Fohlengeflüster (8): Durch die Mitte

Nach einem vergleichsweise nichtssagenden 0:0 gibt es keinen Grund extrem in irgendeine Richtung zu tendieren und in Miesmacherei oder Schönrederei zu verfallen. Der Weg durch die Mitte, er könnte auch auf anderen Schauplätzen dieser Tage der richtige sein.

Wenn in Italien ein Fußballfan (egal ob nun tragisch, willkürlich oder begründet) von einem Polizisten erschossen wird, wütende Fans wiederum in Bürgerkriegsszenarien römische Polizeistationen stürmen, dann mutet ein Montagabendspiel der Zweiten Bundesliga schon beinahe eklatant bedeutungslos an. Aber geben die Ereignisse in Italien wirklich Anlass dazu, zum wiederholten Male den Sinn und die Bedeutung eines einfachen Ballsports zu diskutieren? Aus der Sache kommen wir doch sowieso nicht mehr raus. Nur ist das genau der Grund, warum wir trotzdem darüber debattieren.
Nachrichten dieser Art, über Ausschreitungen im Land des Weltmeisters, haben heutzutage in den Nachrichten den Stellenwert eines Rücktritts von Franz Müntefering. Was wirklich wichtiger ist, sei jedem selbst überlassen.

Auf jeden Fall dient der Fußball als Spiegel unserer Gesellschaft. Randalierende Rechtsextreme in ostdeutschen Oberligastadien – das ist alles andere als Zufall, so traurig es ist. Da Rassismus und Randale in Deutschland genauso ein Problem sind wie in der Serie A, verbietet sich der Fingerzeig von oben herab auf den scheinbar untätigen italienischen Verband ohnehin. Der DFB ist alles andere als untätig. Im Griff hat er das Problem trotzdem nicht.

Eine heimische Fußball-WM wird zum Rettungsanker des verloren geglaubten Patriotismus. Die Vergabe der Fernsehrechte wird ähnlich kontrovers diskutiert wie die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Ein Teil der deutschen Bevölkerung bekommt dabei Wahnzustände am Rande des Zumutbaren, weil ihr dafür jegliches Verständnis abhanden gekommen ist. Der Rest steht in vorderster Front und sorgt persönlich dafür, dass eben dieser Status des Sports und insbesondere des Fußballs bloß keinen Zentimeter an Boden verliert – weil er für viele eben genauso wichtig ist wie Politik und Aktienkurse. Man ist geneigt zu behaupten, er sei „lebenswichtig“.

Und so wäre es auch für mich unvorstellbar gewesen, aufgrund der erschreckenden Ereignisse des Sonntags und schon gar nicht wegen einer bevorstehenden vierstündigen Matheklausur das eigentlich – wie oben schon erwähnt – bedeutungslos anmutende Spiel der Borussia in München vorm Fernseher sausen zu lassen. Aber irgendwie ist etwas anders an diesem Abend. Das Bauchgefühl verheißt wenig Positives. Die 12-Grad-bewölkt-grauen Sitze in der Allianz-Arena sind nicht nur immer noch da, sondern auch zu fast 50 Prozent während des ganzen Spiels unbesetzt. Und selbst die angereiste Gladbacher Fangemeinde ist in ihrer Größe fast ungewohnt klein. Es sei ihnen, uns und mir verziehen – wer kann es sich denn ernsthaft erlauben, zwei Tage frei zu nehmen, um für 90 Minuten mehr als 600 Kilometer in den Süden zu fahren? Aber ich glaube, dass ich mich in dieser Hinsicht langsam wiederhole.

Das Grummeln im Magen spiegelt in der ersten Hälfte relativ realistisch wider, was sich auf dem Platz abspielt. 60 taucht häufiger an der Grundlinie auf und die von dort aus geschlagenen Flanken bereiten der Gladbacher Innenverteidigung und einem unsicher wirkenden Keeper Heimeroth das ein oder andere Mal Probleme. Hinten rechts wird Levels schon früh vom agilen Bierofka in einen albtraumähnlichen Zustand versetzt, dem er bis zu seiner Auswechslung in der Schlussviertelstunde kaum entkommen kann. Vorne spielt Touma erstmals von Beginn an für den kranken Van den Bergh, der eigentlich für den müden Marin auflaufen sollte. Der Schwede mit libanesischen Vorfahren, immerhin zweifacher Nationalspieler, macht über weite Strecken den Eindruck, er leide sowohl an Fieber als auch an Müdigkeit. Wie ein Fremdkörper wirkt der Neuzugang in einer eigentlich gut funktionierenden Gladbacher Elf. Und ausgerechnet Touma ist es, der nach einer guten Einzelleistung den linken Pfosten trifft und in dieser Situation einfach nur Pech hat.

Technisch und spielerisch hat es schon schlechtere Halbzeiten in der Fußballhistorie gegeben. Arm an Szenen, die den Blutdruck merklich erhöhen, ist der erste Durchgang trotzdem. Wolff erzielt kurz vor dem Pausenpfiff das 1:0 für die Löwen, war jedoch den berühmten Tick zu früh gestartet. Die Fahne des Linienrichters ist sofort oben.

Ghvinianidze lässt die Gladbacher Fans aufschrecken, als er Sascha Rösler mit gestrecktem Bein am Oberschenkel regelrecht rasiert. Der Ex-Löwe Rösler kann jedoch weiter machen. In den USA buchstabieren alljährlich Schulkinder bei der „Spelling Bee“ um die Wette, der Name des Georgiers wäre selbst für die amerikanischen Buchstabierkönige eine echte Herausforderung.

Hälfte zwei bietet ein ähnliches Bild wie die ersten 45 Minuten. 1860 München hat unterm Strich mehr und bessere Möglichkeiten. Das 0:0 ist jedoch weiterhin ein gerechtes Ergebnis. 12:9 – um die 75.Minute wird die Torschussstatistik eingeblendet, die genau diesen Eindruck unterstreicht. Geschätzte sechs Schüsse gehen dabei auf das Konto von Berkant Göktan, der Gott sei Dank mit wenig Zielgenauigkeit an die Sache heran geht.
Friend kann kurz vor Schluss aus einem torlosen Remis, das man gerne mitnimmt, einen knappen Sieg machen, mit dem man sich noch lieber auf die Heimreise begeben würde. Doch der Kanadier vergibt die sehr gute Kopfballmöglichkeit und bleibt wie zuletzt gegen Köln, Bayern und Jena weit unter seinen Möglichkeiten.

Am Ende bleibt es beim 0:0. Im Gegensatz zum Euphorie entschärfenden Unentschieden gegen Köln und dem wichtigen Erfolg gegen Jena trotz schwacher Leistung fällt es schwer dieses Ergebnis irgendwie einzuordnen. „Letztes Jahr hätten wir so ein Spiel mit Sicherheit verloren“, geht einem spontan durch den Kopf. Aber insgesamt ließ die Borussia auch ein wenig die Leichtigkeit vergangener Spiele und den berüchtigten Zug zum Tor vermissen. Nach dem Spiel gegen Fürth und zu dem Zeitpunkt 24 Punkten auf dem Konto hieß die Rechnung bis zur Winterpause: Zuhause gegen Jena, Offenbach, Paderborn gewinnen, auswärts insgesamt noch drei Punkte mitnehmen und mit 36 Punkten gebührend Weihnachten feiern. Das ist alles weiterhin möglich.

Und wie gesagt – irgendwie sträube ich mich dagegen, aus solch einer Partie Schlüsse zu ziehen, die entweder zur Weltuntergangsstimmung tendieren oder im Gegenteil alles schön reden. Ich denke in dem Fall gilt: Einfach mal behutsam durch die Mitte spielen…

13. November 2007 von Jannik Sorgatz
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