Blockwurst

Braucht die DFB-Elf möglichst viele Spieler aus demselben Verein, um geschlossen aufzutreten? Gehören Spieler vom Deutschen Meister nicht zwangsläufig in die Startformation? Oder kann es sogar sein, dass das alles überhaupt keine Rolle spielt?

“Habseligkeiten”, “Geborgenheit”, “lieben” – das waren im Jahr 2004 die ersten drei Plätze bei der Auszeichnung des schönsten deutschen Wortes. Ob die Jury über “Blockbildung” nachgedacht wird, ist nicht überliefert. Die Chancen stehen gering. Denn “Blockbildung” ist kein schönes, im Grunde sogar ein ausgesprochen hässliches Wort.

Bei den entsprechenden Google-Funden geht es auf der ersten Seite fast ausschließlich um den Kalten Krieg. Schränkt man die Ergebnisse auf die vergangene Woche ein, darf Jêrome Boateng “Blockbildung” potentiell als “wichtig” einstufen, während der Bundestrainer in einem Interview sagt, “Blockbildung” spiele für ihn “eine untergeordnete Rolle”.

“Wir spielen nicht gegen Hoffenheim”
In jenem Interview mit der dpa gibt Joachim Löw auch einen Satz von sich, der vielen Dortmundern sauer aufstößt und ebenso vielen Bayern Genugtuung verschafft. Es geht um die Rolle der BVB-Spieler in der Nationalmannschaft, wahrscheinlich wird keiner der Double-Gewinner am Samstag gegen Portugal in der Startelf stehen. Und Löw sagt: “Wir spielen – bei allem Respekt – nicht gegen Hoffenheim, Nürnberg und so weiter.”

Blockbildung bei größeren Turnieren in der Vergangenheit – mit allen Mannschaften, die mindestens drei Spieler stellten. (Korrektur: 2010 waren es vier Hamburger und vier Bremer)

Blockbildung bei größeren Turnieren in der Vergangenheit – mit allen Mannschaften, die mindestens drei Spieler stellten. (Korrektur: 2010 waren es vier Hamburger und vier Bremer)

Es war ein vieldiskutiertes Thema in der abgelaufenen Saison, der vielleicht einzige Punkt, mit dem man den Deutschen Meister und Pokalsieger ernsthaft treffen konnte: Mats Hummels, Mario Götze und Co. sind den ganz großen Leistungsnachweis auf internationalem Niveau bislang schuldig geblieben. Götze zog wenigstens gegen Brasilien die Blicke auf sich und erzielte gegen Österreich ein Traumtor, danach war er sowieso verletzt. Was Hummels dagegen mehr als nur einmal in der Nationalmannschaft veranstaltet hat, lässt einen beinahe ratlos zurück. Wer dann auch noch an seine haarsträubenden Auftritte in der Champions League denkt, kann wenigstens ausschließen, dass es etwas mit dem Adler auf der Brust zu tun hat. Ein umgekehrter Podolski ist Hummels nämlich nicht.

Kein Meister-Zwilling
Marcel Schmelzer dürfte bei der EM nur eine Rolle spielen, wenn alle Not-Rechtsverteidiger ausfallen sollten und Philipp Lahm wieder rüber auf seine ungeliebte Seite muss, die in diesem Frühjahr im Verein wieder die geliebte war. Ilkay Gündogan belegt in der Hierarchie der Sechser den vierten Platz, noch hinter Lars Bender, der Zwillingsbruder Sven, einen weiteren Deutschen Meister, ausstach. Kevin Großkreutz hat den Bundestrainer schon lange nicht mehr überzeugt, Sebastian Kehls DFB-Zeit ist lange abgelaufen und die von Roman Weidenfeller hatte nie begonnen.

Doch gerade, was die BVB-Spieler angeht, kann man Löw beileibe nicht vorwerfen, er bevorzuge den einen oder anderen Verein. Das war bei keinem seiner bislang drei Turniere als Chef- oder Co-Trainer so, wie die Statistik zeigt. Kontinuität hatte nur die Tatsache, dass die Bayern das größte Kontingent stellten und die zweite Kraft im Lande munter wechselte. 2008 standen noch fünf Bayern-Spieler im Kader, gefolgt von vier Bremern, die diesmal nur noch von Tim Wiese vertreten werden, der am Tag des EM-Endspiels bereits ein Hoffenheimer ist.

FCB und FCB geben den Ton an
Schon 2010 war die Gilde des Rekordmeisters eine ganze andere. Die Bayern hatten Mario Gomez gekauft, in Holger Badstuber und Thomas Müller waren zwei FCB-Eigengewächse nachgerückt. Den BVB suchte man vergeblich. 2006 waren noch drei Borussen dabei gewesen, obwohl die Mannschaft eine eher durchschnittliche Saison gespielt hatte. In diesem Jahr sorgen Boateng und Manuel Neuer für einen Achter-Block des FC Bayern im EM-Kader 2012. Da hält europaweit nur der FC Barcelona mit. Und auch nur die Katalanen kommen wahrscheinlich an fünf in der eigenen Jugend ausgebildete Spieler heran.

Vier Dortmunder stellen vor den Duos aus Madrid und Leverkusen immerhin das zweitgrößte Aufgebot in diesem Jahr, ein Blöckchen. Kalkül und eine Tendenz zur Blockbildung kann man dem Bundestrainer aber spätestens dann nicht mehr vorwerfen, wenn man bedenkt, dass in Südafrika noch vier Hamburger das größte Nicht-Bayern-Kontingent stellten, gemeinsam mit vier Bremern.

Veränderte Vorzeichen
Ein Absteiger ist in Lukas Podolski auch wieder dabei, zum dritten Mal bereits in dieser Rolle. 2010 kam Arne Friedrich von Hertha BSC als scheinbar Traumatisierter zur Nationalmannschaft und spielte die Spiele seines Lebens. Auf der anderen Seite hat Marco Reus bei Borussia Mönchengladbach eine Saison gezeigt, an deren Ende es konsequent wäre, ihn zu Deutschlands Fußballer des Jahres zu wählen – wenn er sich denn international beweisen dürfte. Und ein André Schürrle hat in 14 Länderspielen genauso viele Tore erzielt wie ein 31 Partien für Bayer Leverkusen (7), wo sein Jahr eher enttäuschend verlief.

Unterm Strich gelangt man so zu der Erkenntnis, dass das Vereinstrikot völlig unter dem DFB-Dress verschwindet, obwohl durch Weiß ja eigentlich alles durchschimmert. In den kommenden Wochen wäre es ganz angenehm, wenn BVB- und Bayern-Anhänger sowie alle Journalisten das auch so sehen würden. Denn bei welchem Verein ein Nationalspieler unter Vertrag, interessiert höchstens die, die sich etwas darauf einbilden können. “Blockbildung” gehört auf den Index.

04. Juni 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: EM 2012 | Schlagwörter: , , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Also ich meine 2010 ist ein Fehler drin: Wiese, Mertesacker, Özil und Marin macht vier Bremer im Kader.

  2. Stimmt, und einen Hamburger hab’ ich auch noch übersehen. Hab’ die Grafik grad nicht griffbereit, werde es dann zeitnah ändern. Danke für den Hinweis!

  3. Pingback: EURO2012-Tagebuch (7) | feynschliff Blog

  4. Sehr schön, denn auch bei uns (im Büro) läuft darüber die Diskussion darüber, ob die Dortmunder (aus)geblockt werden. Vielleicht leite ich deinen Link einfach mal weiter… Auf der anderen Seite will ich die Diskussion nicht wieder anstoßen. Zumal am Tag des Endspiels Herr Reus ja ebenfalls die Seiten gewechselt haben wird (seufz).

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