Tippspielverderber

Ich habe also etwas gegen Public Viewing, beäuge die Häufung von Autokorsos kritisch und finde, dass schwarz-rot-goldene Schminke im Gesicht echt nicht sein muss. Was ein Spielverderber, ich weiß! Auch meine Meinung zu den diversen Tippspielen dieser Tage ist gemischt – nur ist das keine Nebenwirkung eines großen Turniers.

Tippspiele sind im Grunde ja wie der Fußball selbst: spaßig, todernst, reizvoll, irrsinnig, alles auf einmal. Jeder kann jeden schlagen. Und am Ende gewinnt Deutschland. Man muss nicht einmal mitbekommen haben, dass Spiele in diesem Sport niemals 9:7 oder 8:10 enden. Von meinen 21 Mitspielern auf der Arbeit tippte genau eine Kollegin auf einen Sieg der Dänen gegen die Niederlande. Die Punkte hätte sie auch mit einem 107:82-Tipp bekommen.

Nun kann man niemandem Vorwürfe machen, dass auch Tippspiele am Ende des Tages nahezu reines Glück sind – es müsste nur endlich jeder verstehen. Der geistige Aufwand, der den Unterschied macht, entspricht in etwa dem beim Kniffeln. Sammle ich Fünfen? Streiche ich zuerst die kleine Straße oder das Full House? Wann notiere ich die Chance? Griechenland oder Tschechien? Sachverstand und Faktenwissen sind in vielen Fällen mehr Hindernis als Hilfe. Wer lange genug im Gedächtnis kramt und alle Zeitungsartikel gelesen hat, findet Argumente für jedes Ergebnis – und hat am Ende doch wieder auf die Falschen gesetzt. Wusstet ihr alles? Schätzt euch glücklich!

Die Zweit-, Dritt- und Viertteams
Nein, an Tippspielen nerven am meisten die Auswirkungen, die sie auf das direkte Fußballgucken haben. Da versammeln sich auf einmal schwedische Edelfans auf dem Sofa, die zusammenzucken, wenn die Ukraine ausgleicht, wie sonst nicht einmal bei Gegentoren der DFB-Elf. Und beim Tor der Iren gegen Kroatien denkt die Nachbarschaft auf einmal, im zweiten Stock des Mehrfamilienhauses habe heimlich ein neuer Pub aufgemacht.

Klar, man hat seine Zweit-, Dritt- und Viertteams. Viele können das 16er-Feld sogar von vorne bis hinten nach Sympathien ordnen. Aber letztendlich sollte nicht die Jagd nach Punkten bei einem Tippspiel die Rangfolge festlegen. Ein Vorschlag: Einfach mal genießen, man vergisst es anscheinend so schnell. Einfach mal Fußball gucken. Das ist das mit dem runden Ding, den 22 Spielern und den heutzutage 97 Schiedsrichtern. (Ist auch bei Events mit Riesenleinwand nicht anders.)

12. Juni 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: EM 2012 | Schlagwörter: , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Jein zum Tippspiel! Einem möglichen EM-Tippspiel habe ich mich verweigert (zu viel Stress, finde ich). Möchte die Spiele – außer, zugegebenerweise die mit Deutscher Beteiligung! – genießen können. Wenn Deutschland spielt, bin ich natürlich für “unsere” Jungs, daher nicht unbedingt ganz entspannt.

    ABER unser Bundesliga-Tippspiel inclusive dem spieltäglichen Vorwort zum jeweiligen Spieltag, verfasst von unterschiedlichen Tippspiel-Teilnehmern… das möchte ich nicht missen!!! Aus den Vorworten könnte man auch schon ein Buch schreiben… :o)

  2. Mache bei mehreren EM-Tippspielen mit, weil halt der ganze Freundes- und Bekanntenkreis teilnimmt und ich kein Spielverderber sein möchte. Allerdings “rotze” ich meine Tipps innerhalb weniger Sekunden rein vom Bauchgefühl hin, ohne groß abzuwägen. Mache also keine Wissenschaft draus. ;)

    Interessant übrigens das Kicker-Managerspiel (gibt es auch zur EM), wo ich jeweils zum Beginn einer Halbserie meine Mannschaft aufstelle und diese dann aus Faulheit nicht mehr verändere. Da habe ich letzte BL-Saison bis zur Winterpause mit riesigem Abstand geführt, (obwohl die anderen Mitspieler vor jedem Spieltag “stundenlang” die Nachrichten verarbeiteten und ein- und auswechselten), einfach weil ich die richtigen Gladbacher in meiner Anfangs-Aufstellung hatte. :)

    PS: Und dann zitiere ich noch mal aus einem TV-Sketch: “Manche halten die Fußball-Europameisterschaft für ein Sportereignis mit unbekanntem Ausgang. Dabei stehen die Ergebnisse längst fest. Hier nur einige: 1:0, 2:2, 3:1, 2:0, 0:0, 2:1.”

  3. Du bist gegen Tippspiele abe rmachst Werbung für Sportwetten?

  4. Ich bin nicht gegen Tippspiele – nur gegen ihre Nebenwirkungen, die ich oben beschreibe.

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