Geht’s raus – und so

Schon wieder eine Weltmeisterschaft – nur wie alle vier Jahre haben Brasilien und Argentinien keine Einladung bekommen. Während die also fleißig Stadien bauen oder in den Anden um ihr 2014er-Ticket kämpfen, darf Deutschland erst einmal Europameister werden. Und weil Lettland nicht dabei ist, Sergio Conceiçao seine Karriere beendet hat und Fernando Torres nur noch Tore gegen Barça schießt, könnte es durchaus etwas geben. Nicht? Das lässt sich wohl nur auf eine Weise herausfinden.

Große Fußball-Turniere sind störrisch. Sechs, inzwischen sogar zwölf Jahre im Voraus kann man sich den Termin einigermaßen genau in den Kalender eintragen, um mehrere Countdowns gleichzeitig zu starten. Und doch ziehen sich die letzten zehn Tage vor dem Eröffnungsspiel immer wieder aufs Neue, so dass man einfach nur schreien will: Jetzt fangt doch verdammt noch mal an!

Ich habe zwar nicht einmal alle Sonderhefte ausgelesen, was aber nur daran liegt, dass bis zum 8. Juni ohne den Stoff noch mehr Zeit totzuschlagen wäre. Sogar die überbunten, wenig epilepsie-freundlichen Exemplare im Bravo-Sport-Style habe ich im Laden schon in die Hand genommen. Immerhin ist der Juni jetzt da, das schreit in geraden Jahren nach einer EM oder WM. Verrückt – wahrscheinlich werde ich diesen Monat in einem geraden Jahr bis an mein Lebensende nicht mehr normal verleben können. Es relativiert sich jedoch durch die Tatsache, dass ich dem Fußball schon einen ganzen Wochentag opfere, oder vielmehr: widme.

Eventfan-Tugenden
In der Weihnachtszeit nerven die Wasserstandsmeldungen, wer nun gerade wie sehr in Stimmung ist. Als wenn es dem Fest in irgendeiner Weise wichtig wäre. Anders ist das in der Woche vor dem Eröffnungsspiel einer EM oder WM, in der man sich sicher sein kann, dass sich jeder, von dem man es vermutet, auch übermäßig freut. Und die anderen holen eben vermeintlich pflichtbewusst ihre Autofahnen raus.

Selten dürfte vor einem großen Turnier so viel über Dinge gesprochen und geschrieben worden sein, die mit dem Fußball an sich gar nichts zu tun haben. Ach nee, Moment, das letzte Mal ist ja erst zwei Jahre her. Über 2014 könnte man auch ausführlich reden, über 2018, über 2022. Frankreich könnte mit seiner EM 2016 auch endlich in die Pötte kommen. Irgendetwas wird schon schief gehen.

Die Instagramisierung der Erinnerung
Jetzt geht es in wenigen Tagen erst einmal in Polen und der Ukraine los (heißt es jetzt eigentlich U’krai-ne oder U-kra-’i-ne?). Ich habe sämtliche Dokus über Hooligans gesehen, um keinen Timoschenko-Artikel einen Bogen gemacht, mir eingeredet, dass die DFB-Abwehr schon halten wird oder der Angriff es zur Not geradebiegt. Nur der Fußball schafft es, diese drei Themen einigermaßen sinnvoll in einem Satz unterzubringen. Michel Platini hätte keine Kommata gesetzt, sondern Punkte. Vielleicht hätte er auch nur gesagt: “Die DFB-Abwehr wird schon halten.”

Als positiver Realist habe ich es geschafft, mir meine Vorfreude nicht madig machen zu lassen. Dabei fühle ich mich bisweilen schon schlecht, wenn ich doch – erst einmal – nur spielen will. Aber geht es nicht genau darum? Spielen, vom Anpfiff bis zum Abpfiff, und zwischen den Spielen können sich viele Menschen um viele wichtige Dinge kümmern – nur nicht die, die spielen sollen. Und selbst die dürfen sagen, was ihnen warum sauer aufstößt in Gastgeberland XY, nicht zu jeder, aber zu ziemlich vielen Zeiten. Nur eben nicht gerade vor dem Elfmeterschießen um den Finaleinzug. Ich will einfach diesen Titel, weil die Erinnerung an 1996 immer mehr vergilbt, immer mehr instagramisiert wird.

Die EM 2012 als großes Ganzes (in Worte) zu fassen, fällt schon jetzt schwer. Dann doch lieber die Themen feiern, wie sie fallen. Thema für Thema – was mit Emotionen, was mit Zahlen, was mit Taktik, was mit Geschichte, was mit Erlebtem, die Frage, ob DVB-T, Kabel- oder Internet-Zuschauer zuerst ein Tor sehen, alles wie immer also. Dann kann’s ja losgehen.

03. Juni 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: EM 2012 | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Sehr schön geschrieben und hab mich an vielen Stellen darin wieder gefunden, danke!

    Was mich ernsthaft interessierten würde:
    Meine Nachbarn jubeln tatsächlich immer paar Sekunden bevor bei mir das Tor fällt – wie machen die das?!? (Kabel, Antenne, Sat, Internet???)

    Grüße,
    Chris

  2. Danke!

    Das mit der Empfangsart werde ich mal herausfinden. Denn für die Spätjubler würde es sich dann ja lohnen, die Fenster zu schließen.;)

  3. Ich würde sagen: Am schnellsten ist, da ja mittlerweile alle Fernsehübertragungen digital sind, egal ob Kabel, Sat, terrestrisch oder Internet das gute alte Radio. WDR2 überträgt doch bestimmt auf Mittelwelle die Deutschlandspiele in voller Länge, oder? Da ist der Funktweg diekter und keine Pre- und Postprozessierung nötig…

    Interessant wäre wirklich mal ein Feldtest mit Kofferradio, Sattv, Internetstream und DVB-T.. Dann wissen wir´s! Obwohl: angeblich hängt die Verarbeitungsgeschwindigkeit auch von den jeweiligen Receivern ab. So könnte es sogar sein, dass z.B. Sony Kunden vor Philips Kunden jubeln…

    Unterm Strich jedoch auch egal, solange uns die Gründe zum Jubeln gegeben sind!

  4. Der Link hier könnte helfen: http://www.n-tv.de/ticker/Technik/Zuschauer-mit-Satellitenschuessel-jubeln-bei-EM-Toren-oft-frueher-article6403871.html
    Hoffe, man kann den Link anklicken…

    Wie dem auch sei: Der Countdown läuft!

  5. Na jetzt weiß ich bescheid. Danke!!!
    Amüsant, dass der N-TV Schreiber den gleichen Ratschlag parat hält, wie der Verfasser des Textes, unter dem wir hier gerade kommentieren…

    Chris

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