Flatter für 70 Cent

Saison 2011/2012: 23. Spieltag - Gladbach 1:1 Hamburg

“Fußball ohne die Aussicht auf einen Sieg macht meines Erachtens keinen Spaß”, hat Hans Meyer letztens zu 11 Freunde gesagt. Entsprechend sauer stapften einige Borussen am Freitag in die Kabine, nachdem sie sich beim Publikum dennoch einen verdienten Applaus abgeholt hatten. Es war ein ärgerliches Unentschieden gegen den Hamburger SV, das einen unterm Strich nur deshalb so ärgerte, weil es kein Sieg war. Manchmal ist es doch so einfach.

1:1 gegen Hamburg – wer sich jahrelang nie ans Gewinnen gewöhnen durfte, kommt damit ganz gut klar. Nils, Rötten (unser Wahl-Hamburger mit Raute im Herzen) und ich hatten das Spiel am späten Freitagabend zwar nicht sofort zu den Akten gelegt. Die große Analyse war aber trotzdem schnell beendet. An einem wuchtigen Stehtisch im Lieblingsladen unserer jugendlichsten Jugend diskutierten wir nur kurz darüber, wie Patrick Herrmann am besten zu ersetzen sei, fanden aber keinen Masterplan. Nach einer halben Stunde war die Erhöhung des Bierpreises von 3,50 auf 4 Euro für eine Flasche schließlich der weitaus größere Aufreger – auch wenn es freitags weiterhin zwei zum Preis von einer gibt.

Tief in der Nacht standen wir dann leicht wehmütig und leicht schwankend vor der Bökelberg-Fahne in Nils’ Zimmer. Die Anzeigetafel, in der Luftaufnahme gut zu erkennen, ist sogar noch das Vorgängermodell jener, mit der die Bökelberg-Ära beendet wurde. Aus der Baureihe: Uwe Kamps hält vier Elfmeter gegen Leverkusen.

“Wenn der Bökelberg das noch erlebt hätte” denkt man sich leicht, wenn man schwelgend die Fahne anschaut und an den Höhenflug der Saison 2011/2012 denkt. An das Wunder, das gar keins ist, nach dem Wunder, das eins war. Wer die guten, alten Zeiten nie erlebt hat, vergisst jedoch leicht: All das, was momentan passiert, hat der Bökelberg in zigfacher Ausführung erlebt. Über die Intensität müssen andere urteilen.

“Aufwachen!”
Gladbachs Ultras vom Block 1900 war die Stimmung im Borussia-Park zuletzt jedenfalls nicht euphorisch genug. Ihre Kritik prangert damit, völlig zu Recht, das einzige Probleme an, das es bei Heimspielen derzeit gibt: Die Stimmung ist nach den Toren überwältigend, schläft dann aber ein wie eine Oma im Altenheim, die beim Holzmichel schon nach dem ersten Refrain nicht mehr hochkommt. “Aufwachen!”, fassen die Ultras ihren Appell deshalb auch in ein einziges Wort.

So schlimm kann die permanente Angst in der vergangenen Saison ja nicht gewesen sein, wenn nun nicht jeder in der Nordkurve das Bedürfnis hat, seine Dankbarkeit in Gesang umzuwandeln. Zumindest in der ersten halben Stunde reißt sich das Stadion aber sichtlich und hörbar zusammen. Die Klatschfrequenz bei der “Elf vom Niederrhein” ist gleich eine andere, das “Und geht das Spiel auch mal verlor’n” geht wieder von einer Wand aus. Und nach wenigen Minuten folgt tatsächlich der ganze Borussia-Park der Aufforderung “Steht auf, wenn ihr Borussen seid!”.

Nun wird es bei einem Publikum, das es leider nur dann von den Sitzen reißt, wenn das Ergebnis auf der Anzeigetafel es geradezu befiehlt, an einem Punkt problematisch: wenn sich auf der Anzeigetafel nur die Spielzeit ändert. Roel Brouwers ist nach einer Ecke von Marco Reus so frei, dass der zuständige Mensch schon die Zahl eins aus dem Eimer holen würde, wenn die Anzeigetafel noch analog wäre. Ein Hamburger klärt auf der Linie. Wenig später taucht Igor de Camargo nach einem feinen Pass von Roman Neustädter so frei vor HSV-Keeper Jaroslav Drobny auf, dass der analoge Ergebnishüter wieder mächtig zucken würde. Wieder bleibt der Torjubel trockene Theorie.

Kunst als Arbeit
Und so macht sich nach einer guten halben Stunde eine gewisse Unruhe im Stadion breit. In den vergangenen vier Heimspielen, inklusive Pokal, hatte die Borussia zu dieser Zeit stets geführt, phasenweise brilliert und vor zwei Wochen gegen Schalke bereits die besten 30 Minuten seit den glorreichen Siebzigern hingelegt. Man kann sich an Erfolg nicht nur gewöhnen. Der Weg zum Verwöhnen ist auch nicht allzu weit.

Unmittelbar vor der Pause bekommt die Borussia noch einen Freistoß, zu weit vor dem Tor für ausgiebige Dreier-Konferenzen oder eine Best-of-five-Runde “Schere, Stein, Papier”. In solchen Fällen hat Juan Arango die alleinige Hoheit. Marco Reus darf lediglich wie ein Praktikant neben ihm stehen und hoffen, dass der Meister ihn ranlässt. Diesmal aber übernimmt Arango selbst die Arbeit, die bei ihm nie nach Arbeit aussieht. Für einen direkten Versuch ist seine Hereingabe viel zu lasch und zu mittig aufs Tor gezogen. Er muss den Kopf von Mike Hanke gesucht haben, zumindest dürfte sich niemand trauen, Absicht auszuschließen. Mit purer Absicht hingegen: Hankes Kopfball zum 1:0.

Der Zeitpunkt des Führungstreffers kommt beinahe schon ärgerlich, weil ich gerne erlebt hätte, auf welche Weise der Borussia-Park erstmals seit dem 3. Dezember 2011 eine Mannschaft in die Kabine schickt, die nicht vorne liegt. So aber ist die Nordkurve in der Halbzeitpause wieder ein kollektives Telefon in Kopenhagen.

Striche und krumme Dinger
Nach dem Seitenwechsel sieht es dann so aus wie ziemlich oft in den vergangen Wochen: Die Borussia erwischt keinen allzu guten Start, kann sich diesmal aber auch nicht auf einer Zwei-Tore-Führung ausruhen. Marc-André ter Stegen haut noch mehr Abschläge als sonst ins Seitenaus. Die Kanten der wunderschönen Kurzpass-Dreiecke finden selten zueinander. Die permanente Rotation der vier Offensiven ist diesmal keine Geheimwaffe, sondern ein Zeichen, dass Hanke, Reus, de Camargo und Arango die beste Variante noch nicht gefunden haben.

Auf den Strich von Leon Jessen in Kaiserslautern folgt diesmal ein eher krummes Ding von Gegentor. Dante träumt bei einer Ecke etwas zu intensiv von der WM 2014 und muss zusehen, wie Hamburgs Tolgay Arslan den Ausgleich erzielt – sein erstes Bundesligator im ersten Saisoneinsatz von Beginn an, selbstverständlich.

Wer das Beste aus der Schlussphase ziehen will, freut sich, dass die Borussia zu keiner Zeit Gefahr läuft, die Partie völlig aus der Hand zu geben. Arango hat in der Nachspielzeit sogar noch den Sieg auf dem Kopf. Wer mehr zur kritischen Keule tendiert, darf gerne einen der schlechtesten Spielabschnitte der Saison bemängeln. In dieser schwarz-weißen Welt trägt die Wahrheit mal wieder Grau. Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass Gladbach mit seinen Fähigkeiten darüber entscheidet, wer solch ein Spiel gewinnt. Neben dem Ausfall von Patrick Herrmann und einer gut eingestellten Hamburger Mannschaft ist der dritte Grund für dieses 1:1 die Tatsache, dass die Borussia wohl oder übel Meister werden müsste, wenn sie keine Punkte mehr abgeben würde. Es soll einfach nicht sein mit der Perfektion.

Alternative Schlagzeilen
Leicht verkatert öffnen wir am Samstagmorgen die Augen. Es war kein Frusttrinken, sondern Trinken ohne jegliche Vorsilbe – die jungen Leute eben. Noch vor der Zahnbürste greift Nils zum Smartphone und liest die Schlagzeile aus der Bild vor. Der Zeitung gilt ein ganz besonderer Dank. Mit ihrer Schlagzeile bringt sie wie gewohnt das Wesentliche zur Sprache:

“Hat Gladbach die Meister-Flatter?”

Die Zeitung stellt eine Frage, die sie nach jedem Nicht-Sieg in den kommenden Wochen gestellt hätte. Wahrscheinlich wäre die vorproduzierte Seite nur dann im Papierkorb gelandet, wenn der VfL erst wieder sein Heimspiel gegen den FC Augsburg am 33. Spieltag verloren hätte – als frischgekürter Deutscher Meister, nach zuvor zwölf Siegen in Folge. Keine Verluste, keine Flatter.

Doch die Bild-Zeitung hat einiges an Weltuntergangs-Potential verschenkt. Die Kerbe, in die sie schlägt, ist gegen die wahren Probleme der Borussia in Wirklichkeit eine Erhebung.

Die Bild hätte genauso gut titeln können:

“Krise immer schlimmer: Gladbach ein Spiel in Serie ohne Sieg”

“Zuschauerschwund im Borussia-Park: Gegen den HSV blieben nach den jüngsten Rückschlägen vier Plätze frei (mindestens)”

“Erreicht Favre die Mannschaft noch? Fatal: Retter Rehhagel ist vom Markt”

“Ist Marco Reus mit dem Kopf schon in Dortmund? Woody Woodpecker seit 268 Minuten ohne Tor”

“Niederlagen gegen die Kleinen, Unentschieden gegen die Mittelgroßen, Siege gegen die Großen: Borussia betreibt Wettbewerbsverzerrung”

“75 Prozent mehr Gegentore: ter Stegen in den letzten zwei Spielen zweimal überwunden”

“Bekommt Eberl gar nichts mehr gebacken? Wann verlängert Heimeroth endlich?”

“Selbst mit 9:0-Sieg im Derby: Meisterschaft aus eigener Kraft nicht mehr möglich”

Die Torfabrik sah am Tag nach dem 1:1 gegen den Hamburger SV sogar die Zeit gekommen, die übertriebene Erwartungshaltung bestimmter Medien (die ja selbst nicht glauben, was sie schreiben, das darf man nie vergessen) satirisch zu verarbeiten (“Oh Gott, die Krise ist da”). Trotzdem war sich die Redaktion ihrer Sache nicht sicher genug, um auf den Hinweis “Glosse” zu verzichten. Nur zur Erinnerung: Am Samstag stand die Borussia mit 47 Punkten noch auf Platz zwei und noch wusste niemand, wie dieser Spieltag enden würde.

Nach dem zweiten Punktverlust des Jahres, dem zweiten in den vergangenen neun Pflichtspielen, hat die Borussia den zweiten Platz nun wieder an die Bayern abgeben müssen. Der Rekordmeister hatte am Sonntag gegen schwache Schalker zwar keine Mühe, hat sie aber auch nicht gefühlt aus dem Stadion geschossen, wie anderen Mannschaften das zuletzt gelungen ist.

Fatale Ausgangsposition
Da von den ersten Sieben der Liga drei verloren haben, steht Gladbach letztendlich sogar leicht besser da als vorher (es sei denn, ich habe etwas verpasst, und die Meisterschaft war offiziell zur Mission ausgerufen worden): Vorsprung auf Platz vier um einen Zähler ausgebaut, den Abstand zum Fünften gehalten und zum Siebten auch leicht vergrößert. Nur ist nach dem 23. Spieltag noch immer nicht die Frage beantwortet, was zurzeit Fakten, was Ziele und was Spinnereien sind.

In einer Hinsicht haben die vergangene und die laufende Saison dann doch mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Sowohl im Februar 2011 als auch 2012 geht die Borussia mit Träumen in die letzten elf Saisonspiele, von denen man gar nicht weiß, ob sie es wert sind, geträumt zu werden. Vielleicht sind Träume sogar viel zu konkret, um für das zu stehen, was da derzeit ziellos durch meinen Kopf schwirrt, nur begrenzt von meiner Vorstellungskraft und meiner Schädeldecke.

Und in einem Punkt ist die momentane Lage ja geradezu fatal: Die Mannschaft hat etwas zu verlieren. Sie ist sogar in der fast schon misslichen Lage, noch gar nicht zu wissen, was genau sie verlieren kann. Vor einem Jahr musste sie lediglich fürchten, dort zu bleiben, wo sie war. Da wäre die Flatter jetzt fast schon verständlich.

27. Februar 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , | 10 Kommentare

Kommentare (10)

  1. bei Heimeroth musst ich ja doch lachen ;)

  2. Ich finde wir sollten mal 80 Punkte als Saisonziel festlegen. Das ist wenigstens schaffbar.
    Vielleicht können wir ja ein paar für nächste Saison zurücklegen lassen…

  3. “An einem wuchtigen Stehtisch im Lieblingsladen unserer jugendlichsten Jugend..” BaCa?

    Der Rest lässt hingegen keine Fragen offen :)

    Grüße aus auch Hamburg

  4. @Henning: Das hast du aber am “zwei Bier für eins” erkannt, nicht an den wuchtigen Stehtischen, oder?

  5. Sehr richtige Einschätzung der Lage.

    Nur einem muss ich widersprechen: über den Heimeroth bzw. dessen Vertragsverlängerung bzw. die Wichtigkeit/Dringlichkeit/Bedeutung der Verlängerung sollte man keine Witze machen.

    Ich kann mir fast keinen geeigneteren, da passablen, stets zur Stelle seienden, nicht mosernden und loyalen Ersatzkeeper vorstellen!
    Heimeroth ist super!

  6. Ich wollte nur mal danke sagen für alles das was du da zum besten gibst, es lässt sich alles sehr gut lesen, ist echt top.

    Im Moment weiß man echt nicht von was man träumen soll als Borusse, ich kenne es größtenteils (leider) nicht anders als bis kurz vor Schluss der Saison Angst zu haben doch evtl absteigen zu können man muss jede Woche für Woche Angst haben und unbedingt gewinnen, die jetzige Situation ist eine richtige “Erlösung”, ich freu mich richtig auf Spiele der Borussia.
    Man sollte es aber auch mit der Erwartungshaltung nicht übertreiben und auch mal nach einem 1-1 in nem Heimspiel gegen Hamburg nicht den Teufel an die Wand malen…so wie es viele Medien tun…natürlich besteht die Chance diese Saison was großes zu erreichen egal ob Meisterschaft oder Pokal, ich träume auch jeden Tag wieder wie es kommen könnte, aber hätte, wenn und aber steht nicht auf em Platz.
    Und wenn es “nur” das internationale Geschäft wird in der nächsten Saison bin ich zumindest schon hochzufrieden, alles andere wird natürlich auch sehr gerne von mir angenommen…also in diesem Sinne…DIE SEELE BRENNT…

    Rautengruß aus dem Saarland…

    P.S. Ich musste erstmal ewig suchen bis ich irgendwo Diebels hier gefunden hatte :-)

  7. Wiederum ein toller Beitrag. Ich merke, ja, man gewöhnt sich doch sehr schnell ans Siegen. Am Ende und nachdem der Kopf nach dem Stadionbesuch wieder heruntergekühlt ist, war das Unentschieden verdient. Erst jetzt wird umso klarer, dass Herrmann fehlt. Und zu Heimeroth, ich sehe das ebenso – er ist ein guter Ersatzmann, ohne zu mosern, wenn wir ihn bräuchten, wäre er da, bringt keine Unruhe rein. Und an ter Stegen, so er denn fit ist / bleibt (!!!), kommt keiner so schnell vorbei. Dann schaun wir mal aufs nächste Spiel und erfreuen uns am Erfolg unserer Borussia. Denn: Zuhause weiterhin ungeschlagen und im Jahr 2012 ebenso!!!

  8. Ok, no jokes with Heimeroth;) Aber im Ernst: Als Ersatzmann für ter Stegen könnte ich mir auch keinen besseren vorstellen. Liebäugelt in keinster Weise mit einem Stammplatz, ist in jeder Jubeltraube der erste Ersatzspieler und weiß mit Sicherheit ganz genau, was er kann und was nicht. Ein kollegialer Typ, wie man ihn auf dieser Position braucht. Nur spricht von der ausstehenden Verlängerung ja leider kaum einer.

  9. Auf deine Webseite bin ich erst vor ganz kurzem gestoßen, nachdem ich meiner Mum zum Geburtstag dein Buch geschenkt habe. Seitdem hab ich deine Berichte fast alle schon gelesen, sehr viel gelacht und mich und meine Familie immer wieder, durch ihre Borussen-Marotten, wieder erkannt. Toll, mach weiter so.
    Liebe Grüße aus Kaldenkirchen!

    P.s. Wir sitzen in der nordkurve und ich muss sagen, dass der Aufruf vom Freitag nicht so ganz stimmt. Wir springen ständig von den sitzen und singen immer kräftig mit. Auch ohne Aufruf von den Ultras!

  10. Also, die bekannte Zwei-für-eins-Veranstaltung war, wie auch ein gemeinsamer Freund auf FB, der auch häufig da anzutreffen ist, eine Kombination aus untrüglichen Hinweisen auf ein Etablissement, dass auch ich sehr gut aus meiner Jugend kenne :) Hach, waren das Zeiten… Toni grüßt auch immer noch sehr herzlich :D

    Und ich sachet noch immer, Jungens, sach ich: Die Welt is’n Dorf!

    Bezüglich Heimeroth: Ich glaube, ich habe noch nie einen chancenloseren Ersatzspieler gesehen, der den Erfolg der Mannschaft so feiert, wie er. Man darf bei ihm sicher auch nicht vergessen, dass eben dieser Ruhefaktor, der die Nordkurve so zur Weißglut trieb, der Mannschaft wahnsinnig gut tun kann. Ähnlich wie ein Brouwers, nicht so chancenlos, aber ein Ruhepol sondergleichen.

    Gebe demnächst gerne mal ein Grolsch aus :)

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