Zehn Prozent auf alles

Saison 2011/2012: 28. Spieltag - Hannover 2:1 Gladbach

Pech, Fehlentscheidungen, sintflutartiger Regen – all das hätte eine Niederlage in Hannover irgendwie entschuldigt. Ähnlich hätte es bei einer Pleite nach hervorragendem Spiel und aufopferungsvollem Kampf ausgesehen. So aber bleibt festzuhalten, dass es nicht gereicht hat, weil die Borussia viel zu viele Fehler machte. Jetzt sucht sie nach dem berühmtesten Hebel der Welt, um ihn umzulegen – wenn das mal so einfach wird.

Wow, das ging schnell. Es ist 15:32 Uhr und Gladbach führt bereits mit 1:0 in Hannover. Zumindest sagt das irgendein Livestream-Anbieter auf irgendeiner Seite, die Livestream-Anbieter auflistet. Das Ding lädt ewig. Nach einer Minute fällt mir auf, dass es überhaupt nicht lädt. Eine weitere Minute dauert es, bis ich das Datum unter der Spielpaarung entdecke: 30. April 2011. Der Torschütze: Marco Reus in der 76. Minute.

Ich bin am Sonntag extra eine Stunde früher zur Arbeit gekommen, pünktlich zum Anpfiff, weil ich sonst während des Spiels hätte aufbrechen müssen. Dann jedoch läuft auf dem Hauskanal des Saarländischen Rundfunks, der um diese Zeit in der Regel immer Sky zeigt, tatsächlich noch die dritte Partie des Endspiels der Tischtennis-WM – Baum statt Borussia. Und die Vergangenheit verarscht mich in Form eines längst abgelaufenen Livestreams aus der Saison 2010/2011.

Während ich weiter verzweifelt suche, schaltet ein imaginärer Fernsehzuschauer um. Erst landet der Mann mit der Macht über den Hauskanal bei der Zusammenfassung der Zweitligaspiele. Wenig später realisiert er, dass er etwas ganz anderes wollte. Dann endlich: Hannover calling. Nach sechs Minuten steht es noch 0:0, genau wie vor einem Jahr, als der Livestream noch aktuell und die Borussia eine todgeweihte Mannschaft war.

Auf 96-Kurs
Im Jahr 2012 eilt der Verein dem Vorbild Hannover 96 hinterher. Die Niedersachsen sprangen jeweils eine Saison früher dem Abstieg von der Schippe und landeten eine Saison früher auf Platz vier. Nur bewegte sich Hannover damals im Bereich von Sensationen, nicht von Wundern à la Gladbach. Womit die Elf vom Niederrhein im kommenden Jahr die Europa League gewinnen müsste, anstatt das Viertelfinale zu erreichen. Zumindest wäre das konsequent.

Es ist nicht leicht, gegen sich selbst zu spielen, wenn das eigene Konzept in der Regel ein vielsprechendes ist. Während die Borussia in der Anfangsphase um die 65 Prozent Ballbesitz hat, igelt sich 96 geschickt in der eigenen Hälfte ein, um den Gegner erst einmal kommen zu lassen. Wenn sowohl die Gastgeber als auch die Gäste ihren Stil durchziehen würden, läge Hannover plötzlich in Gijon.

Dementsprechend bricht eine Standardsituation den Nichtangriffspakt, obwohl Ecken nicht gerade zu den Paradedisziplinen der Borussia gehören. Roman Neustädter verlängert auf den langen Pfosten, wo Igor de Camargo offenbar Angst vor demselben hat. Ansonsten könnte er einfach einnicken. Schon absurd, wenn man bedenkt, dass dem Belgier doch nachgesagt wird, gerne mit seiner Stirn auf Tuchfühlung zu gehen. Passend dazu heißt der Schiedsrichter Felix Brych, wie einst in Berlin. Stichwort: Nasenschwalbe.

“Innehalten”
Der Rest der ersten Halbzeit ist schnell zusammengefasst: Filip Daems erwischt sich beim Torschuss einmal selbst auf dem falschen Fuß. Jan Schlaudraff und Christian Schulz befördern noch zwei Dinger in Richtung Marc-André ter Stegen, die es vermutlich als Torschüsse in die Statistik geschafft haben. Vielleicht aber auch nicht. Zum 16. Mal in Folge steht bei Gladbach zur Pause hinten die Null.

Unter der Woche hat das, was ich hier in schriftlicher Form treibe, sozusagen kirchlichen Segen erhalten. Das Bistum Trier steuert auf den Radiowellen des Saarländischen Rundfunks jeden Tag einen Beitrag in der Kategorie “Innehalten” bei. Und so erzählte ein gewisser Werner Schmitz von seiner Liebe zur Borussia, die jetzt seit 40 Jahren anhält. Er kam auf die Parallelen von Fußball und Religion zu sprechen und landete plötzlich in der Mitte seiner Ansprache bei “So weit die Raute trägt – Als Gladbach wieder auferstand”. Mit Sicherheit ahnte er nicht, dass ich den Beitrag im Radio hören würde.

Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich den Fußball mit einer Religion vergleiche. Wobei ich es noch nie erlebt habe, dass mir jemand widersprach oder die Stirn runzelte. Es fühlt sich dennoch nicht richtig an, das Fansein auf eine Stufe mit dem zu heben, was trotz allem immer noch Milliarden Menschen auf der Welt und vielen Millionen in Deutschland verdammt viel bedeutet, viel Kraft gibt und ein Anker im Leben ist. Obwohl – dieselben Worte passen haargenau zum Fußball. Das könnte der einfache Grund sein, warum bislang niemand wiedersprochen hat. Amen.

Ende der Fastenzeit?
Gladbachs Himmelfahrt nach der Wiederauferstehung ist zuletzt ein wenig ins Stocken geraten. Bis auf den Sieg in Leverkusen hat es seit Arangos Außenrist-Tor in Kaiserslautern keinen dieser magische Momente mehr gegeben. Das war am Nelkensamstag, zur Hochzeit des Karnevals. Jetzt ist die Fastenzeit fast vorbei und der Satz “Die Leichtigkeit ist weg” hat Hochkonjunktur. Patrick Herrmann brach sich das Schlüsselbein, Kölner Hooligans überfielen auf Autobahn einen Fanbus, gegen Freiburg gab es nervtötende Pfiffe, dann das Aus im DFB-Pokal und die erste Heimniederlage der Saison gegen Hoffenheim.

Nach dem Spiel werden Lucien Favre und Co. die fehlende Leichtigkeit in Prozent angeben, als sei der Borussia monatelang die Mehrwertsteuer erlassen worden, aus Brutto mach’ Netto. Die 57. Minute ist aus Gladbacher Sicht schließlich so wundervoll wie eine Steuererklärung. Neustädter hindert Schulz nur zögerlich an seiner Flanke, Martin Stranzl klärt nicht gerade glücklich, Tony Jantschke stellt sich selbst ins Abseits, aber nicht den Gegner. Konstantin Rauschs Schuss wird zur Vorarbeit für Didier Ya Konan, hinter dem Dante nur noch wie ein verzweifelter Verkehrspolizist die Hand heben kann. Was bei der Borussia fehlt, ist die Fehlerlosigkeit vergangener Tage. Favres Konzept ging bislang auch deshalb so blendend auf, weil seine Mannschaft immer so viel richtig machte.

Was der eingewechselte Mike Hanke und die anderen als Reaktion anbieten, ist ganz nett. Für die gefährlichen Geschichten sorgt aber weiterhin Hannover. Sergio Pinto schickt Schlaudraff auf die Reise. Jantschke lässt ihn Flanken, wie er Franck Ribéry niemals gelassen hätte. Dante lässt Mame Diouf laufen, wie man es gegen Mario Gomez nie gesehen hätte. Und schon liegt die Borussia erstmals seit dem 25. Februar 2011 mit zwei Toren hinten. Die Sache mit den fehlenden Prozenten ist so offensichtlich, dass es schon geradezu einfach erscheint, sie aus der Welt zu schaffen.

Ein Spiel mit Frontzeck’schen Zügen
Keine 100 Sekunden später läuft Havard Nordtveit allen Gegnern davon. Mit der Pike, dem Außenrist des kleinen Mannes, erzielt er den Anschlusstreffer. In dieser Phase nimmt der Spielverlauf Frontzeck’sche Züge an – erst den Gegner mit Fehlern zu Toren einladen, dann plötzlich von der eigenen Party abhauen und eine Gegenveranstaltung starten. Zehn Minuten vor dem Ende sind sowohl der Wille als auch die Genauigkeit wieder da. Dass es allein in der Macht der Mannschaft liegt, den berühmtesten Hebel der Welt wieder umzulegen, hat wohl niemand bezweifelt.

Marco Reus muss sich, gemessen an seinem Potenzial, den Vorwurf gefallen lassen, in den vergangenen Wochen zu wenig aus seinen Möglichkeiten zu machen. Wo ist so ein Antritt wie im April vergangenen Jahres, der in Hannover das Siegtor brachte? Immerhin blitzt in der Nachspielzeit, Amin Younes hat gerade sein Bundesliga-Debüt gefeiert, noch einmal ein bisschen davon auf. Zieler kratzt den Ball aus jenem Winkel, aus dem vor einem Jahr nichts mehr zu kratzen war. Die letzte Szene gehört im Anschluss Daems, wie schon gegen Hoffenheim. Nordtveit wird im Nachsetzen zu Fall gebracht und wenn nicht – zu Recht – so viel Kraft fürs Aufregen, Ärgern und Analysieren verwendet würde, könnte man über einen Elfmeter diskutieren. So aber bleibt es beim 2:1 für Hannover.

Sky-Moderator Jan Henkel entschuldigt sich im Gespräch mit Favre fast schon für seine Kritik an der Borussia. Es wäre nicht einmal nötig. Denn anders als gegen Nürnberg und Hoffenheim gibt es diesmal keinen Busüberfall, der alles überschattet, und keine Müdigkeit, die alles entschuldigt. Die Borussia hat ein Spiel verloren, weil sie vorne und hinten über 90 Minuten zu viele Fehler gemacht hat. Das ändert zwar nichts daran, dass ein einziger Sieg am Ende Platz vier bedeuten dürfte. Gleichzeitig sind die angesprochenen fünf bis zehn Prozent aber irgendwohin verschwunden, wo sie derzeit nicht aufzufinden sind.

Marco “Martin Dahlin” Reus
So gut wie jetzt, sechs Spieltage vor Schluss, sah es in der Tabelle zuletzt 1996 aus. Gladbach ging von Platz drei mit einem großen Vorsprung auf die Verfolger in die Endspurt. Vorne waren Dortmund und die Bayern enteilt. Dann gab es Mitte April unter der Woche ein Nachholspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern auf dem Bökelberg. In der 25. Minute brachte Martin Dahlin den VfL mit seinem 15. Saisontor in Führung.

Wenig später streckte der Schwede seinen Gegenspieler Axel Roos mit einem üblen Ellbogencheck nieder. Dahlin sah an seinem Geburtstag die Rote Karte und beendete damit nicht nur schlagartig seine Blütezeit im Gladbach-Trikot, sondern in gewisser Weise auch die Saison der Borussia. Denn die Mannschaft holte anschließend nur noch fünf Punkte aus sechs Spielen und musste Schalke vorbeiziehen lassen.

Unter diesen Umständen darf jeder froh sein, dass Marco Reus sich in Hannover – allein schon wegen Unkenntnis dieser Parallelen – zu nichts hinreißen ließ. Auch er hätte den Verein mit 15 Saisontoren verlassen und ohne den Bald-Dortmunder (es tut immer noch weh, das zu schreiben) wäre eine ähnliche Negativserie wie vor 16 Jahren ein Stück wahrscheinlicher. Die Borussia würde in der Champions-League-Qualifikation zwar den FC Arsenal schlagen, sich dann aber schnell aus Europa verabschieden und in der Bundesliga in ein tiefes Loch fallen. Alle Abergläubigen dürfen sich damit freuen, dass Gladbach nun nicht in einen 16-Jahres-Zyklus eintreten wird, der 2027 die Relegation und erst 2028 wieder den Europacup bringt. Puh.

Woche der Wahrheit
Bei aller Frustration, die sich gerade zum ersten Mal in dieser Saison breit macht, ist weiter alles möglich. “Woche der Wahrheit” gehört genau wie “den Hebel umlegen” auf die Bannliste der Fußballsprache. Aber die Woche vom 7. bis 15. April kann ja auch nichts dafür, dass gleich drei Spiele gegen kriselnde Mannschaften anstehen. Nach dem Derby gegen Köln könnte der vierte Platz sicher sein. Wenn es wirklich nur fünf bis zehn Prozent sind, die irgendwo rumliegen, sollte das Ansporn genug sein, sie wieder zu finden.

02. April 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Da lese ich: Woche der Wahrheit… und: bei allem Frust…
    Hmm, lass mich mal etwa genau 1 Jahr auf diesen Blog zurückblicken. Was hast Du um den Klassenerhalt gebangt. Was hast Du gelitten.
    Noch schlechter fühle ich mich dieses Jahr weil bei uns das genaue Gegenteil passiert. Ihr habt letztes Jahr das Unmöglich wahr gemacht und in die Relegation geschlüpt obwohl fast alle Sargnägel schon reingeschlagen waren. Also bei allem Respekt, ich weiß nicht weshalb Du hier von Frust schreibst, so geilen Fußball die Borussioa diese Saison gespielt hat.

    Schade, daß wir uns nächste Saison nicht mehr direkt gegenüber stehen. DAS ist Frust. Paderborn und Aue statt Gladbach und Bayern.

  2. Danke. Dein Bericht ist ein netter Trost für die Fahrt.

  3. @Betzebub: Ich denke aber, dass ich immer noch genug Demut und Dankbarkeit für diese Saison durchblicken lasse. Nur treiben wir immer noch Sport, da wird es immer ums Gewinnen und um Resultate gehen. Und wenn einem das in sechs Spielen nur einmal gelingt, frustet einen das – egal, ob man auf Platz 18 oder auf Platz vier steht. Es dauert zwar länger, aber auch jetzt kommt der Punkt, an dem man mit Fragezeichen auf der Stirn durch die Gegend läuft und nach einem Spiel wie am Sonntag nicht mehr trotzig Konfetti in die Luft wirft.

    Nur wegen dieser bislang grandiosen Saison kann Gladbach ja jetzt nicht sagen: Vielen Dank, wir schenken die restlichen sechs Spiele ab, 51 Punkte reichen uns. Und niemand wird Kritik üben, wenn Schalke schon nach der “Woche der Wahrheit” enteilt ist. Genauso wenig dürfte sich die Borussia aber in Sachen Champions-League-Quali die Butter vom Brot nehmen (was ich auch nicht glaube).

  4. am Samstag Berlin glücklich und unverdient 1:0 schlagen (89. Minute Reus) – dann ist die CL-Quali durch. Danach die Saison mit den Helden der nächsten Saison (Ring, Cigerci, Younes) ausklingen lassen und alles ist gut.

  5. Platz 4 ist ja nun so was von sicher, ich kann die Tiefstapelei nicht mehr hören.
    Es gibt nur ein Ziel, die Schalker von unserem 3. Platz verdrängen und direkt in die CL Gruppenphase einziehen!! Das dürfte auch sehr wichtig Argumente bei den anstehenden Vertragsverhandlungen mit den aktuellen und zukünftigen Spielern liefern. Also auf ihr Fohlen und heute gegen Berlin endlich wieder zurück in die Erfolgsspur!!!

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