Komm’ Welt, lass’ dich umarmen

Saison 2011/2012: 18. Spieltag - Gladbach 3:1 Bayern

Ich müsste einen Mastbetrieb für Phrasenschweine gründen, wenn ich es so oft sagen würde, wie ich derzeit das Bedürfnis habe: Entscheidend is auf’m Platz! Der Freitagabend im Borussia-Park hat mehr denn je als Beweis gedient. Was bleibt, ist die Frage, wo das noch hinführen soll.

Am 21. Dezember 2012 geht die Welt unter. Das dürfte mittlerweile bei jedem angekommen sein. In den vergangenen drei Wochen wurde man aber den Eindruck nicht los, dass das Ende von allem für Borussia Mönchengladbach einer Erlösung gleichkommen wird. Immerhin ist es weitaus angenehmer, wenn ein Kalender das Licht ausmacht und nicht der Weggang eines 22-jährigen Fußballspielers.

Bis zum Trainingsauftakt Anfang Januar war der Plan folgender: Eine ordentliche Rückrunde spielen und die Europacup-Qualifikation ohne großes Zittern perfekt machen. 20 bis 24 Punkte hat schließlich selbst in den vergangenen Jahren ab und an jene Borussia gepackt, die sich schon damals die “einzig wahre” nannte, irgendwie aber eine ganz andere war als die von heute.

Es sollte also ein Wunder im Vorbeigehen werden. Nun ist der Plan nicht über den Haufen geworfen, aber er ist zu einer regelrechten Mission geworden. Denn so sehr die Vereinsuntergangs-Szenarien genervt haben: Ich habe es insofern geglaubt, als ich davon ausgehe, dass ein “Jetzt oder nie” tatsächlich angebracht ist. Ok, einigen wir uns auf “Jetzt oder deutlich später”. Es geht um Europa und um nichts anderes.

Hyposensibilisiert
Wer sich die Vorberichte im Ersten und auf Sky gegen die Bayern am Freitagabend ansieht, wähnt sich in den 70er-Jahren. Wegen Marco Reus, Lucien Favre und Co. müssen sich Schweinsteigers Schlüsselbein, der Rasen in Katar und eine Reise nach Indien erst einmal hinten anstellen. Dass ich das noch erleben darf. Als würde die heute-Sendung mit dem Wetter beginnen.

Jahrelang hat es mir innerlich Schmerzen bereitet, den Borussia-Park im Fernsehen zu sehen. Oder besser gesagt: Ich habe ihn jahrelang erst gar nicht im Fernsehen gesehen, weil ich im Fall der Fälle noch verhinderter als verhindert war und über einen Bildschirm froh gewesen wäre. Jetzt hat sich das gelegt. Früher hypersensibel, mittlerweile hyposensibilisiert.

Der Borussia-Park erstrahlt auch ohne mich in einem Glanz wie seit der Relegation nicht mehr. 54.047 sind da, etwa 26.547 haben sich bereits vor Wochen aufgeregt, und das nicht nur vor lauter Vorfreude. Natürlich haben die Ticketpreise auch in Gladbach mit 20 Euro Topzuschlag eine neue Dimension erreicht. Und sicherlich fühlen sich viele auf den Schlips getreten, wenn ich sage: Ich finde das in Ordnung.

1.000.000 Euro Mehreinnahmen
Es gibt 17 Spiele in einer Saison. Wer 13 besuchen will, macht – zumindest im Oberrang der Nordkurve – mit einer Dauerkarte bereits Gewinn. Wer nur sechs bis zehn schafft, hat automatisch auch ein paar völlig unterschätzte und vermeintliche Gurkenspiele dabei. Wer das vermeiden will, ist auf die gesamte Saison gerechnet mit keinem allzu großen Aufschlag dabei. Wer sich weniger vornimmt und sich dann noch die Rosinen Bayern, Schalke, Dortmund und Köln herauspickt, weil ihm Bundesligafußball gegen Augsburg, Freiburg und Hoffenheim zu profan ist, von demjenigen kann man ein gewisses Zubrot verlangen.

Ich bin nun wirklich kein Kapitalist in Sachen Fußball, ganz im Gegenteil. Die holen keine Rauten-Eiswürfel aus dem Gefrierfach oder zählen nachts Sternschnuppen, nur weil es Glück bringt. Aber ich halte Mehreinnahmen von etwa einer Million Euro durch Topzuschläge im Laufe der Saison zielführender als Pressemitteilungen, in denen der Verein sich dafür feiert, man hätte “das Stadion mit 80.000 Zuschauern füllen können”.

Also sehen 54.047 Zuschauer plus sieben Millionen im Ersten und 590.000 auf Sky um 20:30 Uhr endlich, wie die Mannschaften auf dem Rasen eine der wahrsten Fußball-Weisheiten dieser Tage beherzigen: Entscheidend is auf’m Platz. Meiner ist auf dem Sofa in Saarbrücken, aber das Diebels in der Hand und im Kühlschrank wirkt im besten Sinne sedierend. Zudem bringt es ein Stück Heimat. Zum sechsten Mal seit meinem Umzug sitze ich dort, zum vierten Mal mit Altbier, die ersten drei Male gab es einen Sieg. Kein anderes Ritual, das ich sonst noch so im petto habe, hat eine derartige Erfolgsquote. Es hätte schlimmer kommen können.

Und alle Welt hat’s gesehen
Die ersten Minuten sind Abtasten auf hohem Niveau. Gerade die Bayern scheinen sich noch darauf einstellen zu müssen, dass der Rasen nicht ganz mit dem in Katar mithalten kann. Entscheidend is der Platz – so kann man es sich leicht machen. Kommentator Steffen Simon erzählt gerade, in wie viele Länder das Spiel übertragen wird, als eine Szene um den Globus geht.

Wenn Manuel Neuer einen Rückpass verarbeitet, kann man im Normalfall etwas erledigen, wozu man lange Zeit nicht gekommen ist. Es darf nur nicht länger als drei, vier Sekunden dauern. Zum Glück fällt mir in der 11. Minute nichts Besseres ein und ich sehe, was Menschen in angeblich 200 Ländern sehen. Patrick Herrmann macht Druck. Im besten Fall genügt das, um wenigstens auszuschließen, dass Neuer mit seinem weiten Schlag ein Tor einleitet.

Und in gewisser Weise tritt dieser beste Fall tatsächlich ein: Neuer findet 30 Meter vor dem Tor Marco Reus, der sich kurz fragt, woher eigentlich die Redewendung “nicht lange fackeln” kommt. Gute Frage, schwierige Frage. Also schießt er einfach das 1:0. Das kann man nüchtern zur Kenntnis nehmen, man kann aber auch vor Freude ausrasten. Da soll noch einer behaupten, Mannschaften auf diesem Niveau schenkten sich nichts.

Erfolgsgarant ter Stegen
Neuer hat den Schaden, Reus steht kurz nach Rückrundenbeginn wieder im Spotlight. Bei aller Häme darf man nicht vergessen, dass ein leeres Tor nicht gleich ein leeres Tor ist. Manche Geschenke lassen sich sofort auspacken. Andere kommen per Post, niemand ist zu Hause, der Paketbote wirft einen Zettel in den Briefkasten, man darf am nächsten Tag zu einer Poststelle am Arsch der Welt latschen und muss auch noch 20 Minuten anstehen. In diesem Fall hat Reus es sozusagen vollbracht, der Briefkasten persönlich zu sein.

Damit hat die Borussia nach wenigen Minuten zu 94 Prozent einen Punkt sicher. Schließlich hat die Mannschaft unter Lucien Favre in 34 Pflichtspielen erst zweimal zwei Tore kassiert – und zweimal ist selbst der FC Bayern daran gescheitert. Drei Minuten nach dem 1:0 versucht es der Rekordmeister trotzdem. Robben flankt, wie er in diesem Spiel selten flanken wird. Gomez köpft, wie er ansonsten gar nicht köpft. Und ter Stegen zeigt, warum die Wahrscheinlichkeit, an diesem Abend sicher zu punkten, mit ihm im Tor sogar bei mehr als 96 Prozent liegt. In 28 Pflichtspielen hat der 19-Jährige weniger Dinger kassiert, als er Jahre auf dem Buckel hat.

In der 28. Minute öffne ich das zweite Bier. Noch sind ein paar Tropfen in der Flasche, als zum zweiten Mal die Diebels-Musik ertönen würde, wenn die 90er-Jahre plötzlich zurückkämen. Filip Daems hat sich im Vergleich zum Hinspiel umschulen lassen: Aus dem Bodyguard für Arjen Robben ist ein Ein-Mann-Inkasso-Unternehmen geworden. Daems konfisziert pflichtbewusst den Ball. Der nächste in der Kette ist Juan Arango, der sich mit einem bodenständigen und für seine Verhältnisse beinahe langweiligen Kurzpass zufrieden gibt. Dann schickt Mike Hanke einen Arango-Pass auf Patrick Herrmann, der vor dem Tor so kalt bleibt, als sei das Leben eben doch ein Ponyhof. Vier Spieler, vier Stationen, vier widerlegte Vorurteile aus vergangenen Zeiten. Auf dem Bökelberg würde in diesem Moment ein Ball aus Leuchtdioden auf der Anzeigetafel ins Tor springen, zur Musik aus der Diebels-Werbung – komm’ Welt, lass’ dich umarmen.

Michael-Tarnat-Gedächtnisflanken
Drei Tore haben die Bayern bis dahin in den 17 ersten Halbzeiten dieser Saison kassiert. Zur Pause ist aus der 94-prozentigen Punkt- eine 94-prozentige Siegwahrscheinlichkeit geworden. Ich bin gelassen wie, nun ja, mir gehen die Vergleiche aus. Es ist ein Luxusproblem, aber ich merke wieder, wie unbedarft ich mit endlosen Erfolgserlebnissen umgehe, wenn Borussia Mönchengladbach die Ursache ist. Leider gibt es in Deutschland nur einen Verein, der in dieser Hinsicht als Nachhilfelehrer taugt – auch wenn es an diesem Abend nicht so aussieht.

Denn auch nach der Pause schlägt Robben weiter Michael-Tarnat-Gedächtnisflanken. Seine Mannschaft spielt insgesamt dreimal so viele Pässe wie die Borussia, hat fast doppelt so lange den Ball. Den Bayern fällt nichts ein. Sie müssen, wollen, können aber nicht. Mit solchen Problemen sehen sich höchstens Männer jenseits der 60 konfrontiert. David Alaba und Rafinha sollen die Probleme lösen. Doch nicht einmal Rafinhas wasserstoffblonde Haare bringen Daems aus der Fassung.

Lucien Favre kritzelt entscheidende Situationen in Pressekonferenzen gerne auf eine Serviette. Würde er die 71. Minute aufmalen, sähe seine Zeichnung aus wie ein Dreieck, an dem eine Harry-Potter-Narbe klebt. Mittlerweile lassen sich Tore völlig ohne Verben beschreiben und jeder weiß trotzdem, wie es aussieht: Daems, Arango, Nordtveit, Arango, Reus, Herrmann und zu guter Letzt die Schönheit der Einfachheit. Nur insgesamt neun Stationen hat die Borussia für ihre drei Treffer benötigt. Das dritte Alt wirkt spät, aber es wirkt.

“Gegen Gladbach kann man mal verlier’n”
Ich erinnere mich an den Ostersonntag 1996. 3:1 gewann Gladbach am Bökelberg gegen die Bayern, nach einem 2:1 in Hinspiel. Das hatte es in 31 Jahren Bundesliga-Geschichte der beiden bis dato nicht gegeben. “Gegen Gladbach kann man mal verlier’n” hat damals noch niemand gesungen, weil das Tal des Galgenhumors noch gar nicht in Sicht war. Geboren – oder zumindest etabliert – wurde das Lied, als Siege in der vergangenen Saison Mangelware waren. Dann steckten Anfang dieser Saison auf einmal einige Fünkchen Wahrheit dahinter. Und jetzt brennt alles lichtlerloh. Selbst gegen die Bayern ist “Gegen Gladbach kann man mal verlier’n” mehr Trost für den Gegner als Selbstironie.

Eine Konstante der Hinrunde ist bislang gar nicht erwähnt worden. Wohl dem, der einen gesperrten Dante nur menschlich, aber keinesfalls sportlich vermisst. Zum Glück hat Gladbach in der Innenverteidigung gleich drei Konstanten für zwei Positionen. Martin Stranzl und Roel Brouwers leisten sich nicht nur keinen Fehler, sondern auch keinen einzigen Fehlpass. Dass Bastian Schweinsteiger eine Viertelstunde vor Schluss den Anschluss-Anschlusstreffer erzielt, ist zu verkraften. Im Mai war der Klassenerhalt des VfL wie eine Mondfahrt. Jetzt ist es, als habe man auf der Mondoberfläche ein Gladbacher Cape Caneveral errichtet, um Pauschalreisen zum Mars anzubieten – völlig losgelöst von der Erde.

Zum Fußballabend auf der Couch gehört neben dem Altbier mittlerweile ein Anruf aus dem Borussia-Park. Nils ist dran, sagt wieder einmal kein Wort. Im Hintergrund läuft Musik – “Die Seele brennt” ist viel länger als ich dachte. Der Höhenflug sorgt lediglich für ein Dilemma: Einerseits kann das nächste Spiel nicht schnell genug kommen. Andererseits wäre es dann schneller vorbei. Nur weiß momentan niemand mehr, ob es wirklich so wäre – und was dieses “es” überhaupt ist.

25. Januar 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. sehr schön mein aktuelles pinnwand facebook posting mit aufgenommen…weiter so jungspund :)…….

    auf auf in (alte) neue zeiten !!!!!!!!!

  2. Das sollte nun auch ein Ritual werden (wir haben ja sonst keine, ha ha): Immer einen Kommentar zu posten, damit Gladbach weiter gewinnt. Schwarz-weiß-grün gestreifte Fingernägel haben diesmal allerdings auch wieder geholfen!!! So passiert der Abend nochmals Revue vor dem geistigen Auge, aus der Sofa-Perspektive. Ich war tatsächlich im Stadion :o) – und es hat sich soooo gelohnt. Erstaunlich, wenn ein :1 zu einer Randnotiz verkommt. Und dazu wie immer ein super Text von dir! Genießen wir die Zeit in unserem Cape Canaveral. Oh wie ist das schön!

  3. Wirklich furchtbar. Da ist man seit Jahren Pessimist (gerade was die Borussia angeht) und dann muss man sich so ein Spiel angucken.
    Bis zu, Kopfball von Gomez fand ich das Spiel spannend und ausgeglichen und nur noch kurz bei der Rettungstat von Stranzl bin ich aufgeschreckt.
    Der Rest war viel zu abgezockt, als das ich mich über irgendetwas beschweren könnte.

    Der Pessimist in mir sagt: “Die 40 Punkte sind schon ganz schön nah.”
    Der Realist sagt: “Einstelliger Tabellenplatz ist gut schaffbar.”
    Der Optimist sagt: “Vielleicht schaffen es die Jungs ja echt nach Europa.”
    Der Verrückte in mir sagt: “Meister, Meister und Pokalsieger noch oben drauf.”

  4. Also ich rege mich noch immer darüber auf, dass wir in der Hinrunde nicht die offenkundig vorgegebene 40-Punkte Marke erreicht haben, mal schauen, ob wir jetzt wenigstens in der Rückrunde in der Lage sind endlich mal innerhalb dieser die 40 Punkte Vorgabe zu erreichen. Das macht in der Endabrechnung dann min. 73 Punkte ;-)

    Wozu ein fähiger Trainer in der Lage ist, man glaubt es kaum und es ist zu schön um wahr zu sein und wahrlich: Entscheidend is auf’m Platz!

  5. Noch 1 Punkt und der Klassenerhalt ist geschafft!

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