Abendlatte

Saison 2011/2012: 30. Spieltag - Bremen 2:2 Gladbach

Alles war gut, alles war in Ordnung – dann aber kam Naldo. Bis auf das Ergebnis gibt es am 2:2 in Bremen nichts zu bemängeln. Zwei verlorene Punkte waren am Mittwochabend sogar schon verdaut, als Nürnberg mit seinem 4:1 gegen Schalke plötzlich wieder Hoffnung aufkommen ließ. Gleichzeitig aber wächst der Druck von hinten. Jetzt heißt es: 3, 4 oder 5?

Im Norden fallen die Klischees vom Himmel. Als ich am Montagnachmittag den Bremer Hauptbahnhof verlasse, regnet es dicke Tropfen in dichten Abständen. Das müsste man Jörg Kachelmann mal fragen: Geht nicht eigentlich nur dick oder dicht? Ratlos steige ich ins Auto meiner guten Freundin Lisa, Schalke-Fan, und fahre erst einmal nach Bremerhaven – wo das Wetter noch schlechter ist, es beim “Tatort”-Gucken in der Studentenkneipe aber Diebels vom Fass gibt.

Es ist meine erste Auswärtsfahrt nach Bremen, mein 14. Pin auf der aktuellen Bundesliga-Landkarte. Nach Augsburg habe ich es vergangenen Dezember nicht geschafft, weil ich kurzfristig arbeiten musste. Wolfsburg und Freiburg standen bislang noch nie zur Debatte, Mainz bringt im Mai den 15. Pin. Drei, fünf, sieben, neun und diese Saison elf Auswärtsspiele – dank der kontinuerlichen Steigerung müsste ich demnach in drei Jahren endlich Allesfahrer sein.

“Fohlenmilch”
Dienstagmittag, ich bin zurück in Bremen – oder auch: jetzt erst richtig angekommen. In einer Studentenwohnung irgendwo in der Stadt sitzen bereits Nils, Alexander, Hausen und Trampler. Die ersten beiden sind vom Niederrhein angereist, die anderen beiden wohnen hier. Auf dem Weg zur Straßenbahn bin ich an der Bremer Bürgerschaft vorbeigelaufen, die ich bisher nur kannte, weil sich eine Frau in einem “Tatort” mal vom Dach gestürzt hat. Die Bremer Stadtmusikanten hätte ich wiederum fast übersehen, so wie damals die Kleine Meerjungfrau in Kopenhagen. Was taugt ein Wahrzeichen, wenn man es nur anhand der Menschenmassen erkennt, die es begrabschen und fotografieren?

Stadtmusikanten – die Kleine Meerjungfrau von Bremen.

Ob ich denn die richtigen Stadtmusikanten gesehen hätte, will Trampler kurz darauf wissen, oder nur die Touristenversion? Als er von einem “goldenen Zehn-Meter-Ding” erzählt, haben wir die erste Runde “Fohlenmilch” bereits hinter uns. Nils und Alexander haben nicht nur einen Kasten Bolten Alt importiert, sondern auch viel zu viele Fläschen des Sahne-Karamell-Likörs aus dem Fanshop. Wegen so etwas sollten innerhalb Deutschlands an den Landesgrenzen Kontrollpunkte eingerichtet werden.

Nach dem Verzehr kann man auf der Innenseite des Etiketts ein Ergebnis lesen, irgendeiner muss anschließend die nächste Runde “Fohlenmilch” geben. Einerseits ist das natürlich unsinnig, wenn man gleich eine ganze Plastiktrommel voller Schnäpse gekauft hat. Andererseits hilft es uns, weil wir die Regeln, wer etwas ausgeben müsste, nicht verstehen. Die “Fohlenmilch”-Macher sind entweder Freunde gepflegter Schützenfeste oder die Dinger wurden abgefüllt, als Fußballspiele noch andauernd 6:3, 5:0, 5:2 und 3:3 endeten. Zudem beharrt Alexander darauf, dass sein 1:5 keine Gladbacher Niederlage, sondern ein “Derbysieg in Köln” sei.

Existenzfragen
Und wie das dann so ist beim fröhlichen Zusammensitzen vor einem Spiel der Borussia, geht es bald um ziemlich ernste, geradezu existenzielle Fragen des Fandaseins. Zum Beispiel um diese hier: Vor welcher Kurve setzte Sportdirektor Max Eberl im Aufstiegsspiel gegen Chemnitz 2001 seinen Elfmeter an den Pfosten? Das WG-Wohnzimmer ist gespalten. Alexander hat bereits vor Monaten einen Kasten Bier gegen Hausen gewonnen, der nun in Revision geht, weil ich ihm zustimme und auf “Nordkurve” plädiere.

Die Legende hat alles im Blick.

Nach einer halben Stunde gerät die Beweisführung ins Stocken. Alle wollen es noch ganz genau vor Augen haben: Eberls Schuss an den Pfosten, teilweise sowohl an den linken als auch den rechten; Torwart Bernd Meier, der schon vor dem Abpfiff vor der Nordkurve flüchtet; die Stücke Rasen, die anscheinend jeder ausgebuddelt hat (wobei das natürlich im Hinblick auf die Elfmeterfrage wenig bringt).

Das Internet hilft nicht weiter, auf der Vereinshomepage und bei kicker.de werden sogar unterschiedliche Spielminuten angegeben, in denen Eberl verschossen haben soll. Also rufe ich zu Hause an und bitte meine Mutter, die Jubiläums-DVD einzulegen, auf der Szenen vom 3:0 gegen Chemnitz zu sehen sind. Wenig später ruft meine Mutter zurück. Der Elfmeter sei nicht drauf, dafür aber das dritte Tor durch Peter van Houdt, wenige Minuten vor dem Elfmeter erzielt – auf die Südkurve. Alexander darf seinen Kasten Bier zunächst behalten, bevor die Streitigkeit vielleicht doch noch vorm Fußball-Verfassungsgericht landet.

Bremen=?
Gegen 18 Uhr brechen wir auf zum Stadion, erst zu Fuß, dann mit der Bahn, dann wieder zu Fuß. Gut und gerne 5000 Gladbacher sorgen farblich an diesem Abend für ein einheitliches Bild in der Stadt. Wo sind die OAs, die obligatorischen Assis, die doch scheinbar jeder Verein zu bieten hat? Ich sehe nur Bremer vom Typ nordischer Sozialdemokrat. Es ist nicht überliefert, was Arnd Zeigler wählt. So oder so repräsentiert er seinen Verein aber ziemlich gut.

Fanbrüste im Wandel der Zeit.

All die Menschen, die zum Spiel pilgern, sind eingebettet in Straßenzüge, deren malerische Szenerie mich völlig flasht, weil ich nicht einmal sagen kann: “Sieht ja aus wie in XY.” Als wir nach einer Stunde auf den Osterdeich mit Blick aufs Weserstadion einbiegen, sind wir uns einig: “Gute Fahrt bisher.” Die Flutlichtmasten sind an. Sollte ich einmal groß und vor allen Dingen reich werden, stelle ich mir mindestens einen in den Garten.

Vor den Fress- und Trinkbuden im Inneren des Weserstadions läuft auf großen Leinwänden noch die 2. Bundesliga. Vor einem Jahr hätte es jetzt geheißen: Relegationsgegner scouten. So aber ziehen die Spiele bei einem letzten Haake-Beck im Pizarro-Becher einfach so an einem vorbei. Fast genau ein Jahr ist es jetzt her, dass Gladbach in Mainz zum bislang letzten Mal gefühlt abstieg.

Stranzl für Jantschke
Getränke sind im Gästeblock verboten. Es ist zwar verdammt nochmal dumm, Becher zu werfen, und es gibt gar keine Worte dafür, wie dumm es ist, vorher in die Becher zu urinieren. Aber Stadionplaner könnten solche Aktionen von vornherein ausschließen, wenn sie den Gästeblock nicht immer vergessen und dann lieblos ins Gesamtkonzept hineinklatschen würden. In Bremen steht man im Oberrang zwischen Zäunen und Pfeilern unter dem Dach, wie in einem Eishockeystadion auf dem Land – was ja nicht unbedingt verkehrt sein muss.

Gewagte Außenfassade, aber die Flutlichtmasten lassen alles verzeihen.

Lucien Favre hat einmal wechseln müssen. Martin Stranzl verteidigt für den angeschlagenen Tony Jantschke auf rechts. Der Einsatz von Marco Reus ist nach seiner verletzungsbedingten Auswechslung gegen Berlin zumindest eine gefühlte Rückkehr in die Startelf. Damit kann das “Magische gleichschenklige Trapez” diesmal hoffentlich länger als 20 Minuten brillieren. Reus, Patrick Herrmann, Juan Arango und Mike Hanke haben zuletzt am 11. Februar gegen Schalke richtig zusammengespielt. Und wer weiß, dass bei diesem Quartett die Betonung sowohl auf “zusammen” als auch auf “spielen” liegt, der verspricht sich davon einiges.

Die Borussia beginnt so, wie sie lange nicht begonnen hat. Der Ball läuft, er kommt nicht nur an, sondern wird auch vernünftig weiterverarbeitet. Reus schließt in der 7. Minute mal ab, was er in der Folge noch viel zu selten tun wird. Wenig später köpft Roman Neustädter eine ausnahmsweise mal gelungene Ecke auf die Linie. Dann schickt wiederum Reus Hanke auf die Reise. Dass es nach dem anschließenden Querpass und der Direktabnahme von Herrmann nicht 1:0 für Gladbach steht, ist nach einer guten Viertelstunde die einzige schlechte Nachricht des Abends.

Falsch präpositioniert
Zuletzt hat die Elf vom Niederrhein auswärts viermal in Folge ein Gegentor kassiert, das gab es diese Saison noch nie. Dazu die Spiele gegen Hoffenheim und Hannover mit zweimal zwei Gegentoren – so langsam ist die Zeit angebrochen, in der nicht nur irgendwelche Konstellationen aus der Relegationssaison nichtig werden, sondern auch aus der laufenden Spielzeit.

Versteh' ich nicht.

Eine dieser Voraussetzungen für erfolgreiche Auswärtsfahrten war lange Zeit die Gewissheit, dass Dante, Brouwers, Stranzl und Co. so wenige Fehler machen, dass es sich Marc-André ter Stegen erlauben konnte, einfach nur die Haltbaren zu halten (eine Vorgabe, die er dennoch ab und an übertraf). Dann aber unterläuft Dante nicht den Ball, sondern der Ball unterläuft Dante. Im Rücken des Brasilianers eilt Markus Rosenberg in Richtung Tor. Während sein Lupfer genau in meine Richtung fliegt, habe ich noch die Hoffnung, er könne auf dem Netz landen. Aber nein, er entscheidet sich für die falsche Präposition und landet im Netz.

Dante wird selbst wissen, dass ihm dieser Fehler nicht unterlaufen ist, weil er kurz vor dem Anpfiff noch sein Glücksbändchen abkleben musste. Ich hoffe, wenigstens er selbst weiß auch, warum ihm solche Fehler neuerdings häufiger unterlaufen. So labil können seine Nerven doch nicht sein, dass ein einziger Elfmeter genügt, um den Brasilianer wochenlang zu lähmen. Vielleicht ist es bald an der Zeit für ein eindeutiges Statement in puncto Bayern. Zumal Dante seiner Frau sicherlich einen Blumenstrauß von der Verabschiedung vor dem letzten Heimspiel mitbringen will. Denn einen würdigen Abgang hätte er nach dreieinhalb Jahren verdient – auch wenn ich weiterhin kaum Verständnis für einen Wechsel aufbringen könnte.

Gefühlsausbruch beim Kicker
Nach dem Führungstreffer von Werder hat Dante vielleicht etwas zu viel Zeit, um sich ausgiebig den Kopf über seinen Aussetzer zu zerbrechen. Gefordert ist die Viererkette kaum, vorne brilliert das “Magische gleichschenklige Trapez” fast wie in besten Tagen. “Die Kombinationen der Gäste waren wunderschön anzusehen”, schreibt der Kicker, für das Sportmagazin ein regelrechter Gefühlsausbruch. Die Mannschaft von Lucien Favre steckt das erste Gegentor vor der Halbzeit seit dem 3. Dezember blendend weg.

Einmal einpacken, bitte, den nehm' ich gleich mit.

Dann spielt Reus einen Steilpass auf Herrmann, wie man ihn in den vergangenen Wochen beinahe gar nicht gesehen hat. Während sich das Gedächtnis fragt, wie viele Punkte dieser verdammte Schlüsselbeinbruch am Ende gekostet haben wird, sieht die visuelle Abteilung des Hirns den kleinen Saarländer zu Boden gehen. Schiedsrichter Marco Fritz zeigt Sebastian Boenisch sofort die Rote Karte. Auch uns 100 Metern Entfernung und im gefühlten Eishockeyblock des Weserstadions bedeutet das: 63 Minuten Überzahl und nicht nur zwei. Da es dennoch zur Halbzeit 1:0 für die Gastgeber steht, dürfte die Borussia mit einem merkwürdigen Gefühl in die Pause gehen.

Aber die Elf vom Niederrhein startet gegen die Zehn vom Weserstrand so gut in die zweite Hälfte, wie man es sich nur wünschen kann. Arango legt 20 Meter vor dem Tor auf Hanke ab. In den meisten Fällen folgt an dieser Stelle ein Doppelpass, vielleicht noch eine Verlagerung auf die Außenbahn, ein scharfer Pass in die Mitte nach kurzem Dribbling – nichts da. Hanke zieht mit links ab und der Ball springt vom Innenpfosten ins Tor. Nach 52 Minuten hat der 28-Jährige die Grundlage gelegt, um nachher mit einer Chancenverwertung von 200 Prozent nach Hause zu fahren.

Traumpaar Hanke & Reus
Doch Bremen wischt die Unterzahl fortan mit überraschendem Offensivdrang weg. Schnell frage ich mich, ob ich es mir nur eingebildet habe, dass Thomas Schaaf nach dem Platzverweis gewechselt hat – ich habe es mir eingebildet, verdammte “Fohlenmilch”. Claudio Pizarro lässt Havard Nordtveit einmal schlecht aussehen. Ter Stegen verhindert mit einer Glanztat den erneuten Rückstand. Eins sei jedoch verraten: Auch Pizarro wird im zweiten Saisonspiel gegen Gladbach erneut ohne Torerfolg bleiben. Mario Gomez und Klaas-Jan Huntelaar haben in drei Anläufen keinen Treffer erzielt, Martin Harnik in zwei, Lukas Podolski hatte erst einen Anlauf. Nur Robert Lewandowski hat dafür gesorgt, dass man in Gladbach die Torschützenliste wenigstens noch halbwegs ernst nimmt.

Werders Mut geht jedoch nach hinten los. Naldo spielt im Mittelfeld einen Fehlpass, Dante verdient sich wenigstens einen lachenden Smiley in seiner Spielbewertung. Nach der Balleroberung vergehen acht Sekunden. Hanke legt per Kopf ab auf Reus. Der legt quer zu seinem kongenialen Partner Hanke, der selbst vielleicht nie geahnt hätte, dass er in einem Erfolgspärchen außerhalb der eigenen vier Wände mal eine solche Rolle spielen würde. Es ist: das achte Saisontor des Ex-Schalkers, Ex-Wolfsburgers, Ex-Hannoveraners und nun Sowas-von-Gladbachers.

Hausen wird nach dem Spiel fragen, wie eigentlich der Liedtext zu dieser Abwandlung von “Mrs. Robinson” geht. Er verstehe immer nur: “Wir wollen Sekt. Heute. Nach wie vor. Auf geht’s Mönchengladbach, schieß’ ein Tor!” In jenem Moment würde der Gästeblock alles trinken. In Kopenhagen schellen wieder alle Telefone. Der Sieg in Leverkusen scheint zwischen je drei Spielen ohne Sieg so etwas wie diese Plastikdinger gewesen zu sein, die im Supermarkt immer auf dem Band liegen – ein Krisentrenner. Und jetzt, jetzt scheint nach Möchtegernkrisen, Pokalaus und Ergebniskrisen alles wieder in Ordnung zu sein, in Ordnung wie lange nicht mehr.

Zlatko und Jürgen machen’s
Bei all der Feierei geht beinahe unter, dass die Mannschaft unten auf dem Platz nur noch das Nötigste tut. Das Tempo ist raus, zudem hat Schaaf in Marko Marin den gefährlichsten Spieler seiner Mannschaft runtergenommen. Nur Favre weigert sich wieder einmal beharrlich, die Schlussphase mit etwas mehr Frische anzugehen. Bei Neustädter beispielsweise gesellt sich wegen einer Gelben Karte zu der Lethargie der vergangenen Spiele eine noch größere Unsicherheit in Zweikämpfen.

So schnell kann's gehen.

Ob sich der Bald-Schalker und momentan Nicht-mehr-so-richtig-Borusse in der 74. Minute ohne Verwarnung geschickter angestellt hätte, ist nicht mehr zu beantworten. Der Freistoß für Werder ist fragwürdig, aber das entschuldigt ja nicht das, was anschließend passiert (ohne Verschulden Neustädters): Zlatko Junuzovic führt aus, Jürgen Naldo kommt herangerauscht und köpft den Ausgleich. Vielleicht sollte Favre doch ab und zu Standards üben. Falls sie nicht dazu beitragen, seinen Angreifern die nötige Geilheit auf den Torerfolg einzuverleiben, geben sie den Verteidigern wenigstens mehr Sicherheit. Und auf dem Acker von Bukarest wird man Anfang Dezember mit berauschendem Kurzpassspiel auch nicht weit kommen.

Das Gute an diesen Multifunktionskurven mit Klappsitzen ist ja, dass man nach Rückschlägen entweder resignierend nach hinten gegen einen Wellenbrecher fallen oder sich vorne abstützen kann. Doch im Weserstadion stützt sich niemand ab, keine Spur von Resignation. Beide Mannschaften spüren, dass jene Phase einer Saison angebrochen ist, in der Ergebnisse mächtiger sind als Anmut und Sicherheit.

Was ein Ring!
Zehn Minuten vor Schluss kommt Alexander Ring für Herrmann. Noch gegen Hertha BSC hatte Favre einen weiteren Youngster, Tolga Cigerci, erst zur Bank gerufen, um ihm dann doch nicht zu bringen. Es wäre, so der Trainer, für den Jungen auch nicht hilfreich gewesen, wenn er in dieser Situation einen entscheidenden Fehler gemacht hätte. Manchmal frage ich mich, ob Favre eine latente Ängstlichkeit im Weg steht oder ob wirklich nur der Schweizer die Dinge im Griff hat und wir alle keine Ahnung haben.

Der Blick aus Block 109 aufs Spielfeld.

Brouwers wirft sich anschließend wagemutig in einen Schuss von Pizarro. Nicht dass die Bayern bald den ganz großen Coup verkünden und anstelle von Dante auf den Niederländer setzen. Auf viele gute Chancen in der Schlussphase lässt Ring jedoch die allerbeste folgen. Wie vor dem zweiten Tor legt Reus den Ball von rechts quer. Ring kommt, Ring schießt – und trifft aus 14 Metern nur Aluminium. Dies wäre die perfekte Stelle für einen Wortwitz: Abendlatte! Hahaha! Aber dafür ist die Szene zu bitter.

Am meisten grämt sich der Fehlschütze selbst. Noch Minuten nach dem Abpfiff ist Alexander Ring ein Trikot ohne Kopf, das frustriert und den Tränen nahe über den Rasen schleicht. Vielleicht ist wenigstens Favre jetzt davon überzeugt, dass junge Spieler auch in zehn Minuten bittere Momente erleben können, vorne wie hinten. Der 21-jährige Finne wird an diesem Lattenschuss nicht kaputt gehen. Er wird darauf brennen, seine bislang 63 Bundesliga-Minuten auf einen Schlag verdoppeln zu dürfen. Denn Ring hat angedeutet, dass er einiges drauf hat. Und: Er hat für die kommende Saison nirgendwo anders als in Gladbach unterschrieben.

Schweigen der Läufer
Nach dem Spiel stehen wir draußen vor dem Stadion. Ich kicke beim Telefonieren jeden Plastikbecher im Umkreis von zehn Metern weg und tigere über den Vorplatz, als würde ich nach diesen verdammten zwei Punkten suchen. Nils und ich laufen nebeneinander in die Stadt, Hände in den Hosentaschen. Wir schweigen uns an, aber sagen alles. Wir schauen uns nicht an, wissen aber genau, wie das Gesicht des anderen gerade aussieht. Schöne Stadt, nette Leute, lecker Bier, tolles Fußballspiel – aber wir würden einen ansonsten perfekten Tag nur allzu gerne gegen zwei weitere Punkte eintauschen.

Im Kneipenviertel schwankt die Stimmung zwischen Zuversicht und hängenden Köpfen. Das Bier weiß nicht so recht, ob es eine Vorsilbe namens “Frust-” hat. Im Fernsehen läuft die Sportschau. Augsburg gegen Stuttgart, Köln gegen Mainz, Hertha gegen Freiburg – Bremen gegen Gladbach lief schon. Es dauert also bis Mittwochabend, bis ich die Bilder vom Spiel noch einmal sehe. Am Geldautomaten steht wenig später ein Bremer neben mir. “Na, zufrieden?”, fragt er und erntet ein entschlossenes Kopfschütteln. “Ich auch nicht”, sagt er. “Zwei Gegentore von Hanke, pff!”

Mit einem “Pff!” könnte dieses Kapitel enden – wenn nicht der 1. FC Nürnberg die Gefühlswelt am Mittwochabend wieder durcheinander gewirbelt hätte. Durch die 1:4-Pleite von Schalke im Frankenland ist der Rückstand auf Platz drei durch den Punktgewinn in Bremen sogar geschrumpft. Allerdings holt der VfB Stuttgart weiter auf, so dass Gladbach weiterhin sechs Zähler benötigt, um Platz vier zu sichern – Nackenwind statt Rückenwind also.

Am Wochenende ist im Westen doppelte Derbyzeit. Nachdem mein Biorhythmus schon nicht damit klar gekommen ist, 90 Minuten lang dem FC Bayern in Dortmund die Daumen zu drücken, muss er sich nun wieder umstellen. Denn die Schwarz-Gelben spielen auf Schalke. Heja, BVB! Was die Sympathieverschiebung angeht, gleicht das in etwa dem Versuch, ein verbranntes Trikot bügeln zu wollen. Es ist alles nicht so einfach derzeit. Trotz zweier verlorener Punkte in Bremen ist es aber zumindest etwas einfacher geworden.

12. April 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 13 Kommentare

Kommentare (13)

  1. Und Max Eberl hat den Elfmeter WOHL vor der Nordkurve an den Pfosten gesetzt. Ich war schließlich dabei und kann mich noch genau erinnern!

    Ansonsten wieder super Text mit den schönsten Analogien, die man im Fußballkontext lesen kann.

  2. Dann müssen wir die Diskussion wohl doch nochmal aufrollen. Ich war nämlich auch für die Nordkurve. (Hab’ mich da oben jedoch vertippt.) Nur wär’s eben super, wenn wir handfeste Beweise hätten und nicht nur zig verschiedene Augenzeugen, die sich an etwas anderes erinnern.;)

  3. es war die südkurve. ich habe nach wie vor recht. janniks mama hats doch bewiesen.

    netter bericht, geile tour, gerne wieder.

  4. es war die süd, denn ich stand in nordkurve. so isset nun ma gewesen..die kleine maxi..
    und ja: sehr guter text. weiter so, bittedanke.

  5. Und es war doch die Südkurve.
    Ich stand in Block 26 und schaute nach links!
    Wie immer ein geiler Bericht, weiter so, Jannik!
    MfG frankthehank

  6. Gefällt mir sehr gut, was du schreibst.Für jede Situation die richtigen Worte. D. h. man kann mitfiebern, mitjubeln und mitleiden. Wat willze mehr?

    Gruß
    Jupp

  7. Es war die Südkurve, stand in Block 32 also dahinter. Ich hätte 30 (!) Bier bekommen, wenn er getroffen hätte, ich hatte VOR dem Spiel ne Wette laufen, dass Maxi trifft.
    Der Wettengewinner war der einzige (bis auf die paar Chemnitzer) im Stadion, der gejubelt hat. Und ich sank auf die Stufen…
    Müsste mich mein Hirn schon arg betrügen, sollte es die Nord gewesen sein.
    Grüße

  8. Ich bin auch absolut für Süd! Aber welcher Pfosten….. das weiss ich auch nicht mehr…

  9. Okay, dann ist das Urteil jetzt wohl rechtskräftig – die Südkurve war’s. Ich danke euren Gedächtnissen!;) Jetzt müssten wir nur noch den Pfosten rausfinden.

  10. Der Vollständigkeit halber: Ich stand in Block 17 und bin mir ebenfalls absolut sicher, dass es die Südkurve war und habe die Wette damit zweimal gewonnen :-)

    Ich behaupte, dass es vom Schützen aus gesehen der linke Pfosten war. Also Richtung Ostgraben. Was meint ihr? :)

  11. Hallo mal wieder, war im Urlaub und ohne Netzzugang (auch mal nicht schlecht). Eingerahmt war der Urlaub vorn mit der Niederlage gegen die Hoppenheimer und hinten mit dem uninspirierten Spiel gegen die Hertha. Da merkt man, dass man von dieser Saison doch recht verwöhnt ist… Nur gut, dass es deinen Blog gibt, der zumeist meine Gefühlslage recht gut widerspiegelt. Werde deine Beiträge, lieber Jannik, in der Sommerpause wie immer vermissen. Schwarz-weiß-grüne Grüße, die Fohlenfreundin

  12. Wieso schaut ihr nicht einfach bei Youtube?
    http://www.youtube.com/watch?v=cgmHOmaCxvQ (ca. bei 1:45)

  13. Na toll, das hätten wir ja auch alle einfacher haben können.:D

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