Every little thing they do is magic

Saison 2011/2012: 31. Spieltag - Gladbach 3:0 Köln

4:0, 5:1, 3:0, 3:0 – mittlerweile könnten Gladbachs Derbyresultate den Etiketten von “Fohlenmilch”-Flaschen entstammen. Am Ende war der FC mit dem Ergebnis noch gut bedient. Dass nur Kölner Fans es waren, die mal wieder über die Stränge schlugen, spricht auch abseits des Platzes gegen diesen Verein und für die Borussia. Ansonsten war es ein rundum gelungener Sonntag voller Magie.

Der 10. August 2012 könnte ein merkwürdiger Tag werden. An jenem Freitag werden um die Mittagszeit die Paarungen der letzten Quali-Runde zur Champions League ausgelost – und damit unter Umständen auch das Ziel meines diesjährigen Sommerurlaubs. Stand jetzt wäre die Borussia im Topf. Es wäre der erste Moment, in dem der größte Erfolg der vergangenen 15 Jahre auch visuell greifbar würde.

Natürlich ist der VfL schon so lange ein Mitglied der “Fantastischen Vier”, dass es eine herbe Enttäuschung wäre, wenn die Champions-League-Hymne nun doch nicht in den CD-Player im Borussia-Park gelegt würde. Aber Demut war jahrelang ein so zuverlässiger Begleiter, unabhängig von der jeweiligen sportlichen Lage, dass es falsch wäre, jetzt völlig von dieser Route abzuweichen. Also: Die Ziele feiern, wie sie erreicht werden!

Dementsprechend ist der Freitagabend vor dem Derby nicht irgendein Freitagabend. Um 22:19 Uhr ist es gewiss: Borussia Mönchengladbach wird in der kommenden Saison international spielen. Egal in welchem Wettbewerb, egal wie lange es sich anbahnte – das ist ein Erfolg von historischer Tragweite. Dem werden sicherlich nicht nur diejenigen zustimmen, die schon so lange auf Europa warten, dass sie sich in der jüngeren Vergangenheit nicht einmal mehr getraut haben, diesen Traum zu träumen. Auch für alle, die Inter Mailand einst 7:1 und Real Madrid 5:1 geschlagen haben, wird es ein großartiges Gefühl sein. Fragt sich nur, was das für ein Monster-Zettel sein muss, auf dem Borussia VfL 1900 Mönchengladbach e. V. steht.

Parodoxer Europacup: Sechs Auftritte besser als acht
Da Leverkusen am Tag darauf eine 2:0-Führung gegen Hertha BSC in Überzahl aus der Hand gibt und Dortmund auf Schalke seine Arbeit erledigt, geht es am Sonntag gegen Köln also nicht nur um die Fortsetzung eines berauschenden Derby-Laufs mit zuletzt 12:1 Toren in drei Spielen. Es geht darum, die Kalenderwochen 38, 40, 43, 45, 47 und 49 im Kalender schwarz-weiß-grün anzustreichen. Denn bei einem Sieg gegen den FC wird Gladbach um diese Zeit sechs Europacupspiele absolvieren. Und da es allen am liebsten wäre, bis Weihnachten exakt sechs Spiele zu absolvieren, bekommt ein Derbyerfolg eine noch größere Bedeutung – ein Sieg und die Borussia wäre wieder dran an Schalke und Platz drei.

Um 9:50 Uhr stehe ich bei Nils vor der Tür, nach einem langen Abend und einer kurzen Nacht mit nicht einmal zwei Stunden Schlaf in diversen Zügen von Münster an den Niederrhein. Mein Kumpel mit der größten Raute im Herzen hat zum Derbygrillen geladen, das sich diesmal jedoch auf Hähnchenschenkel aus dem Backofen beschränkt. Man könnte meinen, der Termin für das Rückspiel gegen Köln sei in den Februar gelegt worden. “Wat enne driet”, sagt der Niederrheiner bei diesem Wetter.

Leider ist der 1. FC Köln doch noch darauf gekommen, dass ein Trainerwechsel – allein um des Wechsels Willen – die letzte Möglichkeit sein könnte, der Relegation zu entgehen, wenn nicht gar dem direkten Abstieg. Zwar bewegt sich der rheinische Rivale derzeit in denselben Sphären wie die Borussia in der vergangenen Saison. Nur ist die Vorgeschichte eine ganz andere, eine voller Selbstzerfleischung und Personaleskapaden.

Der FC verhöhnt sich selbst
In Gladbach brauchte es schon die “Initiative Borussia” um Stefan Effenberg, damit Unruhe in den Laden kam. Gut, in der Stadt Mönchengladbach gibt es keine Straßenbahn, in deren Gleisbett man im Suff mit dem Auto landen könnte. Aber es gibt immerhin Taxis, auf die man mit 1,5 Promille einschlagen könnte. Somit sind diesmal also weder Spontaneität noch Kreativität vonnöten, um den FC zu verhöhnen. Es genügt eine Zeitungscollage mit den Schlagzeilen der vergangenen Wochen.

Um 12:18 Uhr nehmen wir den Zug. Um 13 Uhr sind wir am Borussia-Park, was für mich die Premiere bedeutet, noch vor Öffnen der Stadiontore anzukommen. Es ist verdammt still, zweieinhalb Stunden vor Spielbeginn. Nur die Flaschencontainer am Bus-Shuttle zeugen davon, dass dies doch kein Spieltag wie jeder andere ist. Die Polizei hat für die Innenstädte von Mönchengladbach und Rheydt ein mehrstündiges Glasflaschen- und Dosenverbot erlassen.

Am Samstag habe ich bei Sky einen Bericht gesehen, in dem die Ereignisse der vergangenen Wochen rund um die Attacke auf einen Gladbacher Fanbus noch einmal rekapituliert wurden. Darin wurde fast schon der Eindruck vermittelt, die Borussia und ihre Anhänger seien Schuld daran, dass nach mehreren ruhigen Derbys wieder mit Krawallen gerechnet wird. Kölner Busfahrer sollen die Polizei sogar verängstigt um Routenempfehlungen gebeten haben, weil sie Racheaktionen fürchten.

Aus A wird B wird C?
All das war unter anderem in einem Amtsblatt der Stadt Mönchengladbach zusammengefasst worden. Die sechs Seiten lasen sich beinahe wie ein Dossier mit der Überschrift “Was sonst noch wichtig ist”. Darin wird “mit einer nahezu vollständigen Mobilisierung der Mönchengladbacher Problemfanszene und entsprechender Gewaltbereitschaft gerechnet”. Es wimmelt von Begriffen wie “Betretungsverbot”, “Gefährderansprache” und “Drittort”. Und immer wieder der Hinweis, dass “durch die hohe Emotionalisierung auch normale A-Fans ultra- und hooligantypische Verhaltensweisen annehmen und zeigen werden”.

Ein Schüler, der einen Aufsatz zum Thema Fußball genau so geschrieben hätte, wäre vermutlich gleich um eine Klasse zurückversetzt worden – Thema verfehlt! Aber die Stadt Mönchengladbach hat in “Amtsblatt Nr. 10 Sonderdruck” lediglich die teils traurigen Realitäten zusammengefasst, die das Duell Gladbach gegen Köln in den vergangenen Jahren begleitet haben. Neben drei Punkten hoffe ich an diesem Nachmittag auch auf ein Zeichen der “Problemfanszene”, Gleiches nicht mit Gleichem zu vergelten.

Die Jungs suchen zwei Stunden, bevor es losgeht, noch nach einer Lokalität, die auch “Bier mit Umdrehungen” ausschenkt. Im und ums Stadion gleichen die sonst alkoholischen Getränke bei Hochsicherheitsspielen schließlich seit Jahren einer qualitativ hochwertigen Urinprobe. Während ich freiwillig verzichte, werden meine Borussenfreunde in der Sportsbar im Hockey-Park fündig. Nils ist so begeistert, dass er, an seinem Alt nippend, gefühlte 76 Mal beteuert, “hier demnächst öfter zu sein”. Na dann, Prost!

Der Gladbacher Kreisel
Wenigstens schlagen wir dort so viel Zeit tot, dass die Mannschaft sich bereits warm läuft, als ich endlich in den Block komme. Es ist immer ein Moment, um katholisch zu werden, um sich zu bekreuzigen, wenn auf den Stufen, die zum Block führen, der Ausschnitt vom Stadion immer größer wird und man schließlich den gesamten Borussia-Park vor Augen hat. Es ist mein 101. Besuch von 141 möglichen, seit Gladbach hier seine Heimspiele austrägt. Wenigstens habe ich vor dem 0:0 gegen Hertha vor zwei Wochen nicht nachgezählt, sonst wäre es auch noch ein trauriges Jubiläum gewesen.

Seit dem 2:2 in Bremen ist die Borussia zumindest spielerisch wieder in der Spur. Vor dem Köln-Spiel haben Marco Reus, Patrick Herrmann, Juan Arango und Mike Hanke in der Rückrunde nur sieben Mal mindestens eine halbe Stunde lang zusammengespielt. Ihre gemeinsame Quote in dieser Zeit liegt bei 11:4 Toren. Gladbachs Kreisel gegen Köln Klüngel – das muss doch einfach den ersten Heimsieg seit dem 11. Februar bringen.

Lucien Favre setzt auf dieselbe Mannschaft, die in Bremen begonnen hat. Tony Jantschke könnte, darf aber noch nicht wieder. Für ihn verteidigt weiter Martin Stranzl auf rechts. Ansonsten hofft besonders Dante, dass sich die Aufstellung zumindest insofern verändert hat, als wieder der alte Dante auf dem Platz stehen wird, nicht der desorientierte von unter der Woche. Der Mann hat noch nie ein Derby verloren, lediglich eines nicht gewonnen. Vielleicht kommt die Form also von ganz alleine zurück. Et hätt noch immer jot jejange.

Lücken der Resignation
Fantechnisch begibt sich der 1. FC Köln durch dieses Spiel in eine Liga mit Hoffenheim, Freiburg oder Augsburg, die es auch nicht schaffen, ihr gesamtes Gästekontigent zu verkaufen. 1200 Tickets sind an die Borussia zurückgegangen. Vielleicht hätte man sie an Menschen verkaufen können, die beteuern, neutral zu sein. Vielleicht hätte ein ausgiebiger Test geholfen, der ergibt, dass die Platzfüller noch nie etwas von der Borussia gehört haben. Wobei auch in dieser Hinsicht von Solidarisierungseffekten auszugehen wäre, wie die Polizei sie eigentlich in Gewalt- und nicht in fußballerischen Sympathiefragen fürchtet.

Die erste gefährliche Aktion des Spiel ist gleich so eine, die neutrale Fans auf die Seite der Borussia ziehen müsste. Filip Daems erteilt seinem Gegner eine Lektion in Sachen “Modernes Offensivspiel von Linksverteidigern”. Seine Hereingabe landet auf der anderen Seite des Strafraums bei Hanke, der Kölns Torwart Michael Rensing bei dessen Bewerbungsschreiben für eine Weiterbeschäftigung in der Bundesliga hilft. Hobbys? Wunderschöne Direktabnahmen von Mike Hanke noch irgendwie aus der Ecke kratzen!

Nach zehn Minuten hat Marc-André ter Stegen erstmals den Ball. Selbst unnötige Rückpässe haben bis dahin nicht den Weg zu Gladbachs Torwart gefunden. Köln scheint davon auszugehen, hinter der Tatsache, dass der VfL mit mehr als 60 Prozent Ballbesitz selten Spiele gewinnt, stecke ein ungeschriebenes Gesetz. Außer dieser Hoffnung setzen die Domstädter anscheinend auf nichts anderes.

Arangos Methoden
In der 19. Minute wird Reus ziemlich ungeschickt von Martin Lanig von den Beinen geholt. 20 Meter Torentfernung – für Arango ist das viel zu nah. Deshalb stellt sich nun die Frage, ob der Schiedsrichter den Freistoßschützen theoretisch zurückpfeifen kann, wenn dieser den Ball freiwillig weiter vom Tor entfernt. Sky hat nachgerechnet: Arango hat sich 2,35 Meter gegönnt. Der Mann scheint die Flugkurve seiner Freistöße so gut zu kennen wie ein Air-Berlin-Pilot die Route nach Palma de Mallorca.

Und fast ist man geneigt, Arango zu verzeihen, dass er die Dinger neuerdings nicht mehr in den Winkel, sondern beinahe flach in die Ecke setzt – im Prinzip ist das sogar noch viel schöner, noch viel unmöglicher. Sobald Rensing beginnt, Freistöße von Arango zu halten, wäre er einer für höhere Aufgaben. Bis dahin bleibt er ein fast schon zu bemitleidender Keeper, der sie regelmäßig aus dem Netz holt. Denn alles, was zum zweiten Mal passiert, hat schließlich Tradition. Gladbach führt mit 1:0!

Bereits zu diesem Zeitpunkt hätten die Ultras das riesige “Derbysieger”-Banner enthüllen können. Allerdings hätten sie daneben ein kleineres mit dem Zusatz “Es sei denn, wir fangen uns wieder ein dummes Standard-Gegentor” aufhängen sollen. Das wäre völlig in Ordnung gewesen, denn Köln sieht bereits nach 20 Minuten mächtig geschlagen aus. Lediglich eine Ecke, an der alle vorbeisegeln, ruft den Zweck eines Zusatzbanners in Erinnerung. Ansonsten steht der Derbysieger früh fest.

Neustädters vorzeitiger Abschied?
Wahrscheinlich werde ich bis zu seinem Weggang nicht mehr herausfinden, ob Reus nur in einer starken Mannschaft brillieren kann oder ob ein schwacher Reus den Rest der Mannschaft gleich mit ins Formtief reißt. Auf jeden Fall ist der 22-Jährige endlich wieder der Alte, sofern man überhaupt innerhalb weniger Wochen im negativen Sinne “ein Neuer” werden kann. Einmal setzt er Sereno im Pressing so unter Druck, dass der Kölner Verteidiger kurz davor ist, die Arme zu heben und die weiße Fahne zu schwenken. Reus spitzelt den Ball zu Arango, bekommt ihn sofort zurück, um in der Mitte Hanke zu suchen. Dessen Privatduell mit Rensing geht in die zweite Runde – wieder nicht drin. Falls es mit der Bewerbung für die Bundesliga nichts wird, dürfte Hanke eine Auffanggesellschaft für den Kölner Keeper gründen.

Dass die Highlights in der Halbzeitpause endlich mal wieder ein Potpourri der Fußballkunst offenbaren, ist durch und durch dem überragenden Offensivquartett zu verdanken. Da Herrmann blass bleibt, ist das “Magische gleichschenkliche Trapez” diesmal jedoch ein ganz normales. Dass Schönheit nicht immer zwei gleichlange Schenkel haben muss, gilt definitiv für Fußball-Geometrie. Die letzte Großchance vor der Pause resultiert aus einem Schuss von Reus, der den Ball blilliant mit der Brust annimmt und Rensing mit einer Bogenlampe alles abfordert. Köln kann zur Pause froh sein, dass das nächste Derbydebakel noch nicht auf dem Weg ist.

Auch beim Stand von 1:0 (gefühlt “nur 1:0″) ist die Stimmung blendend. Dafür sorgt die Derby-Playlist im Alleingang. Einzig das ständige Rumgehüpfe trägt nicht gerade zum Abbau meiner Kopfschmerzen bei. Auch Roman Neustädter müsste bei allen Sprung-Choreografien passen. In der 44. Minute ist der Bald-Schalker vom Platz gehumpelt – Außenbandriss. Ob damit 75 Tage vor Ende seines Vertrages Neustädters Zeit bei Gladbach abrupt zu Ende gegangen ist, steht noch nicht fest. So wenig warm ich mit den fußballerischen Fähigkeiten des Sechsers geworden bin und bei allen bösen Worten, die ich verloren habe, wünsche ich niemandem einen solchen Abschied.

Mit Jantschke im Liquor Store
Wenige Minuten nach der Pause mischt sich Milivoje Novakovic vor lauter Unterbeschäftigung in die Abwehrarbeit seiner Mannschaft ein. Prompt läuft er Arango so ungeschickt in die Hacken wie ein übereiliger Mann auf dem Bahnhof, der nicht daran denkt, dass Menschen am Fuß einer Rolltreppe abstoppen. Reus bringt den Ball in die Mitte und der eingewechselte Tony Jantschke löst mit dem Kopf das Standardproblem, das schon ein Standard-Problem war. Als Jantschke seinen bis dahin einzigen Treffer im November 2008 erzielte, war es sein zweites Bundesligaspiel. Ich machte damals meinen Zivildienst. Jetzt sind wir beide 22 und dürfen längst in den USA Alkohol kaufen. Eine ganz schöne Durststrecke, die da zu Ende gegangen ist.

Magie, Magie, Magie – das steht in dieser Saison stellvertretend für die Momente, in denen man voller Ekstase jubelt, obwohl man eigentlich vor Ungläubigkeit gelähmt ist. Arango passt 90 Sekunden nach dem 2:0 auf Reus. Der tunnelt Geromel, spielt einen Doppelpass mit Serenos Unterschenkel. Rensing scheint sich ihm nur noch entgegenzuwerfen, weil dieses Tor 30 Prozent an Schönheit verlieren würde, wenn der Kasten leer wäre. Diesmal ist die Gefühlsmischung eine andere: In die Ekstase tröpfelt jede Menge Wehmut, weil Reus nicht mehr viele, vielleicht gar kein Tor von dieser Schönheit mehr im weißen Gladbach-Trikot erzielen wird. Und das ist nichts anderes als verdammt traurig.

Ich weiß nicht, ob die Mannschaft von alleine erkannt hat, dass es am Ende im Duell mit Schalke auch aufs Torverhältnis ankommen könnte. Nach dem 3:0 in der 55. Minute beträgt der Rückstand auf Königsblau neben einem Punkt auch nur noch ein Tor. Da wäre es doch fatal, wenn es am 5. Mai in Bremen und Mainz auf ein Fernduell im Kantersiegen hinauslaufen würde. Vielleicht ist es aber auch nur der unterirdisch schwache FC aus Köln, der sich wie eine Brausetablette über der Wasseroberfläche am Rande von Auflösungserscheinungen bewegt.

Gefühlswelten
Die Fans der Rot-Weißen scheinen so entsetzt zu sein über die Leistung ihrer Mannschaft, dass die schwarz-weiß-grüne Kurve ihnen selbst bei den wütenden Gesängen helfen muss. “Schaefer raus!”, fordert die Nordkurve, um nur wenig später zu singen: ”Außer Lukas könnt ihr alle geh’n!” Wie unterschiedlich die Gefühlswelten der rheinischen Rivalen in dieser Saison sind, zeigt eine Szene in der Schlussphase: Podolski sieht Gelb, weil er den Ball vor lauter Wut über einen Einwurf, der fünf Meter weiter hinten ausgeführt werden soll, wütend auf den Boden schmettert – Arango legt sich einen Freistoß freiwillig zwei Meter weiter vom Tor zurecht, um seine Trefferwahrscheinlichkeit zu erhöhen.

Wie locker der VfL das 3:0 über die Runden bringt, beweist im Nachhinein Stimmungsbarometer Hanke. In einem Interview regt er sich augenzwinkernd über Arango auf, weil der zwei große Möglichkeiten nicht verwertet hat und Hanke zwei Torvorlagen verwehrt geblieben sind. Dem 4:0 am nächsten ist Roel Brouwers nach einer Flanke von Arango. Doch Rensing verlässt als erster Torwart in dieser Saison mit Bestnoten den Borussia-Park, ohne dass Gladbach wirklich an ihm verzweifelt sei. Immerhin noch dreimal hatte er schließlich keine Chance. Und so darf sich sein Trainer Frank Schaefer freuen, dass er seine Derbybilanz nach einem 0:4 und einem 1:5 in der vergangenen Saison mächtig aufpoliert hat.

Als die Mannschaft nach dem Spiel mit der Nordkurve feiert, hängt das “Derbysieger”-Banner bereits seit einer halben Stunde. Erst wird die Kurzhaarfrisur von Brouwers besungen, anschließend schellt in Kopenhagen das Telefon. Und zum Schluss hüpft das ganze Stadion zu einem langgezogenen “Boooruuussiaaa!”. Patrick Herrmann hat im FohlenEcho gesagt, dass ihm dieses Lied am besten gefalle. Unter fast 50.000 Glücklichen, die sich über mindestens drei Heimspiele im Europacup freuen, dürfte der 21-Jährige damit der glücklichste sein. Worüber man noch glücklich sein sollte: dass es zumindest von Borussenseite sowohl im Stadion als auch im Umfeld ein ziemlich friedlicher Sonntag war. Dass nicht alle Fans des 1. FC Köln da mitspielen würden, war ja irgendwie klar.

Besonderes Geschenk von Reus?
Fest steht, dass es der Borussia – egal, wie schwach der Gegner auch war – noch einmal gelungen ist, die Magie zurückzuholen. Ein Mann, auf dessen Konto die meisten dieser magischen Momente gehen, wird nächste Saison nicht mehr dabei sein. Doch Marco Reus kann allen Anhängern der einzig wahrsten Borussia am kommenden Samstag ein vorgezogenes Abschiedsgeschenk machen: Er kann ihnen den Anblick ersparen, mehr als 70.000 Dortmundern bei der Meisterfeier zuzusehen. Danke, Woody Woodpecker!

16. April 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 13 Kommentare

Kommentare (13)

  1. einfach nur schön dieser Beitrag. :) Danke dafür.

  2. Auch von mir ein großer Dank für den wieder gelungenen Beitrag! Ich merke auch schon seit Wochen, dass meine Wehmut mit jeder außergewöhnlichen Reus-Aktion steigt. Wie er am Wochenende wieder aufgelegt und abgeschlossen hat – das wird (nicht nur) mir nächste Saison sehr fehlen. Und wenn er dann auch noch im gelben Trikot aufläuft…

  3. Super Bericht – kann ich alles unterschreiben. Eine kleine Anmerkung zur Südkurve ( Block 1 ), in der ich zum ersten Mal eine neue Perspektive habe einnehmen dürfen / müssen: super Stimmung, da wird auch gesungen und aufgesprungen bei gefährlichen Aktionen, etc. Hätte ich nicht gedacht und hab ich auch so noch nie mitbekommen- Hut ab!

  4. Schöner Bericht! Wie immer eigentlich. ;-)

    Ich bin sehr auf die Verabschiedungen gegen Augsburg gespannt, schade das diese Saison wirklich zu Ende gehen muss. Wobei ich mich auch wahnsinnig auf die Nächste freue (ok, durch die Wechsel, insbesondere den von Marco, ist auch eine gehörige Portion Angst dabei).

    Kleiner Nachtrag: Wir haben “Außer Lukas könnt ihr alle gehn” gesungen.

  5. Natürlich, “Ohne Poldi” würde auch keinen Sinn ergeben. Danke für den Hinweis, Jennie!

  6. Keiner ´ne Idee, wie man Woody nicht doch noch halten kann???? Das tut noch weher als bei Deisler……Trotzdem, toller Bericht über einen Teil einer wirklich geilen Saison,

  7. … soweit ich weiss, gibt es die Melodie mit den vielen Geigen und hohen Stimmen, die die Champions League ihren Jingle nennt, erst ab der Gruppenphase nicht in der Quali…. es könnte also sein, dass wir darauf verzichten müssen.

    Gibt es eigentlich ne Europa-League Melodie?

  8. Ich habe mir aber mal Videos von Qualispielen mit deutscher Beteiligung angesehen, um das abzuchecken. Sonst würd’ ich ja nicht immer davon träumen hier.;) Da gab es die Hymne. Hier zum Beispiel: http://www.youtube.com/watch?v=NUvuvoLXpcI

  9. Wie immer, schöner Bericht. Ich war leider nicht dabei, obwohl ich unbedingt hin wollte. War leider krank :o( – und von daher am Sonntag lange Zeit erstmal ziemlich missgelaunt. Grmpf. Das 3:0 hat mich dann doch wieder versöhnt. Tja, Reus… mir blutet auch das Herz, wenn ich dran denke, dass er ab der nächsten Saison ein gelbes Trikot tragen wird. Dabei hatte ich wirklich dran geglaubt, dass er noch ein Jahr bei der wahren Borussia bleibt. Seufz. Aber nun genießen wir noch den Rest der Saison, denken an Europa und hoffen, dass es fortan (weiter) bergauf mit dem VFL geht. Europapokal, Europapokal…

  10. Wunderbarer Bericht mal wieder :) Gerade auch deine Freude über den feststehenden 7. Platz am Freitag hatte ich auch. Dazu noch ein weiterer Meilenstein, dieses ist die beste Saison unserer Borussia seit Einführung der 3-Punkte-Regel. Zur Pokalsieger-Saison 94/95 fehlen nun noch 4 Punkte, wenn man es umrechnet. Wenn wir die noch schaffen, ist Platz 4 sicher und Platz 3 nicht weit weg.

  11. Der ÄFC ist diese Saison Personaltechnisch wirklich komplett peinlich. Aber wie peinlich ist es auf der anderen Seite denn bitte, in einem Artikel pro Borussia ein kölsches Grundgesetzt zu verwenden. Et hätt noch immer jot jejange.
    Borussia spielt derzeit 2 Klassen besser Fussball keine Frage. Ist Spontaneität oder Kreativität gefragt scheint diese jedoch nicht vorhanden zu sein. Vielleicht geht das erst bei 1,5 Promille, weil Traditionell keine Sprachkultur entstanden ist. Und das, so viel ist sicher, wird sich auch mit Erreichen der Championsleauge nicht ändern.

  12. @Ne kölsche Jung: Naja, wenn das Grundgesetz nicht mehr für den FC selbst gilt, dann doch wenigstens für Gladbacher, die gegen den FC Fußball spielen.

    Und wenn du dir so sicher bist, kann ich sehr gut damit leben, wenn “Et hätt noch immer jot jejange” in diesem Text so peinlich sein soll wie eine Nacht in der Ausnüchterungszelle.

  13. @Jannik: stimmt auffallend, die Hymne scheint also doch gespielt zu werden. War bei zwei Qualispielen im Ausland 2002 und 2004, da gabs das definitv noch nicht. Und sowohl Bröndby als auch Anderlecht hätten zumindest ne Musikanlage gehabt… vielleicht hielten die alten Lautsprecher die Höhen nicht aus ;)…. wie dem auch sei: ich freue mich jetzt auch noch noch ein paar Prozentchen mehr auf die Spiele!

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