Fahnen auf Vollmast

Saison 2011/2012: Halbfinale DFB-Pokal - Gladbach 2:4 n.E. Bayern

Es dürfte selten vorgekommen sein, dass Mannschaft und Fans einen potentiell traumatischen Abend so schnell weggesteckt haben. Doch sie hatten allen Grund dazu. Die Bayern hatten zwar mehr Chancen, Gladbach war dem Rekordmeister jedoch fast über die gesamten 120 Minuten ebenbürtig. Und so überwiegt der Stolz auf das Geschaffte und nicht der Ärger über das Verpasste.

Da predige ich andauernd Demut, Zurückhaltung, Dankbarkeit. Und dennoch ist der nächste Meilenstein in dieser Saison, wie schon das Erreichen der 40-Punkte-Marke, zunächst völlig an mir vorbeigegangen. Seit dem Sieg in Leverkusen steht fest: Borussia Mönchengladbach kann nicht mehr absteigen. Nie mehr Zweite Liga – zumindest nicht in der Saison 2012/2013.

Am Mittwochnachmittag auf einem Rewe-Parkplatz in Saarbrücken ist nicht nur die 2. Bundesliga ganz weit weg, sondern auch die Stadt, in der am Abend das größte Spiel seit Jahren stattfindet. Es bliebe nur zu klären: Wie groß genau ist ein DFB-Pokalhalbfinale im eigenen Stadion gegen den FC Bayern München, wenn die Borussia gleichzeitig die beste Saison der vergangenen 30 Jahre spielt?

Die Hochgefühle nach dem Klassenerhalt in Bochum werden wahrscheinlich erst getoppt werden, wenn im Borussia-Park die Champions-League-Hymne ertönt. Vielleicht wird dieser Moment im Mai 2011, in dem all die verlorenen Monate der Lebenserwartung schlagartig zurückkamen, auch solange ganz oben stehen, bis Gladbach wieder einen Titel holt. Da es ein großer Schritt auf dem Weg dorthin sein kann, reiht sich das Spiel gegen den Rekordmeister, das dritte der Saison, auf jeden Fall weit vorne ein.

Biersuche à la Pac-Man
Im Supermarkt habe ich um kurz nach 15 Uhr den ersten Schock des Tages verdauen müssen: Nicht jede Filiale der Firma, die bei ihren Sponsoring-Maßnahmen kein allzu glückliches Händchen hat, führt Diebels Alt in ihrem Sortiment. Minutenlang laufe ich wie Pac-Man durch die Gänge, ohne mich entscheiden zu können – um mich dann zu entschließen, dass ich die nun besiegelte Niederlage mit ein paar Flaschen Bitburger aus dem Rewe-Markt begießen werde.

Auf dem Parkplatz wartet schon die Truppe von den Saar-Blies-Borussen, meine saarländischen Integrationshelfer. In Kaiserslautern haben wir im Februar ein Auswärtsspiel besucht, das wegen der kurzen Anreise ein Heimspiel war. Jetzt geht es über die A1, die A48 und die A61 knapp 300 Kilometer in Richtung Norden. Heimspiel ist nunmal where your heart is.

In zwei Autos unserer Viererkolonne sitzen Bayern-Fans. Ich sitze zum Glück in einem Rekordmeister-freien. Das Thema Toleranz hatten wir ja schon, als Dortmund-Fans in meinem Wohnzimmer zu Gast waren und das Spiel ihrer Mannschaft schauten. Nun sind Bayern-Fans von einem ganz anderen Schlag. Tatsächlich kennen sie ihre Spieler und ihrem Spielplan – sie sind einfach lange genug Erfolgsfans. Für sie steht außer Frage, dass der FC Bayern der größte Klub ist, seit es das Vereinsregister gibt. Und ein 7:0 gegen Basel genügt nicht, um den Anschluss zum FC Barcelona und Real Madrid herzustellen – es reicht für ein temporäres Überholmanöver. Womit wird wieder beim Thema Demut wären. Lieber tröstet sich eine Kurve ab und zu gegenseitig, weil das Leid so groß ist, als dieses verdammte “Mia san mia” in die Welt zu tragen.

Abgefunden mit dem Naturgesetz
Ich habe in meinem Leben aber auch schon sympathische Bayern-Fans getroffen. Man darf nur nicht mit ihnen über Fußball reden, mit ihnen Fußball gucken oder lesen, was sie darüber schreiben. Daran merke ich immer wieder, dass ich als Kind wirklich keine Bayern-Fans kannte. Sonst hätte ich damals nicht wutentbrannt die Mannschaftsfotos des Rekordmeisters aus meinen Kicker-Sonderheften gerissen, um mich abzureagieren. Doch ich habe sicherlich seit zehn Jahren meine Energie verbraucht, um mich über Titel des FC Bayern nur deshalb aufzuregen, weil ihr Briefkopf weiter wächst. Und ich stehe auch dazu (vielleicht mag sich jemand outen und mir beistehen), dass ich in diesem Jahr lieber einen Meister aus München als aus Dortmund sehe – weil ich mich mit Naturgesetzen viel besser arrangieren kann als mit -katastrophen.

Trotzdem bin ich froh, mit zwei saarländischen Borussen die Strecke nach Mönchengladbach zurücklegen zu dürfen. Der Fluss der Fußballfans auf der Autobahn ist tatsächlich – ein Fluss. Die paar Tropfen, die sich an der Quelle Saarbrücken aufgemacht haben, sind in der Eifel schon ein Bach, hinterm Kreuz Kerpen ein richtiger Strom und auf der Aachener Straße in Gladbach ein Ungetüm, das alles mit sich reißt. Um 18:53 Uhr. Und das aus allen Himmelsrichtungen, sogar aus Belgien und den Niederlanden.

Der Fixpunkt von Fußball-Deutschland an diesem Abend leuchtet bereits grün vom Feld. Zum Parken wird uns der Weg in ein kleines Wohngebiet gewiesen, das einer Geisterstadt gleicht. In der Lilienthalstraße und der Hugo-Eckener-Straße haben früher Soldaten gewohnt. Bei Google Maps stehen in den Gärten noch Kinderschwimmbecken und Schaukeln. Jetzt macht die Gegend den Eindruck, als habe man alle Einwohner für 24 Stunden evakuiert, um des Verkehrsproblems irgendwie Herr zu werden. Meine Mitfahrer sind – wie die jungen Leute heutzutage sagen – regelrecht geflasht von der Szenerie. “Aber alle Häuser haben neue Fenster”, sagen sie mindestens dreimal, “sogar mit Doppelverglasung.”

Der “Pinkel-Wald” ist weg
Dann trennen sich unsere Wege. Die Saar-Blies-Borussen werden ihre Fahne in der Südkurve aufhängen. Ich habe wie immer den Platz, der seit eineinhalb Jahren sogar meinen Namen trägt. Bleibt nur zu hoffen, dass für diese Art vom Zuhause nicht irgendwann eine Zweitwohnsitzsteuer fällig wird. Als Student dürfte meine Familie, die ebenfalls in Block 17A wohnt, die Kosten jedoch übernehmen.

Vor dem Stadion treffe ich Nils. Zusammen mit unserem Freund Simon steht er vor dem letzten Stück des legendären “Pinkel-Waldes” und schaut, als sei er bereit, sich an jeden einzelnen Baum zu ketten, falls auch dieser Teil bald gefällt wird. Beim Spiel gegen Freiburg schienen die Rodungsmaßnahmen rund um das Stadion die wichtigste Nachricht des Tages gewesen zu sein. Binnen fünf Minuten bekam ich je eine schockierte SMS von Nils und von meiner Mutter, die plötzlich zu Rettern des Borussia-Park-Baumbestandes mutiert waren. Vermutlich will sich der Verein für die Zeit herausputzen, wenn größere Vereine als der FC Bayern hier zu Gast sein könnten.

Der Fußball besitzt ein sehr gutes Kurzzeit- und nur ein bruchstückhaftes Langzeitgedächtnis. Im Hinblick auf dieses dritte Duell zwischen Gladbach und Bayern erweist sich das aber als problematisch. Denn was bitte ist zu erwarten, wenn das Langzeitgedächtnis von zwei Siegen der Borussia in dieser Saison erzählt, das Kurzzeitgedächtnis aber nur drei Siege des FCB mit insgesamt 20:1 Toren abrufen kann? Bevor die Antwort gefunden ist, geht es auch schon los. 54.049 Zuschauer im Stadion, mehr als zehn Millionen vor den Fernsehern in Deutschland – wann zuletzt so viele Menschen ein Spiel der Borussia verfolgt haben, könnten wahrscheinlich nur Kurt Brumme und Rudi Michel beantworten. Der Fußballgott hab’ sie selig.

Kroos an den Pfosten
Dass die Mannschaft von Lucien Favre weder sechs noch fünf noch vier Tore kassieren würde, schien bereits vorher klar. Und irgendwie ist diese Nie-zwei-Tore-Rechnung mittlerweile dermaßen Gesetz, dass ich drei Gegentore per se ausschließe und zwei für einen Gag halte, den sich das Schicksal im Abstand von etwa 25 Spielen mal erlaubt. Als Toni Kroos nach sechs Minuten zu genau zielt und den Pfosten trifft, fühle ich mich in meinem Glauben eher bestätigt als widerlegt. Es kann nie schaden, wenn dir das Glück in einem derart wichtigen Spiel bereits in der Anfangsphase freundschaftlich die Hand auf die Schulter legt.

Wenn beide Teams Sternbilder wären, dann würde die Borussia mit ihrem blitzartigen Umschalten wohl dem Kleinen Wagen gleichen. Die Bayern – geduldig, nur in entscheidenden Momenten mit Tempoverschärfungen – könnten sich wahrscheinlich nicht für ein einziges Sternbild entscheiden. Am ehesten würde noch die Cassiopeia zu den Zick-Zack-Pässen und den Spielverlagerungen rund um den Strafraum passen. Nach einer Viertelstunde hat Marc-André ter Stegen seinen ersten großen Auftritt, als er einem Kopfball von Mario Gomez den Zutritt verweigert.

Die Mitte der ersten Halbzeit gehört schließlich – falls in diesem Spiel außer dem Finalticket überhaupt irgendwem irgendetwas gehört – den Gastgebern. Marco Reus und Filip Daems scheitern an Manuel Neuer, der nach 200 Saisonminuten gegen Gladbach seinen zweiten und dritten nennenswerten Ball hält. Auch ein Nationaltorwart kann schließlich nicht immer, wie noch im Januar, ein späteres “Tor des Monats” vorbereiten.

Effenberg investigativ unterwegs
Es gibt in der Bundesliga keine Mannschaft, die freundlicher zu notorischen Zu-spät-Kommern ist oder einen Zehn-Kilometer-Stau auf dem Weg zum Stadion so erträglich macht. Seit 14 Spielen hat die Borussia in den ersten 45 Minuten kein Tor mehr kassiert. Eine plausiblere Erklärung für Arjen Robbens Fehlschuss kurz vor der Pause kann es kaum geben. Zum ersten und einzigen Mal hat Stefan Effenberg Recht mit seiner Begründung, warum die Nordkurve den Niederländer pausenlos auspfeift: “Sie haben Angst.” Jegliche Journalistenpreise in der Kategorie “Investigative Recherche” gehen in diesem Jahr an den “Tiger”.

Als der zweite Durchgang beginnt, bin ich mir der Tragweite dieses Spiels noch immer nicht richtig bewusst. Ein großer Abend, zweifellos, mit dem Ziel, den FC Bayern zum dritten Mal in einer Saison zu schlagen, was zuletzt 1977 Eintracht Frankfurt gelungen sein soll – dennoch habe ich mehr den Weg als das Ziel im Sinn. Noch ein paar Stunden zuvor habe ich mich vor lauter Hibbeligkeit glücklich geschätzt, nicht selbst auf dem Platz stehen zu müssen. Jetzt bin ich so unerwartet gelassen, dass ich mich glatt selbst einwechseln würde – “Trainer, ich spiel’ dann mal”.

In der Viertelstunde nach der Pause entwickelt sich erstmals ein offener Schlagabtausch. Zuvor war das Spiel eher eines für Taktikfetischisten, die im Alter nie Erektionsprobleme bekommen werden, weil ihnen allein der Begriff “Doppeln mit Absicherung” genügt, um glücklich zu werden. Doch nun gibt es tatsächlich so etwas Banales wie – Großchancen. Zunächst hat Robben eine, als Thomas Müller ihm mit der Hacke auflegt. In ihrer Konstanz mögen Messi, Iniesta und Xavi größere Künstler sein als alle Bayern-Spieler zusammen. Aber das Wort “Geniestreich” kommt eben von “Strich”. Und ein Strich ergibt zwar noch lange kein Gemälde, kann aber dennoch eine ungemeine Wirkung haben.

Sie dürfen den Gegner jetzt küssen
Im Gegenzug sorgt Juan Arango dafür, dass die Nordkurve zum ersten Mal so aussieht, als sei ein Tor gefallen. Doch es gibt einen feinen Unterschied zwischen Jublern und Entjubelten: Wer in der Erwartung eines Tores hochspringt und enttäuscht wird, landet wie ein Skateboarder, der seinen Sprung nicht steht. Arango hat nach Vorarbeit von Reus und Mike Hanke zwar viel Tor zur Verfügung, wird aber von Jerome Boateng arg bedrängt. Dennoch ist es eine Szene, um gefrustet ein imaginäres Skateboard zu zertrümmern.

In der Folge ist es kein Spiel wie Fürth gegen Dortmund, in dem für alle, die mit dem Underdog sympathisieren, jeder gelungene Pass ein Überraschungserfolg gegen einen schier übermächtigen Gegner ist. Was immer die Elf vom Niederrhein macht, egal ob hinten oder vorne, hat eine Handschrift. 60 Minuten sind gespielt. Und Gladbach ist mit den Bayern so sehr auf Augenhöhe, dass sich beide Mannschaften problemlos küssen könnten.

Patrick Herrmann feiert nach einem Monat Pause sein Comeback. Früher fielen Borussen mit einem Muskelfaserriss gefühlte acht Wochen aus. Jetzt bricht sich ein 21-jähriges halbes Hemd das Schlüsselbein, beginnt wahrscheinlich schon wieder auf dem Krankenhausflur mit dem Lauftraining und steigt nach kurzer Zeit mit einer spektakulären Karbon-Konstruktion wieder voll ins Geschehen ein. Leider muss Lucien Favre im selben Moment einen seiner drei Wechsel praktisch wegschmeißen. Für Martin Stranzl geht es verletzungsbedingt nicht mehr weiter, Roel Brouwers kommt. Wohl dem, der es sich erlauben kann, wie ein desinteressierter Teenager mit den Schultern zu zucken, weil der Innenverteidiger 2a von 2b ersetzt wird.

“Mönchengladbach olé”
In der Relegation gegen Bochum war der Borussia-Park lange Zeit gelähmt, weil niemand sich davon freimachen konnte, dass ein Scheitern eine neue Liga bedeuten würde. Monatelang hatte man sich dagegen gesträubt, endgültig aufzugeben, solange rechnerisch alles möglich war. Und nun hatte Gladbach erstmals seit langer Zeit wieder etwas zu verlieren. Erst nach einer guten Stunde sagte sich das Stadion: Verdammt nochmal, wir reißen uns jetzt zusammen und erschreien, was nach menschenlichen Maßstäben doch eigentlich gar nicht zu erschreien ist. Der Rest ist Geschichte.

Etwa zur gleichen Zeit wie vor fast einem Jahr realisiert der Borussia-Park auch diesmal, dass er mehr bewegen kann, als ein aufgeklärter und rational denkender Mensch für möglich hält. Und wieder ist es dieses einfachste aller Lieder, das 50.000 zum Stehen bringt. Jede Strophe besteht aus zehn Wörtern, es gibt überhaupt nur zwei verschiedene: Je zweimal “olé”, dann dreimal “Mönchengladbach olé”. Da können alle Liedermacher der Kurven noch so lange bei YouTube suchen, noch so viele Threads in den Foren füllen und am Metrum feilen wie große Dichter, die so groß waren, dass sie am Metrum wahrscheinlich gar nicht feilen mussten.

Eine Viertelstunde vor dem Ende der regulären Spielzeit bringt Favre den nächsten Bayern-Schreck. Im Hinspiel waren sich Neuer und Boateng nicht einig, wer nun den langen Ball von Brouwers klären soll. Igor de Camargo bot sich großzügig als Schlichter an und erzielte das Tor zum 1:0-Auswärtssieg, ohne den der Zauber dieser Saison zumindest etwas länger gebraucht hätte, um sich zu entfalten. Hanke geht runter.

“Roooeel
In der 83. Minute wird Brouwers angeschossen und kommt so zu einer Großchance. Dem Ball, der ins Aus trudelt, geht der Niederländer nach, schmetternde “Roooeel”-Rufe. Wenn die Nordkurve bei jeder Aktion meinen Namen rufen würde, könnte ich mich gar nicht mehr zusammenreißen und würde binnen eines Spiels so viele Bälle verstolpern, dass es sich mit den Rufen schnell erledigt hätte. Es wäre möglich, in jedem neuen Absatz einem anderen Borussen zu huldigen. Vermutlich ist eine Mannschaft dann zum Spitzenteam gereift, wenn konstant gute und zuverlässige Leistungen schon nicht mehr reichen, um von der breiten Masse entsprechend gewürdigt zu werden.

Arangos brillianter Technik und seinem Auge habe ich zig Abschnitte gewidmet. Sechs Minuten vor dem Ende leistet der Venezolaner beinahe die wichtigste Vorarbeit, seit er am Niederrhein ist. Einen Gegenspieler lässt er stehen, dann ein Doppelpass mit de Camargo und wo andere Spieler in Ruhe den Kopf hochnehmen würde, spielt Arango einen Querpass in die Spitze (so etwas geht tatsächlich). In der Mitte hat Reus den Platz, den er braucht, die Zeit, die er braucht. Aber Manuel Neuer hat wieder zu sich selbst gefunden und setzt sich praktisch auf den Schuss von Reus. Um zu erahnen, wie knapp es war, muss man sich vorstellen, man würde mit verbundenen Augen durch einen Park laufen und sich genau auf die eine von 100 Bänken setzen, die voller Taubenkot ist.

Wenig später wird eine Minute Nachspielzeit angezeigt. Fünf Sekunden, bevor die Zeit abgelaufen ist, bekommt Gladbach noch einen Einwurf vor der Haupttribüne, auf Höhe des Strafraums. Havard Nordtveit kümmert sich darum. Es ist ein Déjà-vu, nur spiegelverkehrt – und ohne Tor von de Camargo. Als die Bayern den Ball haben, pfeift Thorsten Kinhöfer ab.

Vier Fouls
In dreimal 90 Minuten gegen den Rekordmeister hat Gladbach ein einziges Gegentor kassiert – einen Ehrentreffer von Bastian Schweinsteiger, der für niemanden eine Ehre gewesen sein wird. Neben den Innenverteidigern hatten auch Tony Jantschke und Filip Daems einen unfassbar großen Anteil daran. Es muss auf den Außenpositionen in der Viererkette nicht immer ein Dani Alves sein, der die Rolle als defensiver Außenstürmer interpretiert. Es genügt einfach, unterm Strich kein einziges Tor von Franck Ribéry und Arjen Robben zuzulassen. Ein eher nüchterner Achtjähriger würde beim Panini-Bilder-Tauschen auf dem Schulhof sagen: Die sind ganz gut. Und obendrein hat sich die Borussia in der regulären Spielzeit mickrige vier Fouls geleistet.

Noch immer entgleisen mir beim Gedanken an 30 Minuten Verlängerung nicht alle Gesichtszüge. “Die Seele brennt” ertönt und drei Minuten Singen beruhigen so sehr wie die Lautsprecherdurchsagen in Aldous Huxleys “Schöne neue Welt”, die die Menschen zur Ruhe ermahnen, wenn mal wieder etwas aus dem Ruder läuft. Die Nervosität ist da, aber genauso gut zu bewältigen wie beim Warten aufs Christkind. Entweder es hat den Wunschzettel sorgfältig abgearbeitet – oder nicht.

Selten habe ich eine Verlängerung erlebt, die derart im Fluge vergeht. Schrecksekunden sind Mangelware. Einmal läuft Roman Neustädter lediglich am eigenen Strafraum am Ball vorbei, was insofern verwundert, als Neustädter zu diesem Zeitpunkt kaum noch laufen kann. Auch Arango dürfte mehr Kilometer gemacht haben als in allen Spielen unter Michael Frontzeck zusammen. Nach der kräftezehrenden Schlussphase in Leverkusen ist die Extrazeit im DFB-Pokal selbst für fitte Borussen ein bisschen zu viel des Guten. Aber auf 17 Bundesligaspiele kommen ja auch nur sechs Champions-League-Spiele. Das sollte zu schaffen sein. Außerdem gibt es in der Gruppenphase keine Verlängerung.

Sorgen um die Gesundheit
Als auch die letzte Bergankunft der zwei Stunden langen Etappe geschafft ist, landen innerhalb von wenigen Augenblicken vier SMS auf meinem Handy. Wer mich kennt, macht sich offenbar ernsthafte Sorgen um meine Gesundheit – was ansonsten auch durchaus angebracht ist. Aber die Aufforderungen, das Atmen nicht zu vergessen, sind mehr ein schöner Freundschaftsbeweis als medizinisch dringend notwendig. Wer lediglich fürchten muss, dass die Erfüllung eines Traumes vertagt wird, bleibt geradezu gelassen im Vergleich zu den Spielen, als die Existenzangst mit einer einfachen Küchenwaage gemessen werden konnte.

Falls jemand irgendwann einmal an Langeweile leidet, könnte er sich die Mühe machen und herausfinden, welchen Einfluss die Seitenwahl beim Elfmeterschießen auf den Ausgang hat. Ter Stegen und Neuer trotten in Richtung Südkurve. Die Entscheidung aus elf Metern Entfernung fällt also in 124 Metern Entfernung. Lucien Favre wird sich beim Suchen der Schützen vor lauter Laktat wie ein Milchbauer in seiner Schweizer Heimat gefühlt haben. Daems, Daems, Daems, Daems und Daems – das wäre eine vielversprechende Fünfer-Kombination gewesen.

Falls jemand meinen Aufruf erhört, kann er gleich noch herausfinden, ob die Mannschaft, die beginnt, auch häufiger gewinnt. David Alaba macht den Anfang, 1:0, und für genauso viele Treffer haben die Bayern zuvor 300 Minuten benötigt. Dann kommt Daems, Favre löst sein Freilos gleich beim ersten Schützen ein. Es ist zwar eng, aber der Belgier versenkt unterm Strich auch seinen 14. Elfmeter im Trikot mit der Raute. Ribéry hat noch weniger Mühe, am coolsten von allen aber verwandelt Herrmann. Lahm bringt die Bayern mit dem dritten Elfmeter wieder in Führung.

Das elfte Gebot
Nun kann man Dante auf jeden Fall nicht vorwerfen, dass er einen seiner Kollegen, dem das Laktat aus den Ohren kam, ins Verderben humpeln lässt. Offenbar fühlt sich der Brasilianer so sicher, dass nicht einmal die Rede davon sein kann, er würde sich opfern. Aber ist es nicht dennoch bezeichnend, wenn jeder Zuschauer plötzlich den jungen Lothar Matthäus vor Augen hat, während Dante zielstrebig zum Elfmeterpunkt geht? Der berühmteste Abendhimmel hängt auch heute noch in Belgrad, der in Frankfurt ist durch Matthäus 1984 relativ berühmt geworden. Aber auch in dieser Hinsicht sollte man Mönchengladbach nicht unterschätzen. Das Matthäus-Evangelium wird in Dante-Evangelium umbenannt, die Zehn Gebote wandern genau dorthin und werden um ein elftes erweitert: Du sollst nicht schießen! Wobei das lediglich die Gewissheit gebracht hätte, dass nicht Dante, sondern unter Umständen ein anderer verschossen hätte.

Kroos erhöht anschließend auf 4:2. Ter Stegens Zettels hätte beinahe erstmals Wirkung gezeigt. Als Nordtveit antritt, sucht dieses Pokalspiel noch einen Norbert Ringels, nachdem es seinen Lothar Matthäus schon gefunden hat. Doch für Nordtveit ist es vermutlich kein Trost, dass sich in 28 Jahren niemand an seinen Fehlschuss erinnern wird. Manuel Neuer schafft es, in der Ecke und in der Mitte gleichzeitig zu stehen. Zwei seiner Fehler gegen Gladbach werden den FC Bayern am Saisonende unter Umständen die Meisterschaft gekostet haben. Halbe Wiedergutmachung bringt immer den Einzug ins Pokalfinale. Taktikexperten können mittlerweile jeden einzelnen Spielzug erklären – nur das Elfmeterschießen wird ihnen für immer ein Rätsel bleiben.

In diesem Moment realisiere ich, dass ich ein Jahr lang nicht annähernd traurig gewesen bin wegen eines Fußballspiels. Reus, Neustädter und Co. lassen einen leise erahnen, wie es damals in Bochum ausgesehen hätte, wenn das Wunder ausgeblieben wäre. Zerknirscht hocken sie auf dem Boden, das Gesicht in den Händen vergraben. Es ist Trauer in der Lightversion, viel besser zu verdauen, aber es ist noch immer Trauer.

Warm, wärmer, Applaus
Der erste Teil der Bewältigungsarbeit beginnt nach wenigen Minuten, als die Mannschaft sich aufgerappelt hat. In einer Ehrenrunde, die diesmal völlig zu Recht so heißt, holt sie sich ihren verdienten Applaus ab. Und jeder im Stadion dürfte merken, warum es nur warmen und keinen kalten gibt. Kaum jemand dürfte nach dieser Leistung einen Grund sehen, die Fahnen auf Halbmast zu hängen.

Meine Eltern und mein Bruder machen sich auf nach Hause. Ich laufe zurück in die Soldatensiedlung, um auf meine Mitfahrer zu warten. Dort sitze ich eine zeitlang auf dem Bordstein und bin allenfalls geschlaucht von 120 mitreißenden Minuten plus Elfmeterschießen. Selbst mit größter Anstrengung will es mir nicht gelingen, in diesem Scheitern im Halbfinale ein großes Drama zu erkennen. Bei aller Enttäuschung hält es einen, ganz rational betrachtet, sogar auf dem Boden, wenn sich in einem Jahr nicht gleich zwei der großen Fußball-Lebensziele erfüllen. Und wenn ich es mir auf diese Weise nur schönrede, dann wenigstens mit Erfolg.

Um vier Uhr kann ich endlich ins Bett. Ein wenig fühlt es sich so an, als sei diese Saison auf einmal über ihr Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus. Wie wichtig es aber ist, auf Platz drei und nicht auf Platz vier zu landen, würde man wahrscheinlich erst merken, wenn Arsenal, Rom oder Moskau in der Champions-League-Qualifikation doch eine Nummer zu groß wären. Gegen Hoffenheim, Hannover, Berlin, Bremen, Köln, Dortmund, Augsburg und Mainz wird diese Saison weiter ihre Geschichte schreiben. Nur die vom DFB-Pokal ist nun auserzählt. Vorerst.

24. März 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Als ich den Titel gelesen habe, wußte ich schon, das ist es!!! Ich stimme Dir voll und ganz zu und bin auch beim Resumee absolut Deiner Meinung.
    Toller Bericht!!Dabke!

  2. So bitter das Ausscheiden auch ist, die Leistung war wieder sensationell und bestätigt die herausragende Saison. Aber Elfmeterschießen ist immer noch gerechter als Münzewerfen. Nächstes Jahr wird wieder angegriffen, man muß ja noch Ziele haben ;-)
    Leider hat es uns wohl auch die heutigen Punkte und die weiße Weste in der Liga gekostet…:-(

  3. Meine Enttäuschung über das Ausscheiden kam erst am nächsten Morgen, der Abend im Park war zu aufregend und die Leistung der Mannschaft zu gut um auch nur einen Moment daran zu denken dass dieses Ergebnis im Elfmeterschießen eine Niederlage gewesen sein könnte. War sie im Endeffekt auch nicht, trotzdem hätte die Mannschaft für den Kampfgeist und den schönen Fußball verdient weiter zu kommen.

    Nächstes Jahr vielleicht… :-)

  4. Auf der Rückfahrt sehr viel Zeit gehabt, nachzudenken. Wie 2004 nach dem Aachen-Spiel. Ankunft morgens um 5:30. Aber dieses Mal kein Hadern, Zaudern, Lamentieren. Außer daß ich Dante niemals hätte schießen lassen. Mein Alptraum war ja, daß wir im DFB-Pokal-Endspiel gegen Doofmund ins 11er-Schießen müssen und dann irgendwann Reus an der Reihe wäre … Das wäre die richtige “Matthäus 2.0 – Reloaded”-Version gewesen. Aber so hat uns Dante wenigestens eine Mini-Version derer beschert.

    Also, dann oute ich mich mal auch: JA, ich will auch, daß lieber der FCB statt Doofmund Meister wird. Ähnliche Begründung wie bei Dir, Jannik, aber mit dem Zusatz: ich will nicht, daß irgendein Verein außer unserer Borussia den zweiten DFL-Meister-Stern tragen darf. Aber auf Dauer wird sich das wohl nicht vermeiden lassen.

    SGW von der Elbe,
    Martin

    PS: “Daems, Daems, Daems, Daems und Daems”. :)

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