Ellenfield Road

Man muss diese Stadien schon lieben, um das Ellenfeld in Neunkirchen wenigstens zu mögen. Eines der ältesten Stadien in Deutschland feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Doch genauso wenig, wie man es gegenüber einem Menschen in diesem Alter wagen würde, hat das Ellenfeld Spott verdient, nur weil es seine besten Tage hinter sich hat.

Ich bin zum zweiten Mal dort. Beim ersten Besuch fand kein Spiel statt, wir drehten lediglich ein paar Bilder und O-Töne mit der Kamera. Es wehte so stark, dass die Aufnahme selbst mit einem Labrador als Windschutz auf dem Mikrofon nichts geworden wäre. Aber schon an diesem Wintertag mit diesem Scheiß-Wetter entfalteten die alten Stehränge des Ellenfeldstadions eine unerwartete Anziehungskraft. Was vermutlich auch daran lag, dass drei Stehtribünen und eine Sitztribüne ihre Anziehungskraft auf jemanden ausübten, der in einem Stadion mit drei Stehtribünen und einer Sitztribüne fußballerisch sozialisiert wurde. Das Ellenfeld – der Bökelberg des Saarlandes. Am 7. April 1912 fand hier das erste Spiel statt: Borussia Neunkirchen gegen das Infanterie-Regiment 105 Straßburg, Endstand 6:3.

Als Gladbach noch nicht erstklassig spielte, war in Neunkirchen die einzig wahre Borussia der Bundesliga zu Hause.

Als Gladbach noch nicht erstklassig spielte, war in Neunkirchen die einzig wahre Borussia der Bundesliga zu Hause.

Bayern-Besieger
Diesmal rollt der Ball im Viertelfinale des Saarlandpokals. Die Hausherren empfangen den 1. FC Saarbrücken, Oberliga gegen 3. Liga. Fast hätte es dieses Duell sogar einmal in der Bundesliga gegeben, aber beide Vereine verpassten sich knapp. Während Saarbrücken 1964 zu den ersten Absteigern aus dem neugegründeten Oberhaus zählte, stieg Neunkirchen im selben Jahr auf. Die Borussia hielt sogar einmal die Klasse. Aber 1965 verpasste der FCS den direkten Wiederaufstieg und landete in der Aufstiegsrunde nur auf Platz drei, fügte einem aufstrebenden Klub aus München, der damaligen Nummer zwei jener Stadt, aber seine einzige Niederlage zu.

An Saarbrückens bislang letztes Bundesliga-Intermezzo 1992/93 kann ich mich nicht einmal erinnern. Jetzt spielt der Verein drittklassig. Nach je einer Positiv- und einer Negativ-Rekordserie bewegt sich der FCS im Niemandsland der Liga. Platz vier, der zur Teilnahme an der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals berechtigen würde, ist weit weg. Während das Viertelfinale im Saarlandpokal für den Gegner aus Neunkirchen zum Spiel des Jahres wird, geht es für Saarbrücken wenigstens darum, der Saison ein scheinbar einfach verdientes Erfolgserlebnis hinzuzufügen. In einem Bundesland, das einen Dritt-, einen Viert- und sechs Fünfligisten beheimatet, ist der Drittligist automatisch das “Team to beat”.

Ein Hauch Buenos Aires in Neunkirchen.

Ein Hauch Buenos Aires in Neunkirchen.

Ab durch die Hecke
4000 Zuschauer sind ins Ellenfeld gekommen, in der Liga benötigt Neunkirchen dafür fast eine halbe Saison. Zum letzten Heimspiel gegen den FSV Salmrohr kamen 270 Fans, für die Gäste traf ein gewisser Dino Toppmöller. Nur ein Dutzend Fans hat sich auf dem Hügel hinter der Gegengerade niedergelassen. Am Zaun stehen, Eintritt sparen – das geht nicht mehr wirklich. Eine stattliche Hecke versperrt die Sicht.

Der schönste Teil eines Stadions, das wohl nur Nostalgiker, Fußball-Romantiker und Neunkircher heute noch als “schön” bezeichnen werden, findet sich in einer der vier Ecken. Die Stufen des steilen Stehblock sind schwarz und weiß angemalt, die Wellenbrecher gelb. Es ist ein Hauch von La Bombonera. Das Neunkircher Stadion liegt übrigens an der Ellenfeldstraße. Mit ein bisschen Englischkenntnissen und Fantasie landet man beim Stadion an der “Ellenfield Road”.

Wer die Qualität eines Restaurants einschätzen will, ist zumindest im Mittelklasse-Bereich häufig auf der Toilette am besten aufgehoben. Gleiches gilt für jemanden, der etwas über das Ellenfeldstadion erfahren will: Die Wände sind edel im Stil der 60er gekachelt, die Schüssel ist von Villeroy & Boch, saarländische Wertarbeit. An dieser Stelle endet die Herrlichkeit der Aufzählung jäh. Denn bei dem, was in den Reißbrett-Arenen der Neuzeit “Sanitärbereich” heißt, handelt es sich im Ellenfeld um eine einzelne Kabine. Der Geruch grenzt an Körperverletzung, über dem Waschbecken steht auf einem roten Schild: “Nur zum Händewaschen”.

Bedrohlich, aber wahr.

Bedrohlich, aber wahr.

Saar, Saar, Saar
Saarbrücken gewinnt am Ende verdient, aber nicht glanzvoll mit 1:0. Spiele wie dieses sollte jeder Fan eines Bundesligavereins mindestens einmal im Jahr besuchen. Das Stichwort lautet: Demut. Wer sieht, wie Neunkirchen seine größte Chance einfach so verstolpert und wie die Generation “60plus” lautstark leidet, der hat morgens beim Aufwachen weniger Angst vor Paderborn, Ingolstadt und Aue.

Im Halbfinale des Saarlandpokals könnte Saarbrücken auf Verbandsligist SV Saar 05 treffen (ja, die Saar ist allgegenwärtig im Land, das nach ihr benannt ist). Saar 05 hat Regionalligist Elversberg aus dem Wettbewerb geworfen – auf Asche. Der rote Untergrund würde im Ellenfeld in Neunkirchen gerade noch fehlen.

Hier gibt's Bewegtbilder vom Spiel (SR Fernsehen).

04. April 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Liebe Borussen,
    DANKE für diese klasse Groundhopper-Story! Super geschrieben, ich habe den Stoff direkt mehrfach inhaliert und mich daran berauscht. Ich gehöre noch nicht ganz der beschriebenen ü60-Generation an, aber ich muss schon sagen, dass ich so langsam die Lust an den Spielchen gegen die Dörfer vor 250 bis 300 Besuchern verliere. Gerne würde ich auch mal wieder – und wenns nur ein Pokalspielchen wäre – ein Spiel z. B. gegen eure Borussia erleben. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
    Übrigens: An der Ellenfield-Road haben am 14.08.1965 die Herren Netzer, Vogts und Heynckes ihre Debüts in der Bundesliga gegeben. Das Spiel zwischen Borussia und Borussia endete 1:1, so wie es hiess leistungsgerecht.
    In diesem Sinne: Go Borussia!

  2. Vielen Dank!

    Dass Gladbach hier sein erstes Bundesligaspiel gemacht hat, hatte ich gar nicht auf dem Schirm – dann hatte das Ellenfeld diesen Besuch ja erst Recht verdient!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*