Die Angst vor dem Super-GAU

Die Diskrepanz zwischen Zielsetzung und Realität ist bei der WM 2010 in Südafrika unvorstellbar groß. Ein tragischer Zwischenfall hat heute neue Diskussionen ausgelöst, ob das Land am Kap der guten Hoffnung überhaupt schon in der Lage ist, die Last des zweitgrößten Sportereignisses der Welt zu stemmen. Ausgerechnet, als der Gastgeber zum ersten Mal richtig im positiven Rampenlicht stehen sollte.

Die Zahl auf der Countdown-Uhr für die WM 2010 in Südafrika hat die Tausendermarke erst vor kurzer Zeit unterschritten. Noch bleiben der Nation am Kap der guten Hoffnung zweieinhalb Jahre, um die Basis für die „beste WM aller Zeiten“ zu schaffen. Ein Traum, den ihr Präsident Thabo Mbeki unermüdlich in den Vordergrund stellt, ein Traum, der ihr vom „letzten Diktator Europas“, von FIFA-Präsident Joseph Blatter, geradezu aufgezwungen wird.

Dabei hat Südafrika derzeit eigentlich ganz andere Sorgen. Im Prinzip sind es Sorgen, die die Geschichte dieses Landes, das als am weitesten entwickeltes in ganz Afrika gilt, seit Jahrzehnten prägen. Eines ist ausgerechnet an diesem Wochenende wieder erschreckend deutlich zum Vorschein gekommen und hat weltweite Aufmerksamkeit auf sich gezogen – die immens hohe Kriminalitätsrate.
Peter Burgstaller, der auf einem Golfplatz in der Hafenstadt Durban bei einem Raubüberfall erschossen wurde, war kein Mitglied der österreichischen Delegation, die zur Auslosung der WM-Qualifikationsgruppen nach Südafrika gereist war, wie Blatter heute vehement betonte. Deshalb werde die FIFA den Tod des 43-jährigen Ex-Torwarts aus Salzburg beklagen, „so wie wir in unserer Organisation jeden Tod beklagen“.

Pauschalisierend, vorbei an jeder Realität und den Opfern absolut unwürdig verweist das Fußballoberhaupt auf den Mord an einem 16-jährigen Mädchen in seiner Schweizer Heimat. Damit schiebt er beide Ereignisse willkürlich in die Schublade mit der Aufschrift „Passiert überall, heult nicht rum“. Gut, Morde passieren in der Tat überall. Egal ob in Durban, Zürich oder sonst wo. Und vielleicht war es auch wirklich ein tragischer Zufall, dass ausgerechnet ein ehemaliger Fußballer zu einem der jährlich 19.200 Mordopfer in Südafrika wurde – am selben Tag, an dem der Gastgeber der WM 2010 zum ersten Mal im vollen Scheinwerferlicht der Fußballwelt stand.

Genauso wird es dann Zufall gewesen sein, dass ein junges Mädchen fast zeitgleich an einer Straßenbahnhaltestelle im friedlichen Zürich getötet wird. Nur Zufall ist nicht gleich Zufall. Zufälle treten mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten und Häufigkeiten ein. Das weiß jeder halbstarke Mathematiker. Das sollte deshalb auch Herr Blatter nicht dementieren.
Dass dem DFB-Manager Oliver Bierhoff beim Frühstück im Hotel seine Tasche samt Handy und Reisepass entwendet worden ist, erscheint im Vergleich dazu wirklich „nicht weiter tragisch“, wie der Bestohlene selbst beteuerte. Denn alles sei schließlich “ersetzbar”. Im Gegensatz zu einem Menschenleben. Doch der kleinere Zwischenfall fügt sich nun einmal nahtlos in das Bild.

Die südafrikanische Regierung um Präsident Thabo Mbeki besteht allem Anschein nach aus einem Haufen von Schönrednern und Verdrängungskünstlern. Wobei ihr dieser Kurs in Bezug auf die Weltmeisterschaft 2010, man kann es fast als Entschuldigung gelten lassen, im Prinzip von Joseph Blatter vorgelebt wird. Das Volk selbst hat von der Politik des Staates und seinen fehlgeschlagenen bzw. teilweise gar nicht unternommenen Versuchen, die Probleme zu bewältigen, inzwischen die Nase voll.
Von der „besten WM aller Zeiten“ wird da offen geträumt, während draußen die Arbeiter auf den Baustellen der WM-Stadien streiken, weil sie nur 150€ und weniger im Monat verdienen. Mbeki will den gesamten Kontinent „von den Goldminen Südafrikas bis zu den goldenen Stränden Tunesiens nach vorne bringen“, während der Erzbischof von Johannesburg beklagt, dass „die Kriminalität zunehmend Teil des südafrikanischen Landschaftsbildes wird“. Ungefähr 2,5 Milliarden US-Dollar wird die WM das Land kosten, während die Hälfte der Bevölkerung in Armut lebt.

Die Südafrikaner zeigen sich dennoch voller Leidenschaft und Vorfreude – obwohl sie die Spiele größtenteils außerhalb der Arenen verfolgen werden müssen. Bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 3000€ ist da kaum ein Ticket drin. Immerhin sollen im Vorfeld 120.000 Eintrittskarten an Bedürftige verschenkt werden.

Die Politik Südafrikas im Hinblick auf die WM 2010, der ersten auf afrikanischem Boden, ist eine Politik der Diskrepanzen. Die bestehenden Probleme – Kriminalität, Rassismus, Armut, Aids – können in der verbleibenden Zeit wohl kaum aus der Welt geschafft werden. Es bleibt nur die Hoffnung, dass zumindest die Stadien fertig werden und das Turnier irgendwie ohne größere Zwischenfälle über die Bühne gehen kann. Von der „besten WM aller Zeiten” ist Südafrika so jedoch Lichtjahre entfernt.

Deutschland trifft in seiner Quali-Gruppe übrigens auf Russland, Finnland, Wales, Aserbaidschan und Liechtenstein – fünf Gegner, die allesamt keine Schweißperlen auf unserer Stirn erzeugen müssen. England muss sich erneut gegen Schreckensgegner Kroatien durchsetzen. Südkorea gegen Nordkorea ist zweifelsohne das brisanteste Duell überhaupt. Asienmeister Irak peilt derweil die erste WM-Teilnahme seit 24 Jahren an.
All dies sind Nachrichten, die eigentlich primär von diesem Tag haften bleiben sollten. Sie sind jedoch etwas in den Hintergrund gerückt. Das hat man auch der ARD-Berichterstattung angemerkt, die sich (zu Recht) mehr um den Mord an Peter Burgstaller und die Stolpersteine der südafrikanischen Ausrichter drehte, als um das Öffnen kleiner, blauer, banaler Plastikkugeln.

Es bleibt die graue Hoffnung, dass Sepp Blatter und die südafrikanischen Organisatoren die Fußball-WM letztendlich doch nicht in ihr dunkelstes Kapitel reiten. 2010 würde ich ehrlich gesagt viel lieber als der Dumme dastehen und feststellen, dass alle Sorgen und Ängste im Prinzip fehl am Platze waren. Nur irgendwie glaube ich nicht daran, dass es so kommen wird.

25. November 2007 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Auswärtiges Amt, Einwurf | Schreibe einen Kommentar

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