Die Farbe Grün

Erstmals seit der EM 2000 ist das Ausweichtrikot des DFB wieder Grün. Dieser Fakt beweist: Eine Garantie für den Titel ist das nicht. Andere Fakten aber beweisen: Es ist eine mehr als gute Grundlage – schon länger als man vielleicht denken mag.

Nicht im Bild: die Raute im Herzen.

Nicht im Bild: die Raute im Herzen.

Ich gebe zu, dass ich befangen bin. Mit dem schlichten Schwarz und Weiß der Nationalmannschaft konnte ich mich schon immer leicht anfreunden, weil ich in der Brust seit Jahren eine geometrische Form in genau diesen Farben trage.

Kein Wunder also, dass mich nun auch das grüne Ausweichtrikot der DFB-Elf schnell für sich gewonnen hat. Denn Grün ist schließlich die Farbe, mit der die Raute in meinem Herzen umrandet wird – wenn man denn auf eine Umrandung Wert legt.

Nun reicht’s aber auch mit der Hyper-Romantik. Auch ohne die Borussia aus Mönchengladbach hätte ich mir das grüne Ding wohl besorgt. Kein Ausweichtrikot der DFB-Geschichte hat mehr Tradition. Nicht jedes Kind, aber zumindest jedes Kind mit ausgeprägter Fußball-Allgemeinbildung denkt bei diesem Stichwort schnell an das WM-Halbfinale 1990, vermutlich noch schneller an das EM-Viertelfinale 1972 in Wembley. 2000 ist dagegen aus der Erinnerung gestrichen, bei Briegels vergeblicher Verfolgung von Burruchaga im Endspiel 1986 fällt es nicht ganz so leicht.

Wortmanns Fehler oder mein Fehler?
Ein weiteres Turnier – noch viel früher, noch viel historischer – hatte ich jedoch gar nicht auf dem Schirm. Bereits in der Schweiz 1954 spielte Deutschland in Grün. Klar, das Gedächtnis scannt nur das, was man ihm hinlegt. Aber das Gedächtnis – Sönke Wortmann sei Dank – hat auch eine Alternativerinnerung in Farbe vorgelegt bekommen. Nur ist die zugehörige Datei anscheinend irgendwo in meinem Kopf verloren gegangen. Oder kommen im “Wunder von Bern” keine Spielszenen vom Halbfinale gegen Österreich vor? Oder hat Wortmann sich gar vertan? Wer kann helfen?

Es lässt sich zwar nicht festhalten, dass die deutsche Nationalmannschaft mit einem grünen Ausweichtrikot stets den Titel gewonnen hat. Dafür ist aber zumindest eine gute Grundlage geschaffen. Denn 1954, 1972, 1974, 1980, 1990 und 1996 war weder Schwarz noch Rot noch Grau angesagt. Grün lag zumindest im Trikotkoffer, selbst wenn es nicht zum Einsatz kam.

Nur Polen, England, Griechenland, Kroatien sind diesmal potentielle Ausweichgegner. Ohnehin wäre es nach den Niederlagen gegen Frankreich und Schweiz vielleicht besser, wenn das grüne Trikot im Verlauf des gesamtes Turniers im Koffer bleiben würde. Hoffentlich ist es in Ordnung, wenn zumindest ich es am Samstag vom Bügel nehme und überstreife. Wenn’s um die Farbe Grün geht, bin ich schließlich befangen.

05. Juni 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: EM 2012 | Schlagwörter: , , , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. Grün ist die Hoffnung – habe mich auf für die Traditionsfarbe entschieden, es wird also nicht nur an dir liegen! ;)

  2. wieder mal gelungen, Kompliment! Erwähnenswert ist vielleicht noch die Tatsache warum das Trikot der Deutschen überhaupt dieses tolle satte Grün bekam……kleine Denksportaufgabe.

    Weiter so und Besten

  3. Noch ‘ne Denksportaufgabe: in welchem Länderspiel ist der DFB in blauen Trikots (!) aufgelaufen!?

  4. Der Sönke hat nur Bildmaterial für das Finale abgeliefert. Das Halbfinale wurde quasi auf dem Bolzplatz nachgestellt, unterlegt mit dem Kommentar des österreichischen Reporters zu eben jenem Spiel. Sehr schöne Szene übrigens.

  5. @Floydster, @Martin: Ich kann beides nicht beantworten. Bitte um Auflösung.

    @ST: Aber die deutsche Mannschaft trägt in der Szene grüne Trikots, oder?

  6. Hallo Jannik,

    habe die Geschichte des grünen Trikots in Irland erfahren. Nach dem 2. Weltkrieg gründete der DFB wieder eine Auswahlmannschaft. Nach den ganzen Greueltaten die passiert waren, erklärte sich keine Nation bereit ein Freundschaftsspiel gegen Deutschland auszutragen. Einzig und allein die Iren hatten damit kein Problem. Deshalb war auf dem ersten grünen Trikot sogar noch ein Kleeblatt aufgestickt. Die Verbundenheit der beiden Nationen spürt man immer noch wenn man die grüne Insel bereist. Zum blauen Trikot kann ich leider garnix sagen, hatte erst den Schluckberg in Verdacht.

    Besten

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