sich Juan Arango ins Geschehen ein. Sein Schuss mit dem linken Außenrist muss einfach den Fußfetischisten in jedem Beobachter wecken. Leider hat Manuel Neuers rechter Arm auch einiges drauf. Zur Halbzeit ist die Partie irgendwie offen. Kaum zu glauben. Wir haben das Geschehen in unseren Clubsesseln mit Blick nach oben verfolgt. Meine Erinnerung an diese 90 Minuten ist wie die TV-Übertragung ohne Ton. Alle paar Minuten schreit lediglich ein alter Schwede laut auf, seine Frau zieht vor Schreck nach. Halmstad und Norrköping haben eben keine Defensivtaktik von Lucien Favre auf den Leib geschnitten bekommen. 5:4 geht es am Ende aus. Zur Pause bin ich ein wenig neidisch.

“Bayern, Bayern, Zweite Liga!”
In der 62. Minute geben dann endlich auch die Teilzeit-Taubstummen aus Deutschland einen Ton von sich. Hinzu gesellen sich gefühlte Purzelbäume, ach quatsch, eine gefühlte Olympia-Kür am Boden. Roel Brouwers schlägt einen als Befreiungsschlag getarnten Zuckerpass in den Raum. Manuel Neuer und Jerome Boateng diskutieren wie ein Ehepaar vor dem Scheidungsrichter über das Sorgerecht für den Ball. Igor de Camargo wird es zu bunt. Sein schneller Entschluss: Der Ball kommt vorerst im Tor unter! Sofort klingelt mein Handy und Nils sendet ein paar ekstatische Brunftschreie live aus München. Und plötzlich ist es, als habe es nie eine Sommerpause gegeben.

Nach dem Spiel singen 7000 Borussen “Bayern, Bayern, Zweite Liga!”. Gladbach belegt Platz sieben, der Sieg ist einfach zu knapp ausgefallen. Was da noch niemand ahnt: Bis zur Winterpause wird die Mannschaft von Lucien Favre nie schlechter dastehen als am Abend des 7. August. Wer das noch nicht wusste, muss es jetzt einfach glauben. Ich kann doch auch nichts dafür.

Sechs Tage später sind wir weitergefahren nach Stockholm. Wenn die einzige Fußballkneipe von Falun so einsam war wie ein kleines Heiligenhäuschen an einem Pilgerpfad, dann ist die schwedische Hauptstadt Mekka. Die Frage vorab war lediglich: Welcher Pub passt am besten?

Standard-Ergebnis als Geburtstagsgeschenk
Um erst gar kein “Hmm, joa, wir zeigen eigentlich nur Spiele der Premier League” zu riskieren, schütte ich in einer Mail zwei Tage vor dem Spiel gegen Stuttgart mein ganzes Fußballherz aus. Und dann habe ich noch ein gutes Argument, um dem Pubbesitzer die Bundesliga schmackhaft zu machen: Es wird mein Geburtstag sein. Dann schaue ich noch nach, was Lokalrunde auf Englisch heißt, lasse es am Ende aber doch bleiben, mich so weit aus dem Fenster zu lehnen. Die fixe Antwort kommt von Erik Andersson und ist so überschwänglich freundlich, als hieße sein Bruder Patrik. No problem, der Tisch ist reserviert, nur Ton kann er uns nicht versprechen. No problem!

Zuletzt hat Gladbach im Jahr 2007 an meinem Geburtstag gespielt, 1:1 in Kaiserslautern, davor im Jahr 2005 das gleiche Resultat gegen Wolfsburg. Vielleicht könnte ich mein Weizenbier für umgerechnet acht Euro viel besser genießen, wenn ich von Anfang an wüsste, dass Fußballergebnisse ein Empfinden für Tradition haben.

Die Borussia spielt ordentlich, aber nicht so gut, dass man diesen Auftritt gegen Stuttgart als Initialzündung für irgendetwas Großes bezeichnen könnte. Besonders im Spielaufbau passieren zu viele Fehler. Sogar der Elfmeter, den Marco Reus in der zweiten Halbzeit rausholt, ist mehr Arbeit von Reus als alternativloses Handeln des Stuttgarters William Kvist. Auf Filip Daems ist so oder so Verlass. Der Belgier muss ein verdammt guter Vater sein, von nichts aus der Ruhe zu bringen. Und ich sehe mich schon dauerhaft in Schweden wohnen, wenn dieses Pub-lic Viewing erneut gut geht.

Gelb-Rot für Brouwers
Aber Mike Hanke bietet wenige Minuten nach dem Führungstreffer eine der letzten Vorstellungen von “Streichergebnis”-Mike. So hatte ich ihn im Frühjahr genannt, als alle Welt noch davon ausging, der Stürmer sei nicht einmal für das geboren, für das er angeblich geboren sein sollte – das Toreschießen. Asche auf mein ahnungsloses Haupt!

Die letzte Vorstellung von “Streichergebnis”-Mike geht im wahrsten Sinne nach hinten los. Was ein Ballverlust! Der Versuch, einen Zehner zu imitieren, es an der Außenlinie spielerisch zu lösen, scheitert grandios. Flanke Kvist, Christian Gentner legt mit dem Kopf ab, Cacau ist schneller als Dante und Roel Brouwers – 1:1. Anscheinend war der 13. August nicht nur mein Geburtstag, sondern auch der letzte Tag des Anti-Fußballers Mike Hanke.

In der Schlussphase fliegt Brouwers mit Gelb-Rot vom Platz. Der Punkt ist am Ende in Ordnung. Und wie gesagt, ich hätte es ja ahnen können, dass es beim 1:1 bleibt. Tschüss, Schweden!

Jedes Bier ein Treffer
Auch der 3. Spieltag vergeht, ohne dass ich – abgesehen vom Sightseeing-Besuch im Stockholmer Olympiastadion – in dieser Saison ein Stadion von innen gesehen habe. Zum ersten Mal seit dem 20. Februar 2005 verzichte ich freiwillig auf ein Heimspiel im Borussia-Park. Ein Austauschjahr in den USA, Uni-Seminare, Familienfeiern – alles schon gehabt, teilweise nicht unfreiwillig, aber nie ohne Wehmut. In Dortmund steht eine Doppel-Geburtstagsfeier an, die mit einer doppelten Auszugsparty verbunden wird. Und ich bin einer der vier Gastgeber.

Als das Spiel gegen Wolfsburg um 20:30 Uhr angepfiffen wird, verschafft es mir sogar ansatzweise Genugtuung, dass meine Freunde mir wenigstens einmal in fünf Jahren deutlich wichtiger sind als ein Heimspiel der Borussia. Davon hat mich selbst eine Frau noch nie abgehalten. Aber: Natürlich sitze ich wenigstens vor dem Fernseher, während sich 60 Studenten auf 90 WG-Quadratmetern um mich herum in Ekstase saufen. Übrigens habe ich nie ein Spiel verloren, das ich vor einem Fernseher in Dortmund gucken musste.

Auch als Reus und Daems mühelos die Wolfsburger Führung drehen, bin ich innerlich vor dem Fernseher mit der Welt im Reinen. Auch als Raúl Bobadilla vor der Pause auf 3:1 erhöht, bereue ich es nicht, keiner der 43.224 Zuschauer zu sein. Auch als Reus einen Angriff mit dem 4:1 abschließt, der selbst nach neuen Fohlen-Maßstäben zu den schönsten der Hinrunde gehört, nehme ich einen zufriedenen Schluck von meinem Bier. Auch als klar ist, dass Gladbach Tabellenführer für mindestens eine Nacht sein wird, weiß ich, dass es richtig war, ein Heimspiel gegen eine der besten Feiern der vergangenen Jahre einzutauschen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Spitze!
Es ist schon weit nach Mitternacht, als der letzte Partygast eintrifft. Nils steht vor der Tür, so gut es irgendwie geht, und drückt mir einen Bierbecher “von einem historischen Spiel” in die Hand: “Alles Gute nachträglich!” Seine Angaben, wie viele Bier er auf der ewig langen Zugfahrt von Mönchengladbach über Duisburg nach Dortmund getrunken hat, schwanken enorm. Gewiss ist nur die Zweistelligkeit.

Mich ärgert es im Nachhinein nur, dass ich ihm einfach glauben muss, dass er wirklich pinkelnd in Duisburg am Bahnsteig stand, als ein Mann zu ihm kam und fragte, ob Nils “mal eben halten” könne. Kurz darauf hielt Nils einen Korb in der Hand. “Drin saß irgendso eine Trethupe”, sagt Nils. Ein Spitz würde gut zur Tabellenführung passen.

11. Januar 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. Endlich!
    Der beste Blog über Borussia ist wieder da – dem 1Live-Ranking zum Trotz.
    Habe schon Dein Buch verschlungen und bin erst recht jetzt wieder sehr erfreut, dass du dich in bewährter Qualität wieder zu Wort meldest.
    Eigentlich viel zu viel Talent, um es in Saarbrücken zu verschleudern… ;-)

  2. Hallo Jannik,

    sehr schön wieder von Dir zu lesen.

    Deine Schilderungen von den Erfolgserlebnissen dieser Hinrunde hatte ich mir schon das ein oder andere mal zu lesen gewünscht.

    Danke für den Teaser der ersten 3 Spiele. Hoffentlich kommt da noch mehr…

  3. Danke, danke, DANKE!
    Auf Sätze wie:”M.N. und J.B. diskutieren wie ein Ehepaar vor dem Scheidungsrichter über das Sorgerecht für den Ball” habe ich die ganze Hinrunde gewartet!
    Keiner schreibt so treffend, so ironisch und so gefühlvoll! Habe Dein Buch (ist ja irgendwie doch schöner, als am Rechner) schon gefühlte zehn Mal verschlungen und bekomme immer wieder an entsprechenden Stellen Herzklopfen, Gänsehaut oder Tränen.
    Freue mich auf die nächsten Rückblicke und weitere Berichte/Kommentare in der Rückrunde.
    Als kleine Reminiszenz ans Pub-lic Viewing: SKOL!!!
    ElkeHB

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