Vier gewinnt

Saison 2011/2012: 11. bis 14. Spieltag, 29. Oktober bis 25. November

Auf die Möchtegern-Krise folgt die Rekordserie: Gladbach eilt vier Spiele lang von Sieg zu Sieg. Manchmal gleicht das Geschehen einem ausgelassenen Spieleabend unter Freunden. Ob das 5:0 gegen Bremen oder das 3:0 in Köln den Höhepunkt darstellt, muss jeder selbst entscheiden. Dass beides innerhalb von sieben Tagen passiert, ist auch nicht zu verachten.

Es gab eine Saison in den vergangenen 15 Jahren, in der ich von der Borussia nur die allerwichtigsten Dinge mitbekommen habe. Meist saß ich in einem Donut-Café vor dem Computer, hatte einen Live-Ticker geöffnet und stopfte die kalorienreichsten aller kalorienreichen Donuts in mich hinein. Es war schließlich Frühstückszeit in den USA. Dass ich im Juni 2006 trotzdem so schlank zurückkehrte wie ich aufgebrochen war, lag wohl daran, dass ich alles wieder durch exzessives Drücken der F5-Taste abtrainiert habe.

Mein Umzug ins Saarland hat mir nun so etwas wie ein kleines Auslandsjahr beschert, auf der anderen Seite des Teiches light. Das Gute: Der Sky-Decoder funktioniert einwandfrei. Und auch nicht zu unterschätzen: Im Supermarkt gibt es Diebels wenigstens in Sixpacks, weil der Saarländer offenbar ab und zu ein Krefelder trinkt. Alt mit Cola – das ist wiederum nicht so gut.

Die Energie des Individuums
Um 15:30 Uhr sitze ich im Gladbach-Trikot alleine auf der Couch, in der Hand eine Flasche Bier. Zum Glück bin ich weit davon entfernt, sie auf einer stattlichen Wampe platzieren zu können. Nach 18 Minuten ist die Flasche leer. Nach 21 Minuten springe ich erstmals auf. Nicht um zum Kühlschrank zu eilen, sondern weil Marco Reus eines dieser ansatzlosen Marco-Reus-Tore schießt, bei denen alles aus einem Guss kommt: Der Antritt beim Zuspiel von Mike Hanke, der Wackler gegen Hannovers Emanuel Pogatetz, der Abschluss mit links, der Torjubel.

Ganz schön merkwürdig, wenn man in einem leisen Mehrfamilienhaus an einem leisen Samstagnachmittag in einer leisen Wohngegend alleine vom Sofa aufspringt und dreimal laut “Ja!” schreit. Die Energie des Individuums, das sich genauso freut wie im Stadion, ist ziemlich eindrucksvoll. Ich kann es jedem nur empfehlen, sich im Grunde selbst einmal beim Jubeln zuzuschauen. Ohne Blocknachbarn, kollektives Aufspringen, Tormusik, Dankeschön an den Schützen und langgezogenes “Nuuull!” gleicht die Freude einem einsamen Flashmob im Wohnzimmer. Nur fünf Minuten nach dem 1:0 muss ich mir selbst leider beim Aufregen zuschauen. Es hat etwas vom Opa aus “Weihnachten bei Hoppenstedts”. Hannover gleicht aus und Marc-André ter Stegen sieht ausnahmsweise mal schlecht aus.

Für kurze Zeit vergesse ich sogar, dass Mike Hanke sich doch längst rehabilitiert hat. Sein Pass vor dem Führungstreffer entschädigt eigentlich für jeden überhasteten Schuss aus mehr als 30 Metern, der gerade einmal die Nordhalbkugel trifft. Trotzdem habe ich selbst am 11. Spieltag noch immer das Gefühl, die Mannschaft müsse ihren falschen Zehner mitschleppen wie einen verunglückten Bergsteiger, der gerade so aus einer Gletscherspalte gerettet wurde. Es ist ein weiter Weg, den Hanke in der Hinrunde zurücklegt. Dass er den Jahreswechsel als bester Bundesligastürmer verlebt, der kaum Tore erzielt, spricht für seine Hartnäckigkeit.

Stranzl und der Bökelberg
Kurz vor der Pause muss Martin Stranzl verletzt runter. In Dortmund feiern sie sich regelmäßig dafür, dass in Felipe Santana einer der besten Bundesligaverteidiger auf der BVB-Bank sitzt. Dabei ist es doch viel bemerkenswerter, Roel Brouwers in der Hinterhand zu haben (niederländischer Schlaks mit limitierter Technik und Paderborner Vergangenheit) und bei seiner Einwechslung völlig gelassen zu bleiben.

Denn mit Stranzl hat Gladbach in elf Spielen acht Tore kassiert, mit Roel Brouwers nur drei in neun. Was sehr gut ist, geht in dieser Hinrunde teilweise noch besser. Stranzl stand bei drei Niederlagen auf dem Platz, Brouwers nur bei einer. Frikandel sticht Kaiserschmarrn – wobei definitiv beides seine Vorzüge hat. Die Borussia hat die gesamte Hinserie beinahe mit der identischen Mannschaft durchgespielt. Nur Stranzl und Brouwers kamen fast gleich oft zum Einsatz.

Übrigens hätte Stranzl im Jahr 2004 beinahe Gladbacher Vereinsgeschichte geschrieben, als er im Trikot von 1860 München aus 25 Metern den linken Pfosten traf. So weit, so unspektakulär – wenn es nicht die 88. Minute des letzten Spiels auf dem Bökelberg gewesen wäre und Uwe Kamps nicht zum letzten Mal im Tor gestanden hätte.

YouTube-Legenden
Nach der Pause tut Reus mal wieder alles dafür, dass in der Nachbetrachtung sein Name alles überstrahlen wird. Bereits ein paar Tage zuvor hat die Bild damit begonnen, ihn zu den Bayern zu schreiben. Ganz dezent, versteht sich. Es geht so einfach: Langeweile in Gladbach, aus München kommt die Nachricht, Reus sei ein interessanter Spieler, der Spieler fühlt sich geehrt, verweist auf seinen laufenden Vertrag und spielt einfach weiter Fußball. Vor dem Spiel gegen Hannover hat Max Eberl das Gerede jener Tage bereits genervt kommentiert, am 29. Oktober. Man kann es im Nachhinein kaum glauben, dass es noch zwei Monate lang so weiter gegangen und im Grunde noch viel intensiver geworden ist.

Erst gegen Hannover sieht der Borussia-Park den Marco Reus, der für 17,1 Millionen Euro zu Borussia Dortmund wechselt und von beinahe jeder Instanz zum “Spieler der Hinrunde” gewählt wird. Bis zu jenem Nachmittag gegen Hannover war er ein sehr guter Jung-Nationalspieler, der sich Chance um Chance erarbeitete, aber zu selten ins Tor traf. Man vergisst es so schnell. In der 51. Minute ist Karim Haggui, der zweite Innenverteidiger von 96, an der Reihe. Was Reus mit ihm veranstaltet, kann sich jeder denken. Also gilt es an dieser Stelle, die wunderbare Spielverlagerung von Håvard Nordtveit hervorzuheben und Juan Arango zu preisen, der den Ball aus der Luft in die Schnittstelle zu Reus spielt. Als würde ein Airbus in einer Parklücke landen.

Die Borussia schießt viele dieser Tore in der Hinrunde. Es gab Zeiten, da wäre jedes einzelne zur Gladbacher YouTube-Legende geworden. So aber tauchen nun gleich mehrere Hobby-Cutter auf, die minutenlange Best-of-Filme schneiden und ins Netz stellen. Teilweise fallen darin gar keine Tore, sondern die Mannschaft von Lucien Favre spielt sich einfach den Ball zu. Gegen Hannover bleibt es beim 2:1. Erstmals seit beinahe drei Jahren gewinne ich ein Spiel vor dem Fernseher im eigenen Wohnzimmer. Ich musste erst zum einsamen Altbiertrinker werden.

Keine Hindernisse
In der Woche darauf verpasse ich es schon wieder, mir einen der großen Träume meines Fandaseins zu erfüllen. Dabei gibt es doch so wenige, deren Erfüllung auch nur ansatzweise in meiner Hand liegt. Nils und Co. fahren mit dem Sonderzug nach Berlin. Ich muss arbeiten. Sogar meine Eltern und mein Bruder sind dabei, wenn auch mit dem Flieger. Irgendetwas läuft da falsch.

Nils, im Gegensatz zu mir schon immer Altbiertrinker, tickert seit den Morgenstunden aus dem Sonderzug. Mein Vater gibt mittags ein Interview am Potsdamer Platz und verspricht dem Radiofritzen, dass er bei einem Auswärtssieg die künstliche Schneerutschte nimmt. Alles geht seinen gewöhnten Gang. So wirklich alleine ist man an Spieltagen selbst im Saarland nicht.

Im Olympiastadion treffen Nils und meine Eltern aufeinander. Als Kartenquelle war ich willkommen. Auf der Arbeit schalten wir gerade auf Sky um, als Hertha durch Ramos in Führung geht. Doch wenn die Borussia an den meisten Spieltagen ein kenianischer 5000-Meter-Läufer ist, dann wechselt sie an diesem Tag zu den 3000-Meter-Hindernisläufern. Wassergraben willkommen!

Nur eine Viertelstunde lang liegt Gladbach zurück, dann reicht ein Kullerball von Marco Reus mit links zum Ausgleich. Und wie schon gegen Hannover macht der 22-Jährige wenige Minuten nach Wiederanpfiff den Doppelpack perfekt. Der Ball fällt ihm auf den Fuß. Der Fußball-Romantiker in mir sagt: Sein Fuß ist gegen den Ball gefallen. Auch Maik Franz hat ihn davon nicht abhalten können. Die Grätsche, die sein Trainer Markus Babbel im Nachhinein als “Traumsituation für einen Innenverteidiger” bezeichnet, glich in der ersten Halbzeit vorsätzlicher Körperverletzung. Es gibt so Szenen, da könnte selbst das Feuilleton der FAZ nicht anders, als boulevardesk zu werden: Brutalo-Foul! Rüpel! Reus aber konnte weiterspielen und deshalb – siehe oben.

Während meine Mutter am Telefon nach dem dritten Auswärtssieg der Saison eine begeistert-besonnene Analyse abliefert, ruft Nils bis tief in die Nacht noch dreimal aus dem Sonderzug an. Einmal läuft im Hintergrund “Die Seele brennt”, beim zweiten Mal auch und beim dritten Mal auch. Es ist wie an Weihnachten: Wenn in der Kirche “O du fröhliche” läuft, ist alles gut.

List und Rist
Ich kann mich noch ziemlich gut an die höchsten Kantersiege meines Lebens erinnern: 6:1 gegen Aachen, 6:1 gegen Mainz, 7:1 gegen Offenbach. Doch die Freude war im wahrsten Sinne zweitklassig, weil die Gegner Kolvidsson, Lämmermann oder Agritis hießen, die Torschützen Chiquinho oder Coulibaly. Selbst die Freudentage der vergangenen 15 Jahren erinnern einen daran, dass die Borussia nur knapp daran gescheitert ist, zur Fahrstuhlmannschaft zu werden.

Ich hatte versprochen, dass es in der Hinrunde noch einmal ähnlich langweilig werden würde wie in der zweiten Halbzeit gegen Hoffenheim. Und Juan Arango schuldet uns noch sein schönstes Tor der ersten Saisonhälfte. Es läuft die 53. Minute im Heimspiel gegen Werder Bremen, als ein Schuss beides auf einmal bringt. Patrick Herrmann kommt frei zum Abschluss, Tim Wiese hat ausnahmsweise eine Hand am Ball. Dann landet das Ding bei Arango.

Es ist einer dieser Momente, die erklären, warum der menschliche Fuß einen Innenrist, einen Spann und einen Außenrist hat. Mit Innenrist und Spann kann man auf dem Fußballplatz schon verdammt schöne Sachen anstellen. Das ist aber nichts gegen Arango, der den Ball knapp oberhalb der Grasnarbe direkt mit dem linken Außenrist nimmt und in den Winkel haut. Sonst sieht man so etwas immer nur in YouTube-Videos von Gladbacher Neuzugängen, die im Anschluss ihr Geld nicht wert sind. Doch die Zeiten sind vorbei.

Chaos mit Fixstern
Es steht 5:0 und noch läuft die Anfangsphase der zweiten Halbzeit. Mit Arangos Traumtor ist das Spiel vorbei und – was soll ich sagen – Kantersiege sind so elendig langweilig. Beim Basketball und beim Handball gleicht der Spielstand im Zeitraffer immer der Schuldenuhr der Bundesrepublik Deutschland. Immer mehr, immer mehr, immer mehr. Wer beide Sportarten dem Fußball vorzieht, lässt nichts auf die permanente Action kommen. Dabei ist einer der Gründe, warum mich der Fußball so in seinen Bann zieht, dass man durch ein 0:0 den Klassenerhalt, die Europacup-Quali oder die Meisterschaft klarmachen und gleichzeitig den schönsten Tag des Jahres erleben kann.

Zwischen der 23. und der 51. Minute gelingt Marco Reus der erste Drei-Punkte-Wurf seiner Profikarriere. Zweimal staubt er ab. Einmal trifft er wie einst gegen Mainz nach einem Solo durch die gesamte gegnerische Hälfte. Der brillante One-Touch-Fußball vor dem Solo gleicht dem galaktischen Wirrwarr der Milchstraße. Was Reus danach veranstaltet, weist den Weg wie der Schweif eines Kometen. So oder so: Was die Borussia gerade in der ersten Halbzeit mit Werder Bremen, dem Tabellennachbarn, veranstaltet, ist wahrscheinlich der beste Fußball, den die Bundesliga in der Hinrunde gesehen hat. Da können die Bayern gegen Freiburg meinetwegen 171:0 gewinnen.

Reus macht nicht einmal das beste Spiel seines Lebens, er trifft lediglich so häufig wie nie zuvor in der Bundesliga. Nur bekommt es nach seinem Dreierpack kaum jemand hin, den wahren Mann des Tages zu küren: Patrick Herrmann. Das 1:0 erzielt der Saarländer – und seine Herkunft ist beileibe nicht der Grund, warum ich ihn so feiere – per Kopf. Das 3:0 bereitet er so vor, dass Reus nur noch abstauben muss. Und Arangos 5:0 wäre gar nicht erst gefallen, wenn Herrmann sich in der gleichen Szene mit seinem zweiten Treffer belohnt hätte.

Arien über Arien
Ich habe noch im Frühjahr 2011 daran gezweifelt, ob Herrmann sich auf Dauer in der Bundesliga durchsetzen kann. Mittlerweile nehme ich mir fest vor, mich niemals mehr über einen Verein lustig zu machen, der in der Jugend ein Talent aussortiert, weil es den körperlichen Anforderungen scheinbar nicht gewachsen ist. Patrick Herrmann wird noch mit 28 den meisten seiner Gegner physisch unterlegen sein. Doch der 20-Jährige hat es geschafft, einfach stets einen Schnitt schneller zu sein – sowohl mit den Beinen als auch mit dem Kopf.

Man könnte das Bremen-Spiel zum Anlass nehmen, jedem Borussen eine Jubelarie zu widmen. Vielleicht Filip Daems, der seinen dritten Frühling erlebt, wenn man sich darauf einigt, dass er zuvor überhaupt schon zwei gehabt hat. Vielleicht Roel Brouwers, der schon wieder für den verletzten Martin Stranzl reinkommt und gemeinsam mit Dante dafür sorgt, dass Claudio Pizarro sein schlechtestes Spiel macht. Vielleicht Roman Neustädter, der nicht mehr Fußball spielt wie ein Gewichtheber bei der Rhythmischen Sportgymnastik. Vielleicht Marc-André ter Stegen, der in der Anfangsphase einen Freistoß aus dem Winkel kratzt, seine Mannschaft damit erst wachrüttelt und im Anschluss das Kunststück vollbringt, sich trotz Unterbeschäftigung keinen Ermüdungsbruch am ganzen Körper zuzuziehen.

Mit seinem Dreierpack hat Marco Reus übrigens einen Uralt-Rekord gebrochen. Um genau zu sein: Er hat einen Rekord aufgestellt, den es noch gar nicht gab. Nie zuvor hat ein Gladbacher in drei aufeinanderfolgenden Bundesligaspielen mindestens doppelt getroffen. Manch einer mag sich daran erinnern, das einst andere Leute als Chiquinho und Coulibaly Tore für Gladbach erzielten. Sie hießen Heynckes, Simonsen oder Laumen.

Rekordmüdigkeit
Früher habe ich mir immer die Zeit genommen, mich solange auf fussballdaten.de zurückzuklicken, bis ich herausgefunden hatte, wann dieses oder jenes zum letzten Mal passiert war: Das letzte Mal drei Siege in Folge, das letzte Mal zwei Auswärtssiege in Folge, das letzte Mal auswärts einen Rückstand gedreht, das letzte Mal auswärts vier Tore erzielt. Mittlerweile ist es mir zu anstrengend geworden, weil die Antwort auf die Frage meist in den 70ern liegt – oder aber auch im Nirgendwo.

Dass es vier Bundesligasiege in Folge zuletzt 1995 gegeben hat, weiß ich, weil ich es im Mai 2011 schon einmal nachgeguckt habe. Mitte der 90er gewann die Borussia vom 1. Oktober bis zum 5. November sogar fünfmal hintereinander. Den dritten Sieg gab es im eigenen Stadion gegen Bremen, den vierten beim Derby in Köln. Falls irgendjemand diese Zeilen liest und noch nicht weiß, was jetzt kommt – es ist wohl ziemlich offensichtlich.

Am Freitagabend nach dem 5:0 gegen Bremen ist Gladbach in Köln zu Gast. Unter der Woche hat der ganze Niederrhein Portugiesisch gelernt. Und jetzt alle: “Nossa, nossa. Assim você me mata. Ai se eu te pego. Ai ai se eu te pego.” Die Schalke-Fans verweisen gerne darauf, dass Lewis Holtby die Choreografie zum Hit von Michel Teló aus Brasilien am gleichen Tag wie Marco Reus in der Bundesliga eingeführt hat. Nur redet in jenen Tagen kaum jemand über Schalke 04, sondern vom Express über die Süddeutsche bis zum englischen Guardian feiert die Presse unisono Borussia Mönchengladbach. Der beliebte Google-Test liefert 8100 Funde für Holtby und “Ai se eu te pego”, Reus kommt auf mehr als 50.000.

Brasiliens neuer Superstar Neymar ist Gladbachs Woody Woodpecker (mittlerweile hat sich das ja eingebürgert) sowohl fußballerisch als in der Extravaganz seiner Frisur noch ein Stück überlegen. Er hat das Lied “Ai se eu te pego” in die Welt getragen, viele haben es nachgemacht. “Wenn ich dich kriege” – mittlerweile ist das ein Top-10-Hit.

Bierwart Hanke
Für das Derby gibt es im Grunde nur zwei Optionen: Entweder die Borussia leistet sich ausgerechnet jetzt einen Ausrutscher oder aber der Auftritt beim Rivalen aus Köln verkommt zur Demonstration. Dabei steht die erste Option nur aus reiner Gewohnheit zur Debatte. Es war doch schließlich immer so. Warum sollte es je anders sein? Die Antwort liefert die Borussia von der ersten Sekunde an. Die Mannschaft von Lucien Favre legt los wie ein ganzes Feuerwehrfest.

Marco Reus und Roman Neustädter vergnügen sich gleich in den ersten drei Minuten am Bierpavillon – bis Michael Rensing nichts mehr ausschenkt. Doch die Borussen sehen es nicht ein. Reus klaut ein Fass aus dem Kühlwagen. Patrick Herrmann will es gerade anstechen, als Mike Hanke es ihm abnimmt und trocken zum 1:0 trifft.

Meine Studienfreunde aus Dortmund, die an diesem Abend zu Besuch sind, werden mir wohl etwas verdutzt beim Jubeln zugesehen haben. Zwei Jahre lang war ich stets die arme Sau, die am liebsten gar nicht übers Wochenende reden wollte – oder aber ganz ausgiebig, um das aktuellste Trauma zu verarbeiten. Ich war derjenige, dem sie vor der Relegation wie in der Grundschule Glücksbringer basteln mussten, weil er völlig neben sich stand. Ein halbes Jahr lang war die Rote Laterne in meinem Besitz. Wir wollten immer munter wechseln, doch das wurde nichts. Und plötzlich ist das alles vorbei.

12:1 in der Ein-Jahres-Derby-Wertung
Zehn Minuten später steht Juan Arango zum Freistoß bereit. Kölns Torwart Rensing sieht nicht gut aus, als der Ball im Tor einschlägt. Aber: Du sollst keine anderen Fußballgötter neben Arango haben – und deshalb ist der Fehler beinahe nebensächlich. Nach einer halben Stunde habe ich es der DFL sogar verziehen, dass sie das Spiel von einem Sonntag auf einen Freitag gelegt hat. Alles ist gut, Gladbach ist Tabellenführer.

Lucien Favre hat nach dem 5:0 gegen Bremen seinen Drei-Stufen-Plan verraten. Zuerst wollte er die Gegentore verringern – der Perfektionist hat sie beinahe abgeschafft. Dann wollte er mehr Chancen kreieren – es sind manchmal so viele, dass seine Mannschaft gar nicht alle nutzen kann. Schritt drei soll dann auch nach einer schlechten Leistung noch Erfolge bringen. So wie die Borussia jedoch den Ball und den Gegner laufen lässt, stellt sich die Frage, ob das überhaupt erstrebenswert ist.

Auch das Derby endet direkt nach der Pause. Herrmann und Reus spielen einen Konter eigentlich gar nicht gut aus. Doch der Ball landet trotzdem bei Hanke, der nach mehr als 1000 Minuten ohne Tor gleich einen Doppelpack schnürt – es ist das 12:1 in der Ein-Jahres-Wertung zwischen Gladbach und Köln.

Schere, Stein, Bodenhaftung
“Borussia Barcelona” wird die Rheinische Post nach dem Spiel titeln. Der Vergleich landet wenig später im Guardian und ganz Europa weiß auf einmal, dass in Deutschland eine Mannschaft für Furore sorgt, die noch ein halbes Jahr zuvor so gut wie tot war.

Ich habe ja nun genug Zeit gehabt, ungefähr 15 Jahre, um mir auszumalen, wie das wäre: Die Saison ist nicht mehr jung und die Borussia spielt in der Spitzengruppe der Bundesliga. Aber es schien immer so abwegig, dass ich mir nie allzu große Gedanken darüber gemacht habe. Die Gegenwart hat einen stets viel zu sehr eingenommen, um rumzuspinnen. Bis zum 3:0 in Köln, bis zu diesem Freitagabend, an dem der VfL auf einmal nach 14 Spielen ganz oben steht, habe ich es nicht einmal geschafft das Lied auswendig zu lernen, in dem in Kopenhagen ein Telefon schellt und eine Woche Sandstrand auf Teneriffa winkt.

Das Derby ist fast vorbei, das Stadion nicht nur im übertragenen Sinne menschenleer, als sich eine Szene abspielt, die wahrscheinlich mehr über die neue Borussia verrät als alle hochtrabenden Analysen. Marco Reus und Mike Hanke streiten sich darum, wer einen Freistoß schießen darf. Was liegt da näher, als die Sache mit einer Runde “Schnick, Schnack, Schnuck” zu regeln? Reus nimmt den Stein, Hanke die Schere. Dass Reus den Freistoß daraufhin in die Mauer setzt, sichert die Bodenhaftung.

Seit diesem Abend stehe ich geistig in einer Telefonzelle in Kopenhagen und warte, dass es klingelt. Vorher kriegt mich da keiner raus.

17. Januar 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | 9 Kommentare

Kommentare (9)

  1. Ich kanns nicht lassen! Muss wieder einen Kommentar schreiben. Du sprichst mir mal wieder aus der Seele. Jubel-Flashmob im Wohnzimmer (geht sogar ohne Sky, nur mit Videotext!): Check. Sich ausmalen, wie es wäre, wenn die Borussia mal “da oben” mitspielt und “da oben” steht (ohne Tabelle drehen, wohlgemerkt!: Check. (Allerdings erst seit ca. 10 Jahren). Im Gladbach-Trikot und gerne auch mit Schal auf dem Sofa: Check.

    Und ja, Patrick Herrmann – noch (?) geht er etwas unter im Reus-Wirbel, aber ich denke, der wird uns wohl noch viel Freude machen. Hoffentlich auch zusammen mit Bierwart Hanke.

    Und nochmal: Ich bin echt froh, dass du dich umentschlossen hast und den Blog weitermachst. Freue mich schon jetzt auf den nächsten Teil. Danke!

    Fohlenfreundin

  2. Dieser Blog ist mit Abstand der beste und ehrlichste Blog – selten einen Blog mit so einem großen Wiedererkennungswert gelesen :)

  3. Das mit Stranzl habe ich zufällig letzte Woche bei youtube entdeckt. Uwe hat Stranzls Schuß ganz lässig gegen den (aus Uwes Sicht) rechten Innenpfosten gekiekt und dann ist der Ball quer zur Linie hinter Uwe Richtung Spielertunnel vorbeigezischt und Uwe zeigte keinerlei Reaktion. Wäre wohl das letzte Tor aller Zeiten auf dem Bökelberg gewesen. Was aber auch sehr interessant ist und mir gar nicht mehr bewußt war: wer war denn Borussias Spieler, der als letzter auf dem Bökelberg die Kapitänsbinde trug? Wer weiß es? Wer weiß es? :)

    BTW: Wie immer – absolut gelungener Blog!!! :) Danke.

  4. Hey Jannik,
    dein Blog ist absolut genial! Es macht unglaublich viel Spaß deine Texte zu lesen und sich selbst darin wieder zu erkennen. Also mach bitte weiter so!!
    Im Saarland gibt´s übrigens sehr viele Borussen. Teilweise sind sie auch in Fanclubs organisiert, so wie wir von den Saar-Blies-Borussen.
    Zum Spiel in Kaiserslautern fahren wir mit dem Zug ab Saarbrücken Hbf. Vielleicht magst Du dich uns anschließen?
    Bei Interesse melde Dich oder schau einfach mal auf unserer Seite vorbei.
    S-W-G Grüße,
    sf

  5. Danke Fohlenfreundin, danke Steff!

    @Martin: Wenn ich’s richtig im Kopf habe (ich geb’ zu, gestern hab’ ich noch gesehen), übergibt Stiel die Kapitänsbinde an Kamps. Genial auch nach dem Pfostenschuss, wie der ganze Bökelberg singt: “Uwe hat’s geseh’n, Uwe hat’s geseh’n, Uwe, Uwe, Uwe hat’s geseh’n” – werde ich nie vergessen den Nachmittag.

    @saarfohlen: Danke für das Angebot, da werd’ ich auch jeden Fall drüber nachdenken! Und schön, dass ich borussentechnisch wirklich nicht alleine bin hier.

  6. mach weiter so mein freund :)

    ich schaue immer wieder gerne vorbei und erfreue mich über lach -und sachgeschichten über die borussia auf höchstem linguistischen niveau :)……

    nossa!

  7. Hallo Jannik,

    ich habe Dein Buch zu Weihnachten bekommen und habe es ratzfatz mit großer Freude durchgelesen. Wie ähnlich doch ab und zu die Menschen sind, wenn es eine Leidenschaft gibt, die sie verbindet.

    So konnte ich diese verrückte Saison noch einmal im Schnelldurchlauf erleben!! Ich hoffe allerdings, dass ich so eine Saison nicht noch mal erleben muss ;)). Vielleicht wird diese Saison etwas ganz Besonderes??

    Grüße

    Kulik79

  8. Einfach genial und fesselnd geschrieben. Du sprichst mir oft aus der Seele. Respekt und Dank!

    kleine technische Anmerkung: Auf dem iphone und vll. damit auch auf anderen smartphones ist das Layout nicht richtig und das Lesen sehr umständlich. Vll. geht das ja leicht anzupassen.

    Ball hoi!

  9. Hallo Jannik,

    obwohl ich deinen Block schon fast auswendig kannte, habe ich an Weihnachten noch mal dein Buch verschlungen. Ganz großes Kopfkino. Ich hatte abwechselnd Gänsehaut und Tränen von den Erinnerungen, die deine Geschichten bei mir weckten. Habe dann parallel auf youtube immer noch mal die spannensten Szenen der Spiele geschaut. Auch dein neuer Blog ist wieder spitzenklasse. Solltest du jemals in Saarbrücken eines unserer Spiele, aus welchem Grund auch immer, nicht sehen können, bist du immer herzlich bei uns zum sky schauen eingeladen, sofern wir nicht selbst im Stadion sind. Wer weiß, vielleicht klappts ja mal.

    Mit den aller aller dankbarsten Grüßen für deine Mühe aus Heidelberg
    Schatzi von den Neckarfohlen.

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