Gott geht es gut

Der FC Chelsea setzt sich gegen den FC Barcelona durch: Der Fußballgott muss durchgedreht sein – oder aber er lebt nicht mehr. Dabei zeigt dieses Spiel, dass es ihm – ganz im Gegenteil – unvermindert gut geht. So war das Weiterkommen von Chelsea wider Erwarten ein Sieg für den Fußball. Das kann man zwar anders sehen, aber man kann es nicht ändern.

Der Fußballgott duldet keine anderen Götter neben sich. Nur so ist das Scheitern des FC Barcelona auf den ersten Blick zu erklären. Matthias Sammer schüttelte bei Sky den Kopf wie eine Oma, die die Marotten ihrer Enkel nicht mehr versteht. Das Böse hatte das Gute besiegt, ohne gewonnen zu haben.

Hätte sich Barca doch noch irgendwie durchgesetzt, wäre von einem “Sieg für den Fußball” gesprochen worden. Ein “Sieg für den Fußball” war es jedoch auch so – zwar nicht für den Sport im eigentlichen Sinne, ganz sicher aber für diesen Kosmos im Kosmos, der mit seinen Mythen und Geschichten Milliarden von Menschen in seinen Bann zieht.

Die Einspurigkeit von Barca
Der Fußball, wie er geliebt wird, lebt von seiner Unberechenbarkeit. Und er lebt von den Reibungen, die diese Momente verursachen, in denen er allen, die an das Gute glauben, rücksichtslos den Mittelfinger zeigt. Terry, Drogba und Co. haben den Sport zwar in Sachen Fair Play nicht vorangebracht. Womöglich wird man ihnen aber irgendwann noch dankbar sein, weil der FC Chelsea dem FC Barcelona gnadenlos die Einspurigkeit seines Systems vor Augen geführt hat.

Sollte diese Mannschaft in 100 Jahren als beste aller Zeiten gelten wollen, muss sie die richtigen Lehren aus ihrem Scheitern ziehen – wovon der Fußball an sich nur profitieren kann. Der Himmel ist hoch, weshalb Barca feststellen musste, dass man tief fallen kann, ohne auf den Boden aufzuprallen.

Spiele wie am Dienstag sind nötig, um die Faszination für den Fußball in dieser Form aufrechtzuerhalten. Denn Vereine wie Bayern oder Chelsea müssen jedes Jahr den Antrieb verspüren, das Optimum erreichen zu können. Die Unschlagbaren wie Barca müssen schlagbar bleiben. Egal ob ein Jahr, ein Monat, ein Spiel oder nur eine Sekunde Ruhm – wenn nicht jede Mannschaft dieser Welt permanent das Gefühl hat, nach ihren Maßstäben etwas Großes erreichen zu können, ist der Fußballgott wirklich tot.

Mythos Titelverteidigung
Überhaupt hat diese breite Bestürzung über Chelseas Weiterkommen auch etwas Scheinheiliges. 90 Prozent aller Bayern-Fans, die das Finale im eigenen Stadion nicht nur erreichen, sondern auch gewinnen wollen, dürften auf Barcelonas Ausscheiden gehofft haben. Und jedem Fan von Fußballmythen geht das Herz auf, weil es nun beinahe bewiesen ist, dass der Champions-League-Pokal verflucht ist. Zwei Titel in Folge – das hat selbst der FC Barcelona noch nicht geschafft.

Nun ist Chelsea als Barca-Bezwinger zwar genauso unsympathisch wie Inter Mailand vor zwei Jahren. Aber es hat auch etwas Faszinierendes, dass nach all den Jahren unter Abramowitsch ausgerechnet die schwächsten Blues seit Ewigkeiten diesen Erfolg erringen. Zudem sollten alle Vereinstrainer und Sportlehrer, die nun wieder fürchten, ihren Schützlingen so Schweinereien wie Zeitspiel und versteckte Fouls austreiben zu müssen, Chelseas später Rache für 2009 auch etwas Positives abgewinnen können: Es gleicht sich verdammt nochmal alles aus. Wer weiß, wie die vergangenen drei Jahre für Barca gelaufen wären, wenn Iniesta nicht in letzter Sekunde getroffen oder Schiedsrichter Överbrö nur eine Fehlentscheidung weniger gefällt hätte? Vielleicht wird sich Chelseas Freude über den Coup von Camp Nou ohnehin schon am 19. Mai in Luft auflösen.

Eine Pleite als Sieg
Große Mannschaften und große Spieler brauchen diese Erlebnisse, wenn sich scheinbar alles gegen sie verschwört. Ein finaler Punkt wird Lionel Messi und Co. kaum trösten und er bringt vor allem keine Marktanteile in China: Aber die Art und Weise, wie sie sich im Moment des Scheiterns präsentiert haben, zeugte von wahrer Größe in allen Belangen. Das war fair, ehrlich und auch selbstkritisch. Und nur wer so reagiert, kann mit Niederlagen noch gewinnen.

25. April 2012 von Jannik Sorgatz
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1 Kommentar

  1. Ich find schön, wenn auch der beste Fußballspieler der Welt in der besten Fußballmanschaft der Welt auch mal n Elfer verschießt… Gerade das macht doch Fuppes aus, das jeder schlagbar bleibt :-)

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