Bierhimmel-Fahrt

Saison 2011/2012: DFB-Pokal Viertelfinale - Berlin 0:2 n.V. Gladbach

Noch eine Nullnummer, an die sich in zwei Jahren wahrscheinlich niemand mehr erinnert hätte – wenn es nicht um den Einzug ins Pokal-Halbfinale gegangen wäre. So aber bleibt ein merkwürdiges Spiel mit einer merkwürdigen Entscheidung haften. Wenigstens das Ergebnis ist nicht merkwürdig, sondern einfach nur schön.

Neukölln liegt um sieben Uhr unter einer feinen Puderzucker-Decke. Guten Morgen, Berlin, du musst nicht immer hässlich sein! Den schwarz-weiß-grünen Schal habe ich unter der Jacke versteckt. In der Kälte zu überleben ist doch erstrebenswerter als beim stolzen Repräsentieren zu erfrieren. Zumal die Stadt, zumal zumindest die Hertha-Fans auf Schwarz-Weiß-Grün am Donnerstagmorgen sicherlich nicht gut zu sprechen sind. “Schnee drüber” werden noch nicht viele sagen können.

Selbst beim Feiern des größtes Pokalerfolges seit acht Jahren (der bestenfalls die Basis für den größten seit 1995 ist) regiert am späten Mittwochabend das schlechte Gewissen. Wir sind in den “Bierhimmel” in Kreuzberg eingekehrt. Das klingt nach Sauf-Flatrate und Mickie-Krause-Endlosschleife. Leider hat es die Wirtin aber verpasst, den Namen auch im Geschäftsmodell widerzuspiegeln. Es geht beinahe schon gediegen zu.

Wir, das sind Tim und Toby aus Kerken, Karen (eine Freundin vom Studium, die derzeit in der Hauptstadt arbeitet) und ich. Die Zusammenstellung zeigt, dass man sich morgens tatsächlich mit französischen Geschäftsleuten, saarländischen Politikern und Handballlegende Christian Schwarzer in den Flieger von Saarbrücken nach Berlin setzen kann und nicht ewig allein bleibt. Denn Kerken kannte ich vorher, Tim und Toby aber nicht.

Geboren um zu leben
Nach einiger Zeit geht die Wirtin zur Tür, schließt ab und zieht die Rollladen ein Stück herunter. Aha. Und jetzt? “Jetzt darf geraucht werden”, sagt die Wirtin, “da kennt das Ordnungsamt nichts, aber nun ist es ja privat.” So privat, dass die zwei Hertha-Fans an der Theke wenigstens ihre Kippe genießen können. So privat, dass die Wirtin sich als “gebürtige Rheydterin” outet und eine Runde Schnaps ausgibt.

Morgen ist es nur noch Schnee von gestern.

Morgen ist es nur noch Schnee von gestern.

Ihren Geburtsort nehme ich ihr nicht ganz ab. Aufgewachsen sei sie zwar am Niederrhein. Wo genau, will sie aber nicht sagen. “Auf der Durchreise am Rheydter Hauptbahnhof entbunden, oder was?”, nutze ich die Privatheit des “Bierhimmels” für eine indiskrete Frage. So richtig gelingt es uns bis zum Ende nicht, die Antwort zu finden. Ich vermute mal, sie bereitet sich einfach gut auf die Gäste vor, die sich dank des Spielplans so ankündigen. Für Dortmund-Fans verlegt sie ihren Geburtsort dann sicherlich nach Lünen, für Schalker nach Herten. Das untermauert die Glaubwürdigkeit.

Vor den beiden Hertha-Fans gebe ich den Geläuterten, der sich regelrecht für den Einzug ins Halbfinale entschuldigt. Und das liegt nicht nur daran, dass einer von beiden so aussieht, als würde er unterschiedliche Meinungen gerne mal auf non-verbale Weise angleichen. Ein bisschen peinlich ist es mir schon, auf diese Art dem großen Traum ein Stück nähergerückt zu sein. Ein Elfmeter nach einer herausgeholten Tätlichkeit bringt nach 101 Minuten die Führung – merkwürdig ist das schon, zumindest nicht alltäglich.

“Hä?”
Als ich um 18 Uhr von der U-Bahn zum Olympiastadion laufe, ist all das noch ganz weit weg. Vor mir läuft ein Gladbach-Fan mit dem Pokalsieger-Trikot von 1995, “Coulibaly” steht hinten drauf. So nah beieinander sind Freud’ und Leid selten. Als würde sich Günter Netzer eine Liste der Transfers unter Manager Peter Pander auf den Rücken tätowieren lassen und Jupp Heynckes für Kölsch werben.

Am ersten Spieltag in München wurde neben dem Zillertaler-Hochzeitsmarsch ein weiterer Gesang kultiviert, der sich seitdem unaufhaltsam durch die Saison trägt: “Wir hol’n die Meisterschaft und den UEFA-Cup! Und der Pokal – ist uns scheißegal!” Im Laternenschein des Trampelpfades holt die Gruppe um Pokalsieger-Coulibaly das Lied mal wieder raus. “Hä?”, sammelt ein Hertha-Fan alle Fragezeichen aus dem Großraum Berlin auf seiner Stirn. “Meinen die das ernst?”

Die erste Hälfte erweckt tatsächlich den Eindruck, als sei es ein ganz normales Auswärtsspiel. Mal gucken, was so geht, wenn nicht, dann eben nicht. Wobei man bei diesen Temperaturen ja gar nicht mehr weiß, was Lustlosigkeit ist und was eher Winterstarre, wann der holprige Rasen der Kombination einen Strich durch die Rechnung gemacht hat und wann eher mangelnde Präzision. Das beste Beispiel ist Juan Arango, der erneut mit kurzen Ärmeln aufgelaufen ist. Wenn einer 29 Jahre lang nichts Kälteres als den Winter auf Mallorca erlebt hat, darf es bei -10 Grad in Berlin auch mal nicht so rund laufen.

Ein neutrales “Scheißspiel”
Dass der Typ neben mir in Block 16.1 Tim heißt, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Genauso wenig, dass sein Freund daneben Toby heißt und ohne seine Mütze aussieht wie Kaspar Bögelund. Aber bevor man sich im Gästeblock namentlich bekannt macht, teilt man ja erstmal das Bier mit den Nachbarn. Alles der Reihe nach.

Links neben mir steht in der ersten Halbzeit Martin aus Magdeburg, den ich bisher im echten Leben genauso wenig kannte wie Tim und Toby. Doch immerhin gibt es Dutzende Kommentare von ihm auf meinem Blog, so dass ich an diesem Abend auch mal ein Gesicht dazu bekomme. So viel zu dem Thema Alleinsein im Gästeblock – es geht einfach nicht. Das Leben ist und bleibt ein Stadion. Außerdem fühle ich mich wieder ein wenig rehabilitiert, nachdem Martin mir erzählt hat, dass er Buch darüber führt, in welchen Farben und auf welche Kurve Gladbach gespielt hat.

Fußballerisch passiert lange Zeit so wenig, dass ich vermutlich als neutraler Fan vor dem Fernseher über ein “Scheißspiel” fluchen würde. Zu den raren Lichtblicken trägt obendrein die Hertha deutlich mehr bei als die Borussia. Roel Brouwers spielt einen Fehlpass, der der besten Abwehr Europas selten unterläuft. Raffael trifft das Außennetz. Wenigstens kann im Nachhinein niemand sagen, Gladbach würde alle Spieler wegkaufen, die dem Verein irgendwann einmal wehgetan haben. Denn kein anderer Name schwirrt so beharrlich durch die Gerüchteküche im Gästeblock.

Ter Stegen gibt alles
Die nächste Szene gehört auch den Gastgebern. Patrick Ebert setzt Pierre-Michel Lasogga so sehenswert ein, dass er damit automatisch in den Fokus rücken würde, wenn nach dem Weggang von Marco Reus im Sommer nicht die Frisuren-Toleranz in Gladbach deutlich eingeengt würde. (Der Name Reus taucht damit übrigens zum ersten und letzten Mal in diesem Text auf.) Aus spitzem Winkel kommt Lasogga – noch so ein Name, der immer wieder auftaucht – zum Abschluss. Ter Stegen klärt offenbar mit dem rechten Hoden gerade so zur Ecke. Große Torwartkunst fängt eben in der Hose an.

Nachdem ich bereits 34 Schlucke von ihrem Ein-Liter-Becher Bier getrunken habe, frage ich dann doch mal nach, wie Tim und Toby eigentlich heißen. Das ist die Krux mit diesen Zeitsprüngen. Sie heißen Tim und Toby.

“Und du?”, fragt Tim.

“Jannik.”

“Und weiter?”

“Jannik Sorgatz.”

Ratter. Ratter. Tims Hirn arbeitet.

“Mit ‘ae’?”

“Wie mit ‘ae’? Nein, mit ‘gatz’.”

Was tun, wenn du ahnst, dass der andere dich kennt, du aber nicht so vermessen sein willst, es offen auszusprechen. Aber dann führen die Arbeiten in Tims Kopf doch noch zum Erfolg. Das Buch, “So weit die Raute trägt”, er hat es gelesen. Anschließend kriegt er sich gar nicht mehr ein. Also erzähle ich die Geschichte von der Roten Laterne noch einmal live und wie das damals war, als Igor de Camargo den Borussia-Park in der Relegation auf links drehte. Eine Lesung aus dem Kopf, sozusagen.

Der Chor friert
Irgendwie plätschert das Spiel auch zu Beginn der zweiten Hälfte an mir vorbei. Was ist da los? Es geht ums Halbfinale, um den Schuss aufs Endspiel. Je nachdem, was die Auslosung bringt, wäre ein Sieg gegen die Hertha die Qualifikation für die Qualifikation zur Europacup-Qualifikation. Und ich schaue nur auf die Anzeigetafel, sehe nach 54 Minuten, dass bis zum Elfmeterschießen noch einmal so viel Zeit vergehen muss. Ich spüre, dass ich meine Füße nicht mehr spüre.

Schöner als sein Ruf - das Berliner Olympiastadion.

Schöner als sein Ruf - das Berliner Olympiastadion.

Ähnlich geht es sicherlich 8000 bis 10000 Borussen, die nach Berlin gekommen sind oder ein Auswärtsspiel vor der Haustür genießen. Es ist relativ still im Gästeblock, obwohl jede Liedzeile doch etwas zur Erwärmung beitragen würde. Der A-Cappella-Chor friert sich den Arsch ab. Wie viele Handschuhe braucht es eigentlich, damit Klatschen hörbar wird?

“Raus, raus, raus”, rufe ich nach einer Stunde. Keiner hört. An den Schuss von Peter Niemeyer kommt ter Stegen nicht mehr heran. Wer die Feinheiten des Torwartspiels in die Unterhose verortet, darf auch annehmen, der 19-Jährige habe den Ball an den Pfosten geguckt. Die vorerst beste Chance für Berlin erinnert mich daran, wie selten Gegentore geworden sind. Bei zehn Stadionbesuchen in dieser Saison habe ich erst fünf miterlebt, alle 186 Minuten eins. Man könnte “Titanic” einen Tag lang in Endlosschleife gucken und nur im Abspann würde je ein Gegentor eingeblendet – starring Raúl, Reinartz, Schürrle, Ibisevic, Lewandowski.

Unter Männern
In der Schlussphase bringt Toby Glühwein vom Bierstand mit. Irgendetwas läuft da falsch. Das Zeug schmeckt fürchterlich. Nach mehrminütigem Brainstorming ist “Nasenbluten” noch die leckerste Geschmacksrichtung, auf die wir uns einigen können. Ich überlege, mir das Zeug einfach in die Schuhe zu kippen. Das wäre die einzige Win-win-Situation weit und breit.

Und plötzlich ist die Verlängerung da. Tatsächlich gibt es zu diesem Zeitpunkt Menschen, die in zwei Auswärtsspielen in fünf Tagen kein einziges Tor gesehen haben. An dieser Stelle würde ein Basketball-Fan dieses verdammte Video posten, in dem ein Fehlwurf an den anderen geschnitten ist. “So langweilig wär’s, wenn Basketball Fußball wäre!”, soll das heißen. Haha, die haben doch alle keine Ahnung.

Die Spielzeit dringt bereits in Jopie-Heesters-Sphären vor, als das Spiel eine seltsame Wendung erhalten würde, wenn denn etwas passiert wäre, das sich wenden ließe. Ein langer Ball von Arango. Weder der eingewechselte de Camargo noch Herthas Roman Hubnik können etwas damit anfangen, touchieren sich gegenseitig. Keeper Kraft hat den Ball. Die Szene würde es in keine Zusammenfassung schaffen, vielleicht würde sie wegen ihrer Belanglosigkeit in der Echtzeit-Wiederholung sogar von einem Testbild überblendet werden. Aber dann will Hubnik die Sache unbedingt unter Männern regeln. De Camargo hat bereits Gelb gesehen wegen einer Schwalbe, die keine war.

“Roman und Igor”
Fast exakt ein Jahr ist es her, dass de Camargo in St. Pauli auf Matthias Lehmann zustürmte. Vielleicht ist es ein Trost für die Hertha-Fans, dass sie definitiv nicht absteigen werden, wenn der Lauf der Dinge sich wiederholt. Nur müssten sie dafür Michael Skibbe gleich wieder entlassen und Lucien Favre holen.

De Camargo jedenfalls beweist, dass sich hartes Training auch in Sachen Kopfnüsse auszahlt. Hubnik sucht die Nähe, wenn sie wollten, könnten sie sich nun küssen. Doch einige Zentimeter Größenunterschied verhindern die große Liebe. De Camargos Stirn findet lediglich Hubniks Nase und er sinkt leidend zu Boden. Wie unromantisch. “Roman und Igor”, die Mittwochabend-Version von “Romeo und Julia”, nur echt bei -10 Grad.

Schiedsrichter Felix Brych tut, was er tun muss, wenn er gesehen hat, was gar nicht da war – er zeigt auf den Elfmeterpunkt. Noch als er Hubnik die Rote Karte zeigt, hat nicht der Allerletzte im Gästeblock realisiert, was das nach sich zieht. Wieder einmal bestätigt sich die Theorie von Trainer Baade, dass die Details des Regelwerks nicht bei jedem angekommen sind. Das ist dann wie bei vermeintlich bibeltreuen Kirchengängern, die kaum mehr als die vier Evangelisten aufzählen können (und das auch noch in falscher Reihenfolge).

Berlinale-Stimmung
Irgendwann darf Filip Daems dann endlich seines Amtes walten. Wieder spricht für einen Fehlschuss nur meine Theorie, dass mit der Länge einer Serie die Wahrscheinlichkeit ihres Endes wächst. Daems aber hat in Stochastik nicht aufgepasst oder weiß es sogar besser als ich. Nur aufgrund der Temperaturen spare ich es mir an dieser Stelle, dass der Belgier eiskalt verwandelt. Linke Ecke, Kraft ist rechts, der Ball ist drin. Der A-Cappella-Chor gibt sich die Ehre. Und Tim ist gerade Bier holen.

Das Tor habe ich per Handy live ins Wohnzimmer nach Hause übertragen, dabei aber völlig vergessen, den Inhalt meines Ordners mit Videos von Gladbacher Toren zu verdoppeln. Bei all der Aufregung über de Camargos Berlinale-Vorstellung hätte es auch etwas Verruchtes gehabt. Dabei ist auch die Hertha das ganze Spiel über im Filmfieber und legt sich in der offenen Kategorie “vorgetäuschte Nahtoderfahrungen” besonders ins Zeug. Am Ende hat de Camargos Einlage lediglich fatalere Folgen für die gelackmeierte Mannschaft.

Tim ist noch immer nicht zurück vom Bierstand. In der 103. Minute sagt Toby: “Geil, nur noch zwei Minuten.” Ich bin perplex. Das Golden Goal ist ja nicht einmal richtig angenommen worden, wie konnte man sich dann ans Silver Goal gewöhnen? Kurz bevor Brych zum letzten Seitenwechsel pfeift, glaubt Toby mir endlich. Nachher wäre er umsonst in Ekstase geraten.

Ein Venezolabianer

Die Light-Version von Jermaine Jones? Nur: Warum hält sich de Camargo das Gesicht?

Die Light-Version von Jermaine Jones? Nur: Warum hält sich de Camargo das Gesicht?

Selbst als die Entscheidung wirklich naht, bin ich im Vergleich zu früheren Spielen noch immer gelassen wie bei der Saisoneröffnung. Dieses letzte Jahr hat die Nerven gestählt. Bei der 100.000 Mark Show würde ich den Heißen Draht sowas von vernichten, dass er danach wahrscheinlich abgeschafft würde. Nur noch einen Pulserhöher im negativen Sinne gibt es: Adrian Ramos, der Kapitän von Venezuelas Nationalmannschaft (O-Ton Wolf-Dieter Poschmann), bekommt als Friedensangebot einen Blankoscheck von Großchance vorgelegt. Aber der Kolumbianer erzielt aus zwölf Metern ein astreines Field Goal. Da soll noch einer sagen, der Elfmeter hätte das Spiel allein entschieden. Mehr versuchte Wiedergutmachung geht nun wirklich nicht.

Den letzten Akt eines langweiligen, mitreißenden, beschissenen, historischen und unterm Strich ziemlich merkwürdigen Spiels setzt in der Nachspielzeit der einzig wahre Kapitän Venezuelas. Arango läuft allein aufs Tor zu, wird eingeholt und legt mit letzter Kraft mit der Hacke ab. Oscar Wendt freut sich über die Integrationsmaßnahme eines Mannes, der einst selbst nur schwer integrierbar schien, und trifft zum bedeutungslosen 2:0. Ein Negativ des WM-Halbfinales 2006, Del Pieros Tor, nur in schön.

“Ein Pokalspiel in Berlin so zu entscheiden – Kompliment”, sagt Herthas Trainer Skibbe nach dem Spiel zur Elfmeterentscheidung. Zwischen den Zeilen steckt darin der Aufruf, den Hauptstadtklub doch endlich einmal ins Finale im heimischen Stadion zu pfeifen. Zum Glück sitzt der DFB nicht in Berlin, sonst würde es irgendwann wirklich so kommen. Dabei scheint es die Hertha doch selbst gar nicht um alles in der Welt zu wollen. 47.000 Zuschauer waren im Stadion, fast 10.000 davon Borussen – und vielleicht dürfen bald noch mehr kommen. “Berlin, Berlin, wir bleiben in Berlin!”

Wiedersehen macht Freunde
Man lobt Dortmund nicht oft, aber die Trinkhallen-Dichte dieser Stadt ist einfach phänomenal. Berlin-Mitte hat für uns nur hippe Hauptstadtläden im Angebot, wo das Bier draußen nicht einmal auf der Getränkekarte aufgelistet wird. Um 23 Uhr landen wir endlich im “Bierhimmel”. Tobys Kopf liegt schnell auf dem Tisch, unser Kaspar Bögelund nimmt sich eine Auszeit. Karen glaubt immer noch, Tim sei in Wirklichkeit Köln-Fan. Und Duisburger. Ich kläre unterdessen die Fronten mit dem Hertha-Fan an der Theke. Die Fanfreundschaft kann ich gerade noch abwenden. Aber wenigstens versinkt ein Berliner weniger im Groll gegen Gladbach. Wir dürfen wiederkommen, gerne schon im Mai.

Die Stadt Berlin hat noch in der Nacht auf das erste Tor von Oscar Wendt reagiert.

Die Stadt Berlin hat noch in der Nacht auf das erste Tor von Oscar Wendt reagiert.

Am nächsten Morgen helfen die Boulevard-Zeitungen der Stadt ein wenig, die Szene des Abends einzuordnen. Der Berliner Kurier fährt die Skandal-Schiene. Die Hobby-Ornithologen von der Bild-Zeitung erfinden die “Nasen-Schwalbe” – und offenbart unbeabsichtigt, dass Hubnik de Camargo anscheinend auf den Fuß tritt. Nur die B.Z. sagt: Kann man so machen – bis auf die anschließende Schauspielerei. Wenn man den üblichen Lokalbonus abzieht, sind wir also bei einer 50:50-Sache. Und wie so oft ist diese Diskussion nichts für Leute, die an die Hand genommen werden wollen und in ihrer Welt nur Schwarz und Weiß kennen.

Im Flieger nach Saarbrücken sitzt sogar ein zweiter Gladbach-Schal. Vielleicht saß er da auch schon auf dem Hinweg. Dass er erst durch den Einzug ins Halbfinale Borusse geworden ist, halte ich für unwahrscheinlich. Dieser Sieg war keiner, um Fan des VfL zu werden. Es war lediglich einer, um es mehr denn je zu bleiben.

09. Februar 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Ich wiederhole mich nur ungern:
    Schön geschrieben!
    Wenigstens macht Dein Kommentar etwas vom bescheidenen Spiel vom Mittwoch wieder wett-ich hoffe das sich unsere Halbfinaleinzügler in Berlin die Kräfte lediglich für das Schalke-Spiel am Samstag aufgespart haben und die 105 ääh 120 Minuten Spielzeit zum aufwärmen nutzten… ;)
    Zumindest lächelte Tony Jantschke auf der Bank sitzend nach Abpfiff der 90 Minuten freudig in sich hinein und träumte schon von seinem warmen Fensterplatz im Bus,Zug oder Flieger-je nachdem mit was es nach Hause ging…Bis einer vom Trainerstab sagte das es diesen Abend keine Punkteteilung gibt und er doch nochmal bitte auf den SeifenPlatz müsste…Da erstarb dieses lächeln und Tony nickte bloss…Pokal ist nicht 90 Minuten Bundesliga…

    Übrigens habe ich das Buch von Dir Jannik meinem Bruder zum Geburtstag geschenkt-er hat sich gefreut wie Tony Jantschke nach 90 Minuten .Und ich kann es wirklich jedem nur wärmstens (ohne Bezug auf die Kälte draussen vorm Fenster) empfehlen-auch wenn man Deinen Blog letzte Saison verfolgt hat…

    Viele Grüsse aus Lügde allen Mitlesern hier ein schönes Wochenende!

  2. als ich letzten Monat dienstlich in Berlin-Mitte war, habe ich genau so eine Kneipe gesucht und leider nur die Schickimicki Restaurants etc. gefunden….diesmal verschlug es mich nach Hamburg und fand mich in einer Kneipe im Schanzenviertel wieder, in der es reichlich Gladbach Fans mit Schals, Trikots und Pudelmützen ( ! ) gab – ein herrliches Bild, auch wenn wir uns alle ein wenig fremdgeschämt haben ( der Lehmann ging mir allerdings auch gleich durch den Kopp ), ich seh dies als gerechten Ausgleich unserer geschundenen Seele der letzten Saison, jawoll ! schön, Dich wieder zu lesen !

  3. Sehr schöner Kommentar, den ich mit Spannung – wie immer – erwartet habe. Danke dafür, wie immer. Dass “die beiden” sich eigentlich küssen wollten (aber es dann doch lieber gelassen ahben)… darauf sind wir gestern auch gekommen!!! Darauf einen Glühwein…

  4. Ach hier, so läuft das: Deine Leser sind lediglich Beruhigung für Dich, daß Du nicht der Bekloppteste unter den Gladbach-Fans bist? ;) Dabei dachte ICH, so lange es da draußen jemanden gibt, der auf Ampelschaltungen vor den Spielen achtet und sich mit seinen Freunden Rote Laternen hin- und herüberreicht, sei ich noch nicht der hoffnungsloseste Fall. Und nun drehst Du den Spieß einfach um. :)

    Aber, lieber Jannik, da möchte ich zu Deiner Erleichterung und der Deiner Leser mal The Beautiful South (eine meiner Lieblingsbands) zitieren:

    “Because there’s always someone with a bigger car
    There’s always someone with a bigger cigar
    If you’ve been far
    There’s always someone who’s been further than your far
    When you make your cart, you get to the start
    There’s always someone in a faster cart …”

    Und schon sind wir alle nicht mehr die Verrücktesten! Auch wenn wir uns wahrscheinlich auf den Championsleague-Plätzen tummeln – Meister sind wir nicht! Hoffe ich zumindest! ;)

    Aber im Ernst, war Klasse mit Dir. Borusse durch und durch! Schön zu sehen, daß Du die ganzen Facts in- und auswendig kennst und den sympathischen Eindruck aus Deinen tollen Geschichten in Natura mehr als bestätigst. Ich mußte aber einfach näher zum Spielfeld ran. :) Deshalb die “Flucht” in der Halbzeit. Auch wenn die Sicht dort oben phänomenal war.

    Ach ja, und gerade sprachen wir noch im Oberrang vom Fall “Lehmann % de Camargo” aus dem St. Pauli-Spiel sowie dessen Auswirkungen auf Abstieg und Klassenerhalt in der letzten Saison. Und Schwupps, wähnen wir uns in einer Zeitschleife. Nur daß Lulu jetzt vom Markt ist. Pech für Hertha. Ein Megaglücksfall für uns!

    Danke für die Zeilen ins Buch. Besonders liebe Grüße von meinem Dad, der von der Widmung völlig begeistert ist und Deine Geschichten jedes Mal regelrecht verschlingt. Die vielen schönen Stunden, die Du uns schon geschenkt hast und hoffentlich noch sehr lange schenken wirst, sind unbezahlbar!!!

    Schwarzgrünweiße Grüße von der Elbe!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*