War was?

Saison 2011/2012: 32. Spieltag - Dortmund 2:0 Gladbach

Es gab in der Bundesliga-Geschichte nicht viele Gelegenheiten, einer Meisterwerdung beizuwohnen. Der 21. April 2012 war erst die 49. seit 1963. Nach vielen Jahren war Borussia Mönchengladbach wieder einmal dabei. Dass ich gerne darauf verzichtet hätte, liegt auch daran, dass der VfL in diesem Fall wichtige Punkte im Kampf um Platz drei geholt hätte. Aber es gibt noch andere Gründe.

HEF, VIE und SLS. BRB, LDS und NOH. Die “Fantastischen Vier” fänden auf dem Busparkplatz am Dortmunder Stadion genügend Stoff für ein ganzes Lied nur über Kfz-Kennzeichen. Nachdem es diese Saison wieder nichts mit einer Sonderzugfahrt geworden ist, hat es wenigstens mit einer anderen Premiere geklappt. Um 11:45 Uhr bin ich 350 Kilometer südlich von Dortmund erstmals in meinem Leben mit einem Fanbus aufgebrochen. Kennzeichen: SB für den Regionalverband Saarbrücken.

Die CD von “B.O.” läuft in Endlosschleife. “Die Seele brennt”, “Elf vom Niederrhein” und “Es gibt nur eine Borussia” – da müssen die fünf BVB-Fans durch, die sich unter die 35 Reisenden gemischt haben. Beim ersten Halt holen wir die Kiste Diebels aus dem Bauch des Busses. Michael, der 1. Vorsitzende der Saar-Blies Borussen, hatte in einer Mail eine Woche vor dem Spiel eigens darauf hingewiesen, dass in Sachen Bier für Heimatgefühle gesorgt sei – zumindest für mich, den Exil-Niederrheiner im Saarland.

Auf einem Rastplatz in der Eifel sind wir schon zwei Busse, was mal wieder die Theorie vom seichten Bachlauf der Fans auf Reisen untermauert, der in Nähe des Zielortes zum reißenden Fluss wird. SLS, HEF und NOH eben. Es gibt Rohesser vom saarländischen Metzger im halben Doppelweck. Was wäre das niederrheinische Pendant? Friko im Brötchen?

Entscheidende Fragen
Kurz vor Köln hat “B.O.” vorerst ausgedient. Auf WDR 2 beginnt die Bundesligakonferenz, in der für diesen Tag nicht ganz unerhebliche Fragen geklärt werden. Erstens: Gewinnt Köln gegen Stuttgart und sichert Gladbach einen Platz in der Champions-League-Quali? Zweitens: Patzen die Bayern in Bremen und machen den BVB damit schon vor dem Anpfiff in Dortmund zum Meister?

Eine leise Vorahnung am Himmel in Sachen Meisterschale?

Eine leise Vorahnung am Himmel in Sachen Meisterschale?

In der ersten Halbzeit wird lediglich die Antwort gegeben, dass Kaiserslautern tatsächlich noch Tore schießen und unter Umständen sogar gewinnen kann. Dass der Gegner Hertha heißt, macht die Nachricht schon nicht mehr so unglaubwürdig. Wir fahren gerade auf den Parkplatz am Westfalenstadion, als im Radio der erste wichtige Torschrei des Nachmittages ertönt. Sabine Töpperwien überbringt aus Köln die Botschaft, dass der FC führt und Gladbach zu diesem Zeitpunkt sicher Vierter ist. Jubel im Bus, verständlicherweise.

Dann passiert Sekunden später genau das, was aus meiner Sicht am besten nicht passieren sollte: Bremen erzielt gegen die Bayern den Führungstreffer. In der Autoschlange hinter uns bricht die schwarz-gelbe Ekstase aus. Während der Großteil des Busses ebenfalls jubelt und sich aus irgendeinem Grund auf die Meisterfeier freut, klebe ich mit dem Gesicht an der Heckscheibe wie der Grimassen schneidende, dicke Junge aus der McDonald’s-Werbung.

“Schlechte Laune, oder was?”
Als ich zum ersten Mal in meinem Leben für 90 Minuten überzeugter Bayern-Fan in der Bundesliga war, stieß mich der Rekordmeister vor zwei Wochen gleich mit der 0:1-Niederlage beim BVB vor den Kopf. Muss ich nach dieser Schmach nun auch noch aus nächster Nähe miterleben, wie Dortmund die Meisterschaft holt? Es sieht ganz danach aus. Auf dem Parkplatz liegen sich die ersten Schwarz-Gelben nun in den Armen. Der einzige positive Aspekt, den in ich aus dieser Ausgangslage ziehen kann: Vielleicht wird Jürgen Klopp auf allen elf Positionen einen meistertrunkenen Kevin Großkreutz bringen.

Auf dem Fußweg zum Signal-Iduna-Park kommen uns unzählige Menschen entgegen, die nicht so aussehen, als würde sie das schwarz-gelbe Treiben auch nur ansatzweise interessieren. In den Westfalenhallen findet zur gleichen Zeit die internationale Modellbaumesse statt. Ich liebäugele kurz mit einem Besuch von 18:30 bis 20:15 Uhr. Aber nein, die Veranstaltung schließt bereits um 18 Uhr.

Im Biergarten am Stadion Rote Erde brandet um kurz nach fünf Jubel auf. Was soll das bedeuten? Führt Bremen jetzt mit 2:0? Gibt es gleich Freibier? So richtig weiß anscheinend niemand Bescheid, weil die Handynetze überlastet sind. Da lobt man sich doch das gute, alte Transistorradio. Ob Werder noch vorne liegt, will ein BVB-Fan von mir wissen. “Woher soll ich das wissen?”, antworte ich, zugegebenermaßen, etwas patzig. “Schlechte Laune, oder was?”, fragt der Schwarz-Gelbe zurück.

2:1?
So richtig kann ich es mir nicht erklären, warum sich in dieser Situation nicht jeder ein Mini-Radio in den Gehörgang einpflanzt. Wenigstens Sarah, Dortmund-Fan aus meinem Uni-Jahrgang, sitzt zitternd mit ihrem Bruder im Auto und will sich nicht vom Fleck bewegen. Wir sind mittlerweile im Gästeblock angekommen, als gegen 17:20 Uhr eine Durchsage von Norbert Dickel kommt: “Bayern hat soeben das 2:1 erzielt.” 2:1? Anschlusstreffer, oder was? Wir haben noch nicht einmal etwas vom Ausgleich mitbekommen.

"Bleib' sportlich" – Ist ja schon gut.

"Bleib' sportlich" – Ist ja schon gut.

Erst um kurz vor halb sechs können wir uns wenigstens so viel zusammenreimen, dass die Stimmung im Stadion ein bisschen ausgelassener wäre, wenn die Meisterschaft feststünde. Kurz darauf bittet mich Sarah per SMS, sie heute nicht unglücklich zu machen. Sieht ganz so aus, als sei die Titelfrage tatsächlich um ein paar Stunden vertagt worden.

Doch schon jetzt – Marc-André ter Stegen ist gerade zum Warmmachen gekommen – hat es den Anschein, als sei die einzig wahrste Borussia nur ein beliebiger Gast bei der längst eingeplanten Meisterfeier der nicht ganz so wahren Borussia. Dabei ist die Konstellation zumindest ähnlich wie vor fast genau einem Jahr. Da lag Dortmund-Verfolger Leverkusen genau zwölf Minuten lang gegen Hoffenheim zurück, womit der BVB am Abend gegen Gladbach die Titelchance gehabt hätte. Daraus wurde nichts, weil Bayer das Spiel noch drehte und der VfL im Borussenduell ohnehin gewann. Jetzt ist die Chance definitiv da und erneut kann Gladbach nur als Meistervertager agieren, nicht aber als -verhinderer.

Jantschke für Neustädter
“Leuchte auf, mein Stern Borussia!”, singt ein Chor kurz vor dem Anpfiff. Genau das würde den ärgerlichsten Nebenaspekt der Dortmunder Meisterschaft aus Sicht des VfL bedeuten: Borussia Mönchengladbach wäre nach Bayern München nicht mehr das einzige Team der Liga, das mit mindestens zwei Sternen auf der Brust auflaufen dürfte. Dann beginnt endlich der “Krieg der Sterne”, in den Lucien Favre fast dieselbe Mannschaft wie beim Derbysieg geschickt hat. Lediglich Tony Jantschke ersetzt den verletzten Roman Neustädter auf der Sechserposition.

Wäre vielleicht im Laufe des Spiels eine Maßnahme gewesen – sich nochmal beraten.

Wäre vielleicht im Laufe des Spiels eine Maßnahme gewesen – sich nochmal beraten.

Die Anfangsphase manifestiert den Eindruck, Gladbach sei nur ein gern gesehener Gast auf der geplanten Meisterfeier. Von Verkrampfen ist beim BVB keine Spur. Auf Gladbacher Seite hingegen machen Marco Reus und Co. den Eindruck, als wüssten sie nicht richtig, wie sie mit der Situation umgehen sollen, dass in den Katakomben bereits Kartons mit Meister-T-Shirts bereitstehen. In der ersten Viertelstunde passiert so gut wie nichts.

Der einzige Pulstreiber aus Sicht des VfL ist eine Szene, die vom Linienrichter mit seiner Fahne im Keim erstickt wird. Reus wäre nach einer ersten guten Kombination und Pass von Mike Hanke alleine aufs Tor zugelaufen. Hätten sie ihn mal laufen lassen. Innerhalb von 30 Sekunden bekomme ich zwei SMS von Fernsehguckern mit der eindeutigen Botschaft: kein Abseits. Meine Mitfahrer sind begeistert und wollen wissen, was das denn für eine App sei.

“Ordentliche” Quote bei Standard-Gegentoren
Noch am Samstagmittag war nicht endgültig klar, ob Reus überhaupt laufen und auflaufen könnte. Am Donnerstag hatte er das Training mit Schmerzen im Fuß abgebrochen – just an dem Tag, als Nils mit seinem Woody-Woodpecker-Doppelhalter gekommen war, um ihn vom Bald-Dortmunder unterschreiben zu lassen.

Blick aus dem Gästeblock.

Blick aus dem Gästeblock.

Echte Aufregung gibt es nach 20 Minuten zum ersten Mal, als Shinji Kagawa einen Ball in Richtung Tor kullern lässt. Ter Stegen wirft sich dem Ding scheinbar in Zeitlupe hinterher wie einer Maus im Hausflur. Pfosten! Noch ist die Szene nicht geklärt, Robert Lewandowski kratzt den Ball von der Grundlinie, während Dante und Roel Brouwers gelassen die Hand heben, als würden sie im New Yorker Großstadttrubel ein Taxi rufen. Erst als ter Stegen mit einer Klasse-Parade Lewandowski die Mitfahrt verweigert, herrscht Ruhe im Strafraum.

Drei Minuten später bekommt Dortmund einen Freistoß in halbrechter Position. Dass sie mit leichtfertigen Fouls zu viele Situationen dieser Art heraufbeschwört, kann man der Mannschaft von Lucien Favre nicht vorwerfen. Nur sieben Fouls wird sie sich im Laufe der 90 Minuten leisten. Wer die Statistik dieser Saison jedoch einigermaßen kennt, der weiß, dass es am besten jeden Freistoß und jede Ecke zu vermeiden gilt. Bis Marcel Schmelzer sich den Ball hinlegt, hat Gladbach neun von 22 Gegentoren nach Standardsituationen kassiert. Die Quote ist ganz ordentlich – wenn man “ordentlich” als Synonym von “ausbaufähig” durchgehen lässt.

Respekt vor der Süd
Die Angst vor Freistößen und Ecken des Gegners ist bei mir anscheinend schon so ausgeprägt, dass ich in den Sekunden vor der Ausführung Bilder vor Augen habe, wie ein Dortmunder mit dem Kopf an den Ball kommt und locker das 1:0 erzielt. Ich hatte in der Nacht von Donnerstag auf Freitag zwar auch geträumt, dass Marco Reus nicht spielen kann. Aber irgendwann müssen diese kassandrischen Vorhersehungen ja nach hinten losgehen. Schmelzer flankt, Hanke hüpft, Perisic köpft – und schon ist Standard-Gegentor Nummer zehn gefallen.

Bislang habe ich im Signal-Iduna-Park immer im Oberrang gesessen, von wo das Stadion nicht ganz so imposant ist, wie manch eine Gänsehaut-Rangliste vermuten ließe. Die Dachkonstruktion schluckt dort oben einen Großteil der Atmosphäre. Jetzt stehe ich lediglich 30 Stufen über der Erde und in gut 100 Metern Entfernung baut sich die schwarz-gelbe Wand auf. Der menschliche Körper kann gar nicht anders, als bei diesem Anblick und der Akustik – gelinde gesagt – etwas zu empfinden.

Spiele gegen die Bayern helfen einem nach einer Phase der Neutralität immer, sich wieder auf einem vernünftigen Anti-Niveau einzufinden. Beim BVB ist es wahrscheinlich umgekehrt. Man kann ihm wochenlang nur das Schlechteste wünschen, wird dann aber vom eigenen Organismus kurz überwältigt – ob man will oder nicht. Auch auf dem Platz machen beide Mannschaften den Eindruck, als würden sie eher die Kulisse als den ballführenden Spieler beachten – selbst dann, wenn sie es gerade selbst sind.

Gefangen im Zyklus
Nach ein paar Minuten lassen sich die Borussia und die Borussia wieder auf ein Fußballspiel ein. Zum ersten Mal gelingt es Gladbach, einen Angriff hinzuzaubern, der dem Corporate Design des VfL in der Saison 2011/12 entspricht. Es geht schnell, es geht direkt, es geht in die Spitze. Filip Daems legt schließlich quer und am langen Pfosten rutscht Hanke in den Ball – der Ausgleich! Aber nein, es ist nur ein Moment des Sich-zu-früh-Freuens, nach dem Tausende bloßgestellt sind. Ihr im Keim erstickter Torschrei wurde zum Krächzen und sie haben sich mit ihrem Nachbarn umsonst umarmt wie zwei sentimentale Besoffene am Freitagabend in der Kneipe. “Kniescheibenabseits” sollen die Experten bei Sky diagnostiziert haben. Na dann, ein Arzt kann ja auch aus dem Flugzeug einen Patellasehnenriss erkennen.

Einst war Jürgen Klopp "Brillenträger des Jahres", vielleicht wird er irgendwann "Hände-in-den-Hosentaschen-Träger des Jahres".

Einst war Jürgen Klopp "Brillenträger des Jahres", vielleicht wird er irgendwann "Hände-in-den-Hosentaschen-Träger des Jahres".

Zur Halbzeit ist der BVB also Deutscher Meister. Da fällt mir wieder der Lautern-Fan ein, der mir im Februar nach dem Sieg auf dem Betzenberg die Hand auf die Schulter legte und meinte, der Titel sei Gladbach diesmal nicht zu nehmen. Leicht daneben. Dafür spielt der VfL aber seine beste Saison seit Einführung der Drei-Punkte-Regel, das war 1995/96. Damals wurde Dortmund auch Meister. Seitdem hat es keine Mannschaft mehr geschafft, dem FC Bayern zweimal hintereinander den Titel zu klauen. Seitdem hat Gladbach nicht mehr international gespielt. Es hat ganz den Anschein, als habe sich die kleine Welt in der großen Welt nun einmal um sich selbst gedreht. Das ist spätestens dann Fakt, wenn Deutschland im Sommer, genau wie 1996, Europameister wird.

Um diesen Zyklus des deutschen Fußballs zu untermauern, müsste Gladbach leider unbedingt Vierter werden und Schalke Dritter. In den ersten Minuten nach der Pause macht der VfL obendrein nicht den Eindruck, als sei er daran interessiert, vom Drehbuch abzuweichen. Roman Weidenfellers Torwarthandschuhe liegen auf einmal sogar vor dem Strafraum, wobei nicht klar ist, ob das unter Beschäftigungstherapie oder unter Überheblichkeit zu verbuchen ist.

Keine Meistersuppe
Erst in der 54. Minute wird Reus endlich einmal in die Spitze geschickt. Mit dem Kopf legt er den Ball an Weidenfeller vorbei, mittlerweile wieder mit Handschuhen unterwegs. Doch auch so kann der Dortmunder Keeper nicht verhindern, dass Reus aus spitzem Winkel zum Abschluss kommt. Auf der Linie bringt Schmelzer alles an den Ball, nur seine Hände nicht. Gladbachs beste Chance, die nicht von einer vermeintlichen Abseitsstellung zerstört wurde, macht Hoffnung, dass der VfL die Meistersuppe zum Hineinspucken wenigstens noch einmal zu Gesicht bekommt.

Dann liegt der Ball wenig später genau dort, wo er vor dem Dortmunder 1:0 lag. Viermal hat Gladbach aus einer solchen Situation ein Tor gemacht in dieser Saison, nur einmal nach einer Ecke, gleich dreimal hat es Juan Arango direkt gemacht, dreimal Filip Daems vom Elfmeterpunkt. In der 59. Minute ist also die Chance da, die eigene Standard-Bilanz aufzubessern. Doch stattdessen rollt plötzlich der Konter in die entgegengesetzte Richtung.

Schmelzer spielt einen Zuckerpass auf Lewandowski, der vom verzweifelt zurückeilenden Martin Stranzl erst abgeräumt wird, als der Pole den Ball schon auf Kagawa durchgesteckt hat. Ich könnte schwören, Schiedsrichter Florian Meyer hätte gepfiffen und entsprechend gestikuliert. Wahrscheinlich hat er aber nur den Vorteil angezeigt, den Kagawa am Ende zu einem Tor nutzt, das aus Sicht beider Borussias ein besonderes ist – es ist Gladbachs erstes Konter-Gegentor der Saison. Es ist bezeichnend, dass die eine Borussia an diesem Abend auf dieselbe Weise Tore kassiert, wie die andere sie schießt.

Nur Nebenrollen
Ein paar Minuten war der VfL noch drin gewesen im Spiel, aber nun ist alles gelaufen – zu Gast beim Meister. Es wäre eine ziemlich bittere halbe Stunde, wenn Gladbach es nach dieser Saison nicht so gut verkraften könnte, ausnahmsweise nur schmückendes Beiwerk zu sein. Inmitten von La Ola und Bengalos stürmt Reus einmal noch aufs Tor zu. Er wirkt jedoch etwas gehemmt. Als würde er sich Gedanken machen, wie er im Falle eines Torerfolgs zu jubeln hätte. Man kann auch zu viel hineininterpretieren, aber Reus fügt sich wie seine Kollegen ins Gesamtbild, das für die Elf vom Niederrhein heute nur Nebenrollen vorgesehen hat.

Die Party läuft, das Spiel auch noch.

Die Party läuft, das Spiel auch noch.

Da Schalke und Gladbach anscheinend eine Saison im versetzten Gleichschritt absolvieren, ist nach dem königsblauen 1:1 in Augsburg immer noch alles drin. Die beiden Konkurrenten um Platz drei haben: je ein Spiel im direkten Vergleich gewonnen, sowohl in Freiburg als auch in Nürnberg und Dortmund verloren, haben beide nicht in Augsburg und Hoffenheim gewonnen, haben Bremen im eigenen Stadion abgeschossen, 3:0 in Stuttgart gewonnen, Köln zweimal deutlich geschlagen. Jetzt wird es ganz darauf ankommen, ob Schalke zu Hause gegen Hertha und in Bremen damit weitermacht. Denn aus beiden Spielen, ebenfalls hintereinander, hat Gladbach rund um Ostern nur zwei Punkte geholt.

Es gibt gar nicht so viele Menschen, die sagen können, dass sie ein Meisterspiel in der Fußball-Bundesliga besucht haben. Dieser 21. April 2012 bietet erst die 49. Gelegenheit. Und dennoch habe ich nach 88 Minuten nichts übrig für vermeintlich historische Momente. Ich verlasse den Gästeblock vorzeitig, weil es sich für mich falsch anfühlen würde, gut 70.000 Dortmundern beim Feiern zuzusehen. Ja, ich bin auch ein Stückchen neidisch darauf, dass ich bislang mit Gladbach noch nicht in den Genuss gekommen bin. Wobei ich ja noch nicht einmal nah dran war. Wenn der Fußballgott mir wohlgesinnt ist, bin ich irgendwann in meinem Leben an einem Tag im Mai an der Reihe – und lege dann erst meine Jungfräulichkeit in Sachen Meisterfeiern ab. Man hat doch sonst keine Prinzipien mehr im Leben.

3. Runde Salzburg, 4. Runde Wien
Bis dahin beobachte ich meinetwegen gegnerische Fans, die im Rausch das eigene Stadion stürmen. Zumindest vier Plätze sind ja frei geworden, denn vor dem Gästeblock treffe ich auch meine Eltern und meinen Bruder. Der Schlusspfiff geht natürlich in einem einzigen Freudenschrei unter. Es ist ein bisschen wie der Blick durchs Schlüsselloch zu Weihnachten, als ich durch einen Tribüneneingang die Südtribüne hüpfen sehe. Ein paar Hundert Dortmunder strömen sofort aus dem Stadion. Da frage ich mich, wie viel es bei einer einzigen Tante zu erben geben kann, wenn man sich für ihre Geburtstagsfeier auch nur einen Augenblick der Meisterfeier entgehen lässt.

Innen wird gefeiert, draußen – liegt Müll.

Innen wird gefeiert, draußen – liegt Müll.

Nach der vierten Auswärtsniederlage, die ich diese Saison im Stadion gesehen habe, ist die Stimmung zunächst etwas down. Dabei gleicht meine Quote mit 1,44 Punkten im Schnitt exakt der gesamten Auswärtsbilanz. Und wann gab es schon einmal Jahre, in denen man sich über verdiente Niederlagen beim Deutschen Meister geärgert hat?

Bereits nach 30 Spielen stand die Rückkehr nach Europa fest. In den vergangenen 16 Jahren hat die Borussia überhaupt nur einmal so früh den Klassenerhalt perfekt gemacht. Dementsprechend ist der Ärger über das 0:2 in Dortmund auf der Rückfahrt schnell verflogen. Fanclub-Präsident Michael singt das Europapokallied mit all seinen drei Strophen. Ich frage mich nur, was das für Zeiten waren, als man noch in Salzburg und Wien spielte. Ein schlafender Dortmund-Fan ist erst durch ein gesungenes “Und ihr wollt Deutscher Meister sein?” zu einer Runde Bier zu bewegen. Als der Busfahrer in der Eifel geblitzt wird, singt der Bus “Schatzi, schenk’ mir ein Foto”.

“Die Seele pennt”
An einem guten Tag wäre in Dortmund vielleicht etwas zu holen gewesen. So aber fehlten in allen Belangen ein paar Prozent. Noch in den Spielen gegen Hoffenheim oder Hannover hieß das: 90 statt 100. Wenn gegen den BVB nicht die nötige Klasse abgerufen wird, kann das auch bedeuten: 100 statt 110.

In der kommenden Woche wird das Heimspiel gegen Augsburg also nicht nur ein ganz besonderes, weil Marco Reus zum letzten Mal mit der Raute auf der Brust im Borussia-Park aufläuft. Es geht – und das wird Reus selbst nicht abstreiten – in erster Linie darum, den Traum von Platz drei mit einem Sieg am Leben zu halten.

Um kurz nach halb zwei markiert das Ende der A1 auch das Ende der Busreise. Zu später Stunde heißt es bei den ersten Mitfahrern schon “Die Seele pennt”. In der letzten Reihe stimmen wir ein letztes Mal das Original an – “ganz egal, wohin die Raute dich auch trägt”.

22. April 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 12 Kommentare

Kommentare (12)

  1. Meine Frau hatte extra Karten organisiert und dann verlieren wir. So ein Ärger. Hauptsache Bayern wird nicht Meister und die Schale bleibt im Westen.
    Andererseits – wir sind vierter und spielen international. Das ist etwas, das ich meinen Enkeln erzählen kann…
    Bin jetzt schon soo lange Gladbach-Fan daß ich mich noch an einen Berti Voigts im Trikot erinnern kann. Das ist wirklich lange her.
    Warum sollten jetzt nicht wieder ein paar gute Jahre folgen, der Grundstein ist gelegt. Und Lucien Favre wird am Stadion angebunden, damit er uns nicht abhaut. =;)

  2. Haha, die Abseits-Analyse-App klingt höchst interessant!

  3. Ich habe fast das selbe gefühlt wie du, Jannik. Ich habe mich beim gucken auf dem heimischen Sofa bei richtig schlechter Laune erwischt. Ich weiss nicht, ob es neid auf die Dortmund war oder die Tatsache, das Sky nur über die falsche Borussia gesprochen hat oder vielleicht auch Marcel Reif, der bis zum letzten Samstag ja Bayern-Fan gewesen ist, aber anscheinend schon das schwarz-gelbe Trikot angezogen hat, als Robben den Elfmeter verschossen hat …

    Jetzt hoffe Ich nur das Augsburg es schafft, am letzten Spieltag den Klassenerhalt perfekt zu machen, da Sie bei uns hoffentlich nichts holen und Schalke gleichzeitig Hertha unterschätzt …

  4. sag mal, Jannik, bist du am 01. Mai auf der Jahreshauptversammlung?

  5. @mevi: Danke für deinen Kommentar! An Berti Vogts kann ich mich nicht erinnern. Aber was für meine Enkel ist diese Saison auch.;)

    @Sebi: Danke für deinen Kommentar! Ich denke, dass ich hingehen werde. Allein schon aus Chronistenpflicht.

  6. Auch dort gewesen. Auch vor Abpfiff gegangen. Freundin Dortmund-Fan. Mitgehabt. Scheißidee :)

  7. Habe das Spiel mit dem einzigen Dortmund Fan geguckt, den ich in meinem engeren Bekanntenkreis hatte.
    Ich bin ja inzwischen eigentlich abgehärtet, was die Spielweise der Borussia angeht, so dass mich das abwartende hinten drin stehen eigentlich nur noch bedingt tangiert. Aber bei beiden Spielen gegen den BVB war das anders. Die spielen so ein aggressives Pressing und sind so kombinationssicher das man einfach den Hut ziehen muss.

    Ich denke da muss man mal einfach ein guter Verlierer sein und sagen: Herzlichen Glückwunsch zu einer grandiosen Saison und einer hervorragenden Arbeit in den letzten Jahren. Ich hoffe die Borussia kann sich da ein, zwei Dinge abschauen, so dass man sich wirklich im oberen Mittelfeld etablieren kann. Das hat ja bisher eigentlich noch keine Mannschaft so richtig geschafft und die von denen man es gedacht hat, sind auch immer mal wieder unten zu finden (Schalke, Bremen, Leverkusen, Stuttgart,……).

    Jetzt erst mal Daumen drücken, dass wir noch einen Punkt holen um den 4. Platz zu sichern und dann hoffen, dass nach oben noch was geht. (Verrückt das man nicht jetzt schon absolut zufrieden ist, oder?)

  8. Es gab ja nicht nur schlechtes an dem Tag. Gut war der Fanartikelwagen unserer Borussia. Da konnten wir dann direkt zwei von den schwarzen Europa-T-Shirts kaufen.
    Und meine Frau hat ihrem Chef (einem Hard-Core-BVB-Fan) eine Jünter mitgenommen, das war doch nett, oder?

  9. Ein guter Blog mit ein paar kleinen Fehlern, es wurde nach keinem Taxi nach dem Pfostenschuss gewunken, sondern man versuchte nur dem “tollen” Schiedsrichtergespann verzweifewlt mitzuteilen, dass der Ball nach dem Pfostenschuss im Toraus war. Dann war die Rettungstat von Schmelzer natürlich Hand und zwar mit beiden Ärmen blockte er den Ball, wurde aber vom “tollen” Herrn Reif mit einer Schutzhand betitelt. Es das Kniescheibenabseits und dann die gute alte Schutzhand, die schon lange abgeschafft wurde, aber woher soll das ein Herrn Reif schon wissen. Vom Foul im Strafraum an Dante wurde auch erst gar nicht gesprochen und der “tolle” Schiri bekam vom “Fachblatt” Kicker sogar die Note 3, da fragt man sich doch, was für “Fachmänner” da ein Spiel beurteilen. Wären die gleichen Szenen gegen Dortmund oder Bayern gepfiffen worden, dann hätte er bestimmt ein 6 bekommen, naja so ist er eben der “Moderne Fussball”…….

  10. Nach so einer tollen Saison – und trotzdem schlechte Laune gehabt. Leider gewöhnt man sich doch verdammt schnell an den Erfolg. Seit ich Borussia-Fan geworden bin, habe ich NIEMALS einen einstelligen Tabellenplatz erlebt, geschweige denn eine sichere internationale Teilnahme. Müsste auf Wolken schweben und ärgere mich trotzdem irgendwo. Der BVB wird mir langsam ein kleines bisschen unsympathisch. Bin zwar froh, dass die Bazis nicht wieder Meister geworden sind – aber wenn ein Klopp davon spricht, dass er so froh und glücklich ist, “diese Jungs trainieren zu dürfen” (DÜRFEN!!!), dann dreht sich mir doch ein wenig der Magen um. Trotzdem, es bleibt zu sehen, dass WIR nächste Saison international spielen können und für den Fast-Absteiger der Saison 10/11… ein super Ergebnis. Auch dann bin ich wieder gespannt auf die Bericherstattung von dir, Jannik. Und freue mich drauf. Nun mal hoffen, dass unseren Jungs am Samstag ein Sieg gegen Augsburg gelingt. Das wird schwer… aber diesmal will ich im Stadion sein.

  11. Dann muss ich mich ja wenigstens nicht weiter schlecht fühlen, wenn ich mich über eine Niederlagen gegen den (aus sportlicher Sicht) hochverdienten Deutschen Meister ärgere.

    @sabus: Dass Dante und Brouwers kein Taxi rufen wollten, ist schon klar. Aber in der Szene die Hand zu heben, ist ein etwa so effektiv, wie ein Taxi zu rufen – gerade Dante ist ein Kandidat der das Spielen in solchen häufig zu schnell einstellt. Das kann auch mal nach hinten losgehen, egal ob der Protest nun berechtigt ist oder nicht.

    Ein Handspiel von Schmelzer sehe ich da nicht. Irgendwie müssen die Arme ja hin und er gibt sich wenigstens Mühe, sie anzulegen. Was aber nichts daran ändert, dass ich mich über die Note 3 auch sehr gewundert habe.

  12. Ich habe bereits das 12:0 unserer Borussia gegen die Falsche 1978 bejubeln dürfen und trotzdem sind wir nicht Meister geworden. Das war damals richtig bitter und wir waren seit dem nie mehr so nah dran an der Meisterschaft.
    Nach dem tollen Start der Mainzer in der vergangenen Saison habe ich mir etwas vergleichbares mit unserer Borussia gewünscht. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass mir dieser Wunsch schon im kommenden Jahr erfüllt würde, den hätte ich … – Ihr wißt schon.
    Also wir hatten einfach Pech mit dem Spielplan. Zur richtigen Zeit hat selbst die Hertha im Signal-Dings-Bums Park gewonnen. Es war eine super Saison und wir sollten alle dem Fußballgott dankbar sein, dass wir diese erleben durften. Wer weiß wie alt wir werden müssen, um etwas Vergleichbares feiern zu dürfen!? Balleluja

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