Europees kampioenshap

Autokorsos gehören vor der K.o.-Phase strengstens verboten. Autokorsos sind im Prinzip sowieso nur eine Begleiterscheinung des Post-WM-2006-Hypes, wie so viele andere Dinge, ohne deren Existenz die Welt auf keinen Fall eine schlechtere wäre. In einem Bungalowpark am Ijsselmeer sollte eine Ausnahmeregelung jedoch gestattet sein. Die niederländischen Kinder mit ihren Oranje-Perücken, die uns am Straßenrand ein paar Stunden zuvor den Mittelfinger zeigten, hatten es sich verdient. Schade Holland, aber noch ist es ja nicht vorbei.

Wie die Einheimischen den ersten Spieltag der Gruppe B sonst so erlebt haben, kann ich leider nicht wiedergeben. Ich meide beim Fußballgucken Ansammlungen von 100 Menschen – zumindest , wenn die Hälfte der Kneipen-, Pub- oder Campingplatzrestaurant-Besucher gegen die Mannschaft ist, die ich gerne gewinnen sehen würde. Auswärtsspiele in irgendeinem Bundesligastadion sind natürlich ausgenommen. Also saß ich mit lediglich sechs Leuten in einem Bungalow, während irgendwo auf dem Platz der Papst boxte. Und nach dem Spiel dennoch: Autokorso – mit einem Auto.

Der niederländische Kommentator war nicht begeistert vom deutschen Auftritt gegen Portugal. Er war aber auch nicht begeistert vom portugiesischen Auftritt gegen Deutschland. Er war von gar nichts begeistert, natürlich auch nicht vom ukrainischen Rasen. Überhaupt sind die Réthys und Gottlobs in unserem Nachbarland überraschend wortkarg und unaufgeregt, fast schon Huberty’esk. Es klang nicht gerade so, als ob da jemand im Frau-Antje-Kostüm mit Bierhelm und oranger Schminke hinter dem Mikro gesessen hätte.

Fünf Spiele zu früh für ein Fazit
Nach dem ersten Spieltag ist es die wohltuendste Nachricht, dass zumindest in Gruppe B die altbewährten Gesetze weiterhin gelten. Sie handeln von Turniermannschaften, von hochbegabten Niederländern, die ihr Potential effektiv verstecken, und von Skandinaviern, die – besonders in Hammergruppen – gerne unterschätzt werden. Für alles andere ist es noch zu früh.

Meine Erwartungshaltung ist zwar riesig, mein Optimismus beinahe grenzenlos. Und dennoch habe ich selbst nach 16 titellosen Jahren diesmal nicht das Gefühl, mein Seelenheil sei eng mit dem Abschneiden bei dieser EM verknüpft. Aber das wird sich spätestens ändern, wenn die K.o.-Runde beginnt (wenn sie denn für die Nationalmannschaft beginnt).

Diese Relegation und die anschließende Europacup-Qualifikation mit der Borussia, diese Aneinanderreihung von Wundern hat mir eingeimpft, dass im Fußball jederzeit alles möglich ist. Ich habe das Gladbach-Gefühl in die Ukraine gerettet. Spätestens mit einem Sieg gegen die Niederlande wäre die Devise, fortan nur von Spiel zu Spiel zu denken. Das hat selbst in der Bundesliga mit ihren 34 Spieltagen und 17 direkten Gegnern blendend geklappt, obwohl dort neben der Form auch ihre Kurve entscheidend ist. Insofern könnte man schon am Mittwochabend um 22:35 Uhr davon sprechen, das 3:5 in der Schweiz sei reines Kalkül gewesen.

11. Juni 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: EM 2012 | Schlagwörter: , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Autokorsos gehören vor der K.o.-Phase strengstens verboten. Stimmt.

    Autokorsos sind im Prinzip sowieso nur eine Begleiterscheinung des Post-WM-2006-Hypes. Stimmt nicht.
    Haben wir schon nach dem 1/8 Finalsieg bei der WM 90 gegen Holland gemacht.

  2. da muss ich zustimmen: autokorsos gibt´s schon lange, wahrscheinlich schon bei den inkas..auf eseln oder so.
    bis 2006. denn da fand tatsächlich ein cut statt. Zuvor gehörte man noch dankenswerterweise zu den wenigen trotteln, die in der öffentlichen wahrnehmung eher dafür belächelt wurden, dass in ihrem ereignislosen fan-dasein mal was besonders schönes passierte (ha! ihr unwissenden nicht-fans!).
    ab 2006 wurde das kommerziell schäbig-imitierte fan-image dann, naja…irgendwie hip. oder so.
    armes volk, dieses fanmeilen-publikum.

  3. Dass es sie schon länger gibt, ist klar. Nur haben wir früher häufiger den Italienern und Türken dabei zugesehen, als selbst ins Auto zu steigen – außer wenn es eben große Anlässe gab, so einen Achtelfinalsieg gegen Holland kann man sicher dazu zählen.

  4. Hallo Jannik,
    danke für Deinen Block. Freue mich jedesmal, wenn Du einen neuen Eintrag gepostest hast. Habe mir letzte Woche erstmal Deine Bücher bestellt und wieder so gelacht. Mach weiter so! Schreib Deine Blogs und bring die als Buch raus, da ich lieber im Garten mit einem Buch als mit meinem Laptop sitze. Außerdem unterstütze ich gern damit das Projekt für Deinen Bruder.
    Ach ja. Gruß an die größte Raute im Herzrn.

    Boris

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