Zu Besuch im Stade de France: Where is my mind?

Salzgitter? Herford? Paris! Foto: J. Sorgatz

Salzgitter? Herford? Paris! Foto: J. Sorgatz

Dieses Bild könnte aus dem Städtischen Hallenbad von Salzgitter stammen, vielleicht auch aus der Turnhalle der Marie-Curie-Realschule von Herford. “Man weiß es nicht genau”, könnte ich jetzt schreiben. Doch das wäre gelogen, weil ich dieses Bild selbst gemacht habe. Dass es sich dabei um einen durchaus (fußball-)historischen Ort handelt, wird niemand glauben, aber es stimmt.

Am 12. Juli 1998 stiegen Zinedine Zidane, Didier Deschamps, Laurent Blanc und Co. hier unter die Dusche, nachdem sie Brasilien gerade 3:0 im WM-Finale besiegt hatten. Auf der entgegengesetzten Seite des Raumes kämpfte Bixente Lizarazu vielleicht gegen das Ertrinken, weil ihm der Champagner im Ermüdungsbecken bis zum Hals stand. (Das weiß man jetzt wirklich nicht so genau.)

Kunstbanause
Natürlich habe ich mich in Paris nicht zwei Stunden angestellt, um die Mona Lisa im Louvre zu sehen. Ich bin mit der S-Bahn zum Stade de France gefahren, um mir eines der 18 Stadien anzusehen, in denen bislang ein Fußball-Weltmeister gekürt wurde. Aber wenn es eine Stelle gibt, an der ich mich für mein Kunstbanausentum nicht rechtfertigen muss, dann ist es sicherlich dieser Blog.

Schüssel + Teller + Loch = Stade de France (Foto: J. Sorgatz)

Schüssel + Teller + Loch = Stade de France (Foto: J. Sorgatz)

Ich stieg also in Saint-Denis aus der Bahn und lief auf dieses massive, aber von außen nur bedingt beeindruckende Stadion zu. Wahrscheinlich würden die meisten Leute sagen: “Das ist doch das mit dem Teller auf dem Dach.” Na gut, dann gab es die Architekturpreise eben für diese markante Konstruktion.

Wodurch kann ein Stadion im heutige Einheitsbrei noch bestechen? Gut, Größe geht immer. Oder man setzt das Ding – wie in Braga, bei Gladbachs möglichem Gegner in der Champions-League-Quali – einfach zwischen Felswände. Doch in Saint-Denis steht eben eine größe Schüssel mit Teller auf dem Dach – als hätte Mutter die Kartoffeln abgedeckt, damit sie nicht kalt werden.

MGMT und Pixies
Vor Beginn der Führung blieb einige Zeit im kleinen Museum. In einem Gang hängen an der Wand die jeweiligen Titelseiten der Sportzeitung L’Équipe vom Tag nach bedeutenden Veranstaltungen im Stade de France: WM-Finale, zwei CL-Endspiele, die Rugby-WM, Leichtathletik-WM, Endspiel des französischen Pokals – was man in einem Nationalstadion eben so macht. Auf kleinen Bildschirmen laufen die Highlights vom 12. Juli 1998, der doppelte Zidane, Laurent Blancs Kuss aus die Glatze von Fabien Barthez. Und das ganze wird musikalisch untermalt von MGMT und den Pixies. Da hat jemand einen verdammt guten Musikgeschmack.

Champions-League-Finale 2000 im Stade de France. (Foto: J. Sorgatz)

Champions-League-Finale 2000 im Stade de France. (Foto: J. Sorgatz)

Ich kann Menschen gut verstehen, die einem Stadion – und sei es noch so groß und historisch – rein gar nichts abgewinnen können (erst Recht nicht, wenn es leer ist und gerade die riesige Bühne fürs Madonna-Konzert am Nationalfeiertag aufgebaut wird).

Aber Fußball-Fans haben zum Glück die Möglichkeit, die Leere vor dem inneren Auge mit Bildern zu füllen. Und so köpft Zidane eben problemlos das 1:0 und das 2:0 gegen Brasilien. Jens Lehmann sieht Rot im Champions-League-Finale 2006. Und Thierry Henry nimmt gegen Irland ein Körperteil zur Hilfe, das er besser nicht zur Hilfe genommen hätte.

Kabine im Stade de France. Foto: J. Sorgatz

Kabine im Stade de France. (Foto: J. Sorgatz)

Stufen für Lahm?
Dann ging es in den Kabinentrakt: Ein Raum so groß wie eine Drei-Zimmer-Wohnung, dazu ein Zimmer fürs Trainerteam, die Duschen, das Ermüdungsbecken, eine Massagebank und eine kleine Kammer mit grünen Mülltonnen, in denen die Spieler zur Regeneration im Eiswasser verschwinden. Am beeindruckendsten? Sicherlich der Einlauf auf den Rasen durch den langen Spielertunnel, mit der FIFA-Hymne im Hintergrund und frenetischem Jubel vom Band. Auch nicht zu verachten: Die Treppenstufen hoch zur Ehrentribüne. Bin gespannt, welcher deutsche Spieler sie 2016 nach dem gewonnenen EM-Endspiel als Erster nimmt.

Madonna kommt – und der Himmel weint. (Foto: J. Sorgatz)

Madonna kommt – und der Himmel weint. (Foto: J. Sorgatz)

Zum Mythos ist es für das Stade de France jedoch noch ein weiter Weg. Nur frage ich mich, ob die Arenen der Neuzeit überhaupt die Chance bekommen werden, in Würde zu altern, mit einem regelmäßigen Facelift an der einen oder anderen Stelle. Womöglich wird man zur WM 2038 einfach an einem anderen Ort in Paris das nächste 80.000-Zuschauer-Stadion hochziehen.

12. Juli 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Auswärtiges Amt | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Gerne gelesen. Die Duschen sind wirklich äußerst ernüchternd. Wie Du auf die Vermutung im letzten Satz kommst, erschließt sich mir aber nicht so ganz.

  2. Danke!

    Der letzte Satz soll heißen: Falls Frankreich nach 2016 irgendwann wieder ein großes Turnier ausrichten sollte, wird man wahrscheinlich in Paris ein neues Stadion bauen, anstatt das dann etwa 50 Jahre alte Stadion aufzupeppen. Mir fehlt aber selbst die exakte Vorstellungskraft, wie Allianz-Arena, Stade de France und Co. mit einem halben Jahrhundert auf dem Buckel aussehen werden.

  3. Ich war Gott sei Dank noch im alten Wembley Stadion. Das war echt beeindruckend.

  4. Wie immer- sehr amüsant.

    Was
    Ich übrigen aber immer schon nervt, ist, dass man deinen Blog so schlecht auf iPhone lesen kann.
    Kannst Du nicht auch eine “mobile”-Version anbieten ? Nur mal so als Anregung??
    Gruß Rainer

  5. Interessanter Bericht… da war ich auch schon einmal und hab eine Führung mitgemacht.

    Tolle Bilder hast du gemacht…!

    [Link entfernt]

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