Eine gebrochene Lanze für Lehmann

Genitalien, Mittelfinger – jedes Wochenende sorgt ein neues Körperteil für Trubel. Obwohl beide beim Fußball in der Regel eine untergeordnete Rolle spielen. Egal ob Juckreiz oder Unmutsbekundung – Jens Lehmann verdient Rückendeckung.

Es war zunächst über weite Strecken ein ruhiger Abend für Jens Lehmann in der AWD-Arena zu Hannover. Chronische Unterbeschäftigung in Hälfte eins, aber aus der Ferne konnte er wenigstens eine spielfreudige und rehabilitierte deutsche Nationalmannschaft beobachten, die nach zwanzig Minuten schon mit 2:0 gegen überforderte Zyprer, Zyprioten, wie auch immer sie nun heißen mögen, in Führung lag. Man spricht in diesem Zusammenhang traditionell von einem „undankbaren Spiel“: Bleibt der Kasten sauber, sagt jeder „klar, gegen Zypern kann ich das auch“. Läuft es anders, bleibt nur die Rolle des Blöden.
Lehmann wird vor der Pause fast dankbar gewesen sein, dass Arne Friedrich mit Blei in den Schuhen spielte und sich nicht das einzige Mal vom schnellen Cottbusser Aloneftis überlaufen ließ. Der 38-jährige klärte per Fußabwehr und durfte beweisen, dass er trotz ominösen Mangels an Spielpraxis weiterhin ein verdienter Nationaltorwart ist.

Nach der Halbzeit sorgt Lehmann dann selbst dafür, dass sein 50.Länderspiel im Nachhinein mehr Staub aufwirbelte, als die Diskussionen um seine Zukunft bei Arsenal London und im deutschen Tor unter der Woche.
Ein Zyprer steht frei im Strafraum, Lehmann stürmt aus seinem Kasten. Beherzt, aber mit angezogener Handbremse will er keinen Elfmeter riskieren und bleibt standhaft auf den Beinen. Die Szene kann er jedoch nicht entschärfen, aus dem Strafraum will er nicht, weil der Torwart dort bekanntlich seine Handschuhe bildlich ablegt und zum Feldspieler mutiert. Der Zyprer passt in die Mitte und sein frei stehender Kollege vergibt Gott sei Dank kläglich. Eigentlich eine Szene der Kategorie „nicht falsch, nicht richtig verhalten“, die in der Nachbetrachtung lediglich den Status einer Randnotiz verdient hätte. Wäre da nicht das Hannoveraner Publikum gewesen, das diesen Anflug seiner Unsicherheit mit “Robert Enke”-Rufen quittierte.
Das juckte Jens Lehmann offenbar gewaltig, besonders in der Schläfengegend und weil der Mittelfinger am größten ist, dient er am besten zur Beseitigung des lästigen Juckreiz.
Und schon hat Fußball-Deutschland einen vermeintlichen Stinkefinger-Skandal. Was den Herren beim ZDF entgangen war und für den Bruchteil einer Sekunde über den Bildschirm flackerte, schleudert heute nicht nur die Boulevard-Presse in die Medienlandschaft. DFB-Präsident Zwanziger bricht derweil entschlossen eine Lanze für Lehmann. Der selbst beteuert, er habe „so etwas noch nie gemacht“.

Jetzt wollen wir es mal so sehen: Egal ob beabsichtigt oder nicht, das sei erst einmal dahin gestellt – irgendwie wäre eine Reaktion dieser Art nachvollziehbar. Und damit schließe ich mich dem DFB-Präsidenten beim Rücken stärkenden Lanzenbrechen an. Ohne eine obszöne Geste wie diese, die dem ein oder anderen Fußballer in der Vergangenheit schon den Kopf gekostet hat, generell zu verteidigen.
Er hat es in letzter Zeit eben auch nicht leicht, der Herr Lehmann. In der zweiten Hälfte hat er das „zu Null“ mit zwei guten Paraden gerettet, ansonsten – bis auf die einzelne Szene beim Herauslaufen – war sein Auftritt eigentlich souverän, irgendwo im Bereich einer 2- oder 3+ anzusiedeln. Im Prinzip saßen die wahren Übeltäter also auf der Tribüne der AWD-Arena.
Neunzig Minuten lang machten die Fans in Hannover meist nur durch lautes Geraune bei deutschen Torchancen und ebenso lautem Jubel bei den vier Treffern auf sich aufmerksam. Ansonsten blieb es trotz des guten Auftritts der DFB-Elf vergleichsweise ruhig. Eine neu entfachte WM-Stimmung sieht anders aus. Aber die Kritik an mangelnder Stimmung bei Länderspielen ist ein anderes Paar Schuhe.

Sie hallten nur kurz durchs weite Rund, die „Robert-Enke“-Rufe. Trotzdem sind sie zusammen mit dem Pfeifkonzert gegen Tschechien das sinnloseste, was deutsche Fans lange Zeit von sich gegeben haben. Klar, als Anhänger der Roten aus Hannover hält man vom seinem Keeper, der in Deutschland zweifelsohne zu den Besten seines Fachs zählt, automatisch einen Tick mehr, als der Rest der Republik. Doch was Jens Lehmann auf internationaler Ebene geleistet hat, ist Enke bisher schuldig geblieben, weil er noch nicht die Gelegenheit dazu erhalten hat – er selbst wird das wohl bestens wissen. Und in Hannover wird er diese Bewährungschance im Rampenlicht des europäischen Fußballs in geraumer Zukunft wahrscheinlich nicht erhalten.

„Warum drücken sie in London die Bank, Herr Lehmann?“
„Wechseln sie jetzt im Winter den Klub, Herr Lehmann?“
„Sehen Sie ihren EM-Platz durch ihre Reservistenrolle gefährdet, Herr Lehmann?“
Irgendwann hat man von den ewig gleichen Fragen die Nase voll. Und so bleibt dem 38-jährigen derzeit nichts anderes übrig, als munter Durchhalteparolen und Eigenwerbung in die Mikrofone zu säuseln. Verständlich.
Sein Konkurrent bei den Gunners, Manuel Almunia, verbrachte den gestrigen Abend übrigens vorm Fernseher – seine Telefonnummer hat Spaniens Coach Aragonés vermutlich nicht einmal im Notizbuch notiert. Und welches Land, Spanien oder Deutschland, in der Geschichte dieses Sports naturgemäß die besseren Torhüter aufgeboten hat, bedarf eigentlich keiner Diskussion. Eigentlich.

18. November 2007 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler | Schreibe einen Kommentar

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