Nie mehr, nie mehr

Saison 2011/2012: 20. Spieltag - Wolfsburg 0:0 Gladbach

In zwei Jahren wird man sich an diese Nullnummer wahrscheinlich genauso wenig erinnern wie an die bislang letzte – Februar 2010, Berlin. Dafür schafft die Borussia in Wolfsburg gleich zwei Meilensteine. Für einen kann sie sich sogar einiges kaufen – mindestens ein weiteres Jahr in der Bundesliga.

Der Aberglaube ist mitunter wie eine spendable Großtante. Man bekommt viel, könnte noch mehr haben, noch mehr fordern – wenn da nicht dieses schlechte Gewissen wäre. In jener misslichen Lage befinde ich mich am Samstagmittag, als ich in meinen Kühlschrank schaue. Es ist kein Altbier mehr da.

Ich schwanke, und das nicht, weil mir der Freitagabend so zugesetzt hätte. Ich schwanke, weil ich nicht weiß, ob es nach einer durchzechten Nacht nicht irgendwie krank wäre, aus reinem Aberglauben noch schnell zum Supermarkt zu rennen und Bier zu kaufen. Nein, heute nicht. Das ist eben eine der obersten Regeln: Egal wie viel Glück ein Ritual auch bislang gebracht hat, man muss es ab und zu ruhen lassen, um sich seiner Wirksamkeit aufs Neue zu versichern.

Fantastisch
Sky zelebriert unterdessen in den Vorberichten ausgiebig die “Fantastischen Vier” der Bundesliga. Bayern, Dortmund, Schalke, Gladbach – welches Lied passt am besten zu jeder der vier Mannschaften, die dem Rest der Liga enteilen?

Schalke denkt sich: “Es könnt’ alles so einfach sein, ist es aber nicht.”

Lucien Favre weiß: “Wir ernten, was wir säen.”

Der BVB fühlt sich “Zu geil für diese Welt”.

Und die Bayern merkten beim Blick auf die Tabellenspitze schon am Freitag: “Sie ist weg.”

Das Interessante an den “Fantastischen Vier” ist ja, dass Schalke und Gladbach sich ihnen kaum zugehörig fühlen und der BVB mal wieder überhaupt nicht Meister werden will. Die Bayern würden sich bereiterklären, entscheiden aber anders als früher nicht mehr einzig und allein selbst darüber, wer Meister wird. Es wäre so eine Saison für Leverkusen gewesen – doch die haben ganz andere Sorgen.

Coole Säue
So gut es um das Gladbacher Spielsystem auch bestellt sein mag, so labil scheint das Immunsystem einiger Abwehrspieler zu sein. Nach Filip Daems in der vergangenen Woche liegt diesmal Martin Stranzl flach. Schüttelfrost – bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt gibt es sicherlich angenehmere Krankheiten. Wohl dem, der einen Roel Brouwers hat.

Der Stranzl-Ersatz ist einer von gleich sechs Feldspielern, die in Wolfsburg mit kurzen Ärmeln auflaufen. Und ich dachte am Freitagabend, Neven Subotic sei eine coole Socke – fährt nach der Meisterschaft durch die Dortmunder Innenstadt, tanzt auf dem Dach seines Autos und trägt dann bei sibirischen Temperaturen in Nürnberg auch noch kurze Ärmel. Das ist aber nichts gegen Brouwers, Marco Reus, Roman Neustädter, Havard Nordtveit, Filip Daems und sogar Juan Arango. Die spornen sich von vornherein selbst an, besonders viel Laufeinsatz an den Tag zu legen.

Zumindest daran liegt es nicht, dass das Spiel über weite Strecken der ersten Halbzeit einem Kühlschrank mit geschlossener Tür ähnelt. Es gibt wenig Licht, viel Schatten. Leise rieselt der Schnee. Mir wird wieder klar, warum ein Unentschieden gegen Wolfsburg für mich das Synonym für gepflegte Langeweile und Ereignislosigkeit ist. Lediglich Patrick Herrmann versucht es einmal aus spitzem Winkel mit der Pike. Zum Glück hat man sich einst auf 90 Minuten Spielzeit geeinigt.

Kein Grund zur Sorge
Nach einer knappen halben Stunde kommt Wolfsburgs Sebastian Polter mal gegen Dante zum Abschluss. Der Brasilianer fälscht leicht ab, Marc-André ter Stegen ist schon in die andere Ecke unterwegs, bekommt den Ball letztendlich aber doch noch zu fassen. Wenn überhaupt, dann ist es meist angedeutete Dramatik. Bei jeder der bisher vier 0:1-Niederlagen hat die Borussia ein halbwegs krummes Ding kassiert. Und weil sie auswärts erst einmal ohne weiße Weste gewonnen hat, bleibt zumindest im Hinterkopf die Angst, dass es nach vier Pflichtspielsiegen in Folge mal wieder Zeit für eine Niederlage ist. Einzig und allein aus dem Grund, dass die Borussia bis zum Ende der Saison ja nicht jedes Spiel gewinnen kann. So weit ist es gekommen – mir gehen die Argumente für Pessimismus aus.

In der 31. und in der 36. Minute sieht es schließlich ganz danach aus, als sei es wirklich Quatsch, über Niederlagen nachzudenken. Zuerst setzt sich Dante im Kopfballduell gegen Keeper Benaglio durch – Brouwers nickt ein ins leere Tor. Immerhin geht die Fahne des Linienrichters zu Recht hoch. Anders als fünf Minuten später: Nordtveit bringt den Ball herein wie eine Pizza Diavolo, scharf und flach. Mike Hanke nimmt die Bestellung sicher entgegen und trifft zum 1:0. Denkste – der Assistent storniert die Freude mit seiner Fahne.

Vor zwei Wochen habe ich eine Diskussionsrunde mit Schiedsrichter Dr. Jochen Drees besucht, der Sportjournalisten – salopp gesagt – noch einmal die Abseitsregel erklärt hat. Sein Tenor damals: Der Trend gehe eher weg von der Einstellung “Im Zweifel für den Stürmer”, sprich, es werde tendenziell häufiger die Fahne gehoben. Ein Trend, der in diesem Fall sicherlich nicht der Friend der Borussia ist. Hanke steht, wenn überhaupt, mit seinem Oberarm wenige Millimeter im Abseits. Lucien Favre prägt indes eine neue Art des Protestierens: Er malt mit Hundeblick ein Fragezeichen in die Luft. Das ist nicht nur raffinierter, sondern auch sympathischer, als den Vierten Offiziellen aufzufressen.

Besser als Barcelona
Die erste Viertelstunde nach der Pause mausert sich zur abwechslungsreichsten des Spiels. Felipe Lopes – ich weiß ja inzwischen nicht mehr, ob Spieler XY ein Wolfsburger ist oder ehemaliger DSDS-Kandidat – nutzt den einzigen Stellungsfehler von Brouwers beinahe aus. Sein Kopfball nach einer Ecke geht übers Tor. Wahrscheinlich war die Szene nicht gurkig genug für einen Siegtreffer gegen Gladbach.

Kurz darauf greift ter Stegen nach langer Zeit mal wieder ins Geschehen ein und ermöglicht mit seiner Parade von Josués Schuss einen weiteren Meilenstein. Später am Abend wird der FC Barcelona gegen Real Sociedad ein Tor kassieren – und damit stellt die Borussia nicht nur nach absoluten Zahlen, sondern auch bei der Gegentorquote die beste Abwehr aller europäischen Topligen.

Gastgeber Wolfsburg macht es Gladbach nach wie vor schwer. “Haben Sie gesehen, wie hoch Wolfsburg stand?”, wird Reus dem Reporter nach dem Spiel eine Gegenfrage an den Kopf werfen. 13-mal stellen die Wölfe die Fohlen ins Abseits. Das wäre selbst mit Mo Idrissou im Gladbach-Trikot noch eine reife Leistung. Zu 60 Prozent Ballbesitz wird die Borussia regelrecht genötigt. Dass es kurz vor Beginn der Schlussphase noch 0:0 steht, ist wohl am meisten 53 Prozent gewonnenen Zweikämpfen zu verdanken.

Zum Alkoholmissbrauch angestiftet
In der 69. Minute wären alle Rechenspiele völlig nebensächlich, wenn Marco Reus bei einer Alltagshandlung nicht kläglich scheitern würde – dem Toreschießen. Einmal ist er dann doch auf und davon. Benaglio wartet ewig mit dem Herauslaufen. Ich rechne jeden Moment mit der Fahne, aber sie bleibt unten. Nun kann man frei vor dem gegnerischen Torwart den Torwart treffen, den Pfosten, das Tor knapp verfehlen, den Querpass zum mitgelaufenen Nebenmann verdaddeln. Man kann aber auch meterweit am Kasten vorbeischießen. Reus ist der Mann für die besonderen Momente. In dieser Szene wäre einfach einfach einfacher gewesen.

Fünf Minuten vor dem Ende schreibt meine Mutter eine SMS und fordert mich freundlich auf, endlich ein Bier zu trinken. Dass ich das noch erleben durfte. Wieder stehe ich vorm Kühlschrank, sehe in der hintersten Ecke ein Jever. Kurz zuckt mein Arm in Richtung Flasche. Nein, das ist mir zu heikel. Ich mache die Tür zu und gehe zurück ins Wohnzimmer. Immer weiß ich jetzt, dass das Altbier-Ritual keinen Einfluss auf die Gegentore hat, die Borussia ohne lediglich selbst keine schießt.

Es ist nicht nur bezeichnend, dass bis zum Abpfiff lediglich Pseudo-Gefahr für leicht erhöhten Puls sorgt. Es ist erst Recht bezeichnend, wenn ein Schiedsrichter genau drei Sekunden nachspielen lässt. Was bleibt, ist in etwa dreiminütiger Ärger über das aberkannte Tor und die ausgelassene Chance von Marco Reus. Seit 68 Spielen hatte die Borussia nicht mehr 0:0 gespielt. Auch damals, im Februar 2010, vergab sie auswärts eine Riesenchance auf den Sieg, konnte am Ende aber irgendwie mit dem Punkt leben. Arango verschoss vom Elfmeterpunkt. Und: Es war mindestens so kalt wie in Wolfsburg – damals in Berlin. Am Mittwoch geht die Reise erneut dorthin.

Es ist vollbracht
Es dauert einige Minuten, bis es mir endlich dämmert. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte ich es vergessen? Bin ich jetzt doch abgehoben? Sechs Jahre ist es her. Vor dreieinhalb Jahren habe ich die passende Mission ausgerufen. Und jetzt? Jetzt knackt die Borussia am 20. Spieltag die 40 Punkte und es geht zunächst völlig an mir vorbei. Vor exakt einem Jahr ist der VfL gegen Stuttgart gefühlt zum ersten Mal abgestiegen. Selbst ein Möchtegern-Abstieg wird ihm diese Saison nicht mehr unterkommen.

Plötzlich ist alles egal, was an diesem Nachmittag nicht gepasst hat. Wahrscheinlich hätte ich einen Journalisten, der das 0:0 als “Rückschlag” bezeichnet, auch für “verrückt” erklärt. Favre beließ es bei einer höflichen Nachfrage. Geschlagene 16 Spiele früher als in der vergangenen Saison hat es die Borussia vollbracht. Es wird noch lange dauern, bis aus dem “nie mehr” irgendwann ein “niemals” wird. Vielleicht ist es auch gar nicht erstrebenswert, sondern längst in die DNA dieses Vereins übergegangen. 40 Punkte, dann wird gesungen.

05. Februar 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 14 Kommentare

Kommentare (14)

  1. Wieder mal ein Super toller Bericht
    Ich habe auch einige zeit gebraucht, bis ich gemerkt habe das die 40 Punkte schon erreicht sind.
    Nie mehr zweite Liga, nie mehr, nie mehr!

  2. sehr gut geschrieben :)
    muss zugeben, dass die letzten beiden Berichte, meiner Meinung nach, was schwächer waren als der extrem hochgehaltene Durchschnitt. Oder liegt es daran, dass sich Siege einfach nicht so gut beschreiben lassen, wie das tatsächliche Erleben ? ;)
    Ich bin ein richtiger friend von deinen Andeutungen und finde, dass es davon nie genug geben kann (der mit Idri konnte einiges :D). Auch das Ertappen des vermeintlichen Abhebens hast du genau so beschrieben, wie es mir auch passiert ist..

    Danke für den Spielbericht und mach schön weiter so ;)

  3. Jannik, Du warst meine letzte Hoffnung. Aber nicht mal Du erwähnst ES:

    In keinem einzigen Fernsehbericht oder Zeitungsartikel wurde die gestrige 88. Minute erwähnt!!! Benaglio knallt unseren Herrmann 50 cm innerhalb des Strafraums weg, als Patrick sich den Ball an Benaglio vorbeilegt! Bin ick bekloppt? Hat das niemand gesehen oder fand das nicht statt? Hätte gern mal gesehen, wie ein Wolfsburger Feldspieler versucht, einen 11er von Daems (bei dessen 11 von 11 Quote) zu parieren. Und selbst wenn es kein 11er war!? Es müßte doch wenigstens in irgendeinem Bericht mal erwähnt werden!?

    Dein Bericht natürlich wie immer allererste Sahne!

    Gruß von der zugefrorenen Elbe,
    Martin

  4. @Martin: Ach ja, das hab’ ich wirklich verdrängt. Aber wenn, war es doch vor dem Strafraum, oder? Der Kommentar wollte in der Szene sogar Herrmann irgendeine Schuld anhängen. Denke aber, dass es okay war weiterlaufen zu lassen. Gab meines Erachtens Einwurf.

    @Matze: Ich weiß nicht. Kann gut sein. Es ist schon ein Unterschied, fünf Niederlagen in Folge zu beschreiben oder den derzeitigen Höhenflug. Gerade an letzteren muss ich mich auch erst noch gewöhnen.;)

  5. “ich weiß ja inzwischen nicht mehr, ob Spieler XY ein Wolfsburger ist oder ehemaliger DSDS-Kandidat”: das ist mal ein cooles Zitat zu Wolfsburg :-)

    “Fünf Minuten vor dem Ende schreibt meine Mutter eine SMS und fordert mich freundlich auf, endlich ein Bier zu trinken. Dass ich das noch erleben durfte”: auch nicht unwitzig :-)

    Alles in allem: Vielen Dank für den sehr spaßigen 40-Punkte-Bericht!

    Duskstrider

  6. Ne, vor dem Strafraum war das nicht, sonst wär es wohl Hand gewesen. ;-)
    Denn hätte man geben können. So wie der in den Spieler rein geht.

    Aber ein sehr schöner Bericht. Weiter so.^^

  7. @Duskstrider: Danke!:)

    @ErftBorusse: Ich meine, dass Benaglio gar nicht mit der Hand in Richtung Ball gegangen ist, sondern zu einem merkwürdigen Flugkopfball angesetzt hat – vor dem Strafraum. Mit der Hand und dem Rest seines Körpers hat er dann Herrmann zu Fall gebracht.

  8. Benaglio hat außerhalb des Strafraums mit dem Kopf geklärt, bevor Herrmann am Ball war. Einwurf war die einzig richtige Entscheidung.

  9. Wieder ein sehr gelungener Beitrag – und ich sehe, dein Biervorrat scheint sich ausschließlich auf (Ex)-Borussia-Sponsoren zu belaufen. Stichwort “Jever”. Auch mit Liedgut sehr vertraut, mein Favorit “Sie ist weg”. Man gewöhnt sich doch recht schnell an die Höhenluft und bemerkt dabei gar nicht, dass man vor einem Jahr eigentlich schon abgestiegen war… Somit Fazit dieses Spieltages: Einen Punkt gewonnen, nicht schon wieder in WOB verloren, die 40 Punkte erreicht. Das Leben ist schön! Und nun weiter nach Berlin und feste Daumen drücken, noch eine Runde weiterkommen…

  10. Hat mir auch wieder super gefallen der Bericht. Bei der 100%igen von Reus wußte man gar nicht welche Haare man sich alle raufen sollte. Aber der Abstand auf Platz 5 ist trotz Auswärtsspiel gleich geblieben und nach oben ist weiterhin alles möglich.
    Großes Kompliment übrigens für das Buch zur Thriller Saison 2010/2011, hat mir meinen Gran Canaria Urlaub nach dem Heimspielsieg gegen Bayern noch schöner gemacht!
    Weiter so und hoffentlich gibts im letzten Heimspiel (live im Borussia Park) richtig was zu feiern :-)

  11. Hallo Herr Jannik,
    Viele Dank auch für diesen Bericht. Mit Sicherheit sind deine Berichte anders als die aus der letzten Saison, aber genauso sicher sind sie nicht schlechter. Letzte Saison gab es einfach mehr Emotionen, weil die Borussia ja praktische jede Woche abgestiegen ist.

    Wir sollten da lieber dankbar sein, dass es die Jungs trotzdem spannend machen und soweit oben mitspielen. Man stelle sich einen der Plätze im Niemandsland vor. (Was nebenbei bemerkt wahrscheinlich die 3 Plätze von 5-7 sind, der Rest ist ja eher Abstiegskampf).

    Außerdem haben wir ja auch nicht die Erfahrung, die die Münchener Fans haben. Die wissen ja, wie man sich über Platz 2 in der Liga beschweren kann. Da kann man noch einiges lernen zum Thema “Jammern auf hohem Niveau”.

    Also:
    Augen auf und genießen. Die Borussia hat 40(!) Punkte. Morgen geht es gegen einen schweren Gegner um den Einzug ins Halbfinal des DFB Pokals. Am Samstag gegen den Tabellennachbar (Platz 3). Selbst mit 2 Niederlagen hat die Borussia nächsten Montag immer noch die erfolgreichste Saison seit 6 Jahren.
    Wenn das kein Grund zum feiern ist. Lasst uns also den Rest der Saison feiern.

  12. Zurück aus Berlin. Und es fallen mir nur 2 Worte ein:

    Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!!!

    :)

    Schwarzgrünweiße Grüße von der Elbe

    PS: Bin jetzt schon gespannt wie’n Flitzebogen auf Deinen Bericht.

  13. Ich bin auch schon sehr gespannt auf deinen Bericht und deine Sicht der Dinge…

  14. Pingback: Fahnen auf Vollmast | Entscheidend is auf'm Platz

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*