Hauptsache Henri heben

Dieses Turnier ist ein Rätsel. Egal welchen Aspekt man sich herauspickt – sowohl Freudentränen als auch tiefe Verzweiflung können die Folge sein. Mit dem Ende der Vorrunde lassen sich die Erwartungen jedoch leicht auf einen Nenner bringen. Oliver Bierhoff wird es schon getan haben.

Die EM ist vorbei, lang lebe die EM! Nach der Vorrunde eines großen Turniers sind traditionell drei Viertel aller Spiele absolviert. Da die UEFA sich ein Spiel um Platz drei spart, sind mit 24 von 31 Partien sogar schon 77,4 Prozent vorbei. Beim Eishockey oder Handball würde es jetzt erst richtig losgehen, nur Polen, die Niederlande, Irland und Schweden müssten schon nach Hause. Aber nein, keine 18 Extraspiele in zwei Sechser-Gruppen, bald ist schon wieder Schluss.

In der Gruppenphase haben die Mannschaften Gelegenheit, Trends zu setzen. In den K.o.-Spielen wird Geschichte geschrieben. Wobei ich mittlerweile ein wenig bezweifle, dass es noch so kommt. Selten war ich mir bei einem großen Turnier so unsicher, ob es nun gerade neue Maßstäbe setzt oder in Wirklichkeit vor Langeweile nur so strotzt. Auf der einen Seite sind da 60 Tore in 24 Spielen, bei der WM vor zwei Jahren waren es nur 45. Auf der anderen Seite fehlen jedoch die großen Gala-Vorstellungen. Beispiel Russland: Nach einem Spiel der Europameister in spe, inzwischen schon wieder auf der Heimreise. Man könnte dieses Überraschungspotenzial auch freudestrahlend als “Spannung” deklarieren. Siehe auch Schweden: In allen drei Spielen in Führung gelegen, aber nach zwei Spielen schon draußen und trotzdem am Ende Frankreich geschlagen.

Fluch der Gastgeber
Die deutsche Nationalmannschaft ist als einziges Team mit drei Vorrundensiegen ins Viertelfinale eingezogen. Vor dem letzten Gruppenspieltag hatte sich noch niemand qualifiziert, nur Schweden und Irland waren ausgeschieden. Wer das Niveau der einzelnen Mannschaften addiert, könnte zu dem Schluss kommen, dies sei die beste EM aller Zeiten. Wer nur auf die Leistungsspitze schaut, muss sich damit trösten, dass bei großen Turnieren – frei nach Helmut Kohl – am Ende ja ohnehin nur zählt, was hinten raus kommt. Die Coupe Henri Delaunay dürfte zu den angenehmeren Verdauungsprodukten zählen.

Die niederländische Nationalmannschaft sondiert Alternativjobs. Ihr Torwart will als Grillfleisch den Durchbruch schaffen.

Die niederländische Nationalmannschaft sondiert Alternativjobs. Ihr Torwart will als Grillfleisch den Durchbruch schaffen. Foto: J. Sorgatz

Schon jetzt wächst die Vorfreude auf die WM 2014 in Brasilien und die EM 2016 in Frankreich. Tatsächlich haben es nunmehr fünf Gastgeber in Folge geschafft, in der Vorrunde die Segel zu streichen. Die Schweiz, Österreich, Südafrika, Polen und die Ukraine haben zusammen ganze drei von 15 Spielen gewonnen. Das ist so schlecht, dass die kommenden Gastgeber vielleicht doch Angst vor einem Fluch bekommen sollten, der es in sich hat.

“Als wenn der Kerl, der die beste Hausparty seines Lebens schmeißen möchte, schon um elf Uhr reihernd über der Kloschüssel hängt”, schreiben die 11 Freunde in ihren Tops und Flops der Vorrunde. Also dann: Schmeißt die Möbel aus dem Fenster! Wir brauchen Platz zum Dancen!

Premiumplätze
Zum Schluss haben dann sogar die Schiedsrichter für Schlagzeilen gesorgt, offenbar ein enormes Aufmerksamkeitsdefizit, denn zuvor war es relativ ruhig um die Referees. Nach dem Hauch von Wembley am Dienstagabend in Kiew steht nun wenigstens fest, wo die Gewinner der besten Tickets Platz nehmen, die es in jeglichen Gewinnspielen dieser Welt zu gewinnen gibt: dort, wo sich Sechzehner, Grundlinie und Fünfmeterraum vereinigen. Man nennt sie Torrichter, dabei wird dort genauso wenig gerichtet wie beim Bau eines Bungalow.

Dass das Turnier in unserem Nachbarland und im Nachbarland unseres Nachbarlandes noch ein wenig dahindümpelt, mag auch an den Berichterstattern vor Ort liegen. Wobei damit in erster Linie die gemeint sind, die gar nicht vor Ort sind. Usedom droht entweder ein Tourismusfiasko in den kommenden Jahren – oder aber die Insel boomt, weil jeder sehen will, wo Oliver Kahn seinen ersten Tweet abschickte.

Noch dreimal Deutschland?
Béla Réthy bekam diverse Fernsehpreise auf dem Silbertablett serviert, verdiente sich im Regen von Donezk aber anscheinend gar keine Lorbeeren. Ich gebe zu: Ich konnte es nicht sehen, fühlte mich aber im Regionalexpress von Trier nach Koblenz so blendend unterhalten, dass meine Twitter-Timeline einen Grimme-Online-Award für ihr Lebenswerk erhalten sollte.

Sieben Spiele vor dem Ende des Turniers bleibt festzuhalten, dass im besten Fall fast jedes zweite Spiel mit deutscher Beteiligung stattfindet. Dass ist insofern verlockend, als die DFB-Elf es geschafft hat, in der Vorrunde allerhöchstens temporär zu überragen. Bleibt zu hoffen, dass auf einen Sieg gegen Griechenland der erste gegen Italien bei einem großen Turnier folgt oder aber der gefühlt 74. gegen England, gerne im Elfmeterschießen. Das lassen sich Schweinsteiger und Co. kein zweites Mal bieten.

Was dann kommt, ist noch völlig ungewiss. So viel sei aber verraten: 1996 blieb der FC Bayern München zuletzt im zweiten Jahr hintereinander ohne Meisterschaft. 1996 zog Borussia Mönchengladbach zuletzt in den Europapokal ein. Und 1996 gewann Deutschland seinen letzten großen Titel. Vielleicht sollte man die Tschechen nicht zu früh abschreiben. Ich sag’ nur: “Bierhoff. Kann sich durchsetzen. Koubaaa!”

20. Juni 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: EM 2012 | Schlagwörter: , , | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. Oh, die 1996er Theorie. Die lässt sich hören.

    “Bierhoff. Kann sich durchsetzen. Koubaaa!” Das klingt verdächtig nach Béla Réthy…

  2. Und wer kommentiert das Finale? Richtig!;)

  3. Ich hätte ja gerne das Spiel um Platz 3 von 2006 als Finale 2012. Was allerdings absolut stört, ist dieser vollkommen totgerittene Vorrundenmodus, wo man bei Punktgleichheit irgendwelche Statistiken herbeizitiert (siehe Russland), auf die kein Mensch kommt. Könnte man gleich den Münzwurf wieder einführen, das wäre vielleicht sogar spannender.

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