Herr Lehmann

Saison 2011/2012: 4. bis 7. Spieltag, 28. August bis 24. September

Es hört einfach nicht auf: Nach der einwöchigen Tabellenführung und der ersten Saisonniederlage schüttelt sich die Borussia einmal kurz – und weiter geht’s. Drei 1:0-Siege in Folge bedeuten die Geburt der Binärcode-Borussia. Noch ist die ganze Freude unter “Lauf” bzw. “Serie” zu verbuchen.

Neun Tage nach dem 4:1 über Wolfsburg ist Gladbach bereits seit 24 Stunden nicht mehr Tabellenführer, war es zuvor aber mehr als eine Woche lang, das erste Mal seit 13 Jahren. Damals hatte die Borussia nach einem 3:0 gegen Schalke am 1. Spieltag der Saison 1998/1999 ganz oben gestanden – und stieg am Ende als Letzter ab.

Nicht nur ähnlich, sondern genauso schlecht ging die Saison 2005/2006 aus, in der Gladbach noch einmal für wenigstens eine Nacht von oben grüßte. Man kann wahrscheinlich jeden Borussen fragen, warum Tabellenführungen immer ein paar K.o.-Tropfen in die Euphoriesuppe träufeln. Die hauptberuflichen Statistiker hätten sich ihre Unkenrufe in der Woche vor dem Auftritt auf Schalke also sparen können. Die Story ist ein alter Schuh.

So oder so ist es nach mehr als drei Monaten aber wieder so weit: Stadion, Gladbach, ich. Mit meiner Mutter, meinem Bruder und Nils mache ich mich auf nach Gelsenkirchen. Dabei verheißt diese Konstellation doch gar nichts Gutes. Und um 19:18 Uhr habe ich erneut die Gewissheit, es vorher geahnt, aber wieder nichts unternommen zu haben.

Playstation mit Xbox-Controllern
0:1 geht das Spiel verloren. Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern bringen mich nach dem Abpfiff fast um den Verstand. Ja, es tut so gut, eine Niederlage mit der Gewissheit hinzunehmen, dass sie schlichtweg drei Punkte von der Maximalausbeute entfernt ist, jedoch keinen Deut mehr. Und ja: Auch wenn das Borussenleben mir viel über das Verlieren gelehrt hat, kann ich es immer noch genauso wenig ertragen, wie beim “Mensch ärgere Dich nicht” direkt vor der eigenen Haustür rausgeschmissen zu werden.

Dabei ist direkt klar, dass dieses 0:1 gegen eine gute Schalker Mannschaft auf keinen Fall als schlechteste Leistung der Hinrunde in die Annalen eingehen wird. Nach drei Monaten Stadionabstinenz, zwei Fernsehabenden ohne Ton und einem mit zu viel Bier wird mir an diesem Tag auf Schalke erstmals klar, dass da unter Lucien Favre etwas entsteht, wenn nicht sogar schon entstanden ist. Achtung, Selbstzitat aus dem Mai 2011, Favres Abgang:

Dieses Jahr glich so oft einem Anfang vom Ende. Und irgendwie fühlt sich dieser letzte Moment der Saison völlig anders an – als sei er nur das Ende eines Anfangs.

Es sind teilweise Angriffe dabei, die nach Playstation-Vergleichen rufen. Nur scheint derjenige, der da scheinbar über allem schwebt und die Fäden zieht, zuvor meist Xbox gespielt zu haben. Der Controller liegt noch nicht ganz so gut in der Hand, die Tastenbelegung verwirrt bisweilen. Aber: Das wird sich legen.

Marx für Nordtveit
Zwei Wochen danach steht das Heimspiel gegen Kaiserslautern an. In der Länderspielpause habe ich fünf Tage in Norwegens Hauptstadt Oslo verbracht und bin praktisch als neuer Mensch zurückgekehrt: Ich habe gelernt, wie man Håvard Nordtveits Namen korrekt ausspricht.

Erst einmal lässt man den Kreis auf dem ersten “a” viel zu leichtfertig unter die Zunge fallen. Denn mithilfe des Kreises wird aus dem vermeintlichen “a” in der Aussprache ein “oa”. Das zweite “a” (ohne Kreis) klingt wiederum eher nach einem einfachen “o” so wie in “Wort”. Das “o” im Nachnamen gleicht schließlich einem “u”. Das “v” wird wie ein “w” ausgesprochen. Und jetzt alle: “Hoaword Nuurdweit”. Vielen Dank!

Auch Lucien Favre hat sich in der Vorbereitung auf den 5. Spieltag offenbar näher mit seinem norwegischen Sechser beschäftigt. Nordtveit sitzt erstmals in dieser Saison auf der Bank, Thorben Marx spielt. Zum ersten Mal verändert der Trainer die Startelf, ohne dass Verletzungen und Sperren ihm die Entscheidung abgenommen hätten – change a losing team.

Auf eigene Faust
Von Beginn an dabei ist auch wieder Igor de Camargo, nachdem er die Heimspiele gegen Stuttgart und Wolfsburg verletzt verpasst hatte. Mit den Verletzungen des Belgiers ist es wie mit Panini-Bildern: Die, die man noch nicht hat, sind am schwierigsten zu bekommen. Nach seinem Siegtreffer in München war de Camargo von einem Abriss des Dornfortsatzes außer Gefecht gesetzt worden. Immer wieder faszinierend, wenn Fußballer sich an Körperteilen verletzen, bei denen ich mir sicher bin, sie selbst gar nicht zu besitzen. Der Atlas hat übrigens keinen Dornfortsatz. Ich versteh’ nur Erdkundeunterricht.

Die Partie gegen Kaiserslautern steht stellvertretend für den Wandel, den die Elf vom Niederrhein seit der Mutter aller Nackenschläge hingelegt hat, seit dem 0:1 gegen eben jenes Kaiserslautern am 18. März 2011. Sechs Monate danach ist die Borussia im eigenen Stadion seit sechs Monaten ohne Niederlage. Und obwohl fünf der Darsteller vom Tiefpunkt aller Tiefpunkte diesmal gar nicht mehr dabei sind, hat die Mannschaft ihr Gesicht kaum verändert.

Wenn die Saison 2010/2011 trotz ihres wunderhaften Ausgangs ein Trauma hinterlassen hat, dann hat es die Gestalt einer Faust, die gegen einen Ball boxt, der daraufhin ins Tor hoppelt. Logan Bailly fehlt am 11. September im Borussia-Park. Mittlerweile sind Dinge ans Tageslicht gekommen, mit denen der Belgier sicherlich schwieriger fertig wird als mit einem Eigentor, das einst gefühlt den Abstieg besiegelte. Alle Menschen, denen Bailly kein Geld schuldet, werden bei seinem Namen wahrscheinlich zuerst an seine rechte Hand denken, die einen Ball ins eigene Tor lenkt.

Parade der Hinrunde
Es läuft die 62. Minute gegen Kaiserslautern, als ein halbes Jahr danach wieder eine rechte Hand das Spiel entscheidet. Diesmal gehört sie Marc-André ter Stegen, der einen Schuss von Christian Tiffert noch aus dem Winkel kratzt. Die Parade, vielleicht ter Stegens beste seiner bisherigen Bundesliga-Laufbahn, hat es sogar in einen Imagefilm der Borussia geschafft. Ein Sinnbild eben.

Dabei täte es weh, Juan Arangos Treffer zum 1:0 nicht ausreichend zu würdigen. Sieben Minuten, bevor ter Stegen hält, was nicht zu halten war, hat Tony Jantschke wiederum eine seiner besten Flanken der Hinrunde geschlagen. Und es liegt allein an Arango selbst, dass seine Volleyabnahme nicht als sein schönstes Tor der Hinrunde in Erinnerung bleiben wird. Er hat es so gewollt.

Auswärtsfavoriten
Am 6. Spieltag sind Nils und ich uns nicht ganz so sicher, was wir eigentlich gewollt haben. Um kurz vor drei Uhr in der Nacht stehen wir am Duisburger Hauptbahnhof und warten auf den IC nach Hamburg.

“Warum fahren wir überhaupt so früh?”, will Nils wissen.

“Du wolltest doch!”, antworte ich etwas vorwurfsvoll.

“Na du doch auch!”

“Ja klar. Aber…”

“Jaja, wir wollten es einfach mal machen – mitten in der Nacht losfahren.”

Mit Verspätung fährt jener Zug im Bahnhof ein, der uns auch im Mai zum Auswärtsspiel in den hohen Norden gebracht hatte. Selbst eine praktisch nicht vorhandene Nacht kann das innerliche und äußerliche Gefühlsgewirr nicht toppen. Schließlich ist der Hamburger SV Tabellenletzter, hat erst einen Punkt geholt – zum ersten Mal werde ich ein Auswärtsspiel in der Bundesliga besuchen und nichts anderes als einen Sieg erwarten.

Zwei Waggons nehmen Fans von Hansa Rostock ein, die bei Eintracht Frankfurt am Abend eine 1:4-Niederlage kassiert hatten. Bei jener Eintracht, deren grausame Rückrunde das Fundament des Gladbacher Nichtabstiegswunders war. Ein gewisser Matthias Lehmann war am Abend in der 61. Minute eingewechselt worden. Wenn Eintracht Frankfurt das Fundament gewesen ist, dann war Lehmann die Baugenehmigung. Passenderweise hat er sich dem Bundesligaabsteiger in der Sommerpause angeschlossen.

Wer würde Lehmanns Schauspieleinlage nach dem regungslosen Kopfstoß von de Camargo vergessen, der den damaligen St. Paulianer beinahe aus der Blüte seines Lebens riss? Nur weil de Camargo damals zu leichtfertig das Tête-à-tête suchte und Lehmann dankend zu Boden ging, sitzen Nils und ich überhaupt im Zug nach Hamburg. Es ist keine gewagte These, dass Gladbach damals im Februar mit elf Mann wahrscheinlich nicht gegen St. Pauli verloren hätte, dass Michael Frontzeck wahrscheinlich nicht entlassen worden wäre und dass er in zwölf Spielen weder 17 noch 19 Punkte geholt hätte, geschweige denn Favres 20. Gladbach wäre abgestiegen – wäre da nicht Matthias Lehmann gewesen.

Spitzenreiter – gefühlt
Als das Spiel in Hamburg am Nachmittag endlich läuft, liefert die Borussia zumindest in der zweiten Halbzeit mehr ab als Philipp Rösler es für die FDP jemals versprechen könnte. De Camargo besorgt das entscheidende Tor zu einem erwarteten Auswärtssieg. Als er einst in Frankfurt traf, war das nicht so selbstverständlich. Doch auch ohne jenes Tor damals im Januar würde am 18. September nicht Gladbach in Hamburg spielen, sondern unter Umständen Eintracht Frankfurt mit Matthias Lehmann.

Kurz vor de Camargos Kopfballtreffer hat Nürnberg gegen Bremen ausgeglichen. Wenig später habe ich eine Falschmeldung im SMS-Posteingang. “Spitzenreiter! Spitzenreiter! Hey! Hey!”, feiert meine Mutter. Ich erzähl’s weiter, ohne irgendein Verhältnis zu Torverhältnissen. Den Menschen um uns herum ist es egal. Nach Spielende bekomme ich eine SMS, in der mir zur Tabellenführung gratuliert wird. Wenig später stehe ich mit einem HSV-Fan an der Bierbude. Er “kann es einfach nicht fassen, dass ihr Tabellenführer seid”. Nein, verdammt!

Vom Luxusproblem des untergeschobenen Spitzenreiterdaseins wechseln wir aber schnell zu der dramatischen Situation in Hamburg. Nils und ich wollen dem HSV-Fan um alles in der Welt die Relegation schmackhaft machen, träumen von einem Hamburger Derby, in dem es um alles geht. Wer einmal Gladiator unten in der Arena war, möchte einmal gerne Kaiser sein.

Am späten Abend nehmen Nils und ich den Begriff “Laufhaus” so wörtlich wie es geht und, nun ja, laufen durch ein Haus auf der Reeperbahn. Nach der Pubertät ist eben vor der Pubertät. Es hagelt Glückwünsche zum Sieg von den Angestellten, die offenbar so gute Geschäfte machen an diesem Tag, dass sie sogar fadenscheinige und gestotterte Ausreden akzeptieren, warum man einfach ein bisschen durch das Laufhaus läuft, ohne Kaufabsicht. Man merke sich: Oben ist, wo die Nutten gratulieren.

Aus den Eichhörnchen werden Fohlen
Nach dem siebten Spiel der Saison gegen Nürnberg ist sich alle Welt sicher, die typische Borussia anno 2011 gesehen zu haben: Hinten brennt nichts an, vorne sorgt Marco Reus (wenn auch ohne Tor) für Furore und am Ende steht mal wieder ein 1:0 auf der Anzeigetafel. Fest steht: Gegen den Club ist es das siebte Resultat dieser Art in den vergangenen 14 Pflichtspielen unter Lucien Favre. Fest steht aber auch: In den darauf folgenden zwölf Partien wird Gladbach nur noch einmal in Eichhörnchen-Manier einen Sieg erringen.

Denn der Erfolg über zu diesem Zeitpunkt formstarke Nürnberger ist so etwas wie ein Schritt der Metamorphose vom Nagetier zum Fohlen. 8:1 Chancen hat der Kicker an jenem Nachmittag gezählt. Dass Filip Daems es per Elfmeter richten muss, gleicht einem Skandal. Besonders Reus umkurvt die Nürnberger Abwehr mit einer solchen Leichtigkeit, dass man sich fragen muss, ob er nach seinen Antritt nicht selbst erstmal verschnaufen muss.

Doch Reus verschnauft nicht. Zwei Treffer gegen Wolfsburg – mehr gab es bislang nicht, mehr ist aber möglich. Immerhin legt er Daems zum dritten Mal einen Treffer auf, als Pinola ihn im Strafraum legt. Ob es so war, weiß nachher niemand zu 100 Prozent. Auch der Schiedsrichter wird eher in dem Vertrauen gepfiffen haben, dass da ein kleiner aber am Ende gravierender Windzug gewesen sein wird. Bei dem Tempo reicht das völlig aus. In der 76. Minute ist Gladbachs fünfter Saisonerfolg perfekt. Später wird die Mannschaft von Lucien Favre in keinem anderen Bundesligaspiel der Hinrunde überhaupt ein Tor erzielen.

Mit 16 Punkten aus sieben Spielen hat Favre übrigens die Frontzeck’sche Bilanz der vergangenen Saison eingestellt. Sein Vorgänger hatte damals 22 Spiele dafür benötigt. Freude unter Favre ist dreifache Freude.

13. Januar 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. Wunderbar! Einfach nur gut und sagt mal wieder vieles von dem, was ich damals auch dachte. Hätte die Borussia damals bei St. Pauli nicht verloren… hätte de Camargo damals das Siegtor bei der Eintracht nicht geschossen (und ich stand fast direkt hinterm Tor, Stehplatz mit Sitzplatz)… etc. Dreifache Freude unter Favre tut allen (wahren) Borussen so wohl. Jedes Mal, wenn ich im Fernsehen mal wieder über “Hattrick” stolpere sage ich genauso gebetsmühlenartig wie Monsieur Favre seinen Satz “wir wissen, wo wir herkommen” – meinen Satz: “Gut, dass WIR da nicht spielen….” Ooooh wie ist das schön!

  2. Gut wie immer – aber mit einem irrst du – auf St.Pauli hätten wir auch nicht mit 12:11 Spielern gewonnen, insofern taugt Herr Lehmann schlecht als schicksalhafte Figur!

  3. “Irren” ist vielleicht das falsche Wort, weil wir es nie mehr herausfinden werden. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass die Mannschaft ohne den Platzverweis auf St. Pauli nicht plötzlich mit dem Fußballspielen aufgehört hätte. Das war damals, als sei ein Schalter umgelegt worden.

  4. Jannik, hatte überlegt Dich zu fragen, ob Du die Berichte schon in der Tasche hattest (also damals heimlich geschrieben) oder erst jetzt (nach Deinem für uns alle so glücklichen Entschluß weiterzumachen) im Nachhinein und rückblickend dahinzauberst. Wollte jedoch die Magie nicht stören und eigentlich macht es ja auch keinen Unterschied.

    Aber mit dem Satz “Und es liegt allein an Arango selbst, dass seine Volleyabnahme nicht als sein schönstes Tor der Hinrunde in Erinnerung bleiben wird. Er hat es so gewollt.” hast Du es verraten. ;)

    Schwarzgrünweiße Grüße aus MD, wo morgen und übermorgen Deutschlands größtes C-Jugend-Hallenturnier stattfindet – natürlich wieder mit unseren Fohlenfohlen. Vor 5 Jahren war ein Bubi namens Marc-Andre ter Stegen für den VfL am Start …

  5. So viel Transparenz kann ich ruhig walten lassen.;) Das Vorwort ist wirklich im Zug nach Saarbrücken entstanden, die Teile I, II und III in den ersten Tagen des Jahres. An IV und V werde ich mich morgen setzen.

    Ter Stegen kenn’ ich – guter Torwart.;)

  6. Irren ist definitiv das falsch Wort, aber IMO haben wir da auch schon vorher nicht Fußball gespielt. War halt meine “weitere” Auswärtsfahrt in der letzten Saison und Ergebnis und Vortrag haben mich dann doch stärker demoralisiert.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*