International geschäftstüchtig

Saison 2011/2012: 19. Spieltag - Stuttgart 0:3 Gladbach

Vielleicht reichen schon fünf Siege aus 15 Spielen für Europa, mit Sicherheit aber sechs. So oder so ist es nur noch ein Punkt zum Klassenerhalt. Aber wie Borussenfans so sind: Kein “Nie mehr Zweite Liga”, bevor die 40 nicht geschafft ist. Das hält am Boden – was nach dem 3:0 in Stuttgart auch nicht verkehrt sein kann.

Kinder des Westens sind verwöhnt. Sie können nicht nur in den meisten Fällen mit dem Bus in eine Stadt fahren, die so groß ist, dass andere Kinder sie in 100 Kilometern Entfernung vergeblich suchen. Sie sind auch in Sachen Fußball verwöhnt. Geographische Gesetze zählen in Nordhein-Westfalen beiweitem nicht so viel wie Vererbung und Romantik. Wo in anderen Gegenden die Vereine klar getrennte Farbkleckse auf der Karte sind, läuft im Westen vieles in- und manchmal auch durcheinander.

Stuttgart also, zum ersten Mal. Von Saarbrücken aus scheinbar ein Auswärtsspiel wie sonst Schalke oder Dortmund aus Richtung Mönchengladbach. Aber Süden ist nicht gleich Süden, während im Westen wirklich alles Westen ist – selbst wenn die Gegend Ostwestfalen heißt. Und überhaupt: Los geht es für mich am Sonntagvormittag am Niederrhein. Großzügig ausgelegt, ist die Auswärtsfahrt nach Stuttgart ein Umweg auf der Heimreise nach Saarbrücken.

Unter Denkmalschutz
Jahrelang hatte die Borussia im Schwabenland nichts zu verlieren, weil sie in der Regel sowieso nie gewann, seit 1994 nicht mehr. Aber man merke: Oben ist, wo einen die längste Serie nicht abschreckt, sondern noch anspornt. Und Stuttgart ist eine Stadt, wo man in diesen Tagen nicht hinfährt, um nach einer 1:0-Führung am Ende einen Punkt über die Zeit zu retten.

Mein Mitfahrer wird das ein wenig anders sehen. Für Sebastian sind diese 400 Kilometer eine echte Heimreise. Seit einigen Wochen ist der gebürtige Schwabe in Besitz eines Gegenstandes, der beinahe unter Denkmalschutz gestellt wurde, weil er so lange in meiner Wohnung stand. Doch noch ist die Rote Laterne mehr Ermahnung als Trauerutensil für ihn als Stuttgart-Fan. Unten ist in unserem Freundeskreis aus Dortmundern, Schalkern, Bremern, Leverkusenern und Gladbachern, wo vergangene Saison fast schon oben gewesen wäre.

Vor zwei Wochen hat Sebastian mich so lange gereizt, dass ich eine Wette eingegangen bin, die einen von uns beiden im Mai vergleichweise teuer zu stehen kommen wird. Seit Einführung des Euro hätte ich es nie gewagt, im Sommer bereits auf den Klassenerhalt zu setzen. Jetzt wette ich scheinbar tollkühn 20 Euro auf Europa, Mitte Januar, und treibe den Preis nur nicht auf 50 Euro hoch, weil ich einen meiner beste Freunde nicht so ausnehmen will. Gütiger Fußballgott.

Mönchengladbach 21
Vor dem Stadion zeigt Sebastian mir Stuttgart im Schnellstdurchlauf. Und wie das so ist als Auswärtsreisender, der zum ersten Mal in einer Stadt ist, bleibt wenig bei mir hängen: Aha, hier hat der VfB 2007 die Meisterschaft gefeiert. Ok, dort haben Ballack, Frings und Co. nach dem Spiel um Platz drei bei der WM 2006 aus ihren Hotelzimmern den Massen zugewinkt. Und dann der Bahnhof, die Bauzäune vor dem abgerissenen Westflügel – hier feiert also niemand mehr. Wäre die derzeitige Borussia der Stuttgarter Bahnhof, würde der nun auf zehn Meter hohen Stelzen neugebaut.

Früher bin ich ohne jede Erwartung zu Auswärtsspielen gefahren. Dann habe ich gemerkt, dass es wenigstens ein Tor sein darf. Dann sollte es vorzugsweise fallen, bevor der Gegner eins schießt. Und jetzt habe ich mehrere Stufen übersprungen und fahre für nichts anderes als einen Sieg nach Stuttgart. Aber keine Angst: Der Tag, an dem ich bei einer Niederlage vor Wut einen Wellenbrecher essen werde, ist noch weit entfernt. Never forget where you’re coming from!

Ich war so nett, keine Karten im Gästeblock zu kaufen, sondern mich mit Sebastian lediglich in die Nähe zu setzen. Aber zum Glück ist man als Gladbacher selbst bei einem Viertligaspiel in Norwegen nicht alleine, das man aus einer Baumkrone beobachtet. Um die 5000 Borussen werden es wieder einmal gewesen sein. Es gab in den vergangenen Jahren schon trostlosere Tage, um sich für eine Fahrt ins Schwabenland zu entscheiden.

Wendt das mal gut geht
Keine Ahnung, ob Lucien Favre etwas an der Startelf geändert hätte, wenn Roel Brouwers und Filip Daems nicht verletzt ausgefallen werden. So aber ist jeder “change”, den er an seinem “winning team” vornimmt, eher aus der Not geboren. Während Martin Stranzl sich seinen Stammplatz mit Brouwers in der bisherigen Saison sowieso teilt, war Daems unangefochten. Doch den Belgier hat es erwischt. Zu viel mit den erkälteten Kindern gespielt? Wie auch immer, Oscar Wendt muss ran. Das ging bislang, zumindest vom Endergebnis her, stets in die Hose.

Die Anfangsphase bietet aber keinen Grund zur Sorge. Der Optimist in mir sagt, dass es auch ein Fortschritt ist, wenn man als Mannschaft darüber entscheidet, ob sich ein attraktives Spiel entwickelt oder nicht. Gladbach lässt die Kirche erst einmal im Dorf und den VfB selten in den Strafraum. Mit schwarzem Humor kann man sagen, dass es den Gastgebern selbst in der Schweigeminute vor dem Anpfiff nicht gelang, der unangefochtene Hausherr zu bleiben. Neben Vereinslegenden Willi Entenmann und Rolf Eisele wurde nämlich auch Klaus-Dieter Sieloff gedacht, der mit Gladbach noch erfolgreicher war als mit dem VfB.

Vor dem Spiel habe ich drei Leute getroffen, die sich alles andere als in Trauerstimmung zeigten. Hinzu kam einer, Sebastian, den ich selbst mitgebracht hatte. Machte vier Stuttgart-Fans gegen einen Gladbacher, der sich ihre “grundlos protzigen Prognosen mit gelassener Gewissheit” anhörte. Der O-Ton stammt von Bloggerkollege Heinzkamke, der genau die schizophrene Einstellung gegenüber der neuen Borussia offenbarte, die er vorab nicht so richtig wahr haben wollte: Viele Gegner des VfL sind verwirrt, weil sie 15 Jahre lang stets der Favorit waren und sich plötzlich umorientieren müssen. Doch es ist verständlich, wenn ich schon selbst nicht einmal damit zurechtkomme.

Der alte, junge Hanke
Es dauert einige Zeit, bis Sebastian neben mir zum ersten Mal mit dem Kopf schüttelt. Reus hat ihm eindeutig zu viel Platz – womit er Recht hat und gleichzeitig weitaus größere Sorgen als ich. Nach einer halben Stunde steht Reus zum Freistoß bereit, ungefähr dort, von wo die Bayern vor einer Woche immer wieder harmlose Flanken schlugen. Nun war die Borussia bislang auch keine Macht bei Standards. Elfmeter, klar, aber der Rest? Eher zum Vergessen.

Das denkt sich auch Mike Hanke und vergisst, dass es eigentlich zum Vergessen ist. Sein Kopfball sitzt und hat dann doch etwas vom alten (damals noch jungen) Hanke. Und wieder ist es wie mit meinem Mitbewohner auf der WG-Couch: Ich bin nicht allein, muss aber trotzdem alleine jubeln. Wenigstens ist die Akustik um mich herum diesmal völlig authentisch.

Ich mache meinen 93-Prozent-Haken in Sachen Punktgewinn. Auch das wollte mir vor dem Spiel niemand glauben. Es hagelte 2:1-, 3:1- und 4:1-Tipps. Glaube jeder Statistik, die zu schön ist, um gefälscht zu sein – das hätten die anderen mal besser beherzigt. So ist der VfB vor der Pause zwar noch zweimal nah dran am Ausgleich, aber Marc-André ter Stegen zeigt mit vollem Einsatz, dass Fliegen nicht immer brotlose Torwart-Kunst ist. Erst will ich “die zweitbeste Parade seines Lebens” gesehen haben. Im Nachhinein korrigiere ich mich runter auf die siebtbeste.

Schaumgummi gegen Brechstange
Kurz vor dem Anpfiff zur 2. Halbzeit läuft “Ai se eu te pego” in der Mercedes-Benz-Arena. Während es für die Gastgeber nur irgendein Lied aus der Mainstream-Endlosschleife ist, tanzt der Gästeblock zu brasilianischen Klängen – zumindest versucht er es. In den Deutschen Singlecharts ist Michel Télo mittlerweile auf Platz zwei angekommen. Bei der Borussia reicht es nach “Die Seele brennt” und “Gegen Gladbach kann man mal verlier’n” leider nur zu Bronze.

Der VfB kommt zumindest so viel besser aus der Kabine, dass ich nach dem Spiel nicht protestiere, als Sebastian genau das diagnostiziert: Wenn seine Mannschaft irgendwann an diesem Abend nah dran ist an einem Tor, dann zwischen Minute 46 und 60. Während es Stuttgart aber mit der Brechstange versucht, nimmt Gladbach – um im Bild zu bleiben – einen dieser langen Schaumgummischläuche aus dem Schwimmbad zur Hilfe: geschmeidig, flexibel, schön anzusehen.

Es entwickelt sich kein Spiel, von dem nachher massenweise Videos bei YouTube hochgeladen werden, die so schön sind, dass die DFL auf ihre Urheberrechte verzichtet. Der Konter aus der 65. Minute hätte den Sprung ins Netz dennoch verdient. Arango spielt einen Doppelpass mit Reus, bei dem mehr als 20 Meter überbrückt werden. Den Ball gibt er direkt weiter zu Herrmann, dessen Fehlschuss gnädig zu entschuldigen ist. Zwei Tore aus zwei Chancen gegen die Bayern genügen auch in diesen Tagen zur Übergangs-Unsterblichkeit. Ob Arango elfmeterreif am Nachschuss gehindert wird, ist im Nachhinein beinahe zu vernachlässigen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die Mannschaft mit solchen vergebenen Chancen nach katalanischen Kombinationen selbst auf dem Boden halten will.

Jeden Tag ein bisschen besser
Entsprechend einfach geht es in der 81. Minute. Es genügen zwei Pässe nach dem Ballgewinn, schon ist Reus so auf und davon, wie er es abseits des Rasens Gott sei Dank erst Ende Juni sein wird. Sein zwölftes Tor macht alles klar. Noch zwei Treffer und Reus wird mit der besten Saisonbilanz eines Gladbachers seit Martin Dahlin in die Vereinsgeschichte eingehen.

Und wenn ich so an das 3:0 denke, das kurz darauf fällt, sollte die DFL sich das mit ihren Urheberrechten vielleicht doch überlegen. Mehr Werbung für den Fußball in der Bundesliga geht kaum. Wieder geht es schneller als es dauern würde, jede Einzelheit haarklein zu beschreiben: Einwurf Wendt, Brustablage de Camargo, Reus auf Herrmann, Herrmann auf de Camargo, Tor! Nicht nur Tore nach Standards haben Seltenheitswert. Jokertore waren in dieser Saison bis dahin gar nicht vorgekommen.

Mir fällt gar nicht ein, was jetzt noch auf den Wunschzettel gehört. Die Marketing-Abteilung von Rewe sollte sich überlegen, ob der Supermarkt mit seinem Werbespruch auf dem Trikot des 1. FC Köln so gut aufgehoben ist. Jeden Tag ein bisschen besser – das schafft derzeit vor allem der VfL.

Ein Bundesligarekord
Womöglich sehen rund 5000 mitgereiste Borussen in diesen Momenten, wie ihre Mannschaft die dritte Stufe im Plan von Lucien Favre erreicht. Sie muss nicht überragen, sondern in allen Belangen einfach nur gut sein. Das genügt, um nach 17 Jahren erstmals wieder in Stuttgart zu gewinnen. Mittlerweile macht es Mut, dass bis zum Saisonende noch acht Auswärtsgegner warten, bei denen die Borussia seit insgesamt 66 Jahren nicht mehr gewonnen hat. Und Nürnberg, Leverkusen und Hannover, wo Gladbach vergangene Saison gewann, drücken die Zahl noch um einiges.

Einen echten Rekord hat die Elf vom Niederrhein in Stuttgart jedoch auch aufgestellt. Noch nie hat ein Tabellenvierter nach dem 19. Spieltag so viele Punkte auf dem Konto gehabt. Doch dadurch hat keineswegs ein anderer Verein seine Bestmarke verloren, der einem ein schlechtes Gewissen machen würde. Den Rekord von 38 Zählern teilte sich die Borussia (1988) bislang mit dem 1. FC Köln (1966).

Nach dem Spiel tut mir Sebastian wirklich von Herzen leid. Immerhin bin ich noch so bodenständig, dass ich nicht vergessen habe, wie bitter Heimfahrten nach solchen Spielen sind. Am Stuttgarter Hauptbahnhof trennen wir uns. Er macht sich auf nach Düsseldorf, in die Noch-Zweitligastadt, was zu seinem Gemütszustand in diesem Moment ganz gut passt. Ich steige in den Zug nach Saarbrücken. Bis zur ersten Bäckerei hinter der französischen Grenze sind es von dort nur drei Kilometer. Und mal ganz ehrlich: Die Borussia ist ähnlich nah dran am internationalen Geschäft.

30. Januar 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Was soll ich sagen? Wieder eine super Zusammenfassung des Spiels. Ganz nebenbei: In meiner Tipprunde hab es “gegen” Gladbach höchstens ein Unentschieden. Sonst nur Siegtipps…Was die vergebenen Chancen für unsere Borussia angeht: Ich glaube, das geht schon die ganze Saison so, oder täusche ich mich da sehr? Trotzdem… diese tolle Saison ist einfach zum Genießen und möge das auch so bleiben. Rote Laterne? Die sollen mal andere bewachen.Beste Grüße, die Fohlenfreundin

  2. Ganz ehrlich: Ich glaube, Du interpretierst zu viel in unsere Tipps hinein. Die wären auch gegen die Bayern oder Dortmund ähnlich ausgefallen, obwohl der VfB speziell gegen Erstere seit geraumer Zeit nicht mehr als Favorit ins Spiel gegangen ist.

    Bei einem Heimspiel wird auf einen Sieg getippt, gerne deutlich. Bei einem Auswärtsspiel auch. Zumindest nach außen hin.

    Davon ab: Wenn es kurz gelingt, die handelnden Vereine zu vergessen, ist die Lektüre wie immer ein großes Vergnügen. Halt immer einen Absatz lang, dann muss ich wieder verschnaufen. ;)

  3. Hallo Jannik,
    seit wir mal 5 Jahre in Stuttgart gelebt haben, haben wir auf diesen Tag gewartet. Jetzt nach 6 weiteren Jahren in Heidelberg war es endlich soweit. Was für ein überragendes Erlebnis. Sonst kam uns spätestens am HBF immer ein völlig neutral gekleideter Schwabe entgegen, der obwohl eigentlich kein richtiger Fußball Fan, wohlwissend dem Ergebnis, uns grün weiß schwarze fragte: “Wie hat eigentlich der VFB gespielt?”. Diesmal gab es so ein Erlebnis komischerweise nicht! :-) Schade, dass wir uns nicht getroffen haben oder wir es einfach nicht von einander wissen. So viele Fremde wie an diesem Tag habe ich selten umarmt.
    Vielen Dank für deinen Bericht und liebe Grüße aus HD nach SB.
    Schatzi von den Neckarfohlen.

  4. “Und wie das so ist als Auswärtsreisender, der zum ersten Mal in einer Stadt ist, bleibt wenig bei mir hängen.”

    Hahaha. Klingt lustig. Hast Du auch Deine erste Ampel und Deinen ersten Supermarkt gesehen!? ;)

    Aber mal im Ernst: toller Bericht. Wie immer! Danke!!!

    Samstag und Mittwoch stehen endlich mal wieder (entfernungstechnisch) günstige Spiele für mich an, die ich selbstverständlich volley nehmen werde. :)

    Schwarzgrünweiß aus Magdeburg,
    Martin

    PS: Samstag machen wir den Klassenerhalt perfekt! :)

  5. “Aber zum Glück ist man als Gladbacher selbst bei einem Viertligaspiel in Norwegen nicht alleine, das man aus einer Baumkrone beobachtet”

    Wunderschön!

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