Irrungen, Wirrungen

Saison 2011/2012: 27. Spieltag - Gladbach 1:2 Hoffenheim

Die 500. Niederlage der Borussia in der Bundesliga-Geschichte, die erste im eigenen Stadion seit mehr als einem Jahr und dazu noch zwei Gegentore – es fehlen einem beinahe die Worte, wenn so viele vermeintliche Dinge der Unmöglichkeit auf einmal eintreten. Und doch ist es passiert. Was nichts daran ändert, dass es keine 100-prozentige Erklärung gibt.

Natürlich ist die “Böklunder-Fanbox” in erster Linie dazu da, Würstchen zu verkaufen – obwohl sie gar keine Imbissbude ist. Aber Anhänger der Borussia können sich nun einmal vor die grüne Werbewand stellen und mehr oder minder geistreiche Dinge erzählen. So ist es auch in der Halbzeit gegen Hoffenheim. Ein Vater schickt mit seinem kleinen Sohn Grüße in die Heimat. Da die an der Schweizer Grenze liegt und beide nach eigenem Bekunden um 6 Uhr aufgebrochen sind, applaudiert die Nordkurve anerkennend.

Nun will ich keinen Applaus, geschweige denn Standing Ovations für meine Reiselust der vergangenen Tage. Aber zumindest fühle ich mich dem Vater-Sohn-Duo aus Süddeutschland verbunden, nachdem ich innerhalb von zehn Tagen dreimal aus dem Saarland an den Niederrhein gefahren bin und wieder zurück. Das macht knapp 2000 Kilometer – wenn die Züge denn Luftlinie und nicht ein Dreieck über Frankfurt fahren würden.

Der Lahn-Dill-Kreis als Eisbrecher
Am Freitagabend fuhr ich auf Kosten der Bahn mit dem Taxi nach Anrath, weil ich mal wieder einen Anschlusszug verpasst hatte und so spät kein Weg mehr nach Hause führte. Taxifahrer am Niederrhein beginnen in der Regel erst zu quatschen, wenn man von sich aus Kontakt aufnimmt. So kam es, dass wir an der Ampel hinter einem Bus aus Wetzlar mit dem Kennzeichen LDK hielten und ich auf die auf die Frage des Fahrers (“Wofür steht dat denn?”) von der Rückbank “Lahn-Dill-Kreis” antwortete. Woher ich das wusste, wusste ich selbst nicht.

Es war der Beginn eines Gesprächs, in dem wir nachts um halb eins von Höcksken auf Stöcksken kamen und natürlich binnen wenigen Minuten auch auf die Borussia – Drama, Dante, dat gibbet doch nicht! Wie muss die Liebe von Nicht-Niederrheinern zu diesem Verein aussehen? Die Liebe von Menschen, die den Stadionbesuch nicht mit einem Wochenende bei den Eltern verbinden können und nachher wieder auf der Autobahn verschwinden, wie ich nach dem Pokalspiel gegen die Bayern? Meine Vorstellungskraft stößt an ihre Grenzen, wenn ich mir ausmale, Gladbach wäre für mich nicht gleichzeitig auch ein Stück Heimat. Man möge es mir erklären. Ich will endlich verstehen, wie eine fußballerische Fernbeziehung funktioniert.

Am Samstag geht es nur mit meinem Bruder los zum Stadion. Die andere Hälfte der Familie hat sich krank abgemeldet. Man könnte meinen, der Pokalabend drei Tage zuvor habe auch hier seine Spuren hinterlassen. Souverän zählt mein Bruder alle Spiele auf, die nur wir beide besucht haben. Ich bin immer wieder fasziniert, wozu Kais Gedächtnis imstande ist, wenn es um Fußball geht. Mein Bruder hat das Down-Syndrom, was ihn aber keineswegs daran hindert, einigermaßen schreiben, rechnen und lesen zu können. Nur kann er all das am besten, wenn er Vereinsnamen notiert, die verbleibende Spielzeit bis zur Halbzeit angibt und das FohlenEcho in der Hand hat. Entscheidend is’ manchmal doch nicht nur auf’m Platz.

Tage des Beifalls
Die erste interessante Frage des Spieltages wird um 15:26 Uhr beantwortet: Wie wird Dante nach seinem Fehlschuss empfangen? Es war zu erwarten, dass kaum jemand einen Groll gegen ihn hegen wird. Dass die Ansage der Mannschaftsaufstellung nach der Nummer 31 kurz unterbrochen werden muss, weil das Stadion den Brasilianer demonstrativ bejubelt, ist ein gutes Zeichen. Schon Marco Reus wurde sein mulmiges Gefühl nach Bekanntgabe seines Wechsels schnell genommen. Es geht tatsächlich auch anders.

Auch wenn die Niederlage im Elfmeterschießen schnell verdaut war und der Stolz überwog, ist es gegen Hoffenheim dennoch “das Spiel danach”, in dem es zurück zur Normalität gehen soll. Lucien Favre hat Roel Brouwers, Igor de Camargo, Patrick Herrmann und Thorben Marx aus ganz unterschiedlichen Gründen für Martin Stranzl, Mike Hanke, Oscar Wendt und Havard Nordtveit gebracht. Diesmal ist die Startelf etwas zusammengewürfelter, nachdem gegen die Bayern – bis auf Oscar Wendt – noch dieselbe Mannschaft begonnen hatte wie in der Relegation gegen Bochum vor zehn Monaten.

Im fast ausverkauften Borussia-Park neutralisieren sich Gladbach und Hoffenheim mehr als 20 Minuten lang, ohne dass es ihr oberstes Ziel sei. Während die Borussia noch nicht zu begreifen scheint, dass die nervenaufreibende Verlängerung vorbei ist, starten die Gäste ebenfalls keine nennenswerten Versuche, in Führung zu gehen. Da praktisch nichts passiert, ist früh absehbar, dass der VfL zum 15. Mal in Folge ohne Gegentor in die Halbzeitpause gehen wird, obwohl Hoffenheim noch alle Zeit der Welt hat, etwas daran zu ändern.

Die Belgier kommen
Viel geht bei Gladbach über die linke Seite, wo Filip Daems viele – auch mich – eines Besseren belehrt, die seinen dritten Frühling vor allem in der Defensive sehen. Bei jedem zweiten Abspiel bietet der Belgier seinem Vordermann Juan Arango im Vollsprint einen Doppelpass an. Ich bitte Nationaltrainer Georges Leekens um Aufklärung, was Belgiens linker Stammverteidiger so viel besser kann.

Die erste gute Chance hat ein anderer Belgier, der mal Brasilianer war und in dieser Szene unfreiwillig zeigt, warum er, anders als Kollege Dante, wahrscheinlich nicht einmal von der Seleçao geträumt hat. De Camargo taucht nach einem Arango-Pass von Arango frei vor dem Tor auf, verstolpert aber kläglich (es gibt solche Worte, die man hasst, um die man aber manchmal nicht herumkommt). Zum ersten Mal seit der Choreo vor dem Spiel, die den fliegenden Favre zeigte, der auch als Foto an meiner Wand hängt, geht ein Roman-Herzog-Ruck durch den Borussia-Park.

Was die Mannschaft da veranstaltet, erinnert ein wenig an die Endphase der vergangenen Saison, an die Spiele in Hannover oder zu Hause gegen Freiburg. Gladbach ist überlegen, teilweise dominant, erspielt sich Torchancen, steht hinten sicher. Aber unter dem weißen Trikot schimmert kein blau-rotes hervor, alles ist lediglich gut und grundsolide. Das reicht im Schnitt, um an den Europacupplätzen zu schnuppern. Nach ein paar Leistungen, in denen das weiße Trikot von einem blau-roten überdeckt zu werden schien, darf man dann zwangsläufig von mehr träumen.

Kleine Bären mit Raute
Brouwers köpft nach einer Ecke beinahe das 1:0. In der 37. Minute überlegt Reus 0,2 Sekunden zu lang, welchen Fuß er frei vor Tom Starke nehmen soll. Sein Schuss (mit rechts) geht links vorbei. Aber es dauert nur einen Moment, bis die Borussia nach fast 300 Minuten wieder ein Heimtor erzielt. Starke benennt sich beim Abstoß für kurze Zeit in Schwache um. Neustädter – als hätte er wiederum Starkes Namen angenommen – erobert den Ball. Dann geht es ganz schnell. Aus der Vogelperspektive müssen die schnellen Pässe im Viereck wieder einmal aussehen wie der Kleine Bär. Sternbildgetreu geht es fix in die Spitze, Herrmann legt quer auf Reus, der Starke keine Chance lässt. Tore wie dieses sind der Grund, warum Gladbach zehn Punkte vor Leverkusen, Bremen und Co. steht.

Wenig später kann jeder sehen, warum die Borussia sogar darauf hoffen darf, am Ende vor einer Mannschaft wie Schalke zu landen, deren Spieler – obwohl ich diese Vergleiche gar nicht mag – im Schnitt zwei Drittel mehr wert sind und noch viel mehr gekostet haben. Daems macht sich im Vollsprint auf zur Grundlinie. Seinen Rückpass lässt Reus geschickt durch. Und Arango zeigt aus 16 Metern, dass sein linker Fuß nicht nur so filigran sein kann wie eine Stricknadel. Der Venezolaner kann damit auch ausholen wie ein Eishockeyspieler mit seinem Schläger und ähnlich viel Schaden anrichten. In welcher Sportart es schwieriger ist, die Latte zu treffen, darüber darf man streiten. So geht es mit dem 1:0 in die Pause.

Danach passiert wenig, aber immerhin so viel, dass das Endergebnis dieses Spiels nun wirklich nicht zu erahnen ist. Einmal kann de Camargo einen Fehler der Hoffenheimer, der nicht von dieser Welt ist, nicht nutzen. Dann kommt er nach einer Flanke von Marx zum Kopfball und beweist, dass Seiten wie transfermarkt.de zumindest die Relationen einigermaßen wiedergeben. Ein Klaas-Jan Huntelaar hätte sich diese Chance wahrscheinlich nicht nehmen lassen. Aber der kostet auch – ich will den Satz gar nicht zu Ende bringen.

Glücksrad
Also kristallisiert sich eine Viertelstunde vor dem Ende ein typisches Gladbacher 1:0-Spiel heraus. Hanke ist gekommen für den unterm Strich bemühten, aber vor dem Tor glücklosen de Camargo. Kurz zuvor hat Marc-André ter Stegen den ersten Ball auf sein Tor bekommen, ein durchaus gefährliches Ding von Boris Vukcevic. Doch Hoffenheim ist von einer Sturm-und-Drang-Phase zu diesem Zeitpunkt noch so weit entfernt wie ein Glücksrad-Kandidat, der “Sturm-und-Drang-Phase” erraten muss, aber erst ein “a wie Anton” und ein “r wie Richard” gekauft hat.

Dennoch kassiert der Tabellendritte, Gladbach, der über weite Strecken wie ein Tabellensiebter gespielt hat, in der 77. Minute ein Gegentor, das man eigentlich nur als Tabellenletzter kassiert. Neustädter presst engagiert, wird aber von den Kollegen im Stich gelassen. Den eingewechselten Firmino kann er nicht stoppen. Dann wird Tony Jantschke vom Brasilianer so leicht ausgetanzt, wie es ein bundesweit bekannter Franzose in 120 Minuten nicht geschafft hat. Die Kette unglücklicher Handlungen und Ereignisse vollendet schließlich Brouwers, der Firminos Schuss unhaltbar abfälscht.

Bevor sich die Borussia – so langsam stehend, wenn auch nicht liegend k. o. – entscheiden kann, ob sie auf Sieg spielt oder den Punkt über die Zeit rettet, wirft Hoffenheim ganz andere Fragen auf. Sejad Salihovic schlägt eine Ecke, ter Stegen sieht im Fünfmeterraum gegen Vukcevic so schlecht aus wie ein Zahlungsverweigerer, der die GEZ in die Wohnung gelassen hat. Beinahe aus dem Nichts hat Gladbach nach 22 Pflichtspielen wieder zwei Tore kassiert, ohne einen besonders triftigen Grund dafür zu kennen.

Besser vorbereitet sein
Ein 22-Meter-Knaller von Daems sei noch schnell erwähnt. Und dann beginnt an dieser Stelle schon nach 79 Minuten die Analyse der ersten Heimniederlage seit mehr als einem Jahr – es ist gleichzeitig die 500. in der Gladbacher Bundesligageschichte. Sie ist so unnötig, dass man sich vollkommen hinter Zahlen verstecken will. Zwei Gegentore gibt es für die Borussia unter Favre anscheinend nur gegen Vereine, die nicht zu den seligsten der Liga gehören: Wolfsburg, Leverkusen, Hoffenheim, jeweils im Abstand von 22 Spielen. Am 11. oder 13. Spieltag der kommenden Saison (je nachdem, ob die Borussia in die Champions-League-Quali muss oder nicht) werde ich auf jeden Fall besser auf dieses Ereignis vorbereitet sein.

Es wäre zu einfach, auf die DFL zu schimpfen, die diesen 27. Spieltag terminiert hat, als noch nicht einmal das Viertelfinale im DFB-Pokal gespielt war. Wobei der Rhythmus der Bekanntgabe auch nicht immer ganz nachzuvollziehen ist. Gut 64 Stunden blieben der Borussia so nur von Dantes und Nordtveits Fehlschüssen bis zum Anpfiff in der Bundesliga, während Dortmund sich fünf Tage lang ausruhen durfte. Aber diese Ausrede soll nur gelten, wenn Gladbach am kommenden Spieltag in Hannover so frisch auftritt, dass ein erneuter Misserfolg nur mit Pech, Fehlentscheidungen des Schiedsrichters oder einer überragenden Leistung des Gegners zu erklären wäre.

Der dritte Platz ist vorübergehend futsch. Ohne den Sieg gegen Schalke im Februar wäre er jetzt wahrscheinlich völlig verloren. Und ohne den Sieg in Leverkusen wäre selbst das einmalige Spielen der Champions-League-Hymne im Borussia-Park in Gefahr (obwohl man sich so weit aus dem Fenster lehnen darf, dass für Platz vier nun ein einziger Sieg in sieben verbleibenden Spielen sicher reichen dürfte).

Tag zum Vergessen und mahnendes Beispiel?
Unterm Strich ist die Rückrunde sogar einen Punkt besser als der gleiche Zeitraum in der Hinrunde. Aus den vergangenen fünf Spielen gab es nur fünf Punkte, an den Spieltagen 6 bis 10, als es zu dieser Zeit ebenfalls nicht gut lief, waren es sieben. So weit ist also noch alles in Butter. Ob die Niederlage gegen Hoffenheim ein Tag zum Vergessen oder doch ein mahnendes Beispiel war, kann nur die Mannschaft entscheiden. 16 Punkte aus sieben Spielen dürften auch jetzt wieder nötig sein, um Schalke noch zu überholen.

Neben Luxusproblemen gibt es auch Momente der Luxusverwirrung. So einen hatte ich nach 85 Minuten, als ich mich irritiert umblickte und nicht so richtig wusste, was genau mich da störte. Manchmal hat man ja die beklopptesten Erkenntnisse. Ich musste ein Jahr in den USA verbringen, um beim Verlassen der Sicherheitszone auf dem Frankfurter Flughafen zu bemerken, dass Deutschland wie Deutschland riecht. Es dauerte am Samstag noch ein wenig, bis ich die Menschen auf den Gängen bemerkte, die mich irritierten. Wie auf Rolltreppen im Kaufhaus strömten sie nach draußen. Tatsächlich hatte ein Jahr lang niemand enttäuscht und gefrustet schon vor dem Abpfiff das Stadion verlassen. Man merkt erst, wie markant dieses Bild ist, wenn man es lange nicht gesehen hat. Und so wäre es ein gutes Zeichen, wenn bis zum Saisonende jeder freiwillig auf seinem Platz bleiben würde.

26. März 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. das war schon echt bitter.. musste nach dem Spiel erstmal ein paar Minuten in der Nordkurve stehen bleiben um zu realisieren, was sich vor mir abgespielt hatte.. und jetzt nach deinem Bericht wird mir bewusst, dass ich immer noch dran zu knabbern habe. Menschen sind einfach Gewohnheitstiere. Das kann man so festhalten.

    Toller Bericht. Am Anfang finden sich ein paar Rechtschreibfehler.. auch wenns keinen interessiert ist es mir aufgefallen, da ich sie zuvor bei keinem deiner Berichte feststellen konnte.

    Weiter gehts.

  2. Danke für den Hinweis, Matze! Hab’ das Ding vorhin erstmal reingestellt, bevor ich nochmal rübergelesen habe. Dürfte so gewesen sein, dass ich die Fehler vorne gefunden habe, während du schon weiter hinten im Text warst. Wenn noch welche da sind, einfach melden.;)

  3. wird gemacht. Wenn es dann nach 22 Berichten mal wieder passiert ;) Hoffen wir, dass dies nie mehr passiert… also du weisst schon was ich mein..

  4. Also – eine Fernbeziehung mit Borussia ist vergleichbar mit ner Fernbeziehung zu ner hübschen Frau. Man hat keinen Alltag – nur schöne Erinnerungen und Vorfreude….Zwar fragt man sich schon auf der Rückfahrt, weshalb man sich das immer antut…….das Gute könnte auch so nah sein….- aber kaum ist man daheim………will man schon wieder zurück zur Liebe ! Von einem, der beides kannte ( Frau ) und noch kennt ( Borussia)……..beste Grüsse aus Mainz

  5. Ja wenn dann kommt alles zusammen. Die Borrusia ist eine sehr starke und sympatische Truppe, die nächstes Spiel wieder vollgas geben wird und das Spiel gewinnt. Ich denke das Spiel im DFB und der dramatische Ausgang steckte den Spielern noch in den Beinen und verhinderte, dass bis zur letzten Minute die Konzentration hochgehalten werden konnte. Die Mannschaft und der Trainer wissen aber wie man mit solchen Momenten umzugehen hat. Sie werden eine passende Antwort liefern.

  6. Ich hatte ja vermutet das Favres Pakt mit dem Teufel nur für 13 Monate galt, denn das Spiel hatte schon was Frontzecksches:

    Relativ früh führen, viele Chance vergeigen und dann aufn Sack kriegen.

    Da aber der 14. März 2012 schon 2 Wochen her ist und das Spiel gegen Leverkusen ja gewonnen worden ist, kann das ja nicht sein, oder?

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